Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...

Unser Buchtipp

Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Wimpernschlag

© Lisa Weichart

Er wirkte, als sei er soeben aufgestanden: Verwuscheltes Haar, zerknittertes T-Shirt, der Blick traumverhangen. Weil Thomas noch keine vierzig war, wirkte sein Anblick auf Frauen noch jungenhaft, und manche reagierte darauf unbewusst mit mütterlicher Zuneigung. Ein Gefühl süßer Wärme ist das, es kommt aus uralten Tiefen, es ist schwer zu erahnen, weil es alt ist wie das Leben.

Wäre Thomas älter gewesen, hätte er einfach nur zerknautscht ausgesehen, je nach Stimmung der Betrachterin vielleicht gar ungepflegt. Instinktiv nutzte er jedoch seine Chancen und ging halbfertig und zottelig unter die Leute, wenn er das Bedürfnis nach einem Flirt spürte.

Die hübsche Rothaarige am übernächsten Cafétisch hatte ihn schon im Visier, Thomas fuhr sich durchs flachsblonde Haar, um zu zeigen, wie machtlos er so alleine gegen diesen unbändigen Wildwuchs auf seinem Kopfe war.

Ihre Blicke trafen sich über den Köpfen der Frühstückenden, sie lächelte nett und er grinste spitzbübisch zurück, kleines Jagdfieber im Hals pochend. Als er sich ihr Sekunden später ein zweites Mal wie beiläufig zuwendete, bemerkte er erstaunt, dass sie gar nicht mehr weggeschaut zu haben schien und er stutzte. Gefiel er ihr etwa so augenscheinlich, war seine Wirkung derart elektrisierend? Es ging alles zu schnell, warnte sein Bauch, darum dehnte er die Brust, ihm wurde für den Moment wohler.

Aber so unverhohlen habe ihn allerdings noch nie eine Frau taxiert, grummelte es nach weiteren Sekunden aus der Magengegend. Die Frau lächelte immer breiter, er sah ihre Zähne blitzen und witterte einen Hauch namenloser Gefahr.

Um etwas Ablenkendes zu tun, machte er sich eilig, aber um Lässigkeit bemüht, auf den Weg zur Toilette, ein ohnehin notwendiger Gang. Die Augen gehorchten ihm nicht, er sah sie keineswegs vielsagend an wie vorgehabt, sondern schloss obendrein die Toilettentür etwas zu laut hinter sich.

Peng! Aus dem Spiegel kicherte zügellos albern die Realität: In seinem Haar, über dem linken Ohr, an der Stelle, die er nicht mit den Fingern durchpflügt hatte, prangte die helle Masse, die Vögel gemeinerweise oft fallen lassen. Vogeldreck: klebrig, peinlich, beschissen. Hastig entfernte er ihn mit Toilettenpapier und viel Wasser, rubbelte sich ärgerlich trocken und ging möglichst würdevoll aber blickleer zu seinem Platz zurück. Sie war noch da, nur ihr Schmunzeln war verschwunden, denn sie hatte mit fremden Bewegungen zu schreiben begonnen und saß nun abweisend weil konzentriert über ihren Block gebeugt.

"Verdammt, die Vogelgrippe soll den Scheißer holen!", sagte Thomas mit seiner inneren Synchronstimme und spülte die Wut mit dem letzten Schluck Kaffee hinunter, bitter und kalt. Er zahlte - sie sah nicht auf; er tappte zum Ausgang, gewohnheitsgemäß noch immer den verschlafenen Jungen mimend - sie zog nur mit ihrer Schreibhand Kurven wie Schrift übers Papier, wie Herzkurven, registrierte er ärgerlich. Er ging hinaus, drehte sich im Türrahmen noch ein Mal um, vielleicht hatte er etwas vergessen?

Da flog ihr wieder erwachtes Lächeln so überraschend herbei, dass er meinte, Funken sprühen zu sehen. Umwirbelt davon verließ er - nun wirklich taumelig - das Café und stackste in die falsche Richtung, ohne es zu merken, denn sein Verstand verlangte gebieterisch nach Aufklärung.

So merkte er erst nicht, dass er ihr Lächeln aus dem Türspalt mit sich trug wie einen Duft; den ganzen Tag lang umfing es ihn immer wieder ganz fein. Erst, als auf dem Stadtplatz ein Schwarm Spatzen direkt vor ihm aufrauschte, nahm er im Flattern der unzähligen Flügelchen ihren Wimpernschlag noch einmal wahr.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
04. November 2007

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Ein haariges Lesevergnügen


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Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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