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Roter Mohn

© Birge Laudi


Mohnblumen
(Hermann Löns, 1866-1914)

Mit roten Feldmohnblumen
Hatt' ich dein Haar geschmückt,
Die roten Blumenblätter
Die sind nun alle zerdrückt.

Du bist zu mir gekommen
Beim Abendsonnenschein,
Und als die Nacht hereinbrach,
Da ließest du mich allein.

Ich höre die Stille rauschen
Und sehe die Dunkelheit sprühn,
Vor meinen träumenden Augen
Purpurne Mohnblumen blühn.
Es war Sommer, die Vögel sangen, sie war jung und begehrenswert und sie durchlebte die Tage in vollen Zügen. Auf den Feldern blühte der rote Mohn und sie pflückte ihn und wand sich aus seiner flüchtigen Schönheit einen Kranz für ihr Haar. Das war lang und von seidigem Glanz. Wundervolles schwarzes Haar.
Als der Hochsommer sich dem Ende zu neigte und das feurige Rot der Mohnblüten längst vergangen war, hing noch immer ein Rest von Hitze in den reifen Getreidefeldern. Paula spreizte die Finger beider Hände zu Fächern und fuhr sich damit ins verschwitzte Haar. Und jedes Mal, wenn sie sich in fast andächtiger Liebe die Haare aus dem Gesicht und sie hinter die Ohren strich, blieb ein einzelnes Haar zwischen ihren Fingern hängen. Ein langer glänzender Faden in schimmerndem Schwarz.
Was ist schon ein einziges Haar?! Es hatte keine Bedeutung. Es fiel ihr nicht einmal besonders auf. Sie dachte sich höchstens leicht amüsiert: Kein Haar fällt von deinem Kopf ohne dass ER es weiß.
Mit der Zeit aber wurden es mehr und mehr Haare, die mit Gottes Wissen von ihrem Kopf fielen und mit ihnen verschwand Stück für Stück die strahlende Jugendlichkeit. Paulas Haare fielen auf den Tisch, wenn sie sich über ein Buch beugte. Sie hingen anklagend am Ärmel ihrer Bluse, fanden sich unversehens beim Kochen zwischen den Speisen. Schließlich kam der Zeitpunkt, da sie büschelweise im Kamm hängen blieben. Es bildeten sich schüttere Stellen und unter dem gelichteten Haar blitzte weiß die Kopfhaut. Da geriet sie in Panik.
Sie ging zum Arzt und der sagte, das sei normal bei der Hormonumstellung, in der Schwangerschaft, im Alter, im Wechsel der Jahreszeiten. Aber weder war sie schwanger noch war sie alt und das Jahr wechselte noch nicht hinüber in die kalte Jahreszeit. Der Arzt verschrieb ihr eine Tinktur, die sie täglich in die Kopfhaut einmassieren musste. Sie befolgte die Anweisungen genau und pünktlich und die Haare fielen ihr weiterhin aus. Sie stellte ihre Ernährung um, warf das Federkissen aus dem Bett und schlief auf Dinkel. Sie ließ sich das Haar kurz schneiden und wusch es mit teuren Shampoos, die viel versprachen und nichts hielten. Unaufhaltsam fiel Haar um Haar von ihrem Kopf.
Sie versank in tiefe Depression. Sie hungerte sich erst fast zu Tode. Sie begann zu trinken und ging auch damit an ihre Grenzen. Nichts änderte sich, kein neues Haar wuchs nach und sie trug eine Perücke, wenn sie aus dem Haus ging. Sie wurde sich selber fremd.
So war es Winter geworden und dann wieder Sommer und wieder blühte der Mohn in den Getreidefeldern, doch sie konnte sich keinen Kranz aus brennend roten Blüten mehr ins Haar drücken. Ihre Welt war farblos und die Straßen zwischen den letzten Haaren breit geworden, nackt die Kopfhaut.
Da nahm sie einen Rasierapparat und rasierte die letzten paar Haare ab und sie stand vor dem Spiegel und besah ihren kahlen Schädel. Er war nicht glatt und rund wie eine Billardkugel, auch nicht wie ein Ei, hoch und oval. Sie sah erstmals in ihrem Leben die Form ihres Kopfes, war überrascht, wie wenig wohlgeformt er war. Sie fuhr sich mit der Hand über sanfte Hügel und flache Täler und konnte es nicht fassen, dass das ihr Kopf gewesen war unter dem schwarzen langen Haar.
Paula ging zu ihrer alten Tante, die sie einst aus der Taufe gehoben und das geweihte Wasser über ihren kahlen Neugeborenenschädel hatte rinnen sehen.
"Schau Tante, jetzt sehe ich wieder so aus wie damals. Kahl wie ein Neugeborenes."
Sie weinte.
"Hilf mir bitte. Was soll ich tun. Ich hab eine Glatze!" Und dann ganz leise: "Lass mich nicht allein."
Tante Isolde spürte, ihr Patenkind war in ein tiefes Loch gefallen. Sie strich der verzweifelten jungen Frau über den kahlen Kopf und dabei dachte sie angestrengt nach. Nur jetzt nichts Falsches sagen! Hilfe war angesagt, nicht Bemitleiden.
"Damals als Neugeborenes", sagte sie, "da hat dir deine Mutter ein rotes Mützchen zum Schutz vor dem bösen Blick der Neider aufgesetzt. Du warst ein so süßes Baby, obwohl Du kein einziges Haar auf dem Kopf hattest. Ja meine Liebe, jetzt ist es wieder wie damals, und du bist noch immer wunderschön. Diese Schönheit solltest du unterstreichen und nicht unter einer schlechten Perücke erschlagen. Ich habe eine Idee! Komm, wir gehen einkaufen."
Tante Isolde packte Paula energisch am Arm und zerrte sie aus der Haustüre. Ihr Ziel war ein Spezialgeschäft für Kosmetik und Theaterschminke. Nach einer fachkundigen Beratung durch die Verkäuferin und der Auswahl verschiedener Farben für Bodypainting kehrten sie zurück in die Wohnung der Tante. Dort machte sich die weise alte Dame unverzüglich ans Werk.
"Ich werde Dir wieder ein rotes Mützchen aufsetzen, um dich vor Neidern wegen deiner Schönheit zu schützen."
Mit viel Phantasie und Hingabe malte sie eine bukolische Landschaft auf die ein wenig unebene Kopfhaut ihrer Nichte. Vom Nacken hinauf und vom Scheitel hinunter bis zur Stirngrenze, da gaukelten Schmetterlinge über einem Getreidefeld voll der Mohnblumen in kämpferischem, kraftvollem Rot. Wie ein Signal für Zuversicht und Lebensfreude nickten die Mohnblüten über den Ohren, schmückten jede freie Stelle auf dem traurigen Haupt der unglücklichen Paula. Und die Glücksfarbe des Klatschmohns auf dem hinreißend bemalten Kopf entfaltete ihre Heilwirkung durch die Kopfhaut hindurch, der letzten Barriere zwischen der rauen Welt und der empfindsamen Seele.
Paula lachte. Sie lachte seit langer Zeit wieder einmal und sie konnte bei ihrem Anblick im Spiegel gar nicht mehr aufhören zu lachen. Ihr Kopf sah so voller Bewegung aus, so voller Lebensfreude. Wie ein Gemälde von Monet atmeten die Mohnblumen Sonnenlicht und unbeschwerte Sommertage.
Paula zog sich ihr buntestes Sommerkleid an und dann spazierte sie mitten durch die samstäglich belebte Sommer-Stadt. Die Menschen blickten ihr nach. Mancher verwundert, mancher belustigt oder einige gar empört. Manch einer der Gaffer aber lachte nicht über sie, sondern fand Gefallen an der Idee.
Der Sommer wurde wie ein rauschendes Fest. Eine Symphonie bunter Farben. Die impressionistische Glatze der Frau mit dem Haarausfall wurde Mode. Sie war der letzte Schrei unter der Jugend in diesem Sommer und die Stadt füllte sich mit Köpfen voll wunderlicher Bilder. Den schönsten Kopf aber trug Paula durch den Sommer.
Als der Herbst kam, da wuchs auf ihrem Kopf mitten zwischen langsam dahinschwindenden Mohnblumen und Schmetterlingen Haar um Haar wie zartes, junges Gras. Das sprießende Haar aber war weiß und fedrig fein, als sollte es sie schützen, so wie das Winterfell einen Schneehasen vor den Feinden verbarg. Dicht und üppig und glänzend wie kostbare Seide wuchs Paulas weißes Haar und ehe noch das Weihnachtsfest kam, da fielen die Haare in großen weichen Wellen bis auf ihre Schultern.
Der Schnee deckte die Flur und Paula hörte in der Stille das Wogen des Feldes im Sommerwind und vor ihren träumenden Augen sah sie sich mit einem Kranz roter Mohnblumen im schwarzen Haar der verflossenen Jahre.



Eingereicht am 30. Juni 2006.
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