Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...

Unser Buchtipp

Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eine lange Reise

© Jenny Schwarz

Mensch, was sehe ich gut aus. Ich sehe so gut aus, dass ich mir überlege meinen Laptop vor einen Spiegel zu stellen damit ich mich immer anschauen kann. Aber wenn ich den Computer so drehe, dass ich das Fenster im Rücken habe, kann ich mir die Spiegelung meines Kopfes im Monitor anschauen. Nein, dafür ist der Bildschirm zu matt. Ich bin nicht immer so eingebildet. Sie können ruhig weiterlesen! Ich bin nur so glücklich, weil ich beim Friseur war. "So, so, beim Friseur war sie!" Ja, genau dort. Ich war zwei Stunden dort und habe meinen runden Kopf in die Hände einer wahren Künstlerin gelegt. Ich sehe gut aus. "Super, das freut mich für die gute Frau, aber was ist daran so ungewöhnlich?" Halloho?!? Ich gehe davon aus, das derjenige der das gerade gedacht oder vielleicht sogar laut ausgesprochen hat (Dann drücke ich ihnen mal lieber ganz fest die Daumen, dass sie sich nicht gerade in einer voll besetzten Straßenbahn befinden) ein Mann ist oder vielleicht eine Frau die, möge Gott sie schützen, nie zum Friseur geht. Ich gehe gerne zum Friseur auch wenn die Chance, dass ich gut aussehe, nachdem ich den Salon verlassen habe, bei 50% liegt. Für dieses Phänomen gibt es drei Erklärungen.

  1. Vielleicht liegt es an mir, das ich ein Bild in meinem Kopf von meiner neuen Frisur habe und ich einfach nur zu dämlich bin mich richtig auszudrücken. (Das wäre dann wohl auch die Erklärung dafür, falls irgendjemand mein Anliegen in dieser Geschichte nicht versteht.)
  2. Die Friseurin hat ihre eigene Vorstellung von einer Frisur die sie mir gerne verpassen würde und während sie so vor sich hin schneidet, verkauft sie mir ihren Schnitt als den, den ich mir eigentlich gewünscht hatte.
  3. Mein Kopf ist zu rund und meine visuelle Wahrnehmung von mir, wenn ich mich im Spiegel sehe, ist verzerrt.

Nein, ich weiß es nicht. Wirklich! Ja, mein Kopf ist rund. Habe ich da etwa ein Kichern gehört? So lustig ist das aber auch nicht. Ich kann so viele Frisuren nicht tragen. "Das ist doch nicht dramatisch", sagen sie! Ach ja, dann haben sie mich noch nie gesehen, wenn ich mir meinen Pony nach hinten auf meinen Kopf gestrichen habe. Da würden sie nicht mehr lachen. Erschauern würden sie. Jawohl, erschauern! "Seit wann können Melonen reden?", würden sie schreien und sich danach für mehrere Jahre in psychiatrische Behandlung begeben. Wie gerne würde ich diese schönen neuen Frisuren tragen mit zurück gekämmten Haaren. Und was denken sie, wie lange ich kämpfen musste um an meinen Pony zu kommen? "Nein, das werde ich ihnen nicht schneiden. Ihnen steht kein Pony." Immer wenn ich mal etwas Neues und total Ausgefallenes auf meinem Kopf ausprobieren wollte (wie zum Beispiel einen Pony) und ich schon tagelang vor dem Friseurtermin aufgeregt war und nicht schlafen konnte, kam ich mit der gleichen Haarlänge, nur leicht gestuft nach Hause. Kein Mensch hat dann überhaupt gemerkt, dass ich mir meine Haare habe schneiden lassen. Irgendwann wurde ich dann mutig. Ich tat etwas, was für eine Frau ein sehr großer Schritt ist. Ich verließ meinen Friseur. Es war nicht einfach, und es passierte auch nicht von einem Tag auf den anderen. Ich fühlte mich dort wohl, auch wenn ich viel Geld dafür zahlte um so auszusehen, als ob ich nie beim Friseur gewesen sei. An einem schönen Tag ging ich in ein neu eröffnetes Einkaufszentrum in unserer Stadt. Ich schlenderte so vor mich hin, glücklich, weil ich schon eine exzessive Shoppingtour hinter mir hatte, als ich ihn erblickte. Der strahlend schöne Friseurladen mit moderner Inneneinrichtung und vielen hübschen, schwarz gekleideten Frauen, welche die neuesten Frisuren auf ihren Köpfen zur Schau trugen. Da wollte ich hin. Hier wollte ich Stammkundin sein und Kaffee trinken während ich mit meiner Lieblingsfriseurin tratsche, die liebevoll meine Haare in ein Gesamtkunstwerk verwandelt. Ich war ganz aus dem Häuschen. Ich lief schnurstracks auf die Theke zu, welche als "Rezeption" diente. Vielleicht rannte ich auf dem Weg dorthin ein oder zwei Menschen um, bei denen ich mich auf diesem Wege herzlichst entschuldigen möchte. Aber ich hoffe, dass sie mir verzeihen können, nachdem sie jetzt gelesen haben in welcher psychischen Extremsituation ich in diesem Moment gesteckt habe. Und was jetzt kommt, werden sie mir bestimmt nicht glauben, aber ich schwöre bei meiner neuen Frisur, dass dies wahr ist. Ich komme zur Theke und frage, ob man einen Termin bräuchte oder einfach so dran kommen könnte um sich seine Haare schneiden zu lassen. Und dann wurde mir mit einer engelsgleichen Stimme (ja, ja, ich bin jetzt etwas theatralisch) gesagt: "Eigentlich braucht man einen Termin, aber sie haben Glück. Vor 10 Minuten hätte eine Kundin da sein müssen, aber wenn sie in 15 Minuten nicht hier ist, könnten Sie diesen Termin bekommen." Mein Herz klopfte und ich begab mich mit zittrigen Knien in den benachbarten Buchladen. Ich konnte mich auf keines der vielen Bücher konzentrieren weil ich immer zum Friseurladen rüber schielte und jede Frau verfluchte die in dessen Nähe herumlief. Das waren wohl die längsten 15 Minuten meines Lebens. Meine mündliche Mathematikprüfung war im Gegensatz hierzu nur etwa 2,7 Sekunden lang. Ich ging wieder zur Theke und die Dame dahinter strahlte mich an. Die Frau sei nicht aufgetaucht und ich könne den Termin haben, säuselte sie. Ich strahlte und bedankte mich. Ich glaube ich wurde sogar ein bisschen rot und kicherte leicht. Genauso als ob ein Mann, den man so toll findet, auf einen zukommt und fragt ob man mit ihm einen Kaffee trinken wolle. Ich wurde zu einem Stuhl gebracht und es war wie in meinen kühnsten Träumen! Die Friseurin tratschte mit mir, während ich meinen Kaffee trank und sie mir meine Haare in ein Kunstwerk verwandelte. Nach diesen zwei Stunden sah ich einfach toll aus. Ich strahlte, war entspannt und hatte meinen Koffeinpegel stabilisiert. Und jetzt, das Beste. Halten Sie sich fest! Ich hatte endlich meinen Pony und musste mich selbst loben. Ich sah einfach toll aus!

Heute bin ich noch immer bei demselben Friseur und bin Stammkundin. Jedoch habe ich eine andere Friseurin. Auch mit ihr tratsche ich während ich meinen Kaffe trinke. Und sie macht Sachen mit meinen Haaren die ich hier nicht näher erläutern möchte. Gestern war ich wieder bei ihr und ich kann mich an meinem runden Kopf gar nicht mehr satt sehen. Ich sehe gut aus, und das ist auch gut so.

Es war eine lange und manchmal auch qualvolle Reise. Doch sie hat sich gelohnt. Ich bin am Ziel. Na ja, solange ich den Friseurladen mit dem Kopf verlasse für den ich schließlich auch bezahle.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
06. Oktober 2007

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Ein haariges Lesevergnügen


Noch mehr haarige Geschichten finden Sie in dem Buch, das aus unserem Wettbewerb "Abenteuer im Frisiersalon" hervorgegangen ist.

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