Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...

Unser Buchtipp

Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Haarfetischisten

© Chris Schlicht

"Wie soll denn dein Traummann aussehen?"

Das ist wieder mal typisch Katrin, einfach so in eine ganz normale Unterhaltung über Gott und die Welt eine Frage wie diese einzustreuen. Völlig sinnfrei, außerhalb jeglichen Konzeptes und weit entfernt von jedem Zusammenhang zu dem, was gerade sonst gesprochen wird. Aber ich kenne sie nicht anders und daher überrascht es mich nicht weiter. Zumal ich bereits gehört habe, das sie Peter den Laufpass gegeben hat. Wohlgemerkt: SIE hat IHM die Sachen vor die Wohnungstür gestellt. Um sich von ihrem eigenen Elend abzulenken stellt sie mir die Fragen, für die sie zwar eine Antwort, aber keine Lösung hat.

Eine blöde Frage irgendwie. Der Traummann? Vor allem wenn man weiß, wie Katrins Traummann äußerlich beschaffen sein sollte und man sich dann die Gesichter der bisherigen Verflossenen so ins Gedächtnis zurückruft. Das waren allesamt hundertprozentige Entsprechungen dessen, was sie als ihren Traummann bezeichnet. Scheint aber irgendwie doch nicht das Passende für ihr Leben zu sein. Peter zum Beispiel sieht aus wie Antonio Banderas, einschließlich der schulterlangen schwarzen Locken. Eigentlich nicht schlecht - auch für meinen Geschmack. Wenn er nicht auch so ein Macho wäre, wie es seinem Äußeren entspricht. Typ südländischer Pascha.

Einen Moment lang spiele ich mit meiner Kaffeetasse und überlege, ob ich auf diese Frage lapidar mit "Wie Peter" antworten soll. Schlucke es dann aber herunter, weil ich mir vorstellen kann, wie sehr es Katrin treffen würde. "Keine Ahnung", rutscht es deshalb nur aus mir raus.

Katrin, die während des Wartens auf eine Antwort die anderen Gäste in dem Café gemustert hat, reißt erstaunt die Augen auf. Mit ihrer neuen Frisur sieht sie dadurch plötzlich aus wie diese Manga-Mädchen. Pizzatellergroße Augen und eine Löwenmähne um das spitze Gesicht. Das Lachen zu unterdrücken kostet bei diesem Anblick wirklich Kraft.

"Keine Ahnung? Du musst doch irgendein Bild vor Augen haben! Schau dich mal um, hier sind ein paar knuffige Kerle, welcher käme deiner Vorstellung denn wenigstens nahe?" Katrin lässt nicht locker und ich frage mich ganz ehrlich, was sie bezweckt. Vermutlich will sie vergleichen, wie ähnlich wir beiden ticken und ob ich nicht vielleicht doch eine Konkurrenz für sie bin in Sachen Männerfang.

Ich tue ihr den Gefallen und sehe mich mit betont gelangweilter Miene um. Schon irgendwie merkwürdig. Ich hätte keine Probleme, mir einen Kerl zu angeln, lege es aber nicht drauf an. Katrin kann auch jeden haben, aber sie langt immer zu schnell zu und schliddert von einem Herzeleid zum nächsten. Wie lange bin ich eigentlich schon solo?

Und warum?

Ganz unwillkürlich streiche ich mir durch die Haare und nähere mich des Rätsels Lösung. Auf meinem Kopf ist der Grund, warum die Kerle auf mich fliegen und dann am Ende enttäuscht sind. Meine Haarpracht, die mir bis fast auf den Steiß reicht, sich ganz natürlich lockt und in ihrer Masse einfach einlädt, sich hineinzukuscheln. Und dann die Farbe - feuerrot. Hexenweib. Woher kommt eigentlich das Gerücht, dass Rothaarige im Bett so viel Feuer haben sollen? Ich habe es nicht, ich bin eher phlegmatisch und anhänglich, denn aktiv. Kuschelrunde mit Rotwein vor dem Kamin entspricht eher meiner Neigung als Bettakrobatik.

Ich habe mir die Haarmasse schon mal abschneiden lassen, einfach aus Protest gegen derartige Vorurteile. Aber das sah schlicht besch...eiden aus. Erst sah ich mit der Krause aus wie ein Schaf, dann hatte ich Afro-Look. So wie es jetzt ist, ist es schon in Ordnung, aber was habe ich davon, wenn die Kerle mich nur auf meine Haarpracht reduzieren?

Meine forschenden Blicke kreuzen sich mit denen einiger anwesender Männer. Ein paar scheinen durchaus auch an mir interessiert, aber ich gebe keine Zeichen. Innerlich seufze ich nur. Der eine Typ, der gerade einen starken Espresso in sich hinein kippt, sieht auf den ersten Blick richtig gut aus. Dunkles Haar, dunkler Teint, dunkle Augen. Aber die Haare wachsen nicht nur auf seinem Haupt gut, sich quellen auch aus seinem Hemdausschnitt. Das ist ein bisschen viel, eine Matratze brauche ich nicht. Da hätte ich auch mit Matthias zusammen bleiben können, der in jedem Werwolf-Film den Hauptdarsteller geben kann.

Ich entdecke ein Plakat an der Hauswand gegenüber, Werbung für einen Herrenduft. Der Typ auf dem Plakat strotzt vor Muskeln, der Waschbrettbauch glänzt gut geölt. Genau so, wie die breite, haarlose Brust. Ich bemerke, dass Katrin mich genau beobachtet und sich über mein Stirnrunzeln amüsiert. Aber sie fragt nicht.

Ist das nicht pervers? Dieses Male-Model muss bei dem Testosteron in seinem Körper, das die Muskeln gebaut hat, doch auch Haare auf der Brust haben. So ein bisschen Pelz wenigstens, aber offensichtlich ist das für die Fotografen unerotisch. Also: Rasierer her.

Meine gerunzelte Stirn glättet sich wieder und ich grinse breit. Ob man die armen Kerle wirklich rasiert oder ob man zu härteren Methoden greift? Kaltwachsstreifen vielleicht? Ich stelle mir vor, wie das wäre, es bei dem südländischen Typen mit der Wolle im Hemdausschnitt zu versuchen. Noch so eine Perversion. Bei Frauen darf kein Haar am Körper sein, wir müssen uns mindestens mit einem Rasierer, besser aber noch mit Epilierern und Kaltwachs quälen. Die Kerle dagegen sind stolz auf ihren Bärenpelz, dem man kein Härchen krümmen darf.

Ich fahre mit meiner Musterung fort, doch so recht gefallen will mir keiner der Männer im Café. Vor allem, weil diejenigen, die sich auch für mich interessieren, mir nicht ins Gesicht sehen, sondern auf meine wallende rote Mähne. Ich möchte ihnen am liebsten ins Gesicht schreien, dass sie mich nicht auf meine Haare reduzieren sollen, sonst schere ich sie mir ganz ab. Glatze, Punkt. Ihr Fetischisten!

Katrin wartet auf eine Antwort, das spüre ich. Aber ich habe keine für sie. Ich wende mich ihr wieder zu, um ihr mit einem abgrundtiefen Seufzer die einzige Retoure zu geben, die mir einfällt und der Wahrheit entspricht: "Ich will einen Mann, der ein völlig natürliches und unvoreingenommenes Verhältnis zu Haaren hat. Zu seinen eigenen, und ganz speziell zu meinen!"

Katrin bedenkt mich mit einem völlig verständnislosen Blick, als hätte ich ihr gerade ein unanständiges Angebot gemacht. Sie versteht das nicht, klar, wie auch. Ich glaube, einen solchen Mann gibt es nicht.

Gerade als Katrin zu einer Entgegnung ansetzen will, sieht sie meinen entgeisterten Blick aus dem Fenster hinter ihr und dreht sich um, um zu sehen, was ich da wohl entdeckt haben mag. "Hach ist der süß!", entfährt es ihr.

Ich bin mir sicher, dass sie nicht von dem gleichen Mann spricht, auf den mein Blick gefallen ist. Vor dem Café stehen zwei Männer und schauen zu uns rein. Offensichtlich diskutieren sie gerade, ob wir in ihr Beuteschema passen. Beide sind richtig gut gebaut, echte Modelstaturen. Der eine hat halblange braune Haare mit einem peppigen Schnitt und sieht dem Typen auf dem Werbeplakat irgendwie ähnlich. Das ist der, auf den natürlich Katrins Blick sofort gefallen ist.

Meine Gunst gilt dem Anderen, dessen strahlend blaue Augen meinen Blick nicht mehr loslassen. Auch dann nicht, als sein Kumpel ihm mit irgendeinem dummen Spruch, den wir nicht hören können, über den Kopf streicht. Es stört ihn nicht, er sieht mir weiter ins Gesicht. Ich kann mir denken, was der andere gesagt hat, aber dieser Traumkerl reagiert nicht auf die Spitze, strahlt mich nur weiter an.

Fantastisch...

*

Natürlich ist Katrin mit dem brünetten Macho abgezwirnt, logisch. Na ja, fällt sie eben mal wieder auf die Nase, ich kann mir nicht vorstellen, dass er sich sehr von Peter unterscheidet. Er hat sie angebaggert und ist mit ihr verschwunden.

Und ich? Ich habe mit seinem Begleiter erst noch mal einen Kaffee getrunken. Dabei haben wir kaum mehr gesprochen, als für eine Vorstellung notwendig war.

Jetzt hänge ich bei Vinzent, so heißt mein blauäugiger Galan, auf dem Sofa herum. Einen Kamin hat er zwar nicht, aber guten Rotwein. Sein Kopf liegt in meinem Schoß und wir können einfach nicht die Blicke voneinander lassen. Endlich habe ich ihn gefunden, den Mann mit dem unverkrampften Verhältnis zu Haaren. Meine Hand streichelt ihm unablässig über seinen wohlgeformten Kopf, auf dem nicht ein einziges Haar wächst.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
05. Januar 2008

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Ein haariges Lesevergnügen


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