Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...

Unser Buchtipp

Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Der abgeschnittene Zopf - und seine Folgen

© Alexandra Luff

Jede Handlung kann sehr schlimme Folgen haben, auch wenn sie vielleicht zunächst recht harmlos erscheint. Glauben Sie nicht? Doch, ich habe es schon an der eigenen Haut erlebt. Also, eigentlich mehr am eigenen Zopf.

Wissen Sie, ich hatte bis vor einem Jahr hüftlanges, schwarzes, lockiges Haar, für das ich dauernd Komplimente bekam. "Du solltest dich für diesen Shampoowerbespot bewerben", lag mir meine Freundin Sabrina monatelang in den Ohren. "So schöne Haare... mei, wenn ich deine Haare hätte", tönte meine Oma bei den allwöchentlichen Besuchen. "Wie machst du das nur, dass deine Haare so glänzen?", wurde ich schon fast täglich von meinen Kolleginnen gefragt. "Anlagebedingt", war immer meine schulterzuckende Antwort. Dabei hatte es ja tatsächlich ewig gedauert, bis meine Haare diese Länge erreicht hatten. Ich wusste, dass sie schön waren, tat aber erdenklich wenig dafür. Shampoo, Spülung, fertig. Den Gedanken, meine Haare abschneiden zu lassen, trug ich schon lange mit mir herum. Irgendwie waren sie ja schon lästig. Immer im Weg, im Sommer zu heiß, das ewig dauernde Föhnen im Winter ... Außerdem bekam ich irgendwann das Gefühl, mit meinen langen Haaren nicht so ernst genommen zu werden. Die Leute sahen in mir mehr das süße Mäuschen als die clevere Geschäftsfrau. Zudem war es Zeit für etwas Neues. So reifte in mir also der Beschluss zu einem Kurzhaarschnitt heran. Nur, wie würde mein Umfeld darauf reagieren? Um die Reaktion zu testen, deutete ich den Beschluss vorsichtig gegenüber meiner Mutter an. "Lass dir deine schönen Haare ja nie abschneiden", so ihre Antwort. Ich merkte aber schon, dass sie mich nicht ganz ernst nahm. Ich würde doch nicht so dumm sein, mich von diesen wunderbaren Locken zu trennen. Dachte sie. Als ich meine Überlegung ansatzweise gegenüber Sabrina kundtat, meinte diese: "Mach das ja nicht! So schöne Haare! Ich würde dich mit Gewalt vom Friseur fernhalten! Aber du, ich hab gelesen, dass sie gerade wieder Haarmodels für diesen Werbespot ..." Aus diesen Antworten lernte ich. Den Friseurgang würde wohl keiner unterstützen. So beschloss ich, heimlich zum Friseur zu gehen, um nicht etwa von militanten Freunden davon abgehalten zu werden. Wenn man sie mit dem Ergebnis konfrontieren würde, mussten sie sich ja wohl gezwungenermaßen damit abfinden.

Sie finden es auch dumm, dass ich diese langen Locken abschneiden lassen wollte? Hatten Sie schon mal so lange Haare und wissen Sie, wie lästig das werden kann? Eben. Lassen Sie mich weitererzählen.

Ich besuchte also meinen Stammfriseur. Kennen Sie den? Mitten im Zentrum, rechts neben der Apotheke. Kann ich Ihnen echt weiterempfehlen!

Mein Friseur seufzte zwar laut, als ich ihm befahl, meinen Zopf, den ich extra zu diesem Anlass geflochten hatte - schließlich will man ja eine Erinnerung mit nach Hause nehmen - , abzuschneiden, aber er erklärte sich doch dazu bereit. Der Kunde ist König. Oder Königin, wie man es nimmt. Ehrlich gesagt hatte ich mich schon ein kleines bisschen davor gefürchtet. Aber als er die Schere dann ansetzte, fiel es mir dann doch ganz leicht. Innerhalb einer Stunde trug ich nun einen flotten Kurzhaarwuschelkopf. Wie leicht mein Kopf plötzlich war! Früher dachte ich immer, dass der Kopf an sich so schwer sei, aber es mussten wohl doch nur die Haare gewesen sein.

Als ich den Friseursalon nach getaner Arbeit gut gelaunt mit dem Zopf in der Hand verließ, sah ich auf der anderen Seite Sabrina laufen. Sie hatte mich nicht registriert. Im ersten Moment erschrak ich. Es kam mir fast so vor, als wäre ich bei einer verbotenen Sache ertappt worden. Aber dann dachte ich mir, dass es ja schließlich meine Haare waren, mit denen ich tun konnte, was ich wollte. Darum beschloss ich, dass ich mich gleich in den Kampf stürzen wollte, um sie mit der neuen Frisur zu konfrontieren. "Huhu Sabrina!", rief ich und winkte ihr mit meinem Zopf quer über die Straße zu. Sabrina drehte sich zu mir um, rief "Ha...", der Rest blieb ihr im Hals stecken und ihr Kiefer klappte herunter. Ungläubig starrte sie mich über die Straße hinweg an. Verlegen rief ich: "Eh, ja ... ich dachte mir, es wäre mal Zeit ... also ..." Sabrina lief mit immer noch offenem Mund und ohne ihren Blick von meinem Kopf zu lassen auf die Straße und auf mich zu. Leider konnte sie dadurch nicht den kleinen grünen Fiat sehen, der geradewegs von rechts auf sie zugeschossen kam. Sie hörte wohl nur die quietschenden Bremsen und spürte den Schlag, als das Auto sie erfasste. Gott sei Dank war sie nur kurze Zeit ohnmächtig. Im Krankenhaus stellten sie fest, dass ihr linker Unterschenkel gebrochen war und sie eine leichte Gehirnerschütterung hatte. Sie hatte wirklich Glück gehabt. Als ich sie das erste Mal besuchen kam, musste ich mir eine saftige Standpauke von ihr anhören. Nicht, weil sie vom Auto angefahren worden war, sondern, weil meine Haare ab waren. Sie möchten wissen, ob es mir nicht irgendwie leid tut, dass sie wegen meinen abgeschnittenen Haaren vom Auto angefahren wurde? Nun ja, schon irgendwie, obwohl ich ja nur indirekt etwas dafür kann, schließlich habe ich sie ja nicht vor das Auto geschuckt oder so. Mir tut eigentlich mehr der Fahrer des grünen Fiats leid und das, was sich durch diesen Unfall ereignete. Durch Zufall erfuhr ich seine Geschichte später von einem befreundeten Polizeibeamten.

Der Fiatfahrer hieß Michael. Seit Monaten war er schon arbeitslos. Er wohnte bei seiner Freundin Susa in einer kleinen Dachgeschosswohnung, mitten in der Stadt. Susa konnte es nicht mehr ertragen, dass er nur noch daheim rumgammelte. Zwar hatte er sich anfangs öfters für freie Stellen beworben, doch keiner wollte ihn einstellen. Mit der Zeit wurde er immer unmotivierter, so dass er schließlich nur noch den ganzen Tag auf dem Sofa lag und in die Röhre starrte. Susa wurde immer unzufriedener, weil sie allein die Miete für die Wohnung bezahlen musste und er im Haushalt auch keinen Finger mehr rührte. Schließlich stellte sie ihm ein Ultimatum: Entweder würde er innerhalb eines Monats eine neue Arbeitsstelle finden, oder sie würde ihn aus der Wohnung werfen und es wäre aus mit ihnen beiden. Anfangs glaubte Michael nicht, dass Susa wirklich in der Lage wäre, ihn rauszuwerfen. Aber an Susas schroffem Verhalten ihm gegenüber merkte er mit der Zeit doch, dass es ihr ernst war. Irgendwann bekam er es mit der Angst zu tun und er bewarb sich bei mehreren Firmen. Er erhielt nur von einem Betrieb eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch. Die Firma lag etwas außerhalb. Sein altes Auto hatte er schon vor längerer Zeit verkauft und darum lieh Susa ihm auf seine Bitte hin ihren kleinen grünen Fiat, damit er auch ja pünktlich kam. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist das ja immer so eine Sache, Sie kennen das ja sicher. Dauernd haben sie Verspätung oder man verpasst den Anschlussbus ... immer dasselbe eben. Susa lieh ihm also ihr Auto und zwar genau an dem Tag, als ich mir meinen Zopf abscheiden ließ. Sicherlich war Michael in Gedanken und darum sah er Sabrina erst im letzten Moment ... Ich will es kurz machen: Wegen des Unfalls kam Michael viel zu spät zu seinem Vorstellungsgespräch. Der Personalleiter der Firma war nicht bereit, einer derart unpünktlichen Person noch eine Chance zu geben - egal aus welchem Grund er zu spät kam. Das interessiere ihn nicht, meinte er und ließ Michael zum Ausgang begleiten. Sie wissen ja sicher, wie unmenschlich manche Chefs sein können. Als Susa erfuhr, dass Michael keine Arbeit bekommen hatte und zudem noch ihr Auto kaputt war, warf sie ihn kurzerhand raus. Michael kam notgedrungen bei seinem Freund Jonas unter, der ihn auf seinem Sofa schlafen ließ. "Klar Kumpel, dafür sind Freunde ja da", hatte Jonas angeblich zu Michael gesagt, als dieser total fertig vor seiner Tür stand. "Bleib so lange du willst!" Oft rief Michael Susa an und flehte sie um eine zweite Chance an, doch sie war nicht einmal zu einer Aussprache bereit. Als Jonas nach etwa einem Monat von der Arbeit nach Hause kam und Michael berichtete, dass er gehört hatte, dass Susa nun wieder mit ihrem Exfreund Stefan zusammen sei, ertränkte dieser seine Trauer und seine Wut in einer Flasche Wodka, die er bei Jonas im Schrank fand. Ab da begann er regelmäßig zu trinken.

Susa war tatsächlich wieder mit Stefan zusammen. Er arbeitete nämlich in genau der kleinen Autowerkstatt, in der Susa ihren kleinen grünen Fiat nach Michaels Unfall richte ließ. Sie hatte lange Zeit keinen Kontakt mehr zu ihm gehabt, aber als sie ihn dort wiedertraf und er sie gefragt hatte, ob sie nicht mal was zusammen trinken wollten - auf die alten Zeiten - willigte sie sofort ein. Er hatte immer noch dieses bezaubernde Lächeln, das sie ihr schon damals eine Gänsehaut gemacht hatte, als sie ihn vor neun Jahren das erste Mal an der Bushaltestelle gesehen hatte. Es dauerte nicht lange und beide waren wieder ein Paar.

Nach geraumer Zeit störten Jonas die vielen herumstehenden leeren Bier- und Schnapsflaschen, der ständig betrunkene Michael und das Chaos in seiner Wohnung immer mehr. Wie schon bei Susa rührte Michael auch bei Jonas nun keinen Finger mehr. Er lag nur noch den ganzen Tag mit der Flasche in der Hand vor dem Fernseher. Anfangs hatte Jonas noch etwas Verständnis für Michael. Klar, die Trennung von Susa war sicher schlimm für Michael gewesen, sie waren immerhin seit fünf Jahren ein Paar gewesen! Aber als er eines abends Michael dabei ertappte, wie dieser ihm im betrunkenen Zustand heimlich Geld für Alkohol aus dem Geldbeutel klauen wollte, platzte Jonas der Kragen und er warf ihn aus seiner Wohnung.

Laut Polizeiakte muss er sich dann noch irgendwo eine Schnapsflasche besorgt haben, da er diese gemäß Jonas' Aussage beim Verlassen seiner Wohnung noch nicht bei sich gehabt haben kann. Die Polizei geht davon aus, dass er danach direkt zu dem Haus lief, in dem Susa ihre Wohnung hatte. Vermutlich klingelte er mehrmals und als sich keiner rührte, setzte er sich wohl auf die Haustreppe um zu warten. Susa war an diesem Abend mit ihrem neuen Freund Stefan in der Spätvorstellung im Kino gewesen und kehrte danach mit ihm Arm in Arm zu ihrer Wohnung zurück. Als Michael Susa eng umschlungen mit Stefan auf sich zukommen sah, muss wohl eine Sicherung bei ihm durchgebrannt sein. Er zerschlug seine Schnapsflasche und stürzte sich mit dem abgebrochenen Flaschenhals auf Stefan. Dieser war laut Susas späterer Aussage derart überrascht, dass er den Angriff gar nicht abwehren konnte. Es ging alles ziemlich schnell. Michael erwischte wohl auf Anhieb die Hauptschlagader. Als der Notarzt und die Polizei eintrafen, war Stefan bereits tot ...

So hat mein abgeschnittener Zopf also einem Menschen das Leben gekostet ... Sie glauben mir die Geschichte nicht? Haben Sie noch die Zeitung von letzter Woche daheim? Da können Sie das mit Michaels Tat nachlesen ... Haben Sie schon gelesen?! Na sehen Sie! Darum überlegen Sie es sich ganz genau, ob Sie sich ihre Haare abschneiden lassen - es könnte tödliche Folgen haben!

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
16. Dezember 2007

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Ein haariges Lesevergnügen


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