Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...

Unser Buchtipp

Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Kamelhaar

© Lisa Weichart

Der Kaschmirpullover stand Horst gewissermaßen, denn das Beige ging nahtlos über in seinen fahlen Teint und sein graublondes Haar. Ein kamelhaarfarbener, hagerer Vierziger mit kummervollem Gesichtsausdruck, der auf einen Grübler schließen ließ. So kam das edle Outfit samt italienischer Schuhe und Markenhose nicht recht zur Geltung bei Horsts Versuchen, sich der holden Weiblichkeit zu nähern. Nach einigen sinnlos verstrichenen Stunden in Cafés, Restaurants und in Tanzlokalen beschlich ihn die Ahnung, es könnte an seiner Haarfarbe liegen, dass kein Blick länger an ihm hängen blieb, und er entschied sich zu einem radikalen Schritt: Er ließ sich das Haar färben. Pechschwarz, wenn schon, denn schon. Vor seinem geistigen Auge lief bereits der Film mit sich selbst in der Hauptrolle als geheimnisvollem glutäugigem Casanova, und er gefiel sich sehr gut dabei. Jeder Flirt beginnt mit einem Blick, und wenn dieser unter rabenschwarzen Strähnen hervorschoss, würde er hypnotisch wirken an Horst dem Frauenmagneten.

Die Prozedur beim Friseur dauerte lange, das war gut, denn sie stellte eine zeremonielle Handlung dar und die Metamorphose gelang auch perfekt. Als glänzender Rabe in Menschengestalt verließ Horst den Salon und schritt seinem neuen Leben entgegen.

Welch ein folgenschwerer Umbruch in seinem Dasein. Horsts selbstmitleidiges Stirnrunzeln trat nur noch deutlicher hervor, das Schwarz schien ihn noch mehr den Kopf einziehen zu lassen, und er wirkte faltig, finster und einfach nur alt. Anfangs wunderte er sich noch, war jedoch abgelenkt durch die eigene Unsicherheit, die sein neues Erscheinen in ihm erzeugte. Dann meinte, es sei Respekt, der die Leute zu anderen Tischen trieb, wenn er nach wie vor auf die Frau seiner Träume wartete. Schließlich schlich sich ein weinerliches Gefühl in sein Denken, weil ihm schwante, dass er einen Fehler begangen haben musste. Auch seine Bekannten hatten gespöttelt oder dezent geschwiegen, es war unerträglich. Wut auf die Menschheit und auf sich selbst stieg in ihm auf, zwang ihn zum eiligen Handeln. Horst griff diesmal selbst zum Friseurwerkzeug, der Haarschneidemaschine, eilig beim Discounter erworben.

Kahl wie ein Po, wagte er sich nach der radikalen Rasur nun gar nicht mehr unter die Leute, nur zum Einkaufen schaffte er es, und auch das nur mit Kopfbedeckung. Die Sache mit den Frauen war ihm gründlich verleidet. Dafür telefonierte er jetzt wieder mehr, denn die Abende waren einsam und unerträglicher als je zuvor. Der Fernseher hatte nur glückliche Paare und schöne Menschen, sie verfolgten ihn also bis ins eigene Wohnzimmer. Langweile breitete sich aus, er erinnerte sich an sein altes Telefonregister und rief endlich sogar lange verschmähte Freunde an. Er schrieb einen Brief, bald darauf einen zweiten, das hatte er ewig nicht mehr getan. Beim Schreiben an seine frühere Kollegin Stella konnte er gar nicht mehr aufhören und schüttete sein Herz aus auf diesem Wege. Er schickte den Brief doch tatsächlich ab. Ihm war ein wenig leichter.

Stella meldete sich telefonisch und schüttete sich aus vor Lachen. Beleidigt erst, dann bebend vor Zorn, wollte Horst die Leitung kappen, als er etwas in ihrem Lachen hörte, das sein Innerstes kitzelte, wie einst seine Haarsträhnen die Stirn gereizt hatten, man musste einfach hinfassen, um sie zu bändigen. Er schnauzte sie an, sie könne sich leicht lustig machen und merkte nicht, wie seine Hand über den Schädel strich, als wären noch Haare darauf.

Stella wirkte plötzlich ernsthafter, aber er meinte, ihr amüsiertes Lächeln zu ahnen, während sie ihm mit kleinen "Ahas" und "Hmmms" zuhörte. Wäre er nur nicht gleich so schroff gewesen! Er entschuldigte sich am Ende, welches allerdings zum Anfang geriet, denn schon eine Woche darauf trafen sich die Beiden in seinem Lieblingscafé.

Er schaute betroffen, weil sie schon wieder kicherte, als er die Mütze verheißungsvoll abnahm, doch dann sprang ihn die Komik seiner eigenen Geschichte derart stürmisch an, dass die Schwermut beleidigt buckelnd von dannen schlich und Platz machte für die folgende, heitere Zeit mit Stella.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
01. Oktober 2007

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Ein haariges Lesevergnügen


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Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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