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Karin Reddemann: Schweigeminuten

Karin Reddemann
Schweigeminuten
Horrorgeschichten
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Omas Baby

© Karin Reddemann

Ich sah meine Großmutter wieder. Sie ist schon sehr lange tot, aber verändert hatte sie sich nur bedingt. Ihre ehemals graugrünen Augen waren rot, irgendwie unschön gelb umrandet, das irritierte mich. Ansonsten war sie die mir vertraute alte Hexe mit knöchernen Fingern und kalter Stimme, die in mir nie mehr als ein nutzloses, hässliches Bündel Fleisch gesehen hat. "Du bist nichts, du kannst nichts. Und starre nicht auf den Boden, sieh mich gefälligst an. Halte dich aufrecht, Gott, bist du ein Trampel!"

In meinem Traum, der wohl nicht wirklich ein Traum gewesen ist, starrte sie mich sekundenlang mit ihren tiefroten Augen an und sagte: "Du hast dich entwickelt, gut, das ist die reine Linie. Unsere. Wir heißen immer noch von Bittlow. Das verpflichtet. Ich hätte freilich nicht gedacht, dass auch aus dem letzten Abfall meiner Familie etwas wird. Und wenn auch nur ein dummer kleiner Schreiberling dabei herumgekommen ist. Denke an deinen Großvater. Der malte nackte Frauen. Und hat gesoffen. Eine Schande. Wie du."

Ich war Anfang Dreißig, immer noch orientierungslos, frisch getrennt von Hajo und neu verliebt in Chris. Beruflich lief es nicht schlecht, aber das Büro in der Havenbeckerstraße war nichts Besonderes, mein Job unterforderte mich. Das ist jetzt nicht anmaßend gemeint, mir war und ist bewusst, wo ich stand und stehe. Und wann die Zeit kommt. Kommen würde.

Als ich mich damals bei der Redaktionsleitung gänzlich voll mit Optimismus getankt vorgestellt hatte, hörte ich den Satz, speicherte ihn und fraß ihn in mich hinein: "Grundsätzlich sind wir gegen Akademiker. Die machen nur Ärger. Aber wir versuchen es mit Ihnen."

Mein Chef, dem ich dann im fensterlosen Raum an der Havenbeckerstraße untergeordnet wurde, war scheinheilig nett, ziemlich dumm und auf albern rührende Art schleimig. Mich ließ er in Ruhe, solange ich brav erledigte, was ihm verdammt wichtig war und den Rest der Welt einen Scheiß interessierte. Mich auch.

Klar muckte ich auf. Ich wünschte ihm einen künstlichen Darmausgang. Und als er mich bedrängte, einen Roman über eine völlig inhaltslose Science-Fiction-Story für ihn zu schreiben, natürlich unter seinem Namen, sagte ich zu ihm: "Einfach Pech, so was nicht selbst zu können. In meinem Kopf erschaffe ich auch Skulpturen, in der Realität weiß ich, das nicht korrekt zu packen. Also, vergessen wir das mal mit Ihrem blöden Roman." Kapierte er nicht, er wurde nur sauer, war beleidigt und drohte mit Abmahnung. Ich nannte ich "Hausmeister ohne Hirn". Keine Ahnung, warum genau in diesem Zusammenhang. Vermutlich aber, weil Hausmeister und Parkwächter sich für so verflucht wichtig halten.

Wie meine Großmutter. Sie wollte unbedingt zurückkehren. Sie wünschte sich ein Baby. Für ihre Seele. Die ich nicht liebte. Nie wirklich habe lieben können. Meine Oma Leonora hätte sich seit zwanzig Jahren eine Möglichkeit aussuchen können, wieder leben zu können. Aber sie hat geduldig, vermutlich auch zornig gewartet. Sie wollte eine bühnenreife Wiederkehr, schnurstracks retour in die sacra familia. Mit meiner Hilfe.

Natürlich wusste sie, dass ich schwanger war. Von Christofer, meinem aktuellen Liebhaber. Plötzlich, ungewollt, ungeplant, trotzdem schon im Vorfeld zärtlich angenommen. Zumindest von mir.

Meine Großmutter sagte zu mir in diesem Traum, der keiner war: "Dein Kind werde ich sein. Hast du verstanden? Mein Geist wird in ihm sein. Und ich werde dich beobachten. Immer. Freue dich schon mal auf mich. Ich mache dir dein Leben zur Hölle, wenn du nicht ordentlich funktionierst."

Davor fürchtete ich mich. Zeitlebens war sie streng und hart gewesen, ich wollte sie nicht mehr, wollte schreien: "Geh weg von mir, du arrogantes Miststück, hast mich nie gemocht."

Dann kündigte ich, der Verlag schätzte keine Aufmüpfigkeit, und mein Chef, dieser prinzipiell inkompetente Vollidiot, suchte permanent nach Fehlern. Ergo konzentriere ich mich auf das Kind, das sich angemeldet hatte, sitze jetzt hier am Fenster, mit einem Bauch, der täglich dicker wird, vermisse tatsächlich den bekloppten Hausmeister, weil er zum normalen, stupiden Allerlei gehört hat und ich ihm gern eine so richtig fett gescheuert hätte. Irgendwann in einer Vergangenheit, die mir eine ganz andere Hoffnung versprochen hatte. Das Baby strampelt schon kräftig. Ich werde es mit Liebe und Angst begrüßen. Und heimlich weinen. Weil ich noch nicht weiß, wer in ihm steckt.

Chris baute verdammten Mist. Unbeabsichtigt. Tragisch für ihn. Er ließ das Einmachglas fallen, zerstörte das Gefängnis, in dem Leonaras Geist sich befand und vermutlich vor Wut kochte.

Ich hätte es ihm rechtzeitig erzählen können, aber es wäre einfach zu absurd gewesen. Die Vorstellung, dass Leonora in meinem Baby wieder und vor allem weiterlebt, war und ist unerträglich für mich. Sie war so kalt, so abwertend, so gänzlich ohne Gefühl. Zumindest zeigte sie es nie.

Ich hatte es geschafft, mit der Hilfe von Frederika Machulski, einer Frau, die sich mit einer Magie auskennt, die ich nicht verstehe und nicht wirklich verstehen will, Leonoras dunkle Seele einsperren zu können. Sie steckte in diesem schäbigen Glas, das gut zugeschraubt war. Es stand auf meinem Nachttisch, ich frage mich immer noch, warum ich es nicht im Garten eingegraben habe. Vielleicht war der Grund, dass ich weiterhin an die heilige Familie glaubte und Respekt zeigen wollte. Auch vor ihr.

Ich bin keine Mörderin. Grundsätzlich nicht. Aber nachdem Chris das Einmachglas auf den Boden hatte fallen lassen, musste ich handeln. Leonoras Geist war wieder frei. Frei für mein Baby.

Chris schlief, als ich ihm ein letztes Mal die Wangen küsste. Dann schnitt ich ihm die Kehle durch. Es ging ganz schnell. Ich betete zu Gott, dass er, mein treuherzig Geliebter, es sein wird, der zurückkehrt. Im Körper meines Kindes.

Immer noch sitze ich am Fenster. Mit einem dicken Bauch, der mir etwas erzählen will. Und ich hoffe, dass Leonora von Bittlow sich etwas anderes suchen muss, weil Chris das Recht in Anspruch nimmt, wieder bei mir zu sein.

In der Hand halte ich immer noch das blutverschmierte Messer. Höre seine Stimme: "Warum?" Höre ihre Stimme: "Du entkommst mir nicht."

Das Messer werde ich entsorgen. Vielleicht auch nicht.

***

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Die Geschichten von Karin Reddemann lassen den Leser in ein Meer von Bildern und Worten tauchen, das herrlich ehrlich nach Salz schmeckt. Gottes kalte Gabe ist eine Auswahl von Short Stories, in denen Leben passiert. Es macht manchmal atemlos, sie zu lesen. Und es macht schlichtweg Freude.

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