Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...

Unser Buchtipp

Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Kahl ... aber glücklich

© Sönke Strohkark

7 Tage die Woche, 365 Tage im Jahr, werde ich jeden verdammten Morgen von dem gleichen, monotonen Dröhnen geweckt, das den nächsten längsten Tag meines Lebens einleitet. Begleitet von einer groben Männerstimme, die in nur 3 Worten klarstellt, dass Aufstehen angesagt ist. "Zellentüren Block A öffnen!" Ich richte mich langsam auf, hieve mich aus dem Bett und stelle mich vor den Spiegel, nur um mich wie jeden Morgen zu fragen, wie zum Teufel ich hierher geraten konnte. "Der Job ist absolut wasserdicht", versicherte mir mein Auftraggeber damals. Und das war er auch. Wäre da nicht ein winziges Objekt von 0,1mm Durchmesser und ca. 5cm Länge gewesen, das mir zum Verhängnis werden sollte. In meinem Leben habe ich etliche Male gefährliche Situationen durchstanden. Angefangen mit Prügeleien auf dem Schulhof über Messerstechereien mit Türstehern, denen meine Visage nicht zusagte, bis hin zum Auftragsmord an machthungrigen Politikern, deren Bodyguards sich alle Mühe gaben, mich nicht lebendig davon kommen zu lassen. All das sollte ich genauso locker hinter mir lassen wie ein Sprinter die 100m, um mir dann von einem mit dem bloßen Auge leicht zu übersehenen, verfluchten Haar vorschreiben zu lassen, wann ich ins Kittchen zu wandern habe. Haare sind ein sehr gutes Beispiel dafür, dass es Dinge im Leben gibt, die gleichzeitig des einen Freud und des anderen Leid sind. Die Sehnsucht nach Haaren auf dem Kopf steht dem Horror vor Haaren auf dem Rücken gegenüber. Ich lebe in dem Fall in Himmel & Hölle zugleich. Ich bin mit vollem Haaren an beiden Stellen gesegnet. Aber das tut nichts zur Sache.

Es handelte sich um einen millionenschweren Ölmagnaten. Mein Auftrag lautete, dafür zu sorgen, dass der besagte Herr den Neujahrsmorgen im Jahre 2000 nicht erleben wird. Der Wechsel von einem Millennium ins andere. Ein perfektes Datum, um jemanden umzubringen, ohne dass es die Polizei sofort bemerkte, da die meisten Bullen eh an irgendwelchen öffentlichen Plätzen für Sicherheit sorgen mussten. Dachte ich jedenfalls. Ich stehe also vor dem Wolkenkratzer und drehe mir noch eine Zigarette, (ich hatte es mir zur Tradition gemacht, nach einem erledigten Job genüsslich eine Selbstgedrehte zu rauchen) bevor ich mir meine Maske überzog und in das Hochhaus marschierte. Die Sicherheitsbeamten waren scheinbar schon in Feiertagsstimmung, denn es war mir ein Leichtes, sie durch gezielte, schallgedämpfte Schüsse ins Genick auszuschalten und seelenruhig mit dem Lift hinauf in das Penthouse zu fahren, um mit dem reichen Muttersöhnchen ins neue Jahr zu tanzen. Ein Tanz, der ziemlich blutig zu Ende gehen sollte, da mein Auftraggeber keine Tötungsart angegeben hatte. Somit konnte ich mich meiner Fantasie mal freien Lauf lassen.

Aufgrund der Tatsache, dass ich bei meinen Geschäften stets den Polizeifunk abhörte, bemerkte ich natürlich auch die Meldung über ein Ehepaar, das zwei Tote Sicherheitsbeamte im Erdgeschoss eines Hochhauses in der fünfzehnten Straße gefunden hatte. Aus Erfahrung wusste ich, dass mir noch ca. drei Minuten bleiben würden, um unbemerkt durch die Tiefgarage zu flüchten. Durchaus zufrieden über mein selbst erschaffenes Kunstwerk an der Wand, das durch scheinbar zufällig gesetzte Blutspritz-Akzente dem Ganzen einen "Abstrakte-Kunst-Eindruck" verlieh, steckte ich mir meine verdiente Zigarette an. Nach dem ersten tiefen Zug drehte sich mir plötzlich der Magen um. Noch bevor ich aus der Wohnung rennen konnte, kotzte ich überaus unprofessionell im weiten Bogen auf den teuren Perserteppich meiner Zielperson. Dummerweise bemerkte ich dabei nicht, dass auch das nicht minder wertvolle Parkett etwas abbekommen hatte.

Mir blieben noch 2 ½ Minuten. Zu wenig Zeit, um den Schlamassel gründlich zu beseitigen. Ich schnappte mir den Teppich und machte, dass ich aus dem Haus raus kam. Noch bevor mir am Abend klar wurde, was für die plötzliche Kotzattacke verantwortlich war, klingelten die Beamten schon an meiner Haustür. Sie hatten über einen, für meinen Geschmack viel zu schnellen DNA-Test in ihrer Datenbank zu mir gefunden. Tja, und von diesem Moment hatte ich viel Zeit zum Überlegen.

Und eines Tages, als ich wieder einmal meine tägliche halbe Stunde Freigang im Hof des Sicherheitstraktes genoss, fiel es mir ein. Im Alter von 16 Jahren, was jetzt eine halbe Ewigkeit her ist, hatte ich ein sehr ähnliches Erlebnis. Ich hatte ein Date mit meiner damaligen Flamme und nachdem ich sie schon fast so weit hatte, mit mir auf den Rücksitz meines Thunderbirds zu steigen, spie ich ihr spontan in den durchaus ansehnlichen Ausschnitt. Peinlich. Nach einigem Fragen an meine damaligen Freunde, ob Ihnen etwas Ähnliches auch schon einmal widerfahren wäre, kamen wir irgendwann zu folgender Theorie:

Beim Drehen einer Zigarette musste ich versehentlich eines meiner Haare mit eingearbeitet haben. Und anschließend natürlich mitgeraucht haben. Tja, und mein Magen ist offensichtlich der Meinung, dass Haare nirgendwo anders hingehören als auf die Haut. Somit wurde mein Mädchen damals zur Ex-Flamme und mein Leben nach dem Auftrag zu meinem ganz persönlichen Albtraum hinter Gittern. Selbstverständlich gebe ich zu, dass Haare etwas Wundervolles sind, aber ich kann euch nur eines raten: Unterschätzt nie die negative Wirkung, die Haare auf uns haben können. Und seid nicht traurig, wenn ihr keine mehr auf dem Kopf habt. Als Glatzkopf wäre ich vom Schicksal verschont geblieben.

Dann wäre ich jetzt kahl ... aber glücklich.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
22. Dezember 2007

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Ein haariges Lesevergnügen


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