Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...

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Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Die dunkle Stunde

© Birge Laudi

Schwer lastete die Nacht auf mir. Unter Träumen voller Grauen und Angst hatte ich mich unruhig herumgeworfen, schreckte immer wieder auf, wälzte mich von einer Seite zur anderen, fand keine Ruhe, keinen erholsamen Schlaf. Trug die Matratze Schuld an meinen Träumen, war sie es, die mich nicht zur Ruhe kommen ließ? Sie knisterte und sie raschelte und flüsterte und im Halbschlaf vermeinte ich, eine Botschaft ginge von ihr aus.

Und wieder riss es mich aus Traum und Schlaf. Mit einem Ruck setzte ich mich auf und im Hin und Her der weichenden Traumbilder flüsterten die Geister der dunkelsten Stunde der Nacht: Die Matratze ist's. Sie ist aus Menschenhaar. Riech es! Fühl es!

Ich roch es, ich fühlte es. Mit rasendem Herzklopfen sprang ich aus dem Bett. Stand zitternd in Dunkelheit und Kälte.

Die alte Standuhr in der Diele schlug dreimal. Die dunkelste Stunde der Nacht brach an.

Verwirrt und noch immer gefangen in wilden Traumsequenzen kämpfte ich mich durch das Niemandsland zwischen Traum und Wirklichkeit. Mühsam nur tauchte ich empor, ließ ich mich vorsichtig auf die Bettkante sinken. Erst dann wurde mein Geist klar und ich begriff, dass ich nur geträumt, dass ich im Schlaf wieder dem begegnet war, was ich am Tag zuvor gesehen und gehört hatte.

Ich war in Nürnberg gewesen, hatte das Dokumentationszentrum auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände besucht, hatte all die verstörenden Bilddokumente über das Dritte Reich gesehen. Nur schwer hatte ich die Bilder aus den Konzentrationslagern, die Fotos der zu Skeletten abgemagerten Menschen, der Berge von Leichen ertragen können. Zutiefst aufgewühlt aber hatte mich die Dokumentation der totalen Verwertung der Toten aus den Gaskammern. Eine Verwertung ohne Abfall. Neben all den widerwärtigen und pietätlosen Taten, dem Verstreuen der Asche als Düngemittel, ihrem Einsatz als Unterlage für den Straßenbau oder als Dämmmaterial für Lagerbauten, berührte mich tief im Herzen das gesammelte Haar der Ermordeten.

Davon hatte ich nichts gewusst. Ich musste mir eingestehen, dass mir das Ausmaß der Unmenschlichkeit nicht bewusst gewesen war und wie wenig ich darüber nachgedacht hatte.

Zwar erinnerte ich mich daran, dass man in meiner Kindheit nicht nur von Lampenschirmen aus Menschenhaut gesprochen hatte, sondern auch von dem Haar jüdischer Frauen als Matratzenfüllung. Damals, als ich noch ein Kind war, hatte ich diesen Schilderungen keine große Aufmerksamkeit geschenkt, auch wurden sie mir ja nicht als eine böse Tat angetragen, sondern oft unter Lachen erzählt. Und doch waren mir die Geschichten im Gedächtnis geblieben und stiegen erst jetzt beim Besuch im Doku-Zentrum aus den Tiefen verschütteten Wissens empor. Und erst jetzt erfuhr ich von dem ganzen Ausmaß der Menschenverachtung.

Nach dem Besuch der Ausstellung hatte ich recherchiert, wollte schwarz auf weiß sehen, was mein Innerstes sich weigerte zu glauben. Tief erschüttert musste ich lesen, dass die Befreier von Auschwitz-Birkenau am 27. Januar 1945 neben all dem Fürchterlichen und dem kaum zu beschreibenden Grauen auf sieben Tonnen gesammeltes Menschenhaar gestoßen waren. 45 000 Säcke voller Frauenhaar. Es war das Einzige, das nach der Verwertung ohne Abfall von den Ermordeten übrig geblieben war.

Bei dem Gedanken an diesen Berg von Haaren, fasste ich mir entsetzt in mein schütteres, dünnes Altershaar. Wie viele Gramm mochten auf meinem Kopf wachsen? Wie viele Frauen mussten geschoren werden, damit sieben Tonnen Haare zusammen kamen? Und was mochte das für die Einzelne bedeutet haben, kahlgeschoren zu werden? Es fiel mir unsagbar schwer, mich in die Lage dieser unglückseligen Menschen zu versetzen.

Das Haar, so schien mir, habe eine direkte Verbindung zur Seele des Menschen. So manches Mal entschied es über Glück oder tiefe Niedergeschlagenheit. Es unterstrich die Schönheit einer Frau und ihm galt unendlich viel Pflege. Was gaben die Menschen an Geld aus, um schönes Haar zu haben! Eine ganze Industrie lebte vom menschlichen Haar.

Und genauso lebte eine ganze Industrie in den Jahren von etwa 1940 bis 1945 vom menschlichen Haar. Es war eine völlig andere Industrie, als heute. Nicht um Shampoo und Festiger, Gel und Farben für das Haar, nicht um Schmuck, Perücken und Haarteile ging es beim Haar der KZ-Opfer. Es ging um die industrielle Verwertung des Naturproduktes Haar. Man verwendete es zur Herstellung von Filz für die Kriegsindustrie, es wurde zu Seilen gedreht und zu Garn versponnen, diente als Matratzenfüllung und zur Produktion von Leintüchern und anderen Stoffen.

Die industrielle Verwertung des Menschen war so fern dessen, was ich bislang über den Holocaust gewusst hatte, dass ich kaum fähig war, es in einen Bezug zu den Opfern zu bringen.

Fröstelnd saß ich auf der Bettkante und zog mir die Decke um die Schultern. Wie sooft waren es die Details, die mich erst das ganze Ausmaß einer Tat begreifen ließen. Während die nächtliche Kälte in meine nackten Füße kroch und ich ins Dunkel starrte, in der Hoffnung, irgendwo einen kleinen Lichtschimmer zu erhaschen, versuchte ich meine Gedanken zu ordnen.

Steckte hinter der profanen Verarbeitung des Haares etwas ganz anderes als der reine Profit? Eine bewusste Entwürdigung des Menschen vielleicht, dem man, so er Jude war, lediglich das Recht zubilligte, ein Naturprodukt zu liefern? So als schere man einem Schaf die Wolle?

Ich wusste wenig, kaum etwas las ich über die wirklichen Beweggründe von Menschen aus der Generation meiner Eltern. Was hatte sie veranlasst, sich in maßlosen Grausamkeiten auszutoben?

Sinnend schloss ich die Augen, so als könne dann das Dunkel um mich her nicht in meine Seele dringen. Nein. Ein Schaf wurde nicht dadurch entehrt, dass man ihm die Wolle nahm. Man raubte ihm damit nicht die Würde, denn es war seine Aufgabe von Natur aus, den Menschen mit einem Naturprodukt zu versorgen. Doch weshalb schnitt man den jüdischen Frauen im KZ das Haar ab, bevor man sie tötete? Da musste es doch um weit mehr gegangen sein, als um das Naturprodukt und seine Verwertung zum Wohle des Volkes.

Wie immer, wenn mich ein Eindruck allzu sehr bedrängte, hatte ich begonnen, die Gedanken wandern zu lassen, den Gegenstand meiner Qual in weiten Schleifen zu umkreisen, ohne ihn ganz aus dem Bewusstsein zu entlassen. Ich suchte in meinen Überlegungen nach einer Erklärung für die Grausamkeit, wollte verstehen. Die Spiralen meiner Gedankengänge streiften so manches, von dem ich glaubte, es habe zu dieser, mich an eine Art von Kannibalismus gemahnenden Form der Menschenverwertung geführt. Wieso aber gerade das Haar?

Hatte man, wie im Alten Testament beschrieben, Angst vor der Stärke eines Simson wie einst die Philister, die Unbeschnittenen? Musste man, wie diese dem Simson, das Haar abschneiden, um den jüdischen Menschen die Kraft zu rauben? War es die biblische Geschichte von Simson und Delila, die die Handlungen derer beeinflusste, die die Vernichtung der Juden geplant hatten?

Meine Gedanken schweiften ab vom Alten Testament hin zu einer Erinnerung aus meiner Kindheit. Damals hatte ich die Bücher von Karl May verschlungen und nun dachte ich daran, wie es die Indianer mit ihren Feinden gehalten hatten: Sie rissen dem Besiegten das Haar vom Kopf, hängten sich triumphierend den Skalp des Feindes an den Gürtel. Für diese Naturvölker war das Haar der Sitz der Seele und der Lebenskraft. Hatte der Siegreiche den Besiegten seines Haares beraubt, so ging in seiner Vorstellung dessen Kraft auf ihn über. Der Unglückselige aber hatte mit dem Haar auch seine Seele verloren, konnte nicht in die ewigen Jagdgründe eingehen.

Wie viele der Schergen in den KZs hatten als Kinder die Bücher Karl Mays gelesen? Welche Kraft vermuteten sie in den jüdischen Frauen, von der sie hofften, dass sie auf sie überginge, wenn sie ihnen das Haar abschnitten? Sind sie vielleicht unbewusst davon ausgegangen, ihnen damit auch die Seele zu rauben, ihnen den Weg in ihre 'ewigen Jagdgründe' zu verwehren?

Viele Fragen, auf die ich keine Antwort fand. Ich war traurig, wusste nichts über den Jenseitsglauben im Judentum, wusste nicht, wie tief das Abschneiden der Haare die Frauen verletzen musste, bevor sie den Weg in die Gaskammern antraten. Je länger ich grübelte und die Berge von Haar in Gedanken umkreiste, begann das Grauen über das Schicksal der geschundenen Frauen sich zu einem Grauen vor der Grausamkeit der Täter zu wandeln. Wie Schafe hatten sie die Menschen geschoren und zur Schlachtbank ins Gas getrieben.

Mechanisch strich ich, ohne mir dessen bewusst zu sein, über mein Kissen, über das Leintuch und die Matratze. Wie eine Liebkosung. Als wollte ich die entehrten und ermordeten Frauen trösten. Meine Empörung, mein Entsetzen und der Hass auf die Täter wich allmählich einer tiefen Zuneigung zu den Frauen, deren Haar man in großen Säcken in einer Lederfabrik gestapelt gefunden hatte. Mit diesen 45 000 Säcken voller Haar wurde den jüdischen Frauen eine Unsterblichkeit zuteil, die so sicher nicht beabsichtigt gewesen war. Die Frauen konnten getrost in ihre 'ewigen Jagdgründe', wie auch immer sie sich diese gedacht hatten, einziehen. Ihr Haar war nicht mehr in Händen der Sieger. Es hatte sie überdauert und klagte sie noch nach Jahrzehnten an. Wie bei Simson schien ihr Haar nachgewachsen zu sein, ließ die Toten ihre alte Stärke wiedergewinnen.

Im anbrechenden Morgen, als die Schatten der Vergangenheit durchdacht und eingeordnet und einer bestürzenden Liebe gewichen waren, legte ich mich wieder auf das Kissen, auf Leintuch und Matratze und schlief trotz der dunklen Stunden in der Nacht und im Leben so vieler Menschen wieder ein. Die Erschöpfung gab mir den Schlaf zurück.

Während ich in den morgendlichen Schlummer hinüber sank, hoffte ich, den ermordeten Frauen durch meine Liebe einen winzig kleinen Teil der ihnen zustehenden Ehre wiedergegeben zu haben. Unvergessen und geliebt zu sein. Mehr war mir nicht möglich und in den Augen manch eines Unbelehrbaren mochte auch das Wenige schon zuviel sein.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
22. Oktober 2007

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Ein haariges Lesevergnügen


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