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Die Haarwette

© Conny Claussner


Als ich mich an diesem Sonntagmorgen auf die Waage stellte, hätte ich sie am liebsten zum Fenster hinaus geworfen. Die Nadel stand unbeirrt am selben Ort. "So ein Misst!", fluchte ich laut. "Wieder nichts abgenommen. Dabei war ich im Fitnessstudio und habe mich nur von gesunden Sachen ernährt."
Mein Freund kam verschlafen ins Bad. "Sag mal, was schimpfst du denn so am frühen Morgen rum?"
Ich klagte ihm mein Leid. Er lachte laut auf.
"Na wenn du heimlich in der Nacht den Kühlschrank plünderst, wundert mich gar nichts mehr".
Ich sah ihn zornig an. Aber er hatte ja Recht. Wir umarmten uns. Er strich dabei zärtlich über meine Speckröllchen. Ich fasste entzückt in seine langen dichten Locken, die ich sehr liebte. Sie fielen in kleinen nussbraunen Kringeln weit in den Nacken. Ich spielte gerne damit, wenn wir zusammen kuschelten. Er sah so gut aus mit seinen langen Haaren. Ich hatte aber im Innern die Befürchtung, dass er sehr bald zum Friseur gehen wird, denn er mochte seine lange Matte nicht. Einmal kam er sogar mit einer Glatze an. Das nahm ich ihm sehr übel. Denn ich konnte Männer mit Glatzen nicht leiden, ja ich hasste sie sogar.
Am Sonntagabend saßen wir gemütlich, bei einer guten Flasche Rotwein. Jens machte mir Mut, dass ich es schaffe abzunehmen. Ich wollte mindesten 10 Kg abnehmen. Jens störte es nicht, dass ich etwas mehr auf die Waage brachte. Aber ich hatte den eisernen Willen, es zu diesmal schaffen mit dem Abnehmen.
Der Abend wurde dann sehr romantisch. Wir schmusten lange. Ich spielte wieder mit seinen Locken. "Deine Haare sind aber schön so lang", wisperte ich, mit klopfendem Herzen. Ich hatte im Hinterkopf natürlich immer die Angst, er lässt sie bald wieder abschneiden.
Jens sah mich verständnislos an. "Ach diese Zotteln, ich kann sie bald nicht mehr ersehen."
"Bitte las sie doch!", flehte ich ihn an.
Er runzelte die Stirn, sagte nichts dazu.
Die Woche begann mit dem üblichen Montagstress. Ich ging nach der Arbeit am Nachmittag ins Fitnessstudio. Ich quälte mich wieder mächtig ab. Mein Trainer hatte übrigens einen schönen langen Pferdeschwanz, der ihm bis in den Rücken fiel. Er sah wirklich umwerfend gut aus damit. Umso mehr strengte ich mich an, um alle Trainingseinheiten zu schaffen.
Wie freute ich mich, wenn mich Bernd lobte. "Na, du hast dich ja heute verausgabt." Oder wenn er einfach sagte: "Du bist ja heute in Form, klasse! Das gefällt mir."
Mein Ego war unheimlich gestärkt durch sein Lob.
Jens hatte ich heute noch nicht gesehen. Er wollte gleich nach der Arbeit nach Hause kommen. Ich hatte das Abendbrot schon fertig, als ich ihn an der Türe rumoren hörte. Entsetzt sah ich meinen Freund an. Er war beim Friseur gewesen. Vor Enttäuschung kullerten mir Tränen an meinen Wangen herab. "Wie siehst du denn aus?", jammerte ich auch gleich los. "Das ist ja viel zu kurz." Mir war richtig schlecht.
Er hatte noch nie so kurze Haare. Hinten waren sie auf 5mm abrasiert, nur am Oberkopf konnte man noch ahnen, dass er Locken hatte. Immer noch besser, als die Glatze damals, dachte ich im Stillen verzweifelt.
Jens sah mich an, als sei ich eine böse Hexe "Ich habe es doch geahnt, dass du dich aufregen wirst. Aber die Haare waren einfach zu lang, ich mag es nicht so lang."
Ich schluchzte erneut auf. Wir saßen später schweigend beim Essen. Richtige Stimmung kam heute nicht bei mir auf.
"Warst du heute wieder im Fitnessstudio?", fragte er mehr beiläufig.
"Ja und Bernd hat mich sogar gelobt."
"Bernd? Das ist doch der mit den langen Haaren?", bohrte Jens weiter.
"Ja, er hat langes Haar, wundeschön sieht es aus", gab ich schnippisch zurück.
Jens half mit beim Aufräumen, plötzlich nahm er mich in seine Arme
"Pass auf: Wir schließen eine Wette ab. Mal sehen, wer eher am Ziel ist. Du versuchst weiter abzunehmen und ich lasse meine Haare wieder wachsen. Und lasse sie auch dann auch lang, weil du es so magst."
Ich musste jetzt lachen. "Mensch Jens, das ist ja eine tolle Wette. Die nehme ich mit Freuden an."
Ein Kuss besiegelte das Ganze.



Eingereicht am 14. April 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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