Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...

Unser Buchtipp

Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Abenteurerin des Amazonas

© Olympe Lully

Johanna stand vor dem Friseursalon, rauchte und überlegte. 30 Euro für einen Haarschnitt waren nicht billig. Leisten konnte es sich die Schülerin nur einmal im Jahr, und deshalb musste ein so gravierender Eingriff gründlich überlegt sein.

Nur drei Zentimeter kürzer, oder konnten es ein bisschen mehr sein? Gestuft oder glatt? Pony oder nicht Pony? Das waren die Fragen. Es war unfruchtbar, über Strähnchen oder gar Färben zu philosophieren. Ihre Eltern würden austicken, und wenn sie etwas nicht gebrauchen konnte, dann war das mehr Stress.

Sie schnippte die Zigarette zu Boden, trat sie heftiger aus als es angemessen war und zündete sich die nächste Kippe an. Sie konnte den warmen Rauch ihren Rachen hinabströmen fühlen. Jedes Mal hasste sie das. Die beruhigende Wirkung blieb schon lange aus. Wie sie den Tag, an dem sie die erste Zigarette geraucht hatte, verfluchte. Doch das half jetzt auch nichts mehr. Es war zu spät. Sie musste wohl oder übel mit ihrer Sucht leben, wenn man den Gesundheitsterroristen glauben durfte, musste sie das wenigstens nicht mehr allzu lange.

Die Schule lief gar nicht gut. Das heißt eigentlich, rein objektiv gesehen, lief sie ganz gut. Aber "ganz gut" reichte niemals aus, um den Traum ihrer Eltern, dass sie Medizin studierte, zu erfüllen. Verdammt, sie war nicht wie ihr stets korrekter, stets perfekter Bruder, der Jura studierte und jetzt ganz bestimmt brav neben seiner Freundin, natürlich einer genauso perfekten und korrekten Mikrobiologiestudentin, lernte.

Sie bemühte sich wirklich ihren Bruder zu kopieren, um ihre Eltern nicht zu enttäuschen. Doch es war sinnlos. Sie sollte aufgeben!

Die Zigarette fiel ihr aus der zitternden Hand. Mist! Sie klaubt noch eine Fluppe aus ihrer Jackentasche und mühte sich eine ganz Minute mit ihrem verfluchten Feuerzeug ab, bis sie endlich die dumme Kippe angezündet hatte.

Doch die ganze Zeit leuchtete die Idee über ihr wie eine Glühbirne an dem dunklen, nass-kalten Herbstabend. Vielleicht sollte sie wirklich das Abitur schmeißen. Was machte sie sich eigentlich vor? Das Lernen machte ihr keinen Spaß und zu fiel es ihr schon gar nicht. Vor allem Mathe! All diese dämlichen Zahlen und diese noch viel dämlicheren Formeln, dass war für sie ein Buch mit 13 Siegeln.

Was würde passieren, wenn sie ihren Eltern eröffnete, dass sie …, dass sie … ja was eigentlich? Auf jeden Fall alles schmeißen wollte? Neu anfangen wollte? Sie würden austicken. Und wenn es ihr egal war? Wenn sie es trotzdem tat? Oder besser, wenn sie es heimlich tat? Wenn sie einfach abhaute?

Sie könnte sich genau jetzt, in diesem Augenblick, die Haare schwarz färben und glätten. Man würde sie nicht mehr erkennen. Anschließend könnte sie nach Hause, die Tasche packen, den Pass holen und ab ging es nach Südamerika. Ihr Verschwinden würde erst spät am Abend auffallen, wenn ihre Mutter kaputt und mies gelaunt nach Hause kam. Ihr Vater war auf Dienstreise, natürlich. Sie könnte zum Amazonas und bei den Indianern leben. Sie würde einen Roman schreiben, der sofort zum Bestseller würde, ganz sicher. Und dann würde sie als erfolgreiche Schriftstellerin nach Hause zurückkehren und ihre akademischen Eltern und ihren perfekten Bruder mitsamt seiner Mikrobiologiestudentin auslachen, weil sie im Leben nicht halb so viel verdienten, wie sie mit ihrem Buch. Ja, so würde sie es machen. Haare färben und glätten, fortgehen und erfolgreich wiederkommen.

Sie trat hastig ihre Zigarette aus und ging - entschlossen, ihr Leben zu verändern - in den Friseursalon. Eine kaugummikauende Friseuse kam gleich auf sie zu. Johanna war die einzige Kundin. "Ja bitte. Was kann ich für Sie tun?", fragte sie gelangweilt. "Ach schneiden sie mir nur die Spitzen", sagte Johanna kleinlaut und ließ sich auf den nächstbesten Stuhl sinken.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
13. Oktober 2007

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Ein haariges Lesevergnügen


Noch mehr haarige Geschichten finden Sie in dem Buch, das aus unserem Wettbewerb "Abenteuer im Frisiersalon" hervorgegangen ist.

Abenteuer im Frisiersalon Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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