Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...
eBook-Tipp
Doppelgänger Für 0,99 Euro als eBook bei Amazon

Ronald Henss
Die grasgrünen Haare
Amazon Kindle Edition
Dr. Ronald Henss Verlag
ASIN   B0050CPRX8
0,99 Euro

»»» Hier klicken und bei Amazon herunterladen

Unser Buchtipp

Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

beim Verlag bestellen
bei amazon bestellen

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Niemand hört dich, wenn du grau bist

© Fabienne Bischler

Es war ein Sonntagmorgen im Juni, an dem ich mein Leben verändern wollte. Ein stinknormaler, fast langweiliger Morgen. Es regnete. Dicke Regentropfen zogen Schlieren an die Fensterscheiben. Die Schere fühlte sich kalt am Hals an, wie Eis. Meine Augen starrten mich selbst entsetzt im Spiegelbild an. Ein leises Ratschen und die ersten Strähnen fielen auf die weißen, makellosen Fließen. Zauselige Strähnen ... immer mehr und mehr. Alle ... der Rasierer glitt leicht über den Rest am Rand. In der Mitte ließ ich einen großen Streifen meines straßenköterbraunen Haars zurück. Ein anderer Mensch starrte mich an. Der andere war ich. Das Gesicht, das aus dem blank geputzten Spiegel blickte. Ich klammerte meine Hände ums Waschbecken bis die Nieten am teuren Porzellan kratzten. Langsam fuhr ich mir über den Iro. Dann setzte ich die Nadel an die Nase. Ich schloss die Augen, biss die Zähne zusammen und stach fest zu. Blut rann mir warm über die Finger. Ich versuchte, nicht laut zu schreien. Schließlich saßen meine spießigen Eltern im Wohnzimmer und hielten Kaffeekränzchen mit unserer noch spießigeren Verwandtschaft. Ich ballte die Fäuste vor Wut und Schmerz von meinem do-it-yourself-piercing. Ich hasste sie alle. Ihr blödes Geschwätz, ihr "Du wirst eh nie was" oder " Wie kann so ein Penner wie du mein Sohn sein?" Geschrien in Rage. In Wut ... vielleicht sogar Hass. Ich hasste sie ... vor allem ihn. Meinen "Erzeuger." Er besaß diesen bestimmten verachtenden Blick, der nur mir galt. Mir dem Penner, dem verdorbenen Sohn, der die Firma nicht erben wollte, der Anzüge hasste, schlecht in der Schule war und Krachmusik hörte. Ich fuhr mein Spiegelbild mit dem Finger nach. Schmales Gesicht, braungrüne Augen, unauffällig. Kettenhemd, Nietenhalsband, Armband, Springerstiefel mit roten Schnürsenkeln. Kleiner blutverkrusteter Silberring im linken Nasenflügel und natürlich der frisch geschorene Irokesenschnitt. Ich wollte neu beginnen, ausbrechen. Ich war 15, ich hatte mich von meiner braven Schuljungenfrisur getrennt und ich war ein Punk.

Billys Kopf lag auf meinem Schoß. Sie schien zu schlafen. Ganz friedlich wirkte ihr Gesicht, wie das von einem kleinen Mädchen. Ich hockte auf der Straße, an eine schmutzige Mauer gelehnt. Der Boden war übersäht von Müll, leeren Bierdosen, löchrigen Schlafsäcken und den Erdnüssen, die Paul verleert hatte. Ich nahm einen großen Schluck aus meiner Dose. Es schmeckte schal und abgestanden. Mein Kopf dröhnte. Zu viel gesoffen, zu viel gekifft. stoned eben. Und kaputt. Kein Trip ... zum Glück. Billy murmelte leise im Schlaf. Ihr pinker Iro färbte sich an der Haarwurzel braun. Fast alle hatten braune Haare, langweilig, farblos, wie wir einst gewesen waren, bevor wir flüchteten. Aus unserem Leben, in das wir nicht hineingehörten, das wir nie gewollt hatten. Mein Iro war jetzt grün, neongrün und frisch gefärbt. Ich liebte die Farbe. Freak lag auf der Erde. Er steckte sich mit zitternden Fingern eine Zigarette in den Mund. Er musterte mich kurz kritisch, dann sagte er: "Du gehörst nicht richtig hierher ... auch wenn du unsere Frisur und unsere Klamotten trägst. Du solltest nach Hause gehen." Ich schüttelte heftig den Kopf. "Nie wieder gehe ich dahin zurück, nie wieder." "Wenn du meinst ... aber du gehst kaputt wie wir alle." Seine blauen Augen hatten die Farbe von Regenwolken. "Lieber kaputt gehen, als eingesperrt zu werden. Ich hab im Gefängnis gelebt, Freak. Nichts konnte ich denen recht machen. Er hat nur rumgestresst. So bald ich von der Schule heimkam. Wo warst du gestern Abend? Wenn ich dich noch einmal betrunken erwische, dann kommst du ins Internat. Aus dir wird nie was ... solche Sätze ... Mann, das hält kein Mensch aus!" Freak nickte und nahm einen langen Zug von seiner Zigarette. "So ist es immer ... alte Geschichte. Trotzdem.. ich warne dich, geh nach Hause, bevor es zu spät ist. Auf der Straße geht jeder kaputt." Freak war ein kleiner eher schmächtiger Kerl. Er hatte ein schmales, markantes Gesicht mit immer aufmerksam um sich blickenden Augen. Er trug ein Che Guevara Shirt und sein Kopf war mit Dreadlocks bewachsen, die er knallorange gefärbt hatte. Er sah nicht richtig aus wie ein Punk, mehr wie ein Revoluzzer. Ches Nachfolger vielleicht. Er hatte Pläne ... er ging auf Demos, er war stark links. Politisch bewanderter als alle zusammen. "Weißt du ... den steinreichen Knackern sollte man mal Feuer unterm Hintern machen. Die sitzen auf ihren fetten Ärschen, lassen sich bekochen und machen sauteuere Wellnessurlaube. Während am anderen Ende der Welt kleine Kinder an dreckigem Wasser verrecken, weil keiner Geld für ne ordentliche Wasserversorgung hat. So was muss man sich mal geben, ey." Er fuhr sich über den Mund und zog fieberhaft an seinem Zigarettenstummel. "In dem Punkt hatte die RAF schon Recht. Da hatten die ganzen Bonzen Schiss, und wie ... sonst sind es immer wir, die Angst haben müssen. Vor Arbeitslosigkeit, vor Hartz IV, davor, seinen Kindern nicht genug bieten zu können, weil das Geld nicht reicht. Es war gerecht, dass sie auch mal Schiss haben mussten. Trotz ihrer Villen, ihren Ferienhäuschen auf Ibiza und ihrem Ferrari in der Garage ... aber na ja ... Menschen umzubringen geht natürlich zu weit. Ich meine, das kannst du nicht bringen. Auf Gewalt folgt immer Gewalt. Es hat keinem was genützt, dass die RAF diesen Schleyer umgebracht hat. Höchstens, dass die Bewegung als Terror verschrien wurde." Freak schüttelte den Kopf. "Man müsste etwas ändern, aber man muss es anders machen." Ich sagte dazu nicht viel. Ich interessierte mich eigentlich kaum für Politik. Ich war nicht Punk, weil ich links war, sondern weil ich meinem spießigen Zuhause den Rücken kehren wollte. Ich bezweckte damit reine Provokation meiner Eltern gegenüber. Ich wollte einfach anders sein. Bunte Farben in eine braungraue Welt bringen. So wie ich es mit meinen Haaren tat. Seit vier Wochen lebte ich auf der Straße. Es war okay. Besser als zu Hause. "Ich krieg die Krätze, wenn ich an die Unterschiede denke! Selbst hier in Deutschland leben manche wie die Ratten, nicht besser. Es genügt nicht, nur zu überleben. Keiner hier verhungert. Aber ... es kann doch nicht wahr sein, dass Politiker und Fabrikbesitzer alles haben können und andere, die ihr Leben lang gearbeitet haben, Probleme haben, ihre Stromrechnungen zu bezahlen. Das ist einfach ungerecht!" "Jetzt hör mal auf zu labern, Freak", stöhnte Killer. "Ich habe heute echt kein Bock auf dein kommunistisches Gewäsch." "Aber Kommunismus ist die einzige ... " "Ja, wir wissen es. Die einzige Staatsform, die Gleichberechtigung schafft. Das ist deine Meinung. Aber lass uns damit in Ruhe okay?" Sie schob mir die Flasche Billigwodka rüber. Ich nahm einen gewaltigen Schluck. Es brannte kaum noch. Früher habe ich Wodka nur verdünnt getrunken. "Machst dich, Kleiner", meinte Killer anerkennend. Sie war ein Jahr jünger als ich. Auch Billy war jünger. Trotzdem war ich der Kleine hier. Weil ich neu war, weil ich mich jeden Tag wusch und weil ich mir beim Schnorren wie ein Assi vorkam. Aber sie hatten sich an mich gewöhnt. Ich gehörte dazu. Mehr als ich je zu meinen Eltern gehört hatte. Die Sonne schien auf mein Gesicht. Bis jetzt war es noch schön warm. An den Winter dachte ich nicht, der versteckte sich noch tief in meinem Unterbewusstsein. Aus Killers schrottigem, alten Kassettenrekorder dröhnten die Sex Pistols. Ob sich meine Eltern wohl Sorgen machten? Ob sie je an mich dachten? Oder war meine blasse Existenz schon aus ihren Erinnerungen gelöscht? Viel hatte ich ihnen ja nicht bedeutet. Zum Anschreien war ich gut genug, zum Ohrfeigen ... es war irgendwie cool hier am Rizaplatz. Unser Stammplatz, Treffpunkt zum Schlafen, Reden und für abends. Tagsüber gingen wir oft getrennte Wege. Aber abends trudelte nach und nach die ganze Gruppe an. Wir tranken und kifften und hörten Musik bis spät in die Nacht hinein. Billy schlug die Augen auf. Sie lächelte und küsste mich auf den Mund. Der Kuss schmeckte nach Alkohol. Sie war schon süß irgendwie ... dieses Engelgesicht und wie sie ihre Nase beim Lächeln kräuselte. Aber nicht mein Typ, wirklich nicht. Sie richtete sich auf und nahm mir die Flasche Wodka aus der Hand. "So jetzt bin ich wieder fit." Sie reckte die Arme in die Luft und rückte sich ihre Netzstrümpfe zurecht. Freak las die Zeitung. Mit gerunzelter Stirn und einer zerbrochenen Brille auf der Nase. "Hey, du Student", lachte Billy. "Kannst du auch mal etwas anderes außer Bildung in dich reinziehen?!" "Ja, Koks. Das zieht er auch gern rein", kicherte Killer. "Ihr seid ignorant. Ihr wollt die Missstände in diesem Staat einfach nicht sehen, weil es bequemer ist nichts zu denken!", rief Freak wütend. "Ja, wir sind blöd. Aber wir haben dafür Spaß", lachte Killer. "Komm, wir schnorren uns einen Cheeseburger. Ich habe verdammt Hunger." Sie zog Billy an der Hand hoch. "Komm auch mit, Sammy!" Sie blickte mich bittend an. Eigentlich wollte ich nicht aufstehen. Mein Kopf schwebte irgendwie außerhalb vom Körper. Er war schwer. Jedoch der Hunger war stärker, also erhob ich mich schwerfällig. "Ihr habt doch keine Ahnung. Ihr seid genau so ungebildet, wie das die Leute von uns erwarten", brummte Freak und verschwand wieder hinter seiner Zeitung.

Die Luft um mich war dicht und heiß. Die Häuserecken rund. Sie drehten sich im Kreis. Auf und ab, wie in einer Schiffschaukel bis zum Showdown, bis zum Überschlag. Oder doch eher ein Schiff auf hoher See. Ein kleines Schiff, das mit den Flutwellen kämpfte. Es taumelte auf den grauweißen Schaumkronen. Farbeimer ergossen sich über mich. Ich sah Farben, so bunt. Farben, die es nur im Paradies gab. Nicht irdisch, nicht real. Aber sie waren so schön. Mein Hals brannte wie Feuer ... mein Magen auch. Die Mülltonnen, die Straßenlaternen, die Flasche Bier in meiner Hand. Alles richtete sich nach mir aus. Es nahm meine Formen an, schlang sich um mich wie ein frisch gelöteter Draht. Billy strich mir durch die Haare. Ihr Lächeln war zu breit ... ich konnte keinen Anfang und kein Ende erkennen. Ihre dunklen Augen blitzten im scharfen Licht der Nacht. Neongelb. Der Himmel ... ich sog ihn ein, mit aller Kraft. Er war weit entfernt ... aber ich wollte nach ihm greifen, ihn fassen und herunterholen. Wir brauchten ihn doch hier unten. Nicht weit weg im Universum. "Da ist ne fliegende Untertasse", rief Billy. "Wo?" Sie zeigte mit dem Finger in das Lichtermeer der Wohnblocks und küsste mich. Lange, leidenschaftlich. Ihre Augen waren Fackeln. Sie verbrannten mich, sie loderten ein bisschen. Sie schob die Hand unter mein T-Shirt. Ich lehnte mich zurück und stürzte. Auf den Asphalt, in die Kiesel. Es tat kaum weh. Billys Gesicht war ganz nah vor mir. Die Straße war menschenleer. So leer, dass Leere bereits wieder etwas bedeutete. Ich streichelte ihre Brüste. Das Meer schaukelte, das Bier verwandelte sich in Scherben. Sie fielen leise klirrend zu Boden. Ich spürte sie ... ich hörte ihr leises Atmen. Sie knöpfte meine Hose auf. Ich zog ihr den Tanga herunter. Wir waren nackt und es war so unerträglich heiß. Die Stille, die Leere, all das erhöhte die Temperatur um Grade. Billy lächelte. Vielleicht weil ich schwitze, vielleicht, weil sie auch die Farben sah. Ich wusste es nicht. Ich fuhr an ihren Beinen entlang. Ihre Haut fühlte sich seltsam an. Wie warmes Plastik kurz vorm Schmelzen. Wir wälzten uns im Dreck. Die tausend fliegenden Untertassen verschwanden mehr und mehr. Die Lichter erloschen. Mir war ein bisschen schlecht. Billys Gesicht drehte sich um die Erdachse. Einmal rum und noch mal rum. "Es war mein erstes Mal", sagte Billy und küsste mich. "Ich liebe dich." "Ich mag dich", sagte ich dumpf. "Ich mag dich wirklich." Sie schlang die Arme um mich. Die Luft war wie Zuckerwatte. Zäh und süß. Aber auch ein wenig angebrannt.

"Ich habe einen Traum, dass eines Tages alle Kinder von früheren Sklaven und alle Kinder früherer Sklaventreiber friedlich miteinander spielen werden", zitierte Freak Martin Luther King. Sein Joint leuchtete als kleiner roter Punkt und erhellte nur eine kleine Fläche seines Gesichts. Seine Pupillen waren geweitet. "Sein Traum hat sich nicht erfüllt. Es hat sich nichts geändert. Schaut doch mal hin. Unterdrückung wohin das Auge reicht. Suche ich mir einen Job, werde ich nur schief angesehen. "Nein wir haben keine Stelle frei." Kommt so ein geschniegelter Anzugtyp nach mir: "Oh ja. Sie kriegen den Job." Vorurteile ... dieselben wie in Martin Luther Kings Zeiten. Weil ich orangefarbene Haare trage. Weil ich Nieten mag. Weil ich Kommunist bin und mit "Der Staat muss weg"-Aufnähern herumlaufe. Aus diesem Grund bekomme ich keine Arbeit! Das stinkt doch zum Himmel!" Er fuchtelte aufgeregt mit Händen in der Luft herum. Freak suchte einen Job. Er versuchte es schon seit Tagen in allen möglichen Kaufhäusern, Läden, Putzfirmen und Autowerkstätten. Jeder Drecksjob war ihm recht, doch er fand keinen. "Der Mann hat recht gehabt mit ich habe einen Traum. Es ist wirklich ein Traum. Er geht nicht in Erfüllung, weil keiner etwas dafür tut. Wacht auf Leute! Wir leben in einem Kapitalstaat, einem Land voll Unterdrückung und Bestechung!" "Wir wissen es, Freak. Aber was willst du tun? Willst du alle Bonzen abstechen wie deine tolle RAF? Oder willst du mit einem Schild durch die Straßen laufen auf dem steht: Die Welt ist ungerecht?", spottete Killer. "Es bringt ja eh nichts." Freak sprang auf. "Genau das ist das Problem! Ihr wollt es doch gar nicht erst versuchen. Deshalb wird in diesem Land auch nichts geändert. Aus diesem Grund brechen Kriege aus. Weil niemand sich gegen das System stellt. "Beruhig dich, Freak. Es wird wegen uns fünf faulen Säcken kein Krieg ausbrechen", stöhnte Paul. Wir lachten. Ich lehnte mich an Billy. Sie liebte mich. Und ich? Ich mochte sie. Aber ich liebte sie nicht, nicht so wie sie mich liebte. Bald würde ich ihr das sagen, aber im Moment genoss ich einfach ihre Nähe. Ihr Gesicht lag halb ihm Schatten, trotzdem sah ich ihr seliges Lächeln. Da bekam ich fast ein schlechtes Gewissen. Ich hatte mit ihr gepoppt, obwohl ich nichts als Freundschaft für sie empfand. Okay, ich war dicht und breit gewesen, aber es war trotzdem nicht in Ordnung. Nur unsere Joints glühten. Der Grasgeruch lag wie eine Wolke um uns. Ich fror und kuschelte mich näher an Billy. Ich fror entsetzlich. Vom Alkohol, vom Hunger. Heute hatte ich fast nichts in den Magen bekommen. Billy hatte es nicht geschafft, genug für uns beide zu schnorren. Da überließ ich ihr den ganzen Teil. Nur jetzt bohrte der Hunger so bösartig wie tausend kleine Nadeln in meinem Bauch. Zusammen mit dem Alkohol fühlte ich mich schrecklich schwindelig. Freak schwieg jetzt. Sein Gesichtsausdruck war nicht zu deuten. The Ramones sangen uns ihre Meinung ins Ohr. Ein Stern blinkte am Himmel. Nein, doch ein Flugzeug. Ich verfolgte seine Bahn. Es war so schrecklich kalt. Billy strich mir über die Wange. Ihre Fingernägel waren schwarzlackiert. Da fiel mir auf, dass Freak verschwunden war. "Wo ist Freak?", fragte ich Billy. "Ach der, der kommt und geht. Manchmal ist er tagelang weg. Aber er taucht immer wieder auf und schwingt seine politischen Reden." Sie lächelte. "Komm wir gehen irgendwo hin, wo wir allein für uns sein können."

Ich kotzte. Die Wände bohrten sich tief in meinen Magen. Meine Füße in den durchgelatschten Stiefeln schienen doppelt so groß. Ich stützte mich an einem schäbigen Zaun ab und würgte Galle. Mir war sterbenselend. Es fühlte sich an, als würde sich meine Mageninnenwand selbst auffressen. Meine Augen blickten verklebt in einen kalten Samstagmorgen. Ich hatte zusammen mit Billy in der Unterführung geschlafen. Zu wenig gegessen, nur gekifft und getrunken. Ich wischte mir den Mund ab und bemerkte verächtliche Blicke von Passanten. "Fick dich, Mann!", brüllte ich einem älteren Herrn mit Gehstock nach, der sogar beim Vorbeigehen die Nase rümpfte. Okay, wahrscheinlich stank ich wie die örtliche Kläranlage. So versifft wie ich war. Meine Haut hatte seit langem keine Dusche mehr gesehen. Was war gestern? Was war vorgestern? Ich konnte mich an nichts erinnern. Alles war wie im Nebel versunken. Fußgänger strömten durch die Unterführung mit Aktentaschen, Rucksäcken, mit gestresstem oder übermüdeten Blick. Sie gingen zur Arbeit, sie hetzten vorbei. Ich blieb stehen im Strom. Sie gingen an mir vorbei, sie rempelten mich an. Ich kotzte wieder, direkt vor meine Füße. Sie gingen vorbei, sie schimpften. Aber ich war kein Teil mehr von ihnen, kein Teil der Gesellschaft. Ich war ausgestiegen, wie Freak es so schön sagen konnte. Nur heute fühlte ich mich überhaupt nicht so mutig wie dieses Wort klang. Ich war schwach und verhungert wie eine Spinne, die in ihrem Netz in einem Keller sitzt und vergeblich auf Beute wartet. Der Himmel war grauweiß gefleckt. Ein paar Regentropfen fielen mir ins Gesicht und liefen mir die Wangen hinunter. Die nüchterne Bahnhofsuhr zeigte mir 7.03 Uhr morgens. Es roch stark nach Kaffee und nassen Schuhen. Ich taumelte die abgestellte Rolltreppe hinunter. Der Boden war verklebt mit Kaugummis, Zigarettenstummel und Rotze. Die gelben Fließen bissen sich in meinen Augen. Sie sprangen mir entgegen. Ich schloss die Augen und lief blind. Ich fiel hin. Es tat weh. Mein Kopf zersprang. War dies das Leben, was ich mir gewünscht hatte? Ja, sagte ich leise. Ja, es ist okay. Ich bin frei. Jemand liebt mich. Zum ersten Mal liebt mich jemand, so wie ich bin. Auch mit schmutzigen Klamotten und Bierfahne. Der Kaffeegeruch drang verlockend zu mir durch. Mein Magen machte sich selbstständig. Ich würgte ein letztes Mal und sank zurück auf die Rolltreppe. Ein Kaffee ... ein Brötchen ... eine Laugenstange. Mir war übel vor Hunger. Ich biss die Zähne auf einander und rappelte mich auf. Mein Atem ging schwer. Ich trat auf eine Frau mittleren Alters zu. Sie hatte blond gefärbte Haare. Nicht braun, nicht so fad, wie die Welt manchen Leuten die Haarfarben gegeben hatte. Menschen wie mir. Die ohne Farben blass wie ein unbeschriebenes Buch waren. Unscheinbar ... sie konnten schreien und niemand hörte sie, niemand würde sie je bemerken. Sie waren Stumme in einer lauten Welt. Ich fühlte nach meinem Iro. Er war gewachsen und stand steil vom Kopf ab. Er war noch neongrün. Bunt ... "Entschuldigung.. hätten Sie mir einen Euro?", fragte ich viel zu zögerlich. Sie starrte mich entsetzt an. Von Kopf bis Fuß. Wieder zurück, blieb an meiner Frisur hängen. Sie drückte ihre aus Korb geflochtene Einkaufstasche näher an sich und lief schnellen Schrittes davon. Resigniert torkelte ich weiter. Immer weiter, ohne Ziel. Ich hasste Schnorren. Man fühlte sich dabei so erbärmlich, hilfesuchend. Als ob man auf Almosen anderer angewiesen war. Energisch ignorierte ich mein Riechorgan, als ich am U-Bahn Cafe vorbeikam. Ich konnte es dennoch nicht lassen, kurz durch die milchigen Scheiben zu schauen. Gemütliche Tische, rote Lampen, die an Schnüren von der Decke baumelten. Und Essen ... Gebäck, Kuchen, Brötchen in allen erdenklichen Sorten. Ich drehte mich schnell weg. Auf der anderen Seite, an der schmutzigeren Seite der Unterführung gammelten die Junkies. Richtig heruntergekommene Typen. Die meisten drückten schon seit längerer Zeit. Sie waren so alt wie ich und man hielt sie für dreißig. Ich konnte in manche der hohlwangigen fast tot aussehenden Gesichter nur mit Schaudern blicken. Die Junkiegirls schafften an. Anders konnten sie ihr Geld für Heroin nicht mehr besorgen. Ich fragte mich manchmal, welcher Idiot mit einem Junkiemädchen ins Bett ging. Hatten die keine Angst vor Aids? Nein ... so wollte ich nie enden, nie, nie. Sie starben alle. Sie starben wie die Fliegen. Billy und Killer hatten selbst schon viele Freunde durch Heroin verloren. Kein H-Süchtiger, der keine Therapie machte, konnte überleben. Ich beobachtete sie aus den Augenwinkeln. Ein Mädchen lachte schrill und warf eine Flasche an die Wand. Die anderen hockten zusammengesunken und apathisch auf der Erde. Sie schienen nichts und niemanden um sich zu bemerken. Ihre Haare waren fettig und hingen in ungepflegten graubraunen, manchmal schmutzig blonden Strähnen herunter. Sie gehörten zu den Menschen, die schrien und nicht erhört wurden. Einer hatte orangefarbene Dreadlocks. Freak? Ja, es war Freak, der am äußeren Ende der Menschenkette kauerte. Er starrte vor sich hin, den Kopf in den Händen vergraben. Ich rannte zu ihm. "Freak?" Er hob langsam den Kopf. Seine Augen waren trüb, als würden sie mich kaum wahrnehmen. Ich packte ihn an der Schulter. "Hey, Freak!! Ich bin's." "Oh ... Sammy." Er grinste schief. "Warum machst du das?", fuhr ich ihn an. "Warum drückst du? Und seit wann??" Freak hob die Hände entschuldigend. "Ich weiß nicht seit wann. Seit langem ... ist ja egal." "Ist es nicht!!! Du musst aufhören damit. Sofort ... sonst stirbst du!" Freak verzog sein Gesicht zu einem Lachen. Es klang hohl und dumpf. "In was für einer Welt lebst du, Kleiner?? Rosarot is nich ... wir leben in einem kaputten Staat in einer korrupten Welt. Du hast noch viel nicht kapiert, Kleiner. Du gehörst wirklich nicht zu uns. Aber ich mag dich. Du bist cool. Aus diesem Grund sage ich dir: geh nach Hause." Er atmete scharf ein und rieb sich die Arme. Sie waren übersäht mit Narben und Einstichen. Hässlich. Ein geschundener Körper, der eine wahrscheinlich noch geschundenere Seele verbarg. "Siehst du es ein, was ich dir gesagt habe ... jeder auf der Straße geht kaputt. Früher oder später. Ich wohl eher früher ... " Ich starrte ihn nur an. Mir fiel nichts ein, was ich hätte erwidern können. "Alles, was ich versuchte, ging schief, Sammy. Die Welt kann ich nicht retten. Warum sollte ich dann mich retten?" "Sag nicht so was", rief ich. "Du musst damit aufhören!" Freak lächelte. "Wenn das so einfach ginge, hätte ich es schon getan." Er legte mir seine verschrammte Hand auf die Schulter. "Komm runter, Mann. Du siehst doch, wie es hier läuft. Geh nach Hause und vergiss, dass es Menschen wie mich gibt." Er ließ mich einfach stehen. Schwankte durch die Unterführung zur Treppe. Sah so abgerissen aus, wie ich mich fühlte. Die zerfetzten Enden seiner Jeans schleiften am Boden. Eine U-Bahn rollte in den Bahnhof. Sie verschluckte Freak mit ihrem blendenden Licht, als hätte es ihn nie gegeben.

Die Sex Pistols waberten in gleichmäßigen Wellen in der feuchten Luft. Es regnete. Billy schlang ihre abgemagerten Arme um mich. "Ich liebe dich", sagte sie leise. "Schau, wie es regnet", erwiderte ich. Sie sagte nichts. Ihr Blick war traurig. Ich wollte sie nicht verletzen, wirklich nicht. Aber meine Gefühle waren nicht stark genug für Liebe. Und ich wollte jetzt nicht allein sein. Nie mehr allein sein. Mein Piercing pochte schmerzhaft. Er hatte sich entzündet. Paul zählte ein paar Münzen in seiner Hand ab, Killer aß mit sichtlicher Hingabe ein gammlig aussehendes Sandwich. Freak war auch da. Er las die Tageszeitung und kümmerte sich um keinen von uns. Er trug trotz der Kälte ein ärmelloses Shirt. Ich konnte die Einstiche von meinem Platz aus sehen. Rot, wund und vernarbt. Er fixierte mich kurz mit seinem Blick, scharf, aber auch ein wenig traurig, wie es schien. Dann widmete er sich wieder seinem Stück Papier. Billy streichelte meinen Arm und wollte mich küssen. Ich schob sie nicht weg. "Deine Haare ... du musst sie wieder färben!" Billy öffnete die gerade noch beim Küssen geschlossenen Augen. "Warum? Das Pink hat mir nicht gefallen. Ich lasse die Farbe herauswachsen." "Tu das nicht!", entgegnete ich heftig. "Tu es bitte nicht." "Was ... Sammy, was hast du?", fragte sie erschrocken über meinen Ausbruch. Ich betrachtete die Menschen, die vorbeigingen. Unscheinbar, grau ... das Wetter, grau ... mein Leben grau. "Alles ist grau, Billy." "Wie meinst du das?" "Die Farben in unseren Haaren, die Frisur, das knallige Haarspray ... ich muss das sehen. Ich brauche das, weil es das einzige ist, was in meinem Leben bunt erscheint. Mein Leben ist grau." Ich schloss die Augen. Die Haut hinter meiner Iris war grau. Grau wie alles. "Mein Vater ... er hat mich nie beachtet. Ihm war egal, was mir gefallen hat oder was mir wehtat. Ich war für ihn keine eigenständige Person. Ich sollte tun, was seinem Ruf gut tat. Ich sollte funktionieren wie eine Maschine. Es gab nichts Individuelles an mir. Ich war das Produkt meines Vaters. Ein grauer unscheinbarer Geist hinter der starken und dominanten Persönlichkeit meines Vaters. Niemand hat mich je wahrgenommen. Meine Mutter nicht, die Leute in der Schule nicht. Ich war einfach da, aber ich fiel nicht auf. Ich kam mir so durchsichtig vor. Und ich konnte schreien ohne gehört zu werden, ich konnte winken und keiner konnte mich sehen ... grau bemerkt niemand, Billy. Und es gibt so viele graue Menschen hier. Ich kann es nicht ertragen, sie zu sehen. Wie sie durch die Stadt schleichen, wie sie verkrampft um sich blicken. Es sind so viele ... und ich bin einer von ihnen, solange ich keine Farben sehe. Unsere Farben, Farben, die niemand in den Haaren trägt. Wenn ich nicht bemerke, dass wir anders sind. Freaks politische Gedanken an Revolution, singen im Regen. Trinken und kiffen. Wir sind anders. Ich halte es nicht aus, wenn es nicht so ist. Ich brauche unsere Farben." Als die ersten Tränen kamen, vergrub ich den Kopf in meinen Armen. Billy umarmte mich stärker. Es regnete und ich heulte. Es passte zusammen und keiner wusste davon. Außer Billy und mir. "Ich färbe sie wieder", flüsterte Billy. "Ich färbe meine Haare für dich." Ich wischte mir den Rotz von der Nase und schämte mich ein wenig dafür. "Es ist hart, nicht wahrgenommen zu werden und jedem egal zu sein", sagte ich mit brüchiger Stimme. "Ich weiß ... " Billy rieb mir eine Träne aus dem Gesicht. "Du bist süß, wenn du weinst", sagte sie. "Und du fällst auf. Du bist der erste Mensch, der mir auffällt, Sammy. Weil du nicht versuchst cool zu sein, sondern weil du einfach bist, wie du bist." Sie lächelte. Ihre braunen Augen lächelten mit und mir wurde bewusst, wie süß sie war, mit ihren leicht nach vorne stehenden Eckzähnen. "Komm wir gehen Haare färben." Sie zog mich hoch und hakte sich mir unter.

Wir standen im nach Urin und starken Putzmitteln stinkenden Vorraum der öffentlichen Toilette. Billy hielt zwei Spraydosen in der Hand. "Blau oder orange?" "Mhm, ... würde dir beides stehen." Wir betrachteten uns im verschmierten Spiegel. I love you und fick dich waren auf den unteren Rand gekritzelt. Irgendwie gehörten die zwei so unterschiedlichen Sätze doch zusammen. Lieben und hassen lag oft nah beieinander. "Blau orange gestreift", lachte Billy begeistert. "Das machen wir." Sie sprühte los. Billige Haarfarbe, die man eigentlich nur für Fastnachtsverkleidungen benutzte. Es ging einiges daneben. Meine Hose wurde blau und das Waschbecken auch. Ich riss ihr die Dose aus der Hand und besprühte sie aus Rache. Wir kriegten uns vor Lachen nicht mehr ein und waren nach ein paar Minuten bunter als der schönste Iro bunt werden konnte. "So sind wir schön", sagte Billy. "Wir sind einfach nur schön." Wir schauten uns an und mussten wieder lachen. "Nein wir sind nicht schön, wir sind bunt", rief ich keuchend. Ich packte ihre Handgelenke, Billy küsste mich. Ich küsste sie. Wir bekamen kaum Luft. Ich umfasste ihre Taille. Sie zog mir die Jacke aus und dann das T-Shirt. Meine Finger waren orange und blau wie das EGT Zeichen. Ich zog einen bunten Strich auf Billys nackten Bauch. Ich umfasste ihre kleinen Brüste. Ihre Augen glitzerten. Mir war richtig heiß irgendwie. Wir taten es im Stehen. Unter Billys rot kariertem Schottenrock. Es war schön. Es war immer schön mit Billy. Der Boden war feucht. Es stank. Das störte uns nicht. Irgendwann lehnten wir erschöpft an die Wand. Schauten uns gelöst an, fast ein wenig verlegen. "Ich muss aufs Klo", flüsterte ich kichernd und verschwand in der Männertoilette. Neben dem Pissoir kauerte Freak. Er war ganz grün im Gesicht. Blut lief ihm zwischen den Ritzen seiner Finger, die er vor die Nase gepresst hielt, hindurch. "Freak? Was hast du?", stieß ich aus. "Frag nicht", brüllte Freak für seinen Zustand recht kräftig. "Hau ab!" "Aber ... du bist krank ... was ist ...?" "Ich brauche Stoff, verdammt. Geh einfach und lass mich allein. Das ist meine Sache." "Deine Sache, wenn du dich kaputt machst? Deine Sache, wenn du stirbst?!", schrie ich. "Genau." Dann stöhnte er unter Schmerzen, sodass es mir ganz anders wurde. Er krümmte sich zusammen. Das Blut aus seiner Nase tropfte in dunklen Spritzern auf die weißen Fließen. Ich fasste ihn unter den Armen. "Steh auf, wir gehen jetzt in die Stadt und holen irgendwelche Tabletten. Ich lass dich nicht einfach so verrecken." "Geh ... das hat doch keinen Sinn." Er riss sich los und wimmerte wie ein sterbendes Tier. Entzugserscheinungen ... wie half man jemanden mit Entzugserscheinungen? Hilflos hielt ich ihn fest, damit er nicht umkippte. "Ich schaff das nicht, Sammy!" Seine Augen waren weit aufgerissen und dunkelblau. "Ich hab es schon oft versucht. Ich schaffe es einfach nicht. Für was soll ich auch aufhören? Es gibt ja keinen, der mit mir protestiert. Wir brauchen eine Jugendbewegung wie in den 60ern ... alle gegen die Regierung. Alle gegen den Staat. Wir ziehen durch die Straßen mit Schildern und mit Bannern. Alle sind reich, niemand leidet mehr unter Geldnot. Jeder hat Arbeit, auch Leute die anders aussehen ... Leute wie ich. Wir verändern die Welt. Es gibt keine Kriege mehr. Wir werden alle glücklich sein ... " "Ich mach mit, Freak. Ich demonstriere mit dir", rief ich um ihn zu beruhigen. "Tust du das wirklich?" Er schaute flehend. "Ja..ich versprech's dir", versicherte ich ihm. Er stöhnte unter einem erneuten Krampf. Seine Augen glänzten fiebrig. Er schwitzte. "Und wenn ich vorher sterbe ... ich meine, bevor wir etwas verändert haben?" "Du stirbst nicht!" Meine Stimme zitterte ein wenig. "Du musst dich jetzt zusammenreißen und entziehen. Du schaffst das!" "Nein ... es tut zu weh, es bringt mich um", keuchte Freak und wand sich unter Schmerzen. Schweißtropfen liefen ihm von der Stirn wie im Fieber. "Warte kurz ... ich hole Billy. Du bleibst hier. Wir helfen dir zu entziehen", sagte ich bestimmt und rannte los. Als Billy und ich einige Minuten später in den Toilettenraum kamen, war Freak verschwunden. Nur noch einige getrocknete Blutstropfen klebten auf den schmutzigweißen Fließen.

Ich wälzte mich auf der harten Isomatte, konnte nicht schlafen. Es war verdammt kalt. Durch einen Schlitz oben im Schlafsack sah ich die Decke der Unterführung. Grauweiß meliert. Ich nahm einen großen Schluck Korn, von dem mir nur übel wurde und drehte mich auf die andere Seite. Freak war nicht gekommen, heute Abend. Ich machte mir Sorgen ... ach verdammt! Ich dachte an zu Hause, an meinen Vater ... hier ging es mir besser, trotz Hunger und Kälte. Ich sah Farben ... Freak sprach von Revolution in seinem Schmerz und der Trostlosigkeit. Wir waren bunt. Wir würden bunt bleiben. Billys blaugestreifter Iro war selbst im gelbgrünen Neonlicht voll Farben. Vielleicht liebte ich sie ja doch ... ein kleines bisschen. Sie schlief friedlich. "Du willst mein Sohn sein?! Du läufst herum wie ein Penner. Mit diesen Stiefeln ... zieh die Jacke aus! Was willst du schon wieder? Kannst du nichts anderes als betrunken zu sein? Aus dir wird nie was werden. Du bist verdorben von Grund auf. Dumm bist du, ja, dumm wie Stroh und faul ... " Mein Vater schrie. Er knallte mir heute Sätze an den Kopf, die ich schon längst vergessen zu glaubte. "Dann geh doch! Wir brauchen dich nicht. Du bist schon lang nicht mehr mein Sohn. Glaubst du, wir vermissen dich?!" War ich betrunken oder entsprach die Erinnerung der Wahrheit? Hatte er solche Dinge zu mir gesagt? Meine Haare fühlten sich fettig an. Mein Atem stank nach Alkohol. Ich bekam davon selbst fast keine Luft. Ich erstickte an meinem Gestank. Ich stieg wackelig aus dem Schlafsack. Das Neonlicht flackerte mit einem seltsam hohlen Klang. Ich wankte in die Dunkelheit ohne zu wissen wohin. Die Nacht war schwarz und sternenlos. Ich atmete die kühle Luft ein und war froh, dass es Freiheit und draußen gab. "Glaubst du, wir vermissen dich?!" Seine Stimme flüsterte mir ins Ohr. Ganz leise erst, dann viel zu laut. Ich hielt mir die Ohren zu und es tat weh, ein bisschen. So wie ich Billy ein bisschen liebte. Gerade genug, damit es etwas ausmachen konnte. Dass es etwas bedeutete ... ich fühlte mich bald stärker und wanderte einfach durch die Stadt. Durch schmale Gassen, die mich zu erdrücken schienen, an Häusern vorbei, die ich noch nie gesehen hatte. Plötzlich wollte ich schreien, um gehört zu werden, brüllen, irgendwo dagegen treten, damit es krachte und schepperte. Ich wusste nicht einmal direkt warum. Es war einfach ein Gefühl, ausdrücken zu müssen, dass ich lebte. Dass ich nicht grau und farblos war. Ich wollte kreischen in die kühle Stille hinein, damit mein Herz platzte, die harte Schale und ich glücklich werden konnte. Ich tat es nicht. Ich schwieg, wie immer. Vielleicht war ich zu schwach. Etwas machte mich innerlich kaputt. Ein altbekannter Schmerz über die Welt, über mich und meine kleine Umlaufbahn. Sie war winzig und dunkelblau. Sie schwebte um mich wie nichts. Sie war nicht wichtig. Niemand konnte sie sehen. Aber ich spürte sie als kleine spitzige Steinchen, die sich in das Loch meiner Seele bohrten. Mein Selbstbewusstsein war wieder einmal gleich null. Ich war nichts. Niemand war unterwegs und es war so schrecklich finster. "Glaubst du wir vermissen dich ..." Der Satz löste sich nicht in Fetzen auf, wie es Sätze normalerweise tun. Er klebte fest. Und dann wusste ich plötzlich, dass es nicht so weitergehen würde. Dass es zu Ende sein würde mit Farben und Revolution. Mit kiffen und Alkohol, so viel wir wollten. Mit Billy und mir. Es war zu Ende.

Freaks Haare lagen ausgebreitet in einer Wasserpfütze. Das Orange war verfärbt und filzig. Dreckklumpen hingen darin. Kein Orange mehr ... braun. Die gelösten Strähnen kräuselten sich im Siff wie verschimmeltes Seegras. Schmutzig. Freak schaute in den schwarzen Himmel. Als wollte er ihn anklagen, als wollte er schreien. Seine Augen, die einst blau und voll Begeisterung gewesen waren, standen in grauem Feuer. Zu grau. Zu glänzig. Die Wolken, die den Mond verdeckten, schwammen darin. Er lag verkrümmt. In der gepflasterten Gasse. Direkt vor mir. Seine Haut hatte die Farbe von Frischkäse. Seine Schuhsohlen lösten sich an der Ferse. Das Licht einer Straßenlaterne beleuchtete sein blasses Gesicht. Ein Strahl Helligkeit. Frierend stand ich vor ihm. Zitternd ... eine Fliege krabbelte über seine Wange. Sie war voll Pickel und Schrunden. Ich zog ihm die Spritze aus dem Arm, die dort noch steckte. Getrocknetes Blut bröckelte ab. Freak war nicht so kalt, wie ich es erwartet hätte. Ich hatte noch nie einen Toten angefasst. Und da lag er ... ich hockte mich neben ihn. Hielt seine Hand fest, saß einfach nur da und schaute in seine ausdruckslosen Augen. Entfernte den Schmutz aus den Haaren, ein paar Blätter, ein Kaugummipapier. Er wollte schreien, aber er konnte nicht mehr. Nie mehr. Seine Jeans, die an den Enden zerrissen waren, lagen da in schmutzigen Fäden. Ich fühlte mich tot. "Wir verändern die Welt ... man muss es anders anfangen, als die RAF. Kommunismus ... alle sind gleich. Das müsste doch zu schaffen sein." Wir konnten nichts mehr schaffen. Ich kauerte mich zusammen und fror noch mehr. Die Dämmerung brach herein, Freaks Hand wurde kälter und schlaffer. Die Straße färbte sich grau. Grau wie Freaks Augen und mein Leben. Es wurde hell. Der Mond verschwand als immer blasser werdende Sichel. Die Leute ... sie schrien bei unserem Anblick. Die Menschen auf dem Weg zur Arbeit. Sie redeten mit mir, sie schüttelten mich. Sie fragten tausend Dinge. Ich sagte nichts, weil Freak nicht mehr sprechen konnte, nie mehr. Es war als steckten wir in einer Glaskugel. Freak und ich. Als nähmen wir niemanden mehr deutlich war. Dumpfe Stimmen, Laute, Töne. Irgendwann hielt ich mir die Ohren zu, um das alles nicht mehr ertragen zu müssen. Trampelnde Schritte. Dann Sirenen, immer lauter, immer unerträglicher. Die schaulustige Masse trat zurück. Ich konnte ihre Gesichter nur schemenhaft erkennen. Sie waren alle gleich. Gleiche Gesichter, gleiche Gefühle. Ein anderes Gleich als das, von dem Freak immer gesprochen hatte. Es war ein hässliches, kaltes Gleich. Ich wusste, dass sie mich hassten. Ich wusste, dass sie sich insgeheim einen Dreck um Freak scherten. Sie waren da und starrten gierig. Geilten sich am Tod eines Straßenjungen auf. Ich packte seinen Arm stärker, fühlte alle Beulen und Narben unter den Fingern. Ich versuchte an etwas anderes zu denken. An Sonne, Gras. Billys Arm um meinen Körper. An ihre braunen Glitzeraugen. An Farben. Farben in unseren Haaren, die nichts veränderten und uns doch als etwas Besonderes fühlen ließen. Ich dachte an Eis am Stiel, an den blechernen Sound der Sex Pistols. An Alkohol ... die Sirenen waren da. In Form von grünen Polizeiwagen. Bullen. Und noch mehr Geschrei und Gelaber. Sie drängten die Gaffer zurück, weg aus der engen Gasse. Ich griff nach dem Taschenmesser in meiner Jacke. Vorsichtig schnitt ich Freaks farbenfrohste Strähne ab und steckte sie tief in die Tasche. Dann packte ich seine Hand, als wollte ich Halt suchen. Sie zerrten mich von ihm weg. Sie trennten unsere Hände mit Gewalt. Sie brüllten mich an und der Himmel war grau. Sie stießen mich ins Polizeiauto. Fanden meinen Ausweis. Freak lag nun in einem eingezäunten Käfig aus gelbem Absperrband. Er lag unberührt. Und starrte den grauen Himmel an aus grauen Augen. Ich schloss meine Hände fest um seine orangefarbene Dreadlock in meiner Tasche. Ich zitterte. Obwohl es warm wurde. Ich fror. Ich schlotterte. Der Polizist hatte eine Frisur wie Hitler. Er benahm sich auch so. Er behandelte mich wie Dreck. Er stieß mich gegen das grüne Blech, redete irgendetwas von was man mit euch Ausreißern tun sollte und: "Mit euch linken Zecken hat man nur Probleme!" Mir tat jeder Knochen weh, aber ich konnte nicht sprechen. Und dann fuhren sie los, in den Tag hinein. Die Sonne begann zu strahlen. Ich ließ die Dreadlock in meiner Tasche nicht ein einziges Mal los. Die Sonne blendete mich. Sie schien mir in die Augen. Erst als sie sich völlig aus den grauen Wolkenketten gelöst hatte, konnte ich weinen. Ich heulte stumm, den Kopf an die kühle Fensterscheibe gelehnt. Und wieder bemerkte es niemand, wieder war ich allein. Sie fuhren mich nach Hause. Das, was nie mein Zuhause gewesen war. Sie dachten, sie würden das Richtige tun. Denn jeder ging auf der Straße kaputt. Das war nun mal so. Die Sonne war unbarmherzig. Sie ließ mich nicht in Ruhe. Ich fror trotzdem. Die Arme um meinen Körper geschlungen, das verheulte Gesicht in den Armen. So kam ich an, als wäre ich nie fort gewesen. Als hätte sich nichts verändert außer meinen Erinnerungen. Mein Vater stand schon an der Haustür, als das Polizeiauto um die Ecke bog. Mit verschränkten Armen vor der Brust, Krawatte und Anzug begrüßte er mich kühl. Ich sah ihm nicht in die Augen. Ich starrte zu Boden. Er diskutierte noch eine Weile mit dem Polizisten. Dann stieg dieser ins Auto und fuhr davon. Es war als könnte ich keine Geräusche mehr unterscheiden. Seine Stimme, das Dröhnen der Motoren, mein Magen, der gluckerte, weil mir so übel war ... alles verschwamm in einem monotonen Surren. "Dann komm mal mit hinein, mein Sohn." Mein Sohn. Wie er es sagte ... von seiner Stimme wurde ich wieder grau und unsichtbar. Ich sah Freaks begeistert glitzernde Augen und umklammerte seine bunte Dreadlock in der Tasche, als wollte ich sie nie mehr loslassen.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
08. Januar 2008

Wenn Sie einen Kommentar abgeben möchten, benutzen Sie bitte unser Diskussionsforum. Unser Autor ist sicherlich genau so gespannt auf Ihre Meinung wie wir und all die anderen Leser.

Ein haariges Lesevergnügen


Noch mehr haarige Geschichten finden Sie in dem Buch, das aus unserem Wettbewerb "Abenteuer im Frisiersalon" hervorgegangen ist.

Abenteuer im Frisiersalon Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

beim Verlag bestellen
bei amazon bestellen

© Dr. Ronald Henss Verlag     Home Page