Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...

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Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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Firehead

© Felicitas Elocin

Flirrende Hitze, Staub und die Trägheit des Sommers prägten den Morgen im tiefsten Alabama. Winzige Wölkchen zogen an dem blassblauen Himmel ihre Bahn und verschwanden am Horizont. Alan Mullholland saß in dem verbeulten Greyhound-Bus. Jeder Kilometer, der unter den profillosen Reifen des Vehikels starb, brachte den jungen Mann der Vergangenheit, der er so lange ausgewichen war, näher. Alan fürchtete sich vor der Begegnung mit dieser Vergangenheit; es hieß den Gorgonen ins Gesicht schauen zu müssen.

Alan fuhr zu seinem sterbenden Vater, zurück nach Trussville. Ein Telegramm seiner Mutter riss ihn vor zwei Tagen aus seiner Idylle in Idaho, der Stadt Oak Ridge, aus seinem Seelenfrieden, machte ihn wieder zu einem Gejagten:

"Vater stirbt. Er verlangt nach Dir. Gruß. Ma"

Die dürren Worte auf dem Papier stürzten den Empfänger des Telegramms in die dunkelsten Abgründe seiner Seele. Alte Wunden, die nie ganz verheilt waren, brachen wieder auf, eiterten erneut und vergifteten das Blut des jungen Mannes. Als 17-Jähriger riss Alan damals von zu Hause aus, lief fort bei Nacht und Nebel und ließ alles hinter sich, was ihm damals die Luft zum Atmen nahm, verließ aber auch den Menschen, den er liebte. Jetzt, 10 Jahre nach der Flucht aus den Zwängen seines Elternhauses, pochte Alan's Herz beim Gedanken an seinen despotischen Vater immer noch vor Angst. Der blasse Mann grinste freudlos. Selbst jetzt, am Rande des Todes, schaffte es der Alte immer noch ihn einzuschüchtern. Die Bilder der Vergangenheit überfluteten Alan wie eine grüne, klare Woge.

Er sah sich als kleinen Jungen, trotzig vor seinem riesig aufragenden Vater stehen, der ihn anbrüllte und drohend seine schwielige Hand mit den dreckigen Nägeln erhob, die dann auf die rechte Wange des Kindes hinabsauste, dann lag der kleine, vor Hass und Schmerz heulende Junge im dunklen Staub des Innenhofes. Spike, der altersschwache, schwarze Mischlingsrüde, kroch winselnd auf das Kind zu und leckte ihm über die geschundene Wange, so, als ob er damit Trost spenden wollte. Der Junge verbarg sein Gesicht in dem zotteligen, weichen Fell des Tieres und spürte das beruhigende Pochen des Hundeherzens. Hier war ein Wesen, das ihn liebte, ohne Vorbehalt und grenzenlos. Alan war damals der Meinung, dass auch er nur den Hund lieben würde, aber das stimmte nicht ganz. Ein neues Bild stieg vor seinem inneren Auge empor und brachte seiner aufgewühlten Seele etwas von dem so ersehnten Frieden zurück: Firehead.

Die dürre Gestalt eines hochgewachsenen Mädchens erschien in seiner Erinnerung, er sah ein weißes, klares Gesicht, das beherrscht wurde von großen, grünen Augen und einem schön geschwungenen Mund, ein Gesicht, eingerahmt von langen, tizianroten Haaren. Firehead! Alan's Herz wurde schwer und er spürte wie Tränen in seine Augen traten, Tränen, die Firehead galten, einer lang verlorenen Freundschaft, einer ungenutzen Chance und einer ewig in seinem Herzen ruhenden Sehnsucht. Firehead tröstete ihn nach den gewalttätigen Auseinandersetzungen mit seinem Vater, sie kühlte seine blauen Flecken mit ihren weichen Händen, hielt ihn so lange in ihren Armen, bis der alles erstickende Groll in Alan abflaute und Trauer Platz machte, die ihn einhüllte wie ein Leichentuch und auch seinen Zorn bedeckte. Firehead wiegte ihn dann, wie ihn eigentlich seine Mutter wiegen sollte, diese war aber meistens in Lethargie versunken war, betäubt von ihren Beruhigungspillen.

Firehead, das große, schmale Mädchen von der ärmlichen Nachbarsfarm tröstete ihn, war Freundin, Beraterin und ruhender Pol in Alan's unstetem Leben. Firehead verstand es seinen Kummer zu lindern, ihm das Lachen wieder zu schenken, seine Gedanken waren ihre Gedanken. Der große, fast hagere Mann starrte versonnen aus der schmierigen Fensterscheibe des Busses. Es war ihm, als stünde Firehead dort am staubigen Straßenrand, das glänzende, rote Haar umtanzte ihren Kopf, so wie damals, als er sich in jener kalten Vollmondnacht von ihr verabschiedete. In dem hellen Licht des Mondes sah er ihre schönen Augen, eine einzige Träne glitt ihre linke Wange herab als sie verstand, dass es vielleicht ein Abschied für immer sein würde.

Alan spürte, wie sein Herz schwer wurde. Er wollte aufschreien, seinen Hass herausbrüllen; er verfluchte seine Eltern, die ihn zu diesem Schritt trieben, ihn dazu zwangen, das Liebste, was er auf Erden besaß, verlassen zu müssen. "Komm mit mir." bat er Firehead eindringlich, doch sie schüttelte nur leicht den Kopf und verbarg ihr Gesicht in der Dunkelheit. Niemals würde sie mit ihm gehen können. Ihr Vater brauchte sie. Firehead's Mutter war bei der Geburt ihres einzigen Kindes gestorben. Das kleine rothaarige Mädchen war für den jungen Witwer das Wertvollste, was er auf Erden besaß. Er hütete das Kind wie seinen Augapfel, las ihm jeden Wunsch von den Augen ab. "Ich kann Pa nicht verlassen", flüsterte Firehead mit tränenerstickter Stimme. Der junge Mann sah auf seine Freundin und ein neues Gefühl stieg ihn ihm auf, Verlangen und eine tiefe Liebe, die mit Macht sein Herz erfüllte und ihn sprachlos machte. "Ich liebe Dich, Firehead", sagte Alan fast verwundert. Das junge Mädchen trat auf ihn zu und legte ihre Arme um seinen Hals. "Ich liebe Dich auch", erwiderte sie und lachte freudig. Beide umarmten sich und verharrten so lange Zeit. Sie spürten den Herzschlag des anderen und niemals war ein Moment ihrer Zweisamkeit so voller Zauber und Magie, wie jenes letztes Treffen unter der alten Trauerweide.

Es war das letzte Mal, dass er Firehead in seinen Armen hielt. Im Frühjahr darauf starb sie bei einem Autounfall, verursacht durch einen angetrunkenen Truckerfahrer, der den verbeulten, altersschwachen Buick übersah und in Sekundenbruchteilen in einen Klumpen brennendes Metall verwandelte. Firehead verbrannte in einem Feuerball, als der fast volle Tank des Wagens explodierte. Bei ihrer Beerdigung stand Alan vor dem gähnenden, schwarzen Loch und starrte auf den schlichten Eichensarg. Der blasse junge Mann warf eine einzelne rote Rose in das Grab. Er fühlte, dass sein wahres Ich mit dem schönen, jungen Mädchen gestorben war.

Alan kam zu spät. Als er in Trussville eintraf, war sein Vater bereits tot. Der junge Mann stand wieder in jenem Innenhof der elterlichen Farm, er sah die alte Trauerweide und die nunmehr baufällige Scheune und das windschiefe Wohnhaus. "Mein Junge." Alan drehte sich um und sah auf seine Mutter, sie wirkte unendlich müde und vorzeitig gealtert. Alan plagten Schuldgefühle. "Ma, es tut mir leid, dass ich Dich im Stich gelassen habe", sagte er einfach und sah seine Mutter um Verzeihung bittend an. "Es ist schon gut, Alan, es ist gut", beschwichtigte die alte Frau ihn und nahm ihren Sohn in die Arme. "Komm." Beide gingen in das Wohnhaus und betraten das Sterbezimmer, in dem der alte Mullholland aufgebahrt war. Der Tod schien ihm gnädig gesonnen zu sein, er zauberte in das Gesicht des Toten ein friedliches Lächeln. "Schlaf gut, Dad", verabschiedete sich sein Sohn schlicht.

Alan und seine Mutter saßen am Abend lange zusammen und ließen die Geister der Vergangenheit wieder lebendig werden. Als der Mond schon hoch am Himmel stand, umarmten sich Mutter und Sohn innig und wünschten sich eine gute Nacht. Bald herrschte Stille auf der kleinen Farm. Alan schlief in dieser Nacht tief und traumlos. Die verlorenen Jahre fielen von ihm ab. Er war wieder daheim.

Der erwachende Morgen hüllte die Landschaft in ein goldenes, friedvolles Licht. Alan stand am Fenster, sein Blick fiel auf die riesige Trauerweide am großen Löschteich. Er erstarrte. Die Zweige verfärbten sich, das saftige Grün des gestrigen Tages wechselte zu einem satten Braunton, der dann in einen Goldton überging. Die Sonne erhob sich über das Dach des baufälligen Schuppens, wo Alan mit Firehead die jungen Kätzchen gesucht hatte, die Maud, eine listige, graue Katzenmutter, versteckte. Die Kinder schlichen durch das wohlduftende Heu, bis ein verräterisches Mauzen das Versteck der Katzenkinder verriet.

Alan rieb sich ungläubig die Augen. Die Zweige der Trauerweide flammten plötzlich in einem Tizianrot auf, das er nur zu gut kannte. Die Zweige trugen das gleiche Rot wie Firehead's Haar! Der Mann erwachte aus seiner Erstarrung, stieg hastig in seine Jeans und lief mit nacktem Oberkörper nach draußen, so schnell ihn seine Füße trugen. Wenig später stand er ehrfurchtsvoll, staunend unter der alten Weide, deren tizianroten, herabhängenden Zweige fast liebkosend über seine nackten Schultern streichelten. Ein warmer, wohlduftender Wind kam auf und säuselte leise in der Baumkrone. Unter der Weide erschien jetzt eine nebulöse Gestalt, die langsam Form annahm. Alan's Herzschlag stockte. Firehead stand vor ihm, ihre Augen voller Licht und Wärme. Alan sah ihr schönes Gesicht mit dem leidenschaftlichen Mund, ihre grünen Augen, ihre hohe, schlanke Gestalt. "Ich werde auf Dich warten, wie lange es auch dauert", sagte die junge Frau, drehte sich dann langsam um. Alan wollte ihr nachlaufen, doch er wusste, dass er sie nicht mehr erreichen würde. Er musste warten, bis ihre Welt ihn rief.

Alan Mullholland verbrachte seinen Lebensabend in einem Seniorenheim namens "Evening-House". Er blieb ledig und war bald als kauziger, aber liebenswerter Einsiedler bekannt. Er vermachte sein Vermögen dem Waisenhaus des Ortes unter einer einzigen Bedienung: Seine sterblichen Überreste sollten nach Einäscherung unter der tizianroten Trauerweide an seinem Geburtshaus verstreut werden.

Die alte Trauerweide steht immer noch und trotzt den Naturgewalten und den Widrigkeiten des Lebens. In ihren Wipfeln fängt sich der Wind, der kühl von den nahen Blueridge Mountains weht. Kein Herbst, kein Winter nimmt der Trauerweide ihre ungewöhnliche Färbung: Die Zweige tragen 12 Monate im Jahr die außergewöhnliche, tizianrote Farbe.

Die Farm ist verlassen und dem Verfall preisgegeben. In ihr leben nur noch die Schatten vergangener Tage und die Erinnerung an Zeiten voller Liebe und Licht. In hellen Vollmondnächten, wenn der Winter naht und der Rauhreif die Blätter mit silbernen Fäden überzieht, ist jener Ort von einem Zauber, den man nicht in Worte fassen kann, man muss ihn erleben ...

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Eingereicht am
04. Oktober 2007

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Ein haariges Lesevergnügen


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