Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...

Unser Buchtipp

Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Salon Märchenhaft

© Britta Dubber

Zweiundzwanzig Uhr. Wer ging um diese Uhrzeit schon zu einem Bewerbungsgespräch?

Kein Wunder, dass ihre Mutter gefragt hatte, ob sie nun ins horizontale Gewerbe wechseln wollte. Unsicher betrachtete sich Daisy im Spiegel, zupfte an ihrer grauen Bluse und strich sich durch die langen blonden Haare. "Bitte kein Rot tragen. Schon gar keinen blutroten Lippenstift." Das hatte ihr der Chef des Frisiersalons am Telefon gesagt. Märchenhaft, so hieß der neu eröffnete Salon in der Marktstraße. Wie ihr am Telefon mitgeteilt wurde, betreuten sie eine sehr spezielle Kundschaft.

Daisy konnte sich das Klientel sehr gut vorstellen: Prostituierte, Transvestiten, Stripperinnen und exzentrische Künstler. In der Markstraße gab es zahlreiche Nachtlokale, Bordelle und zwielichtige Kneipen. Daisy hatte während der Ausbildung zur Friseurin als GoGo Tänzerin gearbeitet; in der Marktstraße zu arbeiten würde also kein Kulturschock für sie werden. Dennoch wäre ihr ein normaleres Ambiente lieber gewesen.

Aber sie konnte es sich nicht leisten wählerisch zu sein. Die Raten fürs neue Auto zahlten sich nicht von selbst, und sie wollte unbedingt mal wieder in den Urlaub fahren. Nur vorübergehend, sagte sie sich, als sie nach ihrem Schlüssel griff und in die kalte Nacht hinaustrat.

Der Salon lag zwischen einem Striplokal und einer Transvestitenbar, aus der zwei langbeinige "Blondinen" stöckelten; in der Hand ein Glas Sekt. Überall auf dem Bürgersteif lagen Kippen, zerknüllte Servietten und plattgetrampelte Verpackungen aus dem Imbiss von gegenüber. Daisy fühlte sich wie eine Katze auf einem Schachbrett, als sie mit ihren glitzernden Stöckelschuhen versuchte, dem ganzen Unrat auszuweichen, und fragte sich, wie Katzen das mit ihren riesigen Pfoten schafften, keine einzige Schachfigur umzuwerfen.

Die Stöckelschuhe waren noch aus ihrer Zeit als Tänzerin. Genauso wie der kurze Lederminirock, den sie nach langem Zögern wieder aus dem Schrank geholt hatte. Mit Buntfaltenhose und Turnschuhen passte sie hier einfach nicht her.

Aus dem Striplokal drang lautes Gegröle und im nächsten Moment stürzten zwei Männer heraus, die lachend und johlend zu ihrem Auto gingen. Als sie Daisy bemerkten, warf der eine ihr eine Kusshand zu, während der andere sie debil angrinste.

"Zischt ab", rief Daisy und ging auf den Friseursalon zu. Das Schaufenster war mit so vielen Postern von schön frisierten Frauen und Männern beklebt, dass man nicht ins Ladeninnere sehen konnte. Die schwere Eichentür hingegen war fest verschlossen. Daisy rüttelte am Griff, zog und drehte den Türknauf, doch die Tür blieb zu. Erst dann bemerkte sie den Klingelknopf und drückte ihn vorsichtig.

Ein hochgewachsener Mann mit grauen Haaren und Schnurrbart in einem Smoking öffnete, musterte sie von oben bis unten und fragte dann in ziemlich steifem Tonfall: "Sie wünschen?"

"Ich habe hier einen Termin ... also ... ähm ... ein Vorstellungsgespräch."

Der Mann trat zur Seite, machte eine ausladende Handbewegung und Daisy trat in einen kleinen dunklen Flur. Lediglich die Kerzen von einem antik aussehenden Wandkerzenhalter spendeten etwas Licht.

Es war stickig und warm. Das Erste was ihr auffiel war ein großer Plastikkorb direkt neben der Eingangstür, in der allerhand Zeugs lag. Von Handschuhen über Helme bis hin zu Schwertern?!

"Haben Sie Knoblauch bei sich? Schwerter? Irgendwelche anderen Utensilien, die der Ausrottung gefährdeter Kreaturen dienlich sein könnten?"

Daisy sah in die ernste Miene des "Butlers" und fing an zu lachen. "Bitte was?"

"Dann folgen Sie mir bitte", sagte er förmlich und bog um die Ecke.

Kopfschüttelnd und schmunzelnd folgte ihm Daisy. Im ersten Moment wirkte es wie ein ganz gewöhnlicher Frisiersalon. Links mittig war die Kasse, hinter der ein pummeliges kaugummikauendes Mädchen ihre Fingernägel mit einer Feile bearbeitete.

Auf der rechten Seite waren die Frisierstühle, allesamt voll besetzt. Zwei Friseurinnen in Daisys Alter hantierten mit Fön und Rundbürste herum, ein männlicher Friseur wusch einem Kunden die Haare am Wachbecken.

"Bitte warten Sie dort drüben", sagte der "Butler" und zeigte auf eine kleine Warteecke neben der Kasse.

Daisy ließ sich auf die verschlissene Plastikbank nieder und sah sich neugierig zu allen Seiten um. Es roch nach Ammoniak und Pflegeshampoo. Vielleicht auch ein bisschen nach Lavendel. Sie beobachtete, wie der junge Friseur Shampoo im pechschwarzen Haar des Kunden einmassierte und kurz darauf ausspülte. Dann riss der Kunde plötzlich den Kopf hoch, so dass er den Friseur mit Wasser vollspritzte. Schelmisch grinste er sein Spiegelbild an, drehte dann den Kopf halb herum und starrte direkt in Daisys Richtung. Daisy schrak zusammen. Das Gesicht des Mannes schien blutleer. Er war weißer als die Wand hinter ihm, und als er lächelte, entblößte er zwei lange spitze Eckzähne.

"Keine Sorge", sagte der Friseur, als er Daisys entsetzten Gesichtsausdruck bemerkte und zeigte auf ein Schild, das über der Kasse hing.

Vampiren ist es nicht gestattet Blut zu trinken.
Im Gegenzug, erklärt sich das Personal bereit dazu, kein Knoblauch mit sich zu führen oder einen Holzpflock.

Wölfe dürfen den Salon nur mit einem speziellen Maulkorb betreten
Im Gegenzug trägt weder das Personal noch die übrige Kundschaft ein Gewehr bei sich.

Kobolde müssen mindestens zehn Zentimeter hohe Absätze tragen, um nicht versehentlich platt getrampelt zu werden
Bei Nichtbeachtung hat das Koboldvolk die Reinigungskosten zu tragen.

Elfen müssen aufgrund ihrer äußerst spitzen Ohren einen speziellen Ohrschutz tragen
Bei Weigerung weigert sich der Salon Schmerzensgeld zu zahlen.

Feen müssen selbst auf ihre Flügel aufpassen
Es wird ihnen empfohlen, diese während der Dauer des Salons besonders zu schützen. Passgenaue Wollüberzüge gibt es an der Kasse.

Drachen haben aufgrund zu hoher Beiträge der Feuerversicherung Hausverbot
Keine Ausnahmen!

"Sie müssen Frau Neumann sein. Ich bin Knip Kippling."

Daisy sprang auf uns sah in funkelnd grüne Augen. Ein Mann mit sonnengebräuntem Teint, rötlichen Locken und einem Kinnbart strahlte sie an und hielt ihr die Hand zur Begrüßung hin. Zaghaft schüttelte Daisy sie.

"Ich bin ... das ist alles ein Witz, oder? Ich meine ..." Daisy zeigte zu dem Schild über der Kasse.

Herr Kippling lachte. "Wie ich bereits am Telefon sagte. Unser Kundschaft ist sehr ... speziell."

"Aber ... ist das so eine Art Fetischsalon?"

Herr Kippling runzelte die Stirn, dann schüttelte er energisch den Kopf. "Nein, nein. Es ist ... echt."

"Aber ..." Daisy schüttelte den Kopf und sah sich um.

Eine bildhübsche Frau mit langen rotblonden Haaren stand von einem der Stühle auf und betrachtete sich sorgsam im Spiegel. Als sie ihr Haar zu einem Zopf band, bemerkte Daisy die spitzen Ohren.

"Das ... ist irgendwo eine Halloweenparty oder hat ein neues Lokal aufgemacht?"

Daisy sah stirnrunzelnd zu der Kundin in der Mitte, die nun eine Trockenhaube aufgesetzte bekam. Sie trug ein Kleid aus Blättern und hatte golden schimmernde Haut.

"Die Waldfee. Sie kommt einmal im Monat, um sich das Herbstlaub und die Käfer aus den Haaren entfernen zu lassen. Ihr Haar bedarf besonderer Pflege. Unser Motto ist: Jeder Kunde ist einzigartig."

"Ich glaub Nutten wären mir lieber gewesen", flüsterte Daisy und ließ sich wieder auf die Plastikbank fallen, als eine winzige Person auf riesigen Plateauschuhen mit gelblich schimmernder Haut, breiter Nase und zwei kleinen schwarzen Knopfaugen an ihr vorbeisauste.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
01. September 2007

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