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Fußballgeschichten
© Dr. Ronald Henss Verlag
Kurzgeschichten - Erzählungen - Geschichten - rund um das Thema Fußball

La Ola für Micha mit den roten Schuhen

© Birge Laudi

"Ich werde einmal ein berühmter Fußballer."

Micha ruderte um Gleichgewicht bemüht mit seinen viel zu kurzen Armen und dann kickte er seinen alten Teddybär quer durch das Zimmer.

"Siehst du. Das war exakt mit dem Innenrist geschlenzt. Darf ich jetzt mit in deinen Fußballclub, Thomas? Du hast es mir doch versprochen."

Michas Bruder war nicht sonderlich beeindruckt von der Leistung des Achtjährigen.

"Du und Fußball. Das geht doch nicht."

"Warum denn nicht. Ich habe genauso wie du zwei Beine zum Rennen und zwei Füße zum Kicken."

"Aber du hast nur zwei ganz kurze Arme."

"Na und? Dann komm ich wenigstens nicht in Versuchung, Handspiel zu machen."

"Und was ist, wenn du einen Einwurf machen musst?"

"Das krieg ich hin."

Micha war überzeugt davon und Micha würde es hinkriegen. Thomas resignierte vor soviel Glauben seines Bruders an die eigene Kraft.

"Na gut. Wenn du meinst. Also pack deine Sachen ein und dann komm."

Der fünfjährige Micha stopfte ein wenig ungeschickt mit seinen kurzfingrigen Händen an den viel zu kurzen Armen seinen heißgeliebten Sportdress mit den drei weißen Längsstreifen, den er vor wenigen Tagen zum Geburtstag bekommen hatte, in die Sporttasche. Obenauf kamen die neuen, roten Fußballschuhe. Dann rannte er seinem großen Bruder hinterher.

"He Sportskanone", lachte Thomas. "Pass auf, sonst fällst du noch über deine eigenen schnellen Füße."

Seit Micha mit den missgebildeten Armen zur Welt gekommen war und die Ehe der Eltern unter der psychischen Belastung, ein behindertes Kind zu haben, zerbrochen war, kümmerte sich der zehn Jahre ältere Thomas aufopfernd um seinen kleinen Bruder. Thomas spielte in der Jugend-Fußballmannschaft am Rande der Großstadt und er war ein begnadeter Torwart. Unübertroffen waren seine Hechtsprünge in die richtige Richtung. Er schlüpfte in Gedanken in das runde Leder, begleitete den Ball im Flug auf das Tor zu und erahnte, in welche Ecke seines Tores er fliegen würde. Diese seine außerordentlichen Fähigkeiten auf dem grünen Rasen machten ihn zu einem geachteten Mann unter seinen Kameraden.

Heute aber würde es sich zeigen, wie viele aus seiner Mannschaft hinter ihm standen, wenn er versuchte ihnen klar zu machen, dass nun sein kleiner Bruder mitspielen würde. Zaghaft und mit weit weniger Elan als gewohnt betrat Thomas die Umkleidekabine im Sportheim, wo er lautstark begrüßt wurde.

"Oh, hast du dein Baby mitgebracht?"

Gelächter scholl den beiden von allen Seiten entgegen.

"Was will der denn der Knirps bei uns? Wir sind doch kein Kindergarten. Und außerdem ..." Der begonnene Satz blieb in der Luft hängen, als Thomas scharf die Luft einsog. Er merkte, nun wurde es eng für Micha.

"Natürlich nur zum Training", sagte er vorsichtig und vermied den Blick seines Bruders. Es war klar, dass sein Ansinnen, Micha als ständigen Spieler aufzustellen, auf keinerlei Gegenliebe stoßen würde.

"Spinnst du? Der ist doch behindert. Was hat der denn in einer Fußballmannschaft zu suchen?"

Nun war es heraus und ein paar der Jungen nickten bestätigend.

"Stimmt, selbst beim Training stört der doch", pflichtete ein anderer bei. "Gar nicht zu reden von einem Spiel, und sei es nur ein Freundschaftsspiel."

Sie waren empört über die Zumutung mit einem behinderten kleinen Jungen Fußball spielen zu müssen.

"Noch nicht einmal bei einem Freundschaftsspiel darf ich dabei sein?" Riesige Enttäuschung breitete sich auf dem Gesicht des kleinen Micha aus und er musste seine ganze Willenskraft aufbieten, um nicht in Tränen auszubrechen.

"Schau mal, Micha", lenkte Alfi, einer der weniger ruppigen Burschen ein, "du magst ja laufen können, aber halt deine Arme .... Wie willst du das denn machen, wenn du einen Einwurf machen musst? Dafür sind deine Arme einfach zu kurz. Auch beim Laufen wirst du Schwierigkeiten haben. Das Gleichgewicht, und so ..."

Stürmer Alfi brach seine begütigende Rede ab, ließ das Ende offen. Es wurde still in der Kabine.

"Ich bin sehr schnell. Das hat Thomas oft gesagt. Gell Thomas?"

Micha tastete nach der Hand seines Bruders und wagte kaum zu atmen, aus Angst weinen zu müssen. Auch Thomas schwieg und drückte nur fest die eiskalte Hand seines kleinen Bruders.

"Ich bin ein Krüppel", flüsterte Micha verzweifelt. "Da kann man nichts machen."

Er machte sich von seinem Bruder los und schlich mit gesenktem Kopf zur Tür.

"He, halt mal, Micha!", rief ihm da Alfi nach, der den Anblick des tief enttäuschten und traurigen Kindes nicht ertragen konnte. "Wie wäre es, wenn du uns jetzt vor dem Training und zusammen mit mir deine Ballarbeit zeigen würdest."

Ein Strahlen breitete sich auf dem Gesicht des kleinen Fußballnarren aus.

"Meinst du das ernst?"

"Aber ja. Die anderen können sich einstweilen warmlaufen und wir beide machen Ballarbeit. Dann können wir alle beurteilen, wie gut du bist. Unser Trainer kommt heut sowieso ein bisschen später."

Widerwillig nickte der Rest der Mannschaft. Nur einer murrte noch: "Bist du überhaupt Mitglied in unserem Fußballclub, du Zwerg? Du darfst erst aufs Feld, wenn du auch einen Spielerpass hast."

Micha nickte eifrig. "Na klar hab ich den. Schon seit meinem Geburtstag."

Trotz seines Handikaps war Micha im Nu ausgezogen und in sein Trikot geschlüpft.

"Hast du denn auch richtige Fußballschuhe?" Der Rechtsaußen lächelte ein wenig spöttisch. "Die gibt es doch für so kleine Füße gar nicht."

Mit vor Glück und Stolz strahlendem Lächeln zeigte der Micha seine roten Sportschuhe mit den aufgeschraubten Stollen.

"Die hat mir mein Papa geschenkt, damit ich ein großer Fußballer werde."

"Na, du bist ja ein richtiger Papst."

"Wieso?"

Micha verstand nicht, was der Papst mit seinen Fußballschuhen zu tun hatte. Spielte der auch Fußball? Das unbeschreibliche Glück des Kindes aber brach dem Spott die Spitze ab, als es seinen roten Fußballschuhen einen Kuss aufdrückte.

"Na, ich hab nur gemeint, weil der Papst immer rote Schuhe trägt", sagte der Spötter ein wenig kleinlaut. "Bist halt ab jetzt unser kleiner Papst."

Erstaunt sah ihn Micha an.

"Ich will doch nicht der Papst sein. Der Elber aber und auch der Schweini, die haben doch auch rote Schuhe und ich will einmal so berühmt werden wie die."

Dagegen ließ sich nichts mehr sagen. Höchstens, dass jetzt viele Spieler mit farbigen Schuhen aufliefen, sich aber inzwischen jungfräuliches Weiß an den Füßen bedeutender Fußballer durchzusetzen begann.

"Na dann mach mal. Soll ich dir die Schuhe zuschnüren?"

"Das kann ich schon selber."

Alle Augen waren auf den kleinen Kerl und auf seine viel zu kurzen Arme gerichtet. Jeder wollte sehen, wie er da zurechtkam. Micha strengte sich sehr an. Er hatte zuhause lange geübt, sodass er es jetzt souverän, wenn auch mit etwas Mühe, schaffte.

"Okay, auf geht's!", rief Alfi. Er war der Kapitän und hatte das Sagen. Die ganze Horde der Fünfzehnjährigen stürmte hinaus aufs Spielfeld.

Alfi stellte ein paar Hütchen mitten auf dem Platz auf und ließ sie Micha mit dem Ball umkurven wie Slalomläufer auf dem Skihang. Micha war voll Begeisterung bei der Sache und er verlor beim Dribbeln nicht ein einziges Mal den Kontakt zum Ball. Er schien ein ähnlich gutes Gespür für das runde Leder zu haben wie sein großer Bruder. Schließlich begann Alfi mit der Kopfarbeit und zu seinem großen Erstaunen bereitete es dem kleingewachsenen Kerl keine Schwierigkeit, den Ball zielsicher ins Tor zu köpfen.

Es war still geworden auf dem Platz. Als Micha und Alfi nach einem raschen Lauf mit dem Ball über das ganze Spielfeld eine Verschnaufpause einlegten, sahen sie voller Erstaunen wie alle Spieler aufgereiht zusammen mit dem Trainer am Feldrand standen und eine La-Ola-Welle vom ersten zum letzten laufen ließen.

Nun war es um Michas Fassung geschehen. Er lief zu Thomas und warf sich aufschluchzend vor Glück in seine Arme.

Von diesem Tag an durfte der kleine Micha mit den roten Schuhen aufgrund seines außergewöhnlichen Ballgefühls in der Mannschaft der Fünfzehnjährigen mitspielen. Sie wussten nun, er war ein begnadeter Fußballer und sie nannten ihn liebevoll den kleinen Papst. Das war nicht mehr spöttisch gemeint, sondern war Ausdruck ihrer Hochachtung vor dem überragenden Können und der ungeheueren Willensstärke des Jungen. Er wurde zum Maskottchen der Mannschaft und war er für ein Spiel aufgestellt, so konnte man sicher sein, dass die Zuschauerränge voll waren. Aller Augen hingen dann an den dahinwirbelnden kleinen roten Füßen und manchmal schaute auch die Mutter und ein andermal der Vater von Thomas und Micha voller Stolz vom Spielfeldrand aus zu. Führte die überlegene Spielstärke des Buben mit dem Handikap zum Sieg der Mannschaft, da belohnten es die Zuschauer lautstark mit einer La-Ola-Welle.

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