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Dez
01
Der Fremde
© Manfred Schröder

Es war ein warmer Sommerabend und ich beschloss, da auch die Enge der kleinen Wohnung auf mein Gemüt drückte, in den nahe gelegenen Park zu gehen.

Wie immer hatte ich als Gedächtnisstütze meinen Notizblock bei mir. Denn ich versuchte mich als Schriftsteller, doch leider mit mäßigem Erfolg. Hin und wieder veröffentlichte die Stadtzeitung Gedichte und Aphorismen von mir. Mein größter Erfolg war eine Kurzgeschichte, in der ich den Tod als guten Freund darzustellen versuchte, der barmherzig das Leiden eines kleinen Kindes verkürzte. Wenn auch in einigen Leserbriefen meine Geschichte gelobt wurde, so fand ich sie, als ich sie nach einiger Zeit noch einmal las, ziemlich rührselig.

Meinen Lebensunterhalt bestritt ich, da meine schriftstellerischen Versuche nur wenig einbrachten, als Sprachlehrer für Russisch an der Volkshochschule.

Die Bänke waren nur mäßig besetzt. Wie immer suchte ich mir an einen Platz, von dem aus ich den Park überblicken konnte. Doch es gab nichts, was meine Aufmerksamkeit erregte. Ich wollte mich schon erheben, als ich schräg gegenüber einen Mann auf der Bank bemerkte. Er hatte vielleicht schon längere Zeit dort gesessen. Er war groß und mit einem langen und schwarzen Mantel bekleidet. Der dunkle Hut und das scharf geschnittene Gesicht vermittelten den Eindruck vornehmer Distanz. Seine Blicke wanderten ruhig und aufmerksam von einer Stelle zur anderen und streiften auch mich.

Und es war, als hätte ich dieses Gesicht, diese Gestalt, schon einmal, nein, mehrere Male gesehen. Doch ich konnte die Erscheinung, ein Wort das erst später für mich einen Sinn bekam, nirgends einordnen. Einige Zeit saß ich unentschlossen auf meinem Platz, doch dann siegte wie in den meisten Fällen die Neugierde. Ich erhob mich und ging auf den Mann zu. Er hatte den Kopf zu mir gewandt und das strenge Gesicht wurde durch ein kaum merkbares Lächeln gelockert. Ich verbeugte mich kurz, weil ich es als angemessen empfand, stellte mich vor und fragte, ob ich mich zu ihm setzen dürfte. Sein Kopf neigte sich leicht und eine feingliedrige Hand gab meinem Wunsche statt. Er selbst nannte seinen Namen nicht; noch erhob er sich, als wolle er keine Vetraulichkeit aufkommen lassen. Einen Augenblick schaute er mich forschend an, bevor sein Blick sich wieder dem Park zuwandte. Nun sass ich hier, doch ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte und bereute meine Voreiligkeit und suchte krampfhaft nach einem Ausweg. Denn ich konnte von niemandem verlangen sich mit mir zu unterhalten. Doch mich einfach zu erheben und weggehen fand ich ungezogen und lächerlich.

Ich wollte schon zum letzten Strohhalm, dem Wetter greifen, als der Fremde, wie um mit aus meiner Verlegenheit zu helfen, das Wort ergriff: "Sie wollten vom Wetter sprechen. Ja, auch ich liebe solche, sich dem Ende zuneigenden Sommertage. Wenn Ruhe und Kühle den müden Wanderer die Last des Tages nehmen."

Ich blickte ihn verblüfft an und wunderte mich über seine, wie ich fand, erhabenen Worte, die eines Dichters würdig waren.

"Das stimmt", pflichtete ich ihm bei. "Wenn ich es auch nicht mit solchen poetischen Worten hätte sagen können."

Er lächelte fein. "Sie sollten nicht so bescheiden sein. Ich finde ihre Gedichte übrigens ausgezeichnet."

Ich war erstaunt und geschmeichelt. Die Stadt, in der ich lebte, war nicht groß und ich glaubte fast jeden Mensch hier zu kennen. Dass meine Gedichte über die Grenzen dieses Ortes hinaus bekannt seien, konnte ich mir nicht vorstellen.

"Sie sind sehr liebenswürdig", konnte ich nur bemerken.

Einen Augenblick schwiegen wir, bis ich wieder, in der Hoffnung meine immer noch vorhandene Neugierde befriedigen zu können, das Wort ergriff: "Vielleicht wundern Sie sich, dass ich um die Erlaubnis bat, mich neben Sie setzen zu dürfen. Doch ich glaube, nein, ich bin mir sicher, Sie schon einmal gesehen zu haben. Deswegen wollte ich mich mit Ihnen unterhalten."

Er schaute mich an und wieder lag ein kaum erkennbares Lächeln um seine Mundwinkel. "Sie sagten, dass Sie mich schon einmal gesehen hätten." Er machte eine kleine Pause. "Nicht jedem ist es gestattet, zweimal meine Bekanntschaft zu machen."

Ich begriff den Satz nicht, der mir dunkel und geheimnisvoll schien. "Könnten Sie es mir näher erklären, was Sie damit meinen."

Er blickte zur gegenüberliegenden Bank, auf der ein älteres Ehepaar saß. "Sie werden es erfahren." Er sagte es so, als spreche ein Lehrer zu seinem Schüler.

Erst jetzt bemerkte ich das kleine Buch in seiner linken Hand und wunderte mich, dass es mir nicht schon vorher ins Auge gefallen war. Denn es stach weiß von seinem schwarzen Mantel ab. "Wohl eine Lektüre", dachte ich. Und ich hätte gerne gewusst, um welche Art von Literatur es sich handelte.

Als hätte der Fremde wieder meine Gedanken erraten, öffnete er es.

Ich tat so, als hätte ich es nicht bemerkt, doch aus den Augenwinkeln warf ich einen kurzen Blick auf das Buch. Die beiden geöffneten Seiten erhielten nur Namen. Ich konnte erkennen, dass sie fein und säuberlich mit der Hand niedergeschrieben waren. Der geheimnisvolle Fremde blickte wieder auf das ältere Ehepaar, welches Anstalten machte, sich zu erheben. Aus der Tasche seines Mantels nahm er einen Stift und ich sah, wie er ein Zeichen neben einem Namen machte. Im selben Moment fiel der Mann, der sich schon erhoben hatte, zu Boden. Die Frau stand einen Augenblick hilflos da und kniete sich dann neben ihn. Sie schien auf ihn einzusprechen. Dann hob sie ihren Kopf und begann um Hilfe zu schreien. Auch ich war aufgesprungen und eilte hinüber.

Der Mann lag da und bewegte sich nicht. Einige andere Leute waren ebenfalls hinzugekommen und jemand beugte sich über die auf dem Boden liegende Gestalt. Erst jetzt dachte ich an mein Handy und wählte die Nummer des Krankenhauses.

Ich schaute zur Bank hinüber. Der Fremde war verschwunden. Als ich zum Ausgang des Parks blickte, sah ich eine hohe und dunkle Gestalt, die sich umdrehte und die Hand wie zu einem Gruße hob. Ein Frösteln bemächtigte sich meiner und Unruhe erfüllte mein Herz.

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