Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...

Unser Buchtipp

Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Meine Haare

© Lisa Woytowicz

Ich hatte meine Haare schon immer gehasst. Sie waren rot gelockt, dick, und verdammt widerspenstig. Jedes Mal Haare kämmen war für mich, vor allem als Kleinkind, eine ziemlich schmerzhafte Erfahrung, sodass mich mein Vater festhalten musste, damit meine Mutter sich mir mit dem Kamm in der Hand überhaupt auf einen Meter Entfernung nähern durfte. Das änderte sich zwar im späteren Grundschulalter, doch die Abneigung gegen meine Haare, vor allem in Verbindung mit einem Kamm, und sei er noch so grobzinkig, verlor ich nie. Ich habe im Lauf meines immerhin schon 16-jährigen Lebens wirklich alles versucht, um sie zu bändigen. Ich ließ sie mir raspelkurz schneiden, was ich jedoch direkt danach, auf Grund des nahezu schrecklichen Anblicks, bereute und sie wieder wachsen ließ, benutzte ein Glätteisen, kaufte Haarkuren und -spülungen, doch nichts wollte so richtig helfen. Die Wirkung des Glätteisens hielt bei mir unglaubliche zwei Stunden an, bevor sich mein Haar wieder anfing zu locken. Außerdem wurde mein Haar mit der Zeit noch strohiger, was selbst die soeben erwähnten Haarpflegeprodukte nicht verhindern konnten, für die immer sehr viel von meinem ohnehin schon nicht gerade hohen Taschengeld draufging.

So beschloss ich mit 14, deprimiert durch sämtliche fehlgeschlagene Versuche die Kontrolle über mein Haar zu gewinnen, damit aufzuhören gegen sie anzukämpfen und sie einfach so zu lassen, wie sie waren. Richtig zufrieden war ich mit dieser Lösung zwar immer noch nicht, aber es war im Vergleich zu den anderen, schon durchprobierten Möglichkeiten, mit Abstand die beste. Viele beneideten mich um meine rote Lockenpracht, doch ich hätte jegliche im Spaß gemeinte (Haar- )Tauschangebote meiner Freundinnen nur zu gern angenommen, wenn dies möglich gewesen wäre.

Aber nun ist alles anders. Bei jedem Blick in den Spiegel könnte ich heulen. Es klingt so unlogisch, dass man etwas vermissen kann, was man jahrelang gehasst hat. Ich dachte, ich könnte mich für den Rest meines Lebens an mein Spiegelbild gewöhnen, doch das ist schier unmöglich. Jeden Tag werde ich auf Grund meiner Glatze daran erinnert, wie krank ich wirklich bin. Meine Haare schienen immer etwas Unbändiges, Unerschütterliches zu sein, doch jetzt wird mir bewusst, dass auch sie den Kampf gegen die Krankheit längst verloren haben. Es ist einfach zu spät. So simpel und gefühlskalt das auch klingen mag, ich kann eh nichts an meiner derzeitigen Situation ändern, auch wenn ich alles dafür gäbe, dies zu können. Meine Haare waren immer ein Zeichen von Stärke, doch allmählich verliere ich nicht nur die, sondern auch mein letztes Bisschen Hoffnung und Lebensmut. Ich vermisse das Gefühl, mir mit der Hand durch die Locken zu fahren, die nur widerwillig nachgeben, sodass ich mir ein paar einzelne Haare ausreiße. Ich vermisse es, so viel Zeit in Haarpflege zu investieren. Morgens und abends klafft ein scheinbar riesiges Loch ungebrauchter Zeit, die ich früher so dringend nötig hatte. Niemand, nicht einmal meine Mutter, streicht mir, einfach nur so, aus Liebe und Zuneigung, über den Kopf, der nun zur Tabuzone für Berührungen mutiert zu sein scheint, als stände dort an einem Schild: "Anfassen verboten!" Das alles lässt mich glauben, ich sei so krank, dass ich bei einer bloßen Berührung schon tot zusammenbrechen würde. Auch wenn ich genau weiß, dass das Schwachsinn ist und ich mir das nur einrede, werde ich diesen Gedanken einfach nicht los. Er klebt an mir wie Kaugummi zäh und schwer zu ignorieren, wenn man sich erst einmal hineingesetzt hat. In der Schule war ich jetzt nun schon fast fünf Wochen nicht mehr. Ich werde die 10. Klasse wohl wiederholen müssen; das heißt, wenn ich mir noch so viel Zeit bleibt. Ich sollte einfach realistisch denken: Ich werde meinen Anblick und das fremdartige, übervorsichtige Verhalten meiner Mitmenschen nämlich sowieso nicht mehr lange ertragen müssen, höchstens noch ein paar Monate lang, vielleicht auch nur Wochen. Dieser Gedanke beruhigt, macht andererseits jedoch auch sehr traurig, da er eindeutige Gewissheit liefert, denn mit Leukämie im Endstadium, werde ich hoffentlich bald von meinem Leiden erlöst. Zeit für Dinge, die ich immer schon einmal ausprobieren oder erleben wollte, bleibt da leider nicht mehr. Sie scheint vor mir wegzulaufen. In meinen Träumen renne ich ihr hinterher, versuche, sie zu packen und für immer und ewig anzuhalten oder zurückzudrehen, doch immer, wenn ich sie fast erreicht habe, entgleitet sie meinen Händen und gewinnt noch mehr Vorsprung. Doch wenn sich schon dieser Traum nicht erfüllen kann, so hoffe ich doch, dass ich wenigstens der einzige rotgelockte Engel im Himmel sein werde.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
04. September 2007

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Ein haariges Lesevergnügen
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