Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...

Unser Buchtipp

Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Ob blond, ob braun ...

© Anna Pal Singh

Ein Tag im Oktober. Auf den Wegen in der Rheinaue rascheln die Blätter unter den Füssen der Spaziergänger. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne treffen auf den Petersberg auf der anderen Rheinseite. Die Idylle wird durch das Klingeln des Mobiltelefons unterbrochen. "Hier de Baer!". Die Stimme des Angerufenen ist kühl, er ist offenkundig nicht über die Störung erfreut. Seine hübsche Begleiterin schlendert, die Hände tief in den Taschen ihres Wollmantels vergraben, neben ihm auf dem schmalen Weg. "Tut mir leid, Kleines", seine Stimme klingt resigniert, "die Arbeit ruft. Ich rufe Dich an. Küsschen, Küsschen!" Und ehe die junge Frau etwas erwidern kann, ist er mit schnellen Schritten in Richtung Straßenbahnhaltestelle verschwunden. Er winkt ihr noch kurz zu, bevor er die Treppe hinuntersaust.

Zur gleichen Zeit setzt sich Polizeiinspektorin Helena Marks in ihren Kleinwagen, um zum Präsidium am Hochkreuz zu fahren. "Warum müssen Morde grundsätzlich während meiner Freizeit passieren! Können die das nicht mal auf einen Wochentag verlegen? Schließlich haben auch Polizisten ein Recht auf Familienleben", murrt sie vor sich hin. Geschickt lenkt sie den Wagen auf den Parkplatz im hinteren Bereich des Präsidiums. Auch Polizeiinspektor Fabian de Baer ist inzwischen eingetroffen.

"Was gibt es denn so dringendes, das man an einem Sonntagnachmittag nicht mal in Ruhe einen Spaziergang in der Rheinaue machen kann", will er vom Diensthabenden Polizisten wissen. Der nimmt bedächtig ein beschriebenes Formular vom Schreibtisch. "Da ist wohl eine Frau umgebracht worden, in Godesberg. Ihr sollt da schnellstens hin. Hier ist die Adresse. Die Kollegen von der Streife sind vor Ort. Die Spurensicherung ist auch verständigt." "Danke, Rainer. Dann los, Helena!" Mit diesen Worten ist er aus der Tür geeilt, das Formular mit der Adresse in der Hand. Die junge Frau kann ihm kaum folgen. "Fabian, nicht so hastig. Die Frau ist tot. Wir brauchen uns jetzt wirklich nicht überstürzen!" Aber Fabian de Baer ist schon auf den Hof geeilt, hat das Dienstfahrzeug aufgeschlossen. Helena Marks bleibt nichts weiter übrig, als sich schnellstens auf den Beifahrersitz zu setzen.

Kurz darauf stehen sie vor dem Friseursalon. "Salon Chez Celine" steht auf der Schaufensterfront in goldenen Buchstaben. "Ein Nobelladen", murmelt Helena anerkennend und folgt de Baer in den Laden. An der Tür steht ein Polizist in Uniform. Er nickt den beiden zu. Auf dem schwarzen Ledersofa gegenüber dem Tresen sitzt eine Frau, etwa Mitte Dreißig. Sie hält ein Taschentuch in der Hand und wischt sich die Tränen ab. Neben ihr sitzt ein Junge. Er hat kurze braune Haare und ist offensichtlich völlig verstört. Überall auf dem Boden sind rotblonde Haarbüschel verteilt.

Im hinteren Teil des Ladens sind die Männer der Spurensicherung dabei, alles nach möglichen Hinweisen abzusuchen. Fabian de Baer unterhält sich kurz mit ihnen, während Helena an ihnen vorbei in einen weiteren Raum geht. Entsetzt hält sie die Hand vor den Mund, Ein derart zugerichtetes Opfer hat sie in ihrer Laufbahn bislang noch nicht gesehen. Die Frau liegt bäuchlings auf dem Bettsofa. Alles ist voll Blut, auch der pfirsichfarbene Teppichboden. Eine Vitrine ist umgekippt und hat ihren Inhalt auf dem Boden verstreut. Offensichtlich hat ein Kampf stattgefunden. Vorsichtig steigt Helena über die am Boden liegenden Glassplitter, um sich die Frau genauer anzusehen. Der geblümte Seidenkimono ist verrutscht, darunter ist die Frau nackt. Ihre Gliedmassen sind seltsam verkrümmt. Ihr Kopf ist kahl geschoren. Auf dem Boden liegt ein blutverschmiertes Skalpell. Erschaudernd dreht sich Helena um. "Fabian", ihre Stimme klingt gepresst, "ich kenne diese Frau! Sie wohnte früher neben uns. Dann hat sie wohl sehr viel Geld verdient und ist nach Godesberg umgezogen. Franziska Reimers. Das da draußen muss ihr Sohn sein. Marcel oder so." "Stimmt", die Stimme von de Baer ist ernst, "dann lass uns mal anfangen. Am besten mit der Frau, die sie gefunden hat, und mit dem Sohn. Ich übernehme die Frau, Du den Sohn, ok?" Helena nickt stumm. "Komm", sagt sie zu dem Jungen, "lass uns nach draußen gehen. Ich muss Dir ein paar Fragen stellen!" Sie sieht ihn freundlich an. "Kennst du mich noch?" Er nickt, sagt aber nichts.

Sein Gesicht ist weiß wie ein Betttuch, in seinen Augen liegt Schmerz. "Warum denn Mama? Sie hat doch niemanden was getan!" Er versucht die Tränen zurückzuhalten.

Helena setzt sich mit ihm in den Dienstwagen. "Wolltest Du Deine Mama abholen oder warum bist Du hier?" Der Junge zögert kurz, dann nickt er. "Ja, ich wollte sie abholen. Tante Ruth war schon da. Sie hat mich nicht zu ihr gelassen. Sie hat nur gesagt, dass was mit Mama passiert ist. Dann kam die Polizei. Danach bist Du gekommen." Helena legt den Arm um ihn. "Wohin soll ich Dich bringen? Ist jemand bei Euch zu Hause?"

Marcel nickt. "Ja, Olaf ist zu Hause." Seine Stimme klingt zögernd. "Olaf?" Helena denkt angestrengt nach. Damals war da kein Olaf, da ist sie sich sicher. Vor dem Haus angekommen, steigt Marcel langsam aus dem Wagen. Es ist ein Einfamilienhaus mit einem großen Garten. Marcel nimmt die Schlüssel aus der Tasche und öffnet die Haustür. Im Wohnzimmer sitzt in Unterhemd und Trainingshose ein bulliger Mann vor dem Fernseher, neben sich auf dem Glastischchen einige Bierflaschen. Ihn interessiert das Fußballspiel auf dem Bildschirm mehr, als der Junge und die junge Frau. Beherzt geht Helena auf ihn zu. "Drehen Sie den Apparat ab!" Ihre Stimme ist eisig. Dann erklärt sie ihm mit kurzen Worten die Situation. Er scheint nicht sonderlich berührt zu sein, zuckt nur die Achseln. "Das kommt davon", ist sein knapper Kommentar. "Ziehen Sie sich an, wir müssen Ihnen ein paar Fragen stellen!" Er will aufbegehren, aber Helena schneidet ihm das Wort ab. Sie sieht zu Marcel herüber, der verloren am Fenster steht. "Was soll aus ihm werden? Ich kann ihn hier nicht allein lassen in dieser Situation." Sie nimmt ihr Mobiltelefon aus der Tasche und wählt eine Nummer. "Ja, ich brauche Deine Unterstützung. Ja, ich weiß, es ist Sonntag. Natürlich sofort!" Dann legt sie auf und geht zu dem Jungen hinüber. "Es ist besser, wenn Du die nächsten Tage woanders wohnst. In Königswinter gibt es ein Jugendheim. Eine Freundin von mir arbeitet dort. Sie holt dich ab." "Muss ich denn hier weg? Ich möchte lieber hier bleiben!" Helena schüttelt den Kopf. "Es ist besser so, glaub mir." Der bullige Mann hat sich ein kariertes Hemd und eine Jeans angezogen. "Wir können;" brummt er verärgert.

Auch de Baer ist inzwischen mit der Frau aus dem Friseurladen im Präsidium angekommen und unterhält sich mit ihr. "Sie arbeiten also im "Chez Celine", sind zufällig daran vorbeikommen und haben Licht gesehen. Die Tür stand offen, sagen Sie, Sie fanden die Sache merkwürdig und wollten nachsehen. Dabei habe Sie dann Ihre Chefin im hinteren Zimmer gefunden. Ist das so richtig?" Die Angesprochene nickt. "Ja, so ist es gewesen." "Gut, dann können Sie Ihre Aussage unterschreiben und nach Hause gehen. Soll Sie ein Beamter fahren?" Sie schüttelt den Kopf. "Ein bisschen frische Luft wird mir gut tun nach dieser Aufregung."

Helena hat inzwischen die Aussage des bulligen Mannes zu Protokoll genommen. "Ich habe Fußball geguckt. Den ganzen Nachmittag. Hab nicht mal gemerkt, dass der Bengel das Haus verlassen hat. Kann ich jetzt gehen?" Helena lässt ihn seine Aussage unterschreiben und dann ist auch er entlassen. Die beiden Kriminalbeamten sitzen sich in ihrem Dienstzimmer gegenüber. Helena hat sich einen Becher Kaffee geholt, de Baer trinkt wie üblich nur Mineralwasser. "Also ist schon merkwürdig", fängt Helena an, "die Frau will zufällig an dem Laden vorbeigekommen sein. Der Junge will zufällig an diesem Tag seine Mutter abholen, was er sonst nie macht. Und der Lebensgefährte des Opfers sieht den gesamten Nachmittag Fußball, obwohl das Spiel gerade erst angefangen hatte. Haben wir schon eine Tatzeit?" De Baer nickt. "Ja, es muss letzte Nacht passiert sein, so zwischen 12 und 2. Zu der Zeit haben die Zeugen alle tief und fest geschlafen. Haben sie jedenfalls behauptet. Auch der Lebensgefährte." Helena dreht die Kaffeetasse zwischen den Händen. "Wir können jetzt nichts machen, als zu warten, was die Auswertung der Spurensicherung bringt. Ich fahr nach Hause. Was ist mit Dir?" De Baer hat das Kinn in die Hand gestützt. Ich bleib noch. Wenn was Wichtiges ist, rufe ich dich an."

Am nächsten Morgen liegen die ersten Ergebnisse der Spurensicherung vor. Die Frau hat vor Eintritt des Todes noch Geschlechtsverkehr gehabt, daran besteht kein Zweifel. Außerdem hatte sie eine Menge Alkohol getrunken. Unter ihren Fingernägeln hat man Hautpartikel gefunden. Also hat sie sich mit Sicherheit gewehrt. Gegen wen, dass müssen die Beamten noch herausfinden. Die Zeugenaussagen ergeben keinen weiteren Hinweis. Die Friseuse, die die Tote gefunden hat, war zur Tatzeit auf einer Feier. Der Lebensgefährte behauptet den ganzen Abend zu Hause gewesen zu sein.

Der Sohn hat bei einem Freund übernachtet. Die Friseuse hat ausgesagt, als sie nachmittags den Laden verlassen hat, sei der sauber gewesen. Wieso liegen jetzt dort büschelweise die rotblonden Locken des Opfers auf dem Boden verstreut? Wer hat ihr die Haare abgeschnitten? Eine Analyse ergibt, dass das Sperma nicht von ihrem Lebensgefährten stammt. Es ist also noch ein anderer Mann im Spiel. Immer wieder werden die beiden Zeugen befragt. Endlich gibt die Friseuse zu, dass ihre Chefin ein Verhältnis mit einem anderen Mann hatte. "Mit dem polnischen Fliesenleger hat sie es getrieben, der das Badezimmer verkachelt hat. Jeden Abend haben die beiden es auf der Couch getrieben!" In ihrem Gesicht steht der blanke Hass. "Geld hat sie ihm gegeben, weil er ja so wenig verdient, damit er sich neue Klamotten kaufen konnte!"

Ihre Stimme überschlägt sich beinahe vor Wut. "Aber ich habe damit nichts zu tun, da müssen Sie sich jemanden anderes mal vornehmen. Den Olaf, der wusste doch auch davon. Der ist doch bloß zu faul zum Arbeiten, sonst wäre der schon lange weg!"

Auch der gesteht von dem Verhältnis seiner Lebensgefährtin gewusst zu haben. "Aber es ist mir nichts ausgemacht, nicht die Bohne, die konnte so leben wie sie wollte. Die war doch Sexgeil. Ein Mann allein konnte das nicht schaffen!"

Der polnische Fliesenleger wird gefunden und befragt. Auch er hat zur Tatzeit ein Alibi. "Ja", gibt er missmutig zu, "ja, ich habe mit ihr Sex gehabt. Die Alte wollte jeden Tag. Die war doch krank! Ich bin um 10 Uhr gegangen, ein Bier trinken mit meinen Kumpels. Die können Ihnen das bestätigen!" De Baer lässt sich die Adresse der Kneipe geben. Er wird das überprüfen lassen. Der Wirt bestätigt die Aussage des Fliesenlegers.

"Wir drehen uns im Kreis, Lenchen", grübelt er. Helena ist dabei noch einmal die Zeugenaussagen Punkt für Punkt durchzulesen. "Fabian, wir müssen etwas übersehen haben. Warum hat der Täter ihr die Haare abgeschnitten? Wenn wir das wissen, haben wir den Täter!" "Du hast Recht, Du hast vollkommen Recht! Am Skalpell waren nur Abdrücke des Opfers, sonst keine. Wir haben nicht das Messer gefunden, mit dem ihr die Haare abrasiert wurden. Die Fingerabdrücke im Laden werden noch ausgewertet. Die sind vermutlich von Kundinnen. Das haben wir bislang nicht in Betracht gezogen: Eine unzufriedene Kundin!"

Helena springt auf. "Ja, natürlich, Marcel hat mir erzählt, dass seine Mutter ein paar Tage vor dem Mord mit einer Kundin Ärger gehabt hat. Die hat zu Hause angerufen. Haben wir die Telefonliste vom Haus?" De Baer wählt eine Nummer. "Jupp, könnt ihr mal eine Telefonliste durcharbeiten? Wir suchen eine Kundin des Opfers, die vor ein paar Tagen dort angerufen haben soll. Ihr habt schon alle Namen? Das ist ja super! Ich hol mir die Liste gleich!" Er springt auf und ist einen Moment später mit einer Liste in der Hand zurück. "Hier, nur eine Nummer, die sich nicht wiederholt. Auf den Namen Gebhardt. Los, wir fahren am besten gleich hin!" Vor einer noblen Villa im Ortsteil Schweinheim stellt de Baer den Wagen aus. Helena drückt den Messingknopf der Klingelanlage. Eine Frauenstimme meldet sich. "Ja, bitte?" "Wir sind von der Polizei" Helena hält ihren Dienstausweis an die Videoüberwachung. Ein Summer ertönt und die beiden Beamten treten ein. An der Tür steht eine grauhaarige Dame mittleren Alters. "Sie wünschen? Frau Gebhardt hat sich etwas hingelegt. Ich möchte sie nicht unnötig stören." "Es geht um eine Aussage in einem Mordfall!" De Baer setzt sein gewinnendes Lächeln auf, das aber offensichtlich bei der Hausdame keinen Eindruck macht. "Mord? Mit Mord hat die gnädige Frau sicher nichts zu tun. Ich werde sie rufen, wenn Sie wünschen." "Ja, wir wünschen", Helena ist amüsiert. Kurz darauf erscheint eine jüngere Frau, um den Kopf hat sie einen bunten Seidenturban gewickelt. Sie kennt den Salon "Chez Celine", natürlich. Sie ist dort seit Jahren Kundin. Aber sie wird sich wohl eine andere Friseurin suchen müssen. "Stellen Sie sich vor, mein Mann und ich waren zu einer Cocktailparty im Kastanienhof eingeladen und diese schreckliche Frau schafft es meine Haare grün zu färben. Ich konnte natürlich nicht zu dieser wichtigen Party! Aber mit dem Mord habe ich nichts zu tun. Diese Person läuft nur mit einem Kimono bekleidet durch ihren Laden. Stellen Sie sich das einmal vor!"

De Baer ist aufgestanden: "Frau Gebhardt, Sie sind wegen dringendem Tatverdacht Franziska Reimers ermordet zu haben festgenommen!"

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
09. August 2007

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