Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...

Unser Buchtipp

Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Die Verwandlung

© Sigrid Sierleja

Haben Sie schon graue Haare? Ja, haben Sie? Und außerdem eine beste Freundin, die Ihnen immer wieder sagt, wie alt Sie damit aussehen? Die fragt, ob Sie sie nicht mal färben lassen wollen? Oder wenigstens ein paar Strähnchen? Eigentlich wollen Sie das nicht, denn Sie stehen dazu. Schließlich sind Sie ja schon 47, und da sind ein paar graue Haare wohl normal, oder? Aber nach diesem Gespräch mit Ihrer besten Freundin mustern Sie sich dann doch öfter mal kritisch im Spiegel, aus dem Sie nach einiger Zeit tatsächlich eine graue Maus anschaut. Nach langem Nachdenken kommen Sie zu dem Schluss, dass eine andere Farbe vielleicht doch nicht schaden könnte. Da Ihre Friseurin fürs Färben echt viel Geld nimmt, und Sie nicht nur graue Haare haben sondern auch noch sparsam sind, beschließen Sie, am nächsten Tag in eine Drogerie zu gehen, um sich eine schöne neue Farbe auszusuchen. Eine, die nicht zu teuer ist; eine die sich leicht auftragen lässt, eine, die Sie verwandelt.

Als Sie am nächsten Tag in besagter Drogerie vor dem Regal stehen, müssen Sie allerdings feststellen, dass das alles doch nicht so einfach ist, wie Sie sich das vorgestellt haben. Es gibt mindestens 20 verschiedene Farben, mindestens 20 unterschiedliche Hersteller, somit auch mindestens 20 unterschiedliche Preise, und mindestens 20 unterschiedliche Arten, die Farbe aufzutragen. Ratlos stehen Sie davor. Aber schließlich wollen Sie doch keine grauen Haare mehr haben, oder? Also greifen Sie beherzt ins Regal, entscheiden sich für Hellgoldblond von "Garnie-graue-Haare-mehr", mittlere Preislage und ohne viel Aufwand aufzutragen. Sie gehen mit dem guten Gefühl nach Hause, ab Morgen bestimmt ganz anders auszusehen.

Natürlich steht die Packung erst mal wieder ein paar Tage auf der Ablage im Badezimmer, weil Sie einfach keine Zeit fürs Färben haben. Aber am nächsten Wochenende haben Sie Zeit und nehmen Ihr neues Styling gezielt in Angriff.

Sie öffnen beherzt die Packung, breiten alle Utensilien und Anweisungen vor sich aus und fangen langsam an zu lesen, damit Sie ja bloß nichts falsch machen. Als Erstes verlangt man von Ihnen, dass Sie sich die beigefügten Plastikhandschuhe überstreifen sollen, denn das Zeug ist ja pure Chemie, und Sie wollen ja weder die Augen noch die Haut verätzen, oder? Leider ist das nicht so einfach, da Ihre Hände absolut nicht in die dünne Plastikhaut gleiten wollen.

Sie blasen die Handschuhe auf, ziehen und zerren ein wenig, der rechte dehnt sich gefährlich - und reißt natürlich ein. Macht ja nichts, denken Sie, die Farbe wollen Sie eh mit der linken Hand auftragen.

Weiter geht es. Sie drehen eine kleine Plastikflasche auf, öffnen eine Tube mit einer ekelig riechenden Paste und drücken diese flink in die geöffnete Plastikflasche. Jetzt verschließen Sie diese wieder, schütteln sie wie Tom Cruise seine Cocktails im gleichnamigen Film, und schon kann's losgehen.

Vor dem Spiegel ziehen Sie mit dem Kamm schöne gerade Scheitel in Ihr Haar, denn besonders Ihre Haaransätze benötigen die Farbe. Nachdem Sie damit fertig sind, stellen Sie überrascht fest, dass die Plastikflasche nicht viel leerer geworden ist. Also verteilen Sie den Rest großzügig über den ganzen Kopf. Geschafft.

Die Haare stehen Ihnen wie einem Punk zu Berge, leider hat bei dieser Prozedur Ihr T-Shirt stark gelitten und auch das Waschbecken ist bekleckert. Das T-Shirt ist hin, aber es war eh ein altes, und das Waschbecken ist schnell geputzt.

In der Küche stellen Sie die Eieruhr auf 30 Minuten ein (laut Packung sind nur 20 nötig, aber bei so viel grauem Haar geben Sie lieber doch vorsichtshalber ein paar Minuten dazu). In der Zwischenzeit würden Sie gern etwas lesen, aber dann würden Sie nur die Bügel Ihrer guten Brille verschmieren. Also entschließen Sie sich zu spülen.

Als die Eieruhr klingelt, begeben Sie sich ins Badezimmer und versuchen wieder verzweifelt, den verbliebenen Plastikhandschuh überzustreifen. Es klappt - wie gehabt nach langem Ziehen und Zerren, allerdings ohne zu reißen -, Sie beugen sich über die Badewanne, drehen die Brause auf und versuchen, Ihre Haare leicht aufzuschäumen, wie es in der Anleitung steht. Wie verflucht noch mal soll das gehen? Eigentlich werden sie nur nass ohne aufzuschäumen, aber Sie können mit halb zusammen gekniffenen Augen sehen, dass eine unappetitliche Brühe in die Wanne läuft. Ihr Rücken bricht von der vorgebeugten Haltung schon fast durch, aber noch immer ist das Wasser nicht klar genug. Bevor Sie über der Badewanne völlig erlahmen, schmieren Sie sich noch schnell die unbedingt notwendige Jojoba-Kur aufs gebeutelte Haupt, warten ein paar Sekunden und spülen dann diese ebenfalls gründlich aus.

Sie greifen zum nächstbesten Handtuch, schlingen es zu einem kunstvollen Turban und versuchen unter Schmerzen, sich wieder aufzurichten. So, jetzt wird noch ordentlich gerubbelt, und dann können Sie endlich Ihr Werk im Spiegel begutachten.

Als Sie sich sehen, werden Sie erst blass, dann grau im Gesicht. Sie sehen tatsächlich ganz anders aus: Eine platinblonde Marilyn Monroe starrt Sie aus weit aufgerissenen Augen an!

Am nächsten Tag gehen Sie zu Ihrer Friseurin und lassen sich die Farbe für viel Geld wieder rausziehen. Sie sind mit dem Ergebnis halbwegs zufrieden. Bis Sie Ihre beste Freundin wiedertreffen ...

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
26. November 2007

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Ein haariges Lesevergnügen


Noch mehr haarige Geschichten finden Sie in dem Buch, das aus unserem Wettbewerb "Abenteuer im Frisiersalon" hervorgegangen ist.

Abenteuer im Frisiersalon Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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