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Fußballgeschichten
© Dr. Ronald Henss Verlag
Kurzgeschichten - Erzählungen - Geschichten - rund um das Thema Fußball

Dritte Halbzeit

© Rüdiger Quilitzsch

Die Nacht davor verbrachte er wie immer alleine, zurückgezogen. Die absolute Stille. Kein Alkohol, keine Kumpels, kein Gegröle, wie am nächsten Tag. Ein Ritual, fast schon religiöse Züge, dachte Paolo kopfschüttelnd. Bilder des letzten Aufeinandertreffens kreisten durch seinen Kopf, den er sich gerade wieder kahl geschoren hatte. Er lag auf dem Boden, schmeckte das feuchte Gras, jetzt meinte er sogar den Duft in seiner Wohnung wahrzunehmen. Die Tritte und Schläge trafen seinen Kopf, bis die absolute Dunkelheit einsetzte. Hier auf dem Sofa war alles so klar. Sein Blick durchstreifte sein Zimmer. Wenn man auf dem Boden lag, war man raus. Keine Schläge, keine Tritte mehr, das war die Regel, die schon lange nicht mehr galt. Bilder von tretenden, schlagenden Männern vermischten sich in seinem Kopf. Ein ständiges jagen, brüllen, abtasten und abwarten, wer gewann war doch scheißegal. Der Kick, das Adrenalin, die Spannung. Das letzte Mal hatte er verdammtes Schwein gehabt, meinte zumindest sein Arzt, als er im Krankenhaus erwachte. Nur eine Gehirnerschütterung und das Nasenbein angebrochen, erwiderte Paolo, es hätte doch schlimmer kommen können. Tom und Keule standen am Bett. Beide grinsten und prahlten von der letzten Begegnung mit den Berlinern. Die Säcke haben geblutet, Paolo. Man das war geil. Die sind gerannt wie die Hasen und die wollen hart sein. Paolo hörte gar nicht zu. Seine Gedanken rutschten weg, nur noch einzelne Wortfetzen drangen wie durch Nebel zu ihm. Zum ersten Mal verspürte er diese schwere Last auf seiner Brust. Ein Kribbeln, das im Kopf begann, erst langsam, um sich dann um seinen ganzen Körper zu legen. Sein Herz raste. Keule redete, gestikulierte, machte dann eine kurze Pause, als ob er auf eine Antwort von Paolo wartete, um aber gleich weiterzureden. Eine Woche Bettruhe. Ihm fiel das nicht schwer. Ruhe hatte er schon immer für sich genossen, doch musste er alleine sein, sowie jetzt. Seine Hand tastete nach seiner Nase. Ein kleiner Höcker würde als Erinnerung zurückbleiben. Er nahm sich ein alkoholfreies Bier aus dem Kühlschrank und genoss die kühle Flüssigkeit. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es Zeit war ins Bett zu gehen. Er brauchte seine ganze Kraft, seine Konzentration, noch fühlte er sich müde, nicht erholt von der letzten Begegnung. Außerdem verspürte er immer noch diese Last auf seiner Brust, das Atmen viel ihm schwer. Morgen war das Spiel. Nein, morgen durfte er auf keinen Fall ausfallen, nicht schlapp machen. Morgen musste er fit sein. Morgen kamen die Jungs aus Hamburg, mit denen hatte er noch eine Rechnung offen.

Es klingelte an der Tür. Sturm. Das konnte nur Keule sein. Keule klingelte immer Sturm. Paolo drehte sich aus dem Bett, blickte zum Wecker und erschrak. Er hatte verschlafen. Um neun war seine Zeit. Er stand immer um neun auf. Die Uhr zeigte zehn. Sein Körper schmerzte, vor allen Dingen spürte er seine Nase. Vorsichtig strich er mit seinen Finger über den kleinen Höcker. Keule lies nicht locker. Immer wieder ging die Klingel.

"Hey Paolo altes Haus, wie siehst du denn aus? Weißt du nicht wie spät es ist? Wir müssen uns beeilen. Um 11 Uhr treffen wir uns bei Rudi." Keule lief an Paolo vorbei, setzte sich an den Küchentisch und zündete sich eine Zigarette an. Wieder dieses grinsen, dachte Paolo. Warum musste er immerzu grinsen? Als er im Krankenhaus gelegen hatte, war es ihm das erste Mal auf die Nerven gegangen, insbesondere in Verbindung mit der letzten Schlägerei. Vielleicht habe ich einen Tritt zu viel abbekommen, dachte Paolo. Er schaltete die Kaffeemaschine ein, setzte sich zu Keule an den Tisch, ohne ihn anzuschauen und drehte sich eine Zigarette. "Was ist los Paolo, du bist so ruhig? Ist was nicht in Ordnung?" Die Sonne schien durchs Küchenfenster und blendete Paolo. Sein Blick wanderte über den Küchenboden, als suchte er dort nach einer Antwort. "Schwarz, wie immer?" Paolo erhob sich, um Kaffee einzuschenken. Irritiert blickte Keule ihm hinterher, für einen Moment verschlug es ihm die Sprache. Die Kaffeemaschine verursachte ein lautes Gurgeln. Paolo öffnete den Kühlschrank, um eine Packung Milch herauszuholen. "Hör zu Keule!" Zum ersten Mal schaute Paolo ihm direkt in die Augen. "Ich komme nicht mit." Keule`s grinsen wich einem fassungslosen, blassen Gesichtsausdruck. "Äh." Mehr brachte er nicht zustande. Keule griff nach der Kaffeetasse, nahm einen großen Schluck und fluchte lauthals. "Scheiße, ist das heiß." Es dauerte einen Augenblick bis sich Keule wieder gefasst hatte. "Was meinst du damit, dass du heute nicht mitkommen willst? Ist deine Oma gestorben, oder was?"

"Erzähl nicht so ein Scheiß man. Ich will einfach nicht mehr. Verstehst du, ich hab die Schnauze voll mir die Fresse einhauen zu lassen, für Nichts und wieder Nichts."

"Nee, verstehe ich nicht. Gerade du. Ich mein, heute kommen die Hamburger und du warst doch am Schärfsten drauf. Die haben dich das letzte Mal gut zerlegt, weißt du das nicht mehr?"

Kopfschüttelnd winkte Paolo ab. "Genau deswegen. Wenn das so weitergeht, bleibt einer von uns liegen. Verstehst du, irgendwann bleibt einer von uns liegen…und dann? Die Grenzen Keule, die Grenzen beginnen sich aufzulösen. Merkst du das denn nicht?" Keule ging zum Küchenfenster, warf einen kurzen Blick aus dem Fenster und zog sein Handy aus der Tasche. Er warf einen kurzen Blick auf das Display. "Ne SMS von Tom. Wir treffen uns eine Stunde nach dem Spiel am Baggersee. Aber jetzt müssen wir los. Rudi erwartet uns spätestens um 11 Uhr." Keule warf einen flüchtigen Blick auf Paolo, der immer noch in Unterhose vor ihm saß. Paolo machte keine Anstalten sich zu bewegen. "Du hast mich nicht verstanden Keule. Ich bin draußen, definitiv."

Als Keule die Wohnung verlassen hatte, sackte Paolo vom Stuhl. Wie lange er auf dem Küchenboden gesessen hatte, wusste er nicht mehr. Seine Gedanken kreisten immer wieder um ihn selbst. Das Spiel war inzwischen schon fast vorbei. Mühsam erhob er sich, zog sich an und trank einen Kaffee. Er schaltete sein Handy an und sah sofort, dass Tom ihn versucht hatte zu erreichen. Er las die SMS, nahm die Jacke von der Garderobe, den Baggersee würde er locker in einer halben Stunde erreichen.

Dunkle Wolken bedeckten den Himmel, der Regen würde nicht lange auf sich warten lassen. Paolo parkte sein Auto gut geschützt, er wusste genau wo sie sich trafen. Hier konnte ihn keiner entdecken. Er warf einen Blick auf seine Uhr und wartete. Es dauerte nicht lange und er sah die ihm so vertrauten Gesichter. Alle waren sie da. Keule ragte mit seinen zwei Metern wie immer hervor. Die dritte Halbzeit konnte beginnen. Er sah sie noch aufeinander zu rennen, johlend, schreiend, so wie immer. Flaschen, Steine flogen im hohen Bogen. Gleich würde irgendeine Faust ihren Treffer landen, Fußtritte ihr Ziel erreichen, irgendeine Nase, einen Finger, einen Arm brechen. Paolo setzte sich in Bewegung, ein Regentropfen lief über seine Nase. Er strich sich mit dem Finger über sein Nasenbein, warf einen letzten Blick zurück auf die sich prügelnde Meute und verschwand zwischen den Bäumen.

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