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Fußballgeschichten
© Dr. Ronald Henss Verlag
Kurzgeschichten - Erzählungen - Geschichten - rund um das Thema Fußball

Tod im Stadion

© Christian Heynk

Ich war siebzehn, es war ein warmer Vorsommertag in Brüssel, und ich trug meine neue, neonfarbene Sommerjacke. Neonfarbene Sommerjacken waren damals sehr in Mode, aber das ist eigentlich bedeutungslos. Es ist bedeutungslos, weil ich mit meiner Neonjacke eingekeilt war in einem Pulk von Menschen, die auf mich einzudrängen schienen. Obwohl ich genau weiß, dass ich mich kaum vom Fleck rührte, spürte ich eine unheimliche Bewegung, die meinen Körper durchströmte. So, glaubte ich, muss sich Elektrizität anfühlen. Dieses unsichtbare Erlebnis von Kraft, die auf einen einwirkt, und die einen lähmt, dergestalt, dass man ihr willenlos ausgeliefert ist. Dergestalt, dass sie die Körperfunktionen einschränkt. Durch die Kraft, die auf mich einwirkte, konnte ich nicht wirklich sehen, nicht wirklich fühlen, nicht wirklich sprechen, nicht einmal wirklich denken. Ich habe eine vage Erinnerung an den Stoff der Jacken, Pullover und T-Shirts, die mir im Gesicht hingen. Ich habe eine vage Erinnerung an den Körperschweiß der Massen, die auf mich eindrängten. Ich muss diesen Schweiß unwillkürlich eingesogen haben, und ich glaube, dass der Geruch von diesem Schweiß mit das Nachhaltigste ist, was ich von diesem Tag noch weiß. Denn an das Geschrei, das ich auf der Videoaufzeichnung zu hören bekam, kann ich mich nicht erinnern. Auch nicht an den berstenden Knall der Mauer, die plötzlich einstürzte. Nein, daran habe ich keine Erinnerung. Ich habe eine Erinnerung an das Gefühl, das die auf mich eindringenden Massen erzeugten, eine Erinnerung an meine Arme und Ellenbogen, wie sie versuchten, die fleischlichen Körper von mir weg zu drängen, und eine Erinnerung an den Moment, als mir der Boden unter den Füßen weg gerissen wurde. Aber ich habe keine Erinnerung an die Geräuschkulisse, die die mich zerquetschenden Massen erzeugten. Für mich ist und bleibt die ganze Erfahrung nur ein Sammelsurium verschiedener Bilder. Bilder ohne Ton. Leise, fast in aller Stille, wurde ich zermahlen.

Mein Vater hatte mich eingeladen. Seit er sich von meiner Mutter getrennt hatte, unternahmen wir immer seltener etwas zusammen, und einzig und allein unsere gemeinsame Leidenschaft, Fußball, vermochte uns noch aneinander zu binden. Und so sahen wir uns manchmal die Spiele vom FC Brüssel an, doch eigentlich mit keiner übermäßigen Begeisterung, denn wir beide wussten, dass Belgien nicht die Fußballnation schlechthin war. Die belgischen Vereine (bis auf den R. AEC Mons natürlich) spielten anständigen Fußball, aber wer sich für Fußball interessiert, und einmal live mitbekommen hatte, mit welch spielerischer Raffinesse die europäischen Spitzenvereine spielen, der konnte für die belgischen Topvereine nur ein müdes Lächeln übrig haben. Gott sei Dank jedoch war das Brüsseler Heysel Stadion des Öfteren Austragungsort für internationale Turniere, und in jenem Jahr, 1985, fanden in Brüssel einige Spiele für den Europacup der Landesmeister statt. Vier Wochen vor dem Finale, bei dem der Juventus Turin gegen den FC Liverpool antreten sollte, rief mein Vater mich also an, und erzählte mir, nicht ohne Stolz, dass er Karten für das Spiel günstig bekommen hätte. Ich weiß noch, dass ich fast einen Luftsprung gemacht hätte, allerdings weniger angesichts der Tatsache, dass ich bald wieder etwas mit meinem leiblichen Vater unternehmen würde, als vielmehr deswegen, weil ich ein Fußballspiel der besten Sorte zu sehen bekommen würde.

Ich fieberte in der Zeit danach dem Spiel entgegen. In meiner Klasse erzählte ich den Kameraden von den Karten für das Spiel am 29. Mai. Ich prahlte mit den Karten, erzählte von meiner Fußballbegeisterung und tauschte mich mit denen, die auch Fußballfans waren, darüber aus, welcher Verein der Beste der Welt sei, und wer wohl im nächsten Jahr in Mexiko die Weltmeisterschaft gewinnen würde. Ich lehnte mich ein bisschen weit aus dem Fenster, als ich behauptete, dass Hugo Sánchez von Real Madrid aufgrund seiner Torgefährlichkeit sein mexikanisches Heimatland ganz allein zum Sieg führen könnte. Ich glaubte, der Heimvorteil in Mexiko würde ihn dermaßen anspornen, dass er zu ungeahnten Höhen aufsteigen würde.

"Sanchez? Nie im Leben!", meinte einer meiner Klassenkameraden. "Maradona, der ist so einer, der kann alleine ein Spiel entscheiden, aber Sanchez doch nicht".

Wir diskutierten eine Weile hin und her, ein anderer Klassenkamerad warf Gary Lineker in die Diskussion, von dem ich bis dahin noch nicht viel gehört hatte, und schließlich kamen wir alle zu dem Schluss, dass die Weltmeisterschaft im folgenden Jahr auf jeden Fall ein sehr spannendes Turnier werden würde. Als ich von der Schule nach Hause lief, fiel mir ein, dass niemand einen anderen heißen Favoriten für die Weltmeisterschaft erwähnt hatte. Immerhin hatte diese Spitzenmannschaft es in Spanien 1982 bis ins Finale geschafft, und war nur den starken Italienern unterlegen gewesen.

Es kam der 29. Mai. Mein Vater holte mich zuhause ab. Er sprach für ein paar Minuten mit meiner Mutter, mein Stiefvater war nicht da, dann kam er zu mir ins Zimmer. Ich begrüßte ihn per Handschlag, eine Geste, die wohl als Zeichen unserer zunehmenden Entfremdung gedeutet werden könnte, und setzte mich wieder an meinen Schreibtisch. Ich hatte meine Hausaufgaben noch nicht ganz fertig, für Mathe musste ich noch eine Kurvendiskussion machen, und so setzte sich mein Vater auf die Bettkante. Er nahm meinen Fußball in die Hand, weil er immer gerne etwas in den Händen hielt (Genau mit diesem Satz hatte meine Mutter damals auch sein Fremdgehen kommentiert), und fing nach einer kurzen, leicht beklemmenden Pause ein wenig zu schwadronieren an.

"Das wird ein tolles Spiel, mein Sohn", sagte er. "Warst du schon mal im Heysel Stadion?"

Ich nickte.

"Natürlich! Die Atmosphäre ist großartig da, findest du nicht?"

Ich nickte noch mal.

"Wenn das Stadion ausverkauft ist, passen da fast 70.000 Menschen hinein. 70.000!! Ich meine, das ist eine ganze Kleinstadt, die da auf relativ wenigen Quadratmetern Platz findet. Und wenn die Fans singen, und wenn es dunkel wird, und das Flutlicht eingeschaltet ist, das ist eine richtige Show. Ich habe, warte mal, ja, vor elf Jahren, da war ich gerade 30 geworden, da war ich schon mal beim Finale zum Europapokal der Landesmeister gewesen. Das war `74. Da hat Bayern München Atletico Madrid einfach vom Platz gefegt. Das hättest du sehen müssen, mein Junge, das war ein Spiel. Ein Kollege von mir hatte mir die Karten zum Dreißigsten geschenkt, und wir sind dann zusammen hingegangen. Die haben toll gespielt, die Bayern. Und dann waren sie für drei Jahre unschlagbar. Das hatte vorher nur Real Madrid geschafft. Oder? Warte mal, nein, ich glaube Ajax Amsterdam war auch dreimal hintereinander Sieger. Na ja, ist ja auch egal, die Hauptsache ist, dass wir beiden Männer heute Abend mal unter uns sind! Keine Weiber, nur du und ich! Ist doch toll, oder?"

Ich klappte das Matheheft zu, drehte mich zu meinem Vater um, und nickte etwas abwesend. "Ja, is' toll", murmelte ich leise, dann holte ich meine neue Neonjacke aus dem Kleiderschrank. Als ich sie anhatte, fühlte ich mich wohl, und das eher sinnfreie Geschwätz meines Vaters machte mir plötzlich nicht mehr so viel aus. Ich lächelte ihn an, denn immerhin verdankte ich ihm die Einladung zu einem außergewöhnlichen Fußballabend, und nur weil er manchmal einfach so daherlaberte, dachte ich, hatte ich noch keinen Grund auf ihn wütend zu sein. Ich glaube, ein Hauptgrund, warum ich meinen Vater nicht mochte, war der, dass meine Mutter immer ziemlich schlecht über ihn redete. Und die manchmal fast selbsterniedrigende Art, mit der er sich um mich bemühte, machte die Sache eher schlimmer als besser. Aber, wie gesagt, an diesem Abend nahm ich mir vor, den familiären Missmut einfach beiseite zu schieben, und zwei europäische Spitzenvereine bei einem Finale zu genießen.

Wir fuhren in die Altstadt, und genehmigten uns an diesem sonnigen Tag in einem der Eiscafés unweit des Grand' Place oder Grote Markt, wie die Flamen sagen, jeder ein Spaghettieis. Wir setzten uns nach draußen, unter einen der Sonnenschirme, und schwiegen größtenteils, während wir geruhsam das Spaghettieis aßen. Ich merkte meinem Vater in solchen Momenten immer an, dass er etwas sagen wollte, offensichtlich, weil er glaubte, durch ein Gespräch würde sich die Atmosphäre zwischen uns etwas auflockern lassen. Aber eigentlich war ich schon zu der Zeit jemand, der Stille auch im Beisammensein mit anderen ganz gut genießen konnte, und nicht immer den Zwang verspürte, großartig Konversation zu betreiben.

"Guck mal!", sagte mein Vater schließlich, und zeigte mit seinem kleinen Löffel auf eine Gruppe von Fußballfans. Es waren, wie sich an den Trikots unschwer erkennen ließ, Fans von Juventus Turin. Sie hatten lustige Strohhüte auf, waren offensichtlich schon ein wenig angetrunken, und sangen irgendein italienisches Volkslied. Entgegen dem üblichen Klischee, sahen sie aber nicht wie typische Fußballfans aus, sondern eher wie eine Gruppe fahrender Musikanten, fast so, wie man sich Troubadoure oder Minnesänger vorstellte. Auch grölten sie das Lied nicht, sondern sangen es in bemüht weichen Tönen, die die Schönheit des Liedes eigentlich recht gut zur Geltung brachten. Einer der Italiener nahm spaßeshalber seinen Hut ab, und legte ihn vor sich und seinen Freunden auf den Boden. Wir und die anderen Leute um uns herum, die ebenfalls Eis aßen, schauten dem Schauspiel belustigt zu. Zwei Tische weiter von uns saß eine Gruppe von englischen Fußballfans, die ebenfalls ganz vergnügt auf die Italiener starrte. Ein Engländer aus der Gruppe stand auf, ging zu den Italienern und warf ihnen im gespielten Großmut ein Geldstück in den Hut. Wahrscheinlich, um kein Missverständnis aufkommen zu lassen, grinste er noch im selben Moment, als das Geldstück in den Hut fiel, die Italiener entschuldigend an und sagte etwas wie I'm only kidding oder so. Die Italiener, auch ganz friedfertig, lachten ihn ebenfalls an, und zum Zeichen des guten Willens bat der Engländer einen am nächstgelegenen Tisch sitzenden Mann, ein Photo von ihm und den Italienern zu machen. Sie stellten sich zusammen, umarmten einander und lachten erst in die Sonne und dann in die Kamera, die der Mann auf sie richtete. Es machte einmal Klick, dann lösten die Italiener und der Engländer sich aus der Umarmung. Der Mann gab die Kamera dem Engländer zurück, der Engländer schüttelte jedem der Italiener die Hand und ging dann zurück an seinen Tisch, zurück zu seinen Freunden. Sie klopften ihm auf die Schulter, und ironisch meinten sie, dass er jetzt sicher bald den Friedensnobelpreis verliehen bekommen würde, weil er sich gegenüber seinen sportlichen Feinden so friedfertig verhalten hatte. Ich musste lachen, weil ich die Idee ziemlich witzig fand. Überhaupt war ich vom britischen Humor sehr angetan, im Englischunterricht guckten wir öfter Folgen von Fawlty Towers, und ich mochte den würzigen, satirischen Witz von Basil, dem Hauptdarsteller der Serie.

Gegen achtzehn Uhr machten wir uns dann auf zum Stadion. Wir fuhren etwa zwanzig Minuten. Am Stadion angekommen, fand mein Vater bald einen Parkplatz. Wir stiegen aus und fädelten uns kurz darauf in die immer dichter werdende Masse von Fußballfans ein, die auf die Eingänge zuströmten. In dem Gedränge trafen wir auf einen Arbeitskollegen meines Vaters. Der erzählte uns von einer unschönen Begegnung zwischen einem englischen und italienischen Fan, die sich anscheinend irgendwo in der Innenstadt geprügelt hatten. Mein Vater meinte, dass es immer ein paar Unverbesserliche gäbe, die sich nicht benehmen könnten, und bei dem warmen Wetter kühlten solche Hitzköpfe natürlich nicht ab. Der Arbeitskollege lachte aufgrund des eher lauen Wortspiels meines Vaters, und wünschte uns dann, weil er sich noch etwas zu essen holen wollte, einen schönen Abend.

Bald wurden wir von Ordnern, die uns, wahrscheinlich weil sie uns sofort als Belgier erkannten, auf Französisch ansprachen, in die für uns richtige Schlange dirigiert. Ein kleines Aufgebot an Polizisten und Ordnern, die demonstrativ herumstanden, taxierte die englischen und italienischen Fans mit prüfenden Blicken, holte hier und da welche heraus, und filzte sie. Wir wurden, wahrscheinlich aufgrund unseres harmlosen und neutralen Aussehens eher durchgewunken als kontrolliert. Man ließ uns bis zur Kasse passieren, mein Vater zeigte die Tickets, dann warf eine Ordnerin noch einen Blick in meinen Rucksack, sah aber nichts Verbotenes und wünschte uns ein schönes Fußballspiel. Wir liefen in die Katakomben des Stadions hinein, und suchten nach dem Aufgang zu unserem Sektor, Sektor Z. Ein im Gang stehender Helfer wies uns auf Flämisch in die richtige Richtung, und ein paar Sekunden später stiegen wir die Treppe hinauf, die uns in die Arena führte. Ich weiß noch genau, wie sich mit dem Erklimmen der Treppe Stück für Stück die gewaltige Arena vor meinen Augen auftat, dieses riesige, von unzähligen Stimmen erfüllte, den Atem raubende Oval. Die Flutlichter waren schon eingeschaltet, obwohl es draußen noch hell war, und das gleißende Licht sättigte die sich langsam füllende Arena mit ihrem Strahl bis in die hintersten Ecken des Spielfeldes. Das Meer aus einheimischen und fremden Stimmen wurde immer größer, einzelne Fanblocks begannen die Lieder ihrer jeweiligen Vereine zu intonieren, und es wäre nicht vermessen, die ganze Atmosphäre im Stadion als elektrisch aufgeladen zu beschreiben.

Man musste auch nicht besonders aufmerksam sein, um das Sicherheitssystem der Ordner, in Bezug auf die Blockverteilung, zu durchschauen. Wenn man sich das Stadion als ein eiförmiges Oval vorstellt, dann war die obere Kurve des Ovals mit italienischen Fans bestückt, während der untere Teil des Ovals mit englischen Fans ausgefüllt war. Wir, also die Belgier, saßen jeweils an den Nahtstellen zwischen den englischen und italienischen Fanblocks, also in der Mitte des Ovals. Der Sektor Z, in dem wir saßen, fungierte demnach als Puffer. Wir waren dazu auserkoren, die englischen und italienischen Fans auf Distanz zu halten, andernfalls wären die Italiener und Engländer nur durch einen dünnen Maschendrahtzaun voneinander getrennt gewesen.

Mein Vater und ich saßen relativ nahe am rechten Rand des Sektors Z, und so hatten wir eine gute Aussicht auf die englischen Fans im Sektor neben uns. Ich erkannte, dass die englischen Fans zumeist junge Männer zwischen zwanzig und fünfundzwanzig waren, die meisten mit kurz geschorenen Haaren und etwas dumpf dreinblickenden Augen. Es gab aber auch Fans, die dem Klischee nicht so sehr entsprachen, die lange Haare hatten und auch noch recht nüchtern wirkten. Aber das Gros bildeten dennoch die bedrohlich wirkenden Bulldoggen, die, eine Dose Bier am Hals, laut herum grölten. Ich war froh über den Zaun, der uns von diesen Fans trennte. Ich war froh, dass es einen Zaun gab, der erkennen ließ, dass wir andere Fans waren als die links oder rechts von uns. Wir waren da, weil wir gemütlich ein schönes Fußballspiel sehen wollten, die jungen Leute auf der anderen Seite waren da, weil Fußball für sie eine Projektionsfläche war. Ihr gewöhnliches Leben spielte in dieser Arena keine Rolle, sie befanden sich in einem Ausnahmezustand der Trunkenheit, und Fußball war der Kampf, mit dem sie sich identifizierten. Wenn jemand aus ihrem Verein ein Tor schoss, dann freuten wir, die neutralen Gäste, uns vielleicht, weil es ein schön heraus gespieltes Tor war. Die Fußballfanatiker aber freuten sich, weil ihr Spieler es der gegnerischen Mannschaft ‚gezeigt' hatte. Er hatte den Gegner besiegt, er hatte ihn gedemütigt, und diese Demütigung des Gegners rief in den Fußballfanatikern ein Gefühl des Triumphes hervor, ein Gefühl, das sie im Alltag nicht hatten. Denn im Alltag gingen sie einer geregelten Arbeit nach, die darin bestand, anderen Leuten Dienstleistungen zu gewähren. Und kein KfZ-Mechaniker, der einem reichen Schnösel den Wagen repariert, kein Klempner, der einem das Klo entstopft, und kein Elektriker, der einen Fernseher repariert, wird bei seinem Job den Triumph verspüren, den er angesichts eines mit Karacho ausgeführten Torschusses seines Heimatvereins verspürt. Ein Fußballfanatiker baut im Alltag niemals so viele Aggressionen ab wie beim Anblick eines Tores seines Heimatvereins. Die Kehrseite der Medaille: Ein Fußballfanatiker baut im Alltag niemals so viele Aggressionen auf wie beim Anblicke eines Tores des gegnerischen Vereins. Denn die Demütigung, die er durch ein einzelnes Gegentor erfährt, schreit nach Rache, noch bevor der Ball die Linie überschritten hat. Wenn man es einmal genau bedenkt, dann ist Fußball ein Ersatz für Krieg. Ein Krieg, der vielleicht humaner aussieht, aber hinter dem sich dennoch das grauenvolle Antlitz eines wahren Krieges verbirgt.

Von einer Minute auf die andere änderte sich alles. Während ich eine Minute zuvor um mich herum nur französisch und flämisch sprechende Menschen bemerkt hatte, waren in der nächsten Minute plötzlich italienische Stimmen zu hören. Eine Gruppe von etwa zwanzig jungen Italienern stellte sich in unmittelbarer Nähe zu uns hin. Eine riesige Flagge von Juventus Turin schwebte plötzlich über meinem Kopf, ich witterte den Geruch von Alkohol in der Luft, und ein italienisches Schlachtenlied dröhnte in meinen Ohren. Mehr noch als ich, fühlten die Engländer jenseits des Zauns sich durch die italienischen Fans provoziert, und sehr bald schon schrieen die Engländer und die Italiener sich über den Zaun wüste Beschimpfungen zu. Wankers, riefen die einen, Stronzo, die anderen. Dazu noch jede Menge anderer Unflätigkeiten, die ich aufgrund meiner geringen Sprachkenntnisse nicht zu übersetzen wusste. Mein Vater, beunruhigt durch die sich zunehmend aufladende Stimmung, zog mich am Ärmel meiner Neonjacke weg, und sein beunruhigtes Gesicht bedeutete mir, mich seinem Willen zu fügen. Auch ein paar der anderen Belgier versuchten sich durch die immer dichter beieinander stehenden Menschen zu drängen, um einen luftigeren und weniger turbulenten Platz zu finden. Allerdings verstärkten wir mit unserem Bemühen, aus der Gefahrenzone zu gehen, noch das Gedränge und Geschubse, das ohnehin schon im ganzen Sektor vonstatten ging. Ich merkte, dass manche der im Gedränge stehenden Männer mir absichtlich den Ellenbogen ins Gesicht drückten, um ihrem Missmut, den meine Suche nach einem besseren Platz bei ihnen auslöste, zum Ausdruck zu verhelfen. Mehr und mehr begann ich mich wie ein Spielball zu fühlen, der nichts weiter tun konnte, als sich den Strömungen auszuliefern, die in der Masse herrschten. Die Bewegungen meiner Beine und Arme wussten den Bewegungen, die durch die Masse ausgelöst wurden, nichts entgegenzusetzen. Mehr und mehr begann ich in der Masse dahin zu treiben, und der einzige Kontakt zu meinem Vater bestand in der Hand, die meine fest umschlossen hielt, zu der aber kein Körper und schon gar kein Gesicht mehr gehörte. Ich sah die Hand meines Vaters, die zwischen den Leibern der Fans hervorlugte, und meine Hand hielt. Meinen Vater aber sah ich nicht.

Ungefähr zu diesem Zeitpunkt müssen auch die Hundertschaften an Hooligans, die sich draußen vor den Zugangskontrollen dazu entschlossen hatten, einen Sturm auf das Stadion zu wagen, losgerannt sein. Sie hatten den Sektor Z als den am wenigsten bewachten Zugang erkannt, sich dann mehr oder weniger zusammengerottet, und waren mit kriegsähnlichem Geschrei einfach in die Arena gerannt. Natürlich war dies als Lausbubenstreich intendiert, denn die Hooligans draußen konnten ja nicht ahnen, wie eng es drinnen schon war. Und auch ich wusste im Stadion nichts von den Ereignissen, die sich draußen zutrugen. Ich hatte schon längst den Überblick verloren, und reagierte nur noch grobmotorisch auf die Reize, die mein Körper empfing. Jetzt, wo ich mich zu erinnern versuche, meine ich doch, mich an einen gewaltigen Lärm erinnern zu können, der von links, aus der Richtung der Eingänge, kam. Jedenfalls spürte ich eine große Druckwelle aus dieser Richtung auf meinen Körper einwirken. Wirklich wie in einem gewaltigen Sturm wurde ich fortgeschwemmt, so stark, dass ich die Hand meines Vaters loslassen musste. Es gab nicht einmal einen eigentlichen Zusammenstoß von Massen, es gab nur dieses Drängen, Drücken und Schlagen. Panikerfüllte Gesichter starrten mich an, und ein unerbittlicher Kampf um Quadratzentimeter setzte ein. Ich selbst konnte nichts tun. Ich konnte mich nur treiben lassen, in der Hoffnung, nicht in der Menge zu ertrinken.

Die anfängliche Reaktion auf die Angst vor der Implosion ließ sehr bald nach. Ich fand mich versetzt in einen Zustand, der ständig zwischen adrenaliner Panik und selbstmörderischer Gleichgültigkeit hin- und her lavierte. In der Masse eingequetscht, erkannte ich meine Machtlosigkeit, und während die eine Hälfte meines Gehirns mich dazu antrieb, ums Überleben zu kämpfen, bat mich die andere Hälfte darum, mich in mein Schicksal zu ergeben, und geschehen zu lassen. Aber irgendwann schaltete sich aufgrund des immensen Drucks mein Denken ganz aus, und ich war nur noch ein Stück Treibholz, mit dem das Meer der Menschen sein lustiges Spiel trieb. Einen eigenen Willen hatte ich nicht mehr, denn der eigene Wille ist in der Masse zur totalen Bedeutungslosigkeit verdammt. Ich fühlte nicht mehr wie ein selbständiger Mensch, sondern wie ein chemisches Element, das gerade eine Verbindung eingeht, in der es seinen ursprünglichen Charakter für immer und ewig einbüßt. Ich war von Fleisch umzingelt, dass nur noch Fleisch war. Ich war von Fleisch umzingelt, dass den niederen animalischen Instinkten gehorchte, von Fleisch, das Fleisch war, und nicht Mensch. Ich erkannte keine Hände, Arme, Gesichter, Hälse, keine Gliedmaßen mehr. Da war nur noch diese Masse aus Fleisch, die mich wie ein Berg aus Knete überkam, und mich aufzunehmen versuchte.

Das Gefühl, das man als Mensch in der Masse hat, ist ein sehr grauenvolles. Auch jetzt, wenn ich an die Zeit denke, während der ich in dieser Masse im Heysel Stadion steckte, dann wird mir dieses Gefühl wieder bewusst. Es kommt wieder hoch, und es lässt mich manchmal noch fast ohnmächtig werden. Dieses Gefühl der Bedeutungslosigkeit, womit nicht nur die Bedeutungslosigkeit der Dinge, die man tut, sondern auch die Bedeutungslosigkeit meiner gesamten Existenz gemeint ist. Dieses niedere Wesen, das ich im Heysel Stadion war, reagierte nur noch auf Impulse. Dieses Wesen dachte nicht mehr rational nach, sondern kannte nur noch die Logik eines Pawlowschen Hundes. Wenn man mich schubste, wich ich zurück, wenn der Druck von rechts kam, wich ich nach links aus, und wenn mein Arm zwischen zwei Körpern eingeklemmt war, dann versuchte ich ihn zu befreien. Das Problem einer solchen Logik ist nur, dass sie genau das falsche Verhalten auslöst. Denn wenn man es einmal recht bedenkt, dann hätten alle Menschen im Stadion gut daran getan, nicht zu drängen. Wenn alle Männer im Stadion auf ein Signal hin plötzlich stehen geblieben wären, dann, und davon bin ich fest überzeugt, hätte es keine Toten gegeben. Stellen sie sich das so vor: In einen Raum mit einem Schachbrettmuster passen genau vierundsechzig Menschen. Wenn alle Personen in diesem Raum still und stumm auf ihrem Feld verharren, dann passiert nichts. Wenn aber eine Flanke des Raums plötzlich beginnt, die anderen Menschen zu schubsen, dann entlädt sich die ganze Energie des Schubsens dominoartig auf alle vierundsechzig Personen im Raum. Plötzlich wird den an den Wänden stehenden Personen die Macht der anderen Personen, die sie gegen die Wände drücken, bewusst, und genau in diesem Moment setzt der Verstand aus, und die Panik setzt ein. Durch die Bewegung entsteht eine Massenpanik, und die Massenpanik mündet zweifellos in den Tod einzelner Menschen. Im Grunde reagierten wir im Heysel Stadion genauso intelligent wie ein Schaf, das man in die Ecke drängt. Wir versuchten verzweifelt auszubrechen, und wir sahen weder links noch rechts von uns. Wir wollten nur fliehen, und die Unmöglichkeit der Flucht verstärkte diesen Willen zur Flucht nur noch. Wir bekamen auf einmal Angst vor dem Tod, und gerade diese Angst vor dem Tod trieb uns in ihn hinein. Wir standen wie dicht gedrängt auf einer Felsklippe, und rings um uns herum war nur ein abgrundtiefer Schlund, der ins tosende, meilenweit unter uns liegende Meer führte. Und anstatt stehen zu bleiben, drängten wir uns von der Felsklippe und stürzten einander ins Verderben. Wer kann, ganz ernsthaft, wer kann nach einer solchen Begebenheit wie der Begebenheit im Heysel Stadion am 29. Mai 1985 noch aufrichtig behaupten, der Mensch sei eine höhere Spezies, eine den Tieren erhabene Art, die aufgrund ihrer Logik Dinge vollbringt, zu denen Tiere nicht fähig sind. Wer kann das behaupten, ernsthaft behaupten, nachdem er die Videoaufzeichnung gesehen hat. Wer kann dieser dumpfen, blinden einfältigen Masse, die sich selbst zu Tode quetscht, noch einen Funken Verstand zusprechen. Ich kann es nicht.

Der Moment, in dem ich den Boden unter den Füßen verlor, ging mit einem gewaltigen Knall einher. Ich selbst habe keine Erinnerung an diesen berstenden Knall, ich erinnere mich nur noch an das Gefühl des Fallens. Eine der Mauern, die unser Gewicht tragen sollte, stürzte ein. Das massive Gewicht der gewaltigen Masse ließ die Stahlstreben, die in die Mauer eingearbeitet waren, wie Streichhölzer zusammenknicken. Das Podium, auf dem wir standen, knickte ein und verwandelte sich in eine überdimensionale Rutsche. Wir purzelten hinunter, aufeinander, und mit dem Gewicht unser fallenden Körper erschlugen wir die Körper unter uns. Die sich horizontal drängende Masse war vertikal in einen Abgrund gefallen, und in steilem Fall stürzten Menschen auf Menschen. Ich meine mich zu erinnern, wie mein Fall von etwas Fleischigem abgebremst wurde, etwas leblos Fleischigem. Im Grunde spürte ich keinen harten Aufprall, sondern nur den weichen, abgebremsten Fall. Und wenn ich es genau bedenke, dann rettete mir dieser Sturz auf die schon zum Tode verdammten Körper das Leben. Durch einen Wink des Schicksals hatte ich Oberwasser im Meer der Menschen. Ich trieb oben an der Oberfläche, und so konnte ich Luft holen, doch die unter mir treibenden Massen erstickten qualvoll. Ebenso der unter mir treibende Vater.

Mit dem Einstürzen der Mauer endete die Tragödie. Das, was nachgeben konnte, hatte nachgegeben, und uns über die weiteren Flächen ausgespült. Wie bei einem Dammbruch waren wir in die angrenzenden Fanblöcke gespült worden, und da lagen wir dann. Ich hatte unterwegs das Bewusstsein verloren, und so hörte ich die herannahenden Sirenen der Ambulanzen und Polizeiwagen nicht. Ebenso wenig hörte ich das Ächzen und Stöhnen, das Wehklagen der Masse, die überlebt hatte. Auch das Geschrei der Italiener, die in der Masse umher krochen, und auf der Suche nach ihren Freunden, Brüdern und Vätern auf leblose Leiber stießen, hörte ich nicht. Ich hatte kein Gehör für die Menschen, die in den anderen Fanblöcken fassungslos mit ansehen mussten, wie sich unser Sektor in einen Kriegsschauplatz verwandelte. Ich hatte keine Ahnung von den Spielern, die in der Umkleidekabine Wind von den Ereignissen im Sektor Z bekommen hatten, oder von dem FIAT Chef Agnelli, der in einer schicken Limousine vor die Arena gefahren kam, und wieder abfuhr, als er hörte, dass es Tote gegeben hatte. Ich war von meinem Platz im Sektor Z in die Ohnmacht gefallen, ich war mitten in die Vorhölle gefallen, in das Fegefeuer der infernalischen Ohnmacht, und ich erwachte erst sieben Stunden später in einem mit weißen Laken bespannten Bett im Brüsseler Krankenhaus. Ich war innerhalb weniger Stunden von einem unbekümmerten Leben in ein Leben aus Angst, Depression und traumatischen Zuständen gefallen. Und selbst jetzt, zehn Jahre nach der Tragödie, arbeite ich noch an der Aufgabe, in einen Raum zu gehen, in dem sich mehrere Menschen versammeln.

In der Zeit, in der ich ins Krankenhaus gefahren wurde, erkannten die Verantwortlichen mehr und mehr das Ausmaß der ganzen Tragödie. Neununddreißig leblose Körper, die zwischen leeren Bierdosen, umgefallenen Gittersperren, zerfetzten T-Shirts, herumliegenden Hemden und wild umherflatternden Stadionzeitungen verstreut lagen, mussten mit einem weißen Tuch bedeckt werden. Vierhundert weitere Verletzte lagen mit Schürfwunden, Prellungen, Platzwunden und Gehirnerschütterungen auf den kaputten Teilen der Mauer. Manche hatten sich bis zum Rasen geschleppt und waren dort mit inneren Blutungen zusammengebrochen. Die herbeieilenden Helfer, die orientierungslos umhersuchenden Ordner und nicht wenige Journalisten suchten nach den am schwersten Verletzten, die einen, um zu helfen, die anderen, um zu sehen und zu fotografieren. Der englische Sportkommentator Jerry Toben gab inmitten des Trümmerfeldes ein Interview. Er sagte, dass er unmittelbar nach den Ereignissen runter gegangen wäre, und gesehen habe, wie junge Menschen - ganz junge Menschen - hinausgetragen wurden. Er hätte sich zuerst kein Bild von der Lage machen könne, dann aber habe er gesehen, wie ein Sanitäter ein weißes Laken über einen etwa vierzigjährigen Mann mit einer dunkelbraunen Lederjacke ausgebreitet hätte. Daraufhin aber seien Verantwortliche der UEFA zu ihm gekommen, und hätten ihn aufgefordert, sich wieder zurück in seine Kabine zu begeben, damit das Spiel dennoch angepfiffen werden könne. Nach eigener Aussage habe Toben das für einen Witz gehalten. Keine fünf Minuten später war Toben aber dann wirklich zurück in die Kabine gegangen, und hatte sich von der erhöhten Warte die Aufräumarbeiten angesehen. Mit emsiger Geschwindigkeit müssen die Organisatoren des Turniers den Platz gesäubert haben, denn keine fünfundachtzig Minuten nach der Katastrophe war die Unfallstelle geräumt. Die Sanitäter hatten alle neununddreißig Todesopfer - darunter zweiunddreißig Italiener - und die Verletzten in die umliegenden Krankenhäuser gebracht. Der Mann mit der dunkelbraunen Lederjacke wurde nach Feststellen des Exitus ins Leichenschauhaus gebracht. Man untersuchte die Prellungen und Verstauchungen des geschundenen Körpers, dann aber wurde er eingefroren. Die vom Blut leicht verschmutzte Kleidung hatte man ihm abgenommen und in einen Plastiksack verstaut. Gegen 22:30 Uhr waren die Formalitäten bezüglich dieses einzelnen Toten erledigt. Zu diesem Zeitpunkt war mein Vater offiziell für tot erklärt worden. Mir selbst brachte man die Nachricht erst am nächsten Morgen möglichst schonend bei. Hätten die Ärzte nicht befürchtet, dass ein Journalist mir die Mitteilung machen könnte, hätten sie wohl noch länger gewartet. Meine Mutter kam und weinte. Ich weiß nicht, ob sie über mich oder über den Tod meines Vaters weinte.

Nachdem die neununddreißig Leichen und die vierhundert Verletzten in die umliegenden Kranken- und Leichenhäuser transportiert worden waren, nachdem man den Sektor Z mit einem Absperrband markiert hatte, nachdem man die verbleibende Menge in den anderen Blöcken des Stadions über Lautsprecher zur Besonnenheit aufgerufen hatte, und nachdem die Verantwortlichen des Turniers ungefähr zwanzig Minuten auf die Spieler der beiden Mannschaften eingeredet hatten, wurde das Spiel allen Zweifeln zum Trotz dennoch angepfiffen. Mit fünfundachtzigminütiger Verspätung pfiff der Schiedsrichter in seine Trillerpfeife, und die Spieler begannen mit dem Spiel. Innerhalb von zehn Minuten vergaßen sie die Tragödie, die sich anderthalb Stunden zuvor im Sektor Z zugetragen hatte. Sie vergaßen die neununddreißig Leichen, die vierhundert Verletzten, von denen einige sich gerade in schmerzhaften Krämpfen in den Krankenbetten der Hospitäler wanden, und versuchten, den Ball ins gegnerische Tor zu bugsieren. Kein einziger Spieler, kein einziger Verantwortlicher des Turniers, keiner der Zuschauer kam auf die Idee, dass es vielleicht respektlos gegenüber den Toten sein könnte, wenn man so tue, als sei nichts gewesen. Keiner schien einen Gedanken daran zu verschwenden, dass fast vierzig Väter und Söhne an diesem lauen Sommerabend aufgrund einer schicksalhaften Fügung ihr Leben verloren hatten, dass ich meinen Vater verloren und mich selbst schwer verletzt hatte. Niemand schien die Absurdität, mit der dieses Fußballspiel ausgetragen wurde, zu bemerken.

Die Partie endete mit einem 1:0 für den Juventus Turin. Der Schweizer Schiedsrichter pfiff ein Foul gegen Boniek, zwei Meter vor dem Strafraum, und zeigte auf den Elfmeterpunkt. Michel Platini verwandelte den Elfmeter und lief dann jubelnd über den Platz. Nach dem Spiel stand der Juventus Turin zum ersten Mal in der Geschichte des Europapokals als Sieger fest. Als das Spiel abgepfiffen wurde, kam ein Journalist auf Michel Platini zu, und fragte diesen, wie er seinen Siegtreffer angesichts der Tragödie vor dem Spiel bewerte. Platini schaute den Journalisten zuerst ein wenig ungehalten an, dann setzte er eine gravitätische Miene auf, guckte ein wenig finster und durchaus auch betroffen in das Gesicht des Journalisten und sagte: " Wenn im Zirkus der Seiltänzer abstürzt, dann wird er hinausgetragen, und die Clowns kommen herein. Es ist traurig, aber die Show muss weitergehen".

Natürlich schlug die Tragödie hohe Wellen in den nationalen wie internationalen Medien. Die französische Zeitung L'Equipe betitelte ihre Ausgabe mit der Überschrift Der ermordete Fußball. Manche Zeitungen forderten Juventus Turin dazu auf, die Trophäe zurückzugeben, weil sie blutig sei. Eine Vereinigung der Opferangehörigen wurde gegründet, und ihr Leiter, Otello Lorentini, klagte gegen die Uefa, gegen die belgische Regierung und gegen die Brüsseler Polizei. Bei den Verhandlungen wurden vierzehn englische Hooligans, der Polizeichef von Brüssel, der belgische Verbandspräsident und der Sekretär der Uefa verurteilt. Alle erhielten jedoch nur eine Strafe auf Bewährung, keiner ging für seine begangenen Taten oder deren Unterlassung ins Gefängnis. Der FC Liverpool, dem man eine gewisse Verantwortung für seine Fans auferlegte, wurde zusammen mit allen anderen englischen Vereinen für fünf Jahre von internationalen Fußballspielen ausgeschlossen. Und dieses Jahr wird das Heysel Stadion, nachdem man es fast zwei ganze Jahre lang zu einer Multifunktionsarena umgebaut hat, in König-Baudouin-Stadion umbenannt. Das liegt vor allem daran, dass der Name Heysel, dem in den letzten Jahren das Stigma des Bösen anhaftete, nicht mehr tragbar ist für einen Ort, an dem junge und alte Menschen sich fröhlich und beglückt an den sportlichen Leistungen nationaler wie internationaler Fußballer ergötzen wollen. Wenn man die Leute nicht in die Hölle locken kann, tut man gut daran, sie Paradies zu nennen.

Ein paar Tage nach der Katastrophe bekam ich Unmengen von Briefen und Blumensträußen. In einem der Briefe schrieb mir eine Mutter, die gerade ihren Sohn verloren hatte, wie entsetzlich sie die ganze Geschichte fände, und wie sehr sie hoffe, dass ich mit den Jahren über diese traumatischen Erlebnisse hinwegkomme. Wortwörtlich schrieb sie: "Ich kann meinen Sohn nicht vergessen, er ist in meinem Organismus. Er ist wie ein Virus, der sich irgendwo in meinem Körper eingenistet hat, und nach Belieben über meinen gesundheitlichen Zustand verfügen kann. Ich hoffe für dich, und ich hoffe von ganzem Herzen, dass du deinen Vater so in deinem Gedächtnis behältst, dass du ihn nicht vergisst, aber dass du ebenso vergessen kannst, wie du ihn verloren hast. Ich hoffe, dass die Erinnerung an deinen Vater dich nicht zerstören wird, so wie die Erinnerung an meinen Sohn mich zerstört". Ich fand diesen Brief sehr ehrlich, aber irgendwie konnte ich mit dem Gesagten nichts anfangen. Ich spürte so kurz nach der Katastrophe keinen Schmerz. Ich vermisste meinen Vater nicht einmal. Ich konnte ihn nicht vermissen, weil die letzte Begegnung mit ihm noch so präsent war. Ich hatte das Sterben meines Vaters nicht mit angesehen, und so unterschied sich das Wegbleiben meines Vaters nicht großartig von dem Wegbleiben, das ich vorher aufgrund der Scheidung meiner Eltern schon gewöhnt war. Ich glaubte, zwei, drei Tage nach dem Unglück, dass mein Vater nur wieder weg war. In zwei, drei Wochen würde er mich sicher wieder anrufen, um zu fragen, ob wir etwas unternehmen sollten.

Aber mit der Beerdigung meines Vaters begann die Bewusstwerdung. Jetzt konnte ich nicht mehr leugnen, dass mein Vater gestorben war, denn in der Kapelle war er für alle Trauernden sichtbar aufgebahrt. Ein paar Journalisten waren gekommen, sie machten ein Photo, als ich am Sarg meines Vaters vorbeiging. Ich sah, wie die blauen Flecken in seinem Gesicht mit Schminke übermalt worden waren, ich sah die zusammengenähte Lippe, und dachte augenblicklich an all die Menschen, die im Heysel Stadion auf diesem Gesicht herumgetrampelt waren. Ich sah das Gesicht meines Vaters, und empfand einen unbändigen Hass auf die gemeine Masse. Einen unbändigen Hass auf alle Menschen, auch auf die, die in der Kapelle versammelt waren. In meiner Wut wollte ich die Reporter zusammenschlagen, aber dieselbe unbändige Wut lähmte mich, und ich konnte keinen Schritt mehr tun.

Zwei Jahre später war für meine Mutter und meinen Stiefvater und insgeheim auch für mich klar, dass ich professionelle Hilfe benötigte. Dass ich reden musste, worüber ich schweigen wollte, und dass ich verstehen lernen musste, was ich nur fühlen konnte. Denn erst, wenn der Verstand das Chaos mit einem System versieht, kann man das Durcheinander entwirren, und Stück für Stück analysieren. Meine Psychotherapeutin half mir dabei, die einzelnen Komponenten meines Traumas voneinander zu trennen, und separat zu behandeln: Die Beziehung zu meinem leiblichen Vater, die Beziehung zu meiner Mutter, zu meinem Stiefvater. Die abrupte Beendigung der Vater-Sohn Beziehung durch den Vorfall im Stadion, die Dinge, die ich meinem Vater nicht sagen konnte, weil sein Tod sich nicht angekündigt hatte, die Angst vor und der Hass auf die Menschen, die ich tagtäglich in der Fußgängerzone oder der Schule oder in meinem Viertel sah, und die für mich trotz ihrer individuellen Gesichtzüge, Marotten und Kleidung nur Teil der riesigen Masse Fleisch waren, die mir Böses wollte. Ich musste der Psychotherapeutin erklären, dass sie in meinen Augen trotz ihrer Intelligenz, ihres besonderen Aussehens und der Zuneigung, die sie mir entgegenbrachte, nur ein Teil der Menge war, von der wiederum ein kleiner Teil im Heysel Stadion auf mir herumgetrampelt war. Ich musste ihr erklären, dass ich der Menschheit zu entfliehen versuchte, dass ich nicht mehr Teil von ihr sein wollte, weil dies meiner Logik zufolge einem Freitod gleichkam. Nur, wenn ich es schaffe, sagte ich ihr, mich Tag um Tag ein wenig mehr von den typisch menschlichen Attributen zu entfernen, kann ich ein Wesen werden, dass nichts Menschliches mehr hat. Nur wenn ich auf die Dinge verzichte, die alle Menschen gemein haben, kann ich sicher sein, kein Partikel dieser mir verhassten Masse Mensch zu werden. Ich will, sagte ich ihr abschließend, nichts Menschliches mehr an mir entdecken. Ich will kein Mensch mehr sein.

Aber nicht zuletzt an der Psychotherapeutin und an der Undurchführbarkeit des Unternehmens scheiterte mein Projekt: Ich blieb ein Mensch. Ich musste also lernen, mich mit meinem Menschsein zu arrangieren, und mit der Masse ein Abmachung zu treffen, die mich mein Leben und die anderen Menschen ihr Leben ließ. Ich musste die Endgültigkeit geschlossener Räume akzeptieren und einsehen, dass ich mein Leben nur dann weiterführen konnte, wenn ich auch wieder den Mut aufbrachte mich in einen überfüllten Raum zu wagen. Ich musste lernen, dass Massenpanik kein alltägliches, aus dem Nichts entstehendes Phänomen ist, sondern ein durch Zufall und Pech ausgelöster Impuls, der Menschen dazu bringt, den Kopf zu verlieren, und in der Selbstsucht zu versinken. Ich musste lernen, dass der Tod willkürlich handelt, und dass es keine geeigneten Mittel, bzw. Verhaltensweisen gibt, mit der man die Willkür des Todes Paroli bieten konnte. Wer Angst vorm Leben hat, so behauptete meine Psychotherapeutin, der hat auch Angst vorm Tod. Und wer Angst vorm Tod hat, der wird sein Leben wie ein wandelnder Toter führen. Wer leben will, der muss die Allgegenwärtigkeit des Todes vergessen lernen. Denn wer beim Leben zu oft an den Tod denkt, der vergisst darüber das Leben. Und ich wollte, trotz meiner Hilflosigkeit, leben. Ich wollte leben.

Stück für Stück, ähnlich einem Neugeborenen, lernte ich das Leben. Ich fing mit kleinen Übungen an. Ich ging an einem Samstagabend in eine Kneipe, und wartete, wie lange ich es aushalten würde. Ich setzte mich auf einen Hocker an der Bar, bestellte ein Bier, und wartete ab. Gegen acht Uhr abends war die Kneipe noch relativ leer, auf einer Fläche von vielleicht dreißig Quadratmetern waren gerade mal sieben Gäste verteilt. Es ging mir relativ gut, ich konnte mein Bier noch genießen, und fühlte mich noch nicht eingeengt. Gleichwohl behielt ich immer die Tür im Auge, und ebenso fragte ich den Barkeeper nach dem Notausgang. Er meinte, der Notausgang befände sich im Gang, in dem auch die Toiletten waren, und als ich dann das erste Mal pinkeln musste, inspizierte ich auch den Notausgang. Als ich von der Toilette zurückkam, waren drei weitere Gäste in das Lokal gekommen, und ich merkte wie mein Unwohlsein langsam zunahm. Es kostete mich eine gewisse Anstrengung, mich wieder auf den Hocker zu setzen, aber ich befahl mir selbst, mich zusammenzureißen und nicht zu flüchten. Gegen 21:30 kamen noch weitere sechs Gäste hinzu, und als einer der Gäste sich ein wenig über mich lehnte, um für sich und seine Freunde die Getränke zu bestellen, saß ich nur stocksteif da und wurde bleich im Gesicht. Der Barkeeper fragte mich, ob alles in Ordnung sei. Ich gab vor, Zigarettenrauch nicht besonders gut vertragen zu können, und hoffte inständig, dass er mein bleiches Gesicht nicht als erstes Anzeichen einer Panik deuten würde. Gleichzeitig schämte ich mich für meine langsam aufkeimende Angst, die so irrational war. Ich meine, die Wahrscheinlichkeit einer Massenpanik tendierte in dieser friedfertigen Kneipe gegen Null, und dennoch bekam ich Schweißausbrüche. Ich begann wieder, die Bilder aus dem Stadion vor meinem geistigen Auge zu sehen, und glitt in dieser Kneipe langsam aber sicher zurück in einen gefährlichen Strudel der Erinnerung. Mir war, als fühlte ich wieder dieses Schubsen und Drängen, als fühlte ich erneut den Druck der zahllosen Körper, die gegen meinen eigenen geschleudert wurden. Ich saß in dieser gemütlichen Kneipe, und spürte die Phantomschmerzen von vor drei Jahren, und keine vernünftigen Argumente konnten die zunehmende Schnelligkeit meines Atmungsrhythmus verlangsamen. Ein wenig wurde mir schwarz vor Augen, und so legte ich hastig das Geld für das Bier auf den Tisch und ging nach draußen. Erst auf der offenen Straße, in der freien Luft, fand ich wieder langsam zu mir. Meine Atmung wurde wieder normal, und ich konnte wieder klar denken. Aber ich war auch wütend auf mich selbst, weil die mir auferlegte Therapie nicht anschlug.

Insgesamt brauchte ich drei Jahre, bis die Therapie einen gewissen Erfolg zeitigte. In diesen drei Jahren absolvierte ich unzählige Übungen in geschlossenen Räumen mit geschlossener Gesellschaft, auf öffentlichen Festen auf quadratisch abgesteckten Markplätzen, auf dem Gelände einer Kirmes, auf einer Buchmesse (wo ich mich mit mehreren mir unbekannten Menschen in einem Gedränge um das Autogramm meines Lieblingsautors bemühte) und im Keller eines Weinguts anlässlich einer Weinprobe. Auf einige wenige dieser Übungen begleitete mich meine Psychotherapeutin, doch letztendlich musste ich es auch ohne sie wagen.

Jetzt betrachte ich mich als geheilt. Ich habe meinen Frieden mit der Masse gemacht, und betrachte mich selbst, wenn ich unter Leute gehe, als einer von vielen. Ich nehme mich selbst als Individuum war, das mit anderen Individuen interagiert, und dennoch durch diese Interaktion nichts von seinem eigenständigen Wert verliert. Ich empfinde zwar eine gewisse Verachtung für die Masse, wenn ich zum Beispiel Aufzeichnungen von Parteitagen, Fußballspielen oder Konzertmitschnitten sehe, aber ich sehe diese Verachtung nicht mehr im Zusammenhang mit meinen eigenen schlechten Erfahrungen. Ich bin schon darauf aus, mich innerhalb dieser Gesellschaft als Individuum zu beweisen, und so gehöre ich konsequenterweise keinem Sportverein, keiner politischen Gruppierung und keinem Skatclub an, doch bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass da, wo zwei oder drei Leute zusammentreffen, nicht immer böse Energie entsteht. So ist der Geist der olympischen Spiele ein friedlicher Geist, und in den Demonstrationen gegen den Golfkrieg stehen Zehntausende von Menschen zusammen, um für den Frieden zu demonstrieren. Nach den rechtsradikalen Ausschreitungen in Deutschland (in Rostock-Lichtenhagen zum Beispiel) haben Unmengen von Leuten in einer Lichterkette gezeigt, dass sie faschistische Gewalt nicht dulden. Gerade diese Beispiele zeigen mir, dass die Masse ebenso eine positive Kraft entwickeln kann, zu der ein Einzelner nicht fähig ist. In diesem Sinne würde ich es mir zu einfach machen, wenn ich mich durch mein Trauma zu einer verallgemeinerten Ansicht bezüglich der Masse verleiten ließe. Ich wäre dann nicht besser als unser greiser Nachbar, der kürzlich von einem ausländischen Jungen bestohlen wurde, und seitdem in Gesprächen mit meiner Mutter energisch eine Abschiebung aller Ausländer befürwortet. Ich kann nicht pauschal alle Menschen verurteilen, die sich für bestimmte Ziele zu einer Gemeinschaft zusammenschließen, weil ich dann zwangsweise Organisationen wie das Rote Kreuz, Médecins sans Frontières oder Greenpeace verurteilen müsste. Nur weil ich für mich entschieden habe, immer ein größtmögliches Maß an Individualität zu erreichen, darf ich die Menschen nicht verurteilen, die sich in einer Gemeinschaft besser aufgehoben fühlen.

Die abschließende Mutprobe steht kurz bevor. Am nächsten Mittwoch habe ich einen Termin mit meiner Psychotherapeutin. Wir werden zur offiziellen Einweihung des König-Baudouin-Stadions gehen. Die belgische Nationalmannschaft wird gegen die deutsche Nationalmannschaft spielen. In die umgebaute Arena, in der mein Vater starb, passen nur noch 50.000 Menschen gegenüber den 70.000 Menschen, die vorher darin Platz fanden. Aber ich bin dennoch überaus nervös. Eine Woche lang sagte ich meiner Psychotherapeutin, ich sei noch nicht bereit, um wieder in das alte Heysel-Stadion zu gehen. Doch dann besann ich mich, und jetzt suche ich die Herausforderung. Ich muss und ich will mich der Masse stellen. Ich will im König-Baudouin-Stadion einen heilsamen Schock erfahren, der mich die traumatischen Komponenten meiner Vergangenheit vergessen lässt. Ich muss den Verlust meines Vaters, und die Erinnerung daran, endlich aus meinem System verbannen. Ich muss aufhören, die Bedeutung meines ganzen Lebens auf ein tragisches Ereignis zu reduzieren, und lernen, ein gewöhnliches Leben zu leben. Ich muss das Trauma in mir abtöten, zumindest in einem Maße, dass es nicht mehr die Kraft hat, mein Leben zu bestimmen. Ich darf mich nicht von diesen einem Schicksalsschlag regieren lassen.

Denn was ich will, ist das: Ich will ein gewöhnliches Leben. Ich will ein Mensch werden, der einen Beruf ergreifen kann, ich will jemand sein, der seine Konzentration auch noch auf andere Dinge als die eigene Vergangenheit anwenden kann. Ich will nicht mehr der introvertierte Sonderling sein, für den mich viele halten, sondern ein extrovertierter Aufklärer, der den Menschen mit seiner Geschichte auch als warnendes Beispiel dienen kann. Ich will den Menschen einen Weg zeigen, der ihnen klar macht, dass es in jedem Ich auch ein Wir gibt, ebenso wie es in jedem Wir auch ein Ich geben muss.

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