Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...

Unser Buchtipp

Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Das Mädchen auf dem Bild

© Bernard Pekrul

Die elfjährige Anna hatte ihren neuen Klassenkameraden Jakob zu sich eingeladen, um ihm bei den Hausaufgaben zu helfen. Hefte und Schulbücher waren auf Annas Bett verstreut; Jakob und Anna knieten dazwischen und beschäftigten sich mit ihren Rechenaufgaben.

"Du, Anna", sagte Jakob nach einer Weile.

"Mhm", murmelte Anna, während sie fein säuberlich mit einem Lineal das Ergebnis ihrer Aufgabe unterstrich.

"Ich habe keine Lust mehr auf Hausaufgaben, wie wäre es mit einer Pause?", fragte Jakob.

Anna schaute auf die Uhr und lächelte: "Ja, ok, ich habe auch keine große Lust mehr. Wir können ja runtergehen und uns ein paar Brote schmieren."

"Prima."

Sie verließen Annas Zimmer und gingen durch den Flur Richtung Treppe. Ihr Zimmer lag im oberen Stockwerk, auf dem sich noch zwei weitere Zimmer befanden.

"Was ist eigentlich in den anderen Zimmern?", fragte Jakob während er auf die Zimmertüren zeigte.

"Das eine ist unser Gästezimmer, früher wohnte dort Omi, und in dem anderen Zimmer ist eigentlich nur Gerümpel."

"Gerümpel? Au, zeig mal."

"Na gut." Anna ging zu einer der Türen und öffnete sie. Das Zimmer war völlig dunkel, und Anna machte das Licht an.

"Wow!", staunte Jakob und schaute sich um.

Auf der rechten Seite befand sich ein weißer, fleckiger Kleiderschrank mit ein paar Kratzspuren und Schrammen, links türmte sich ein Berg von Geschirr: Teller, Töpfe, Besteck, einiges davon mit Roststellen, Beulen und Sprüngen und von einer feinen Staubschicht bedeckt, weiter hinten im Raum lag eine fleckige Matratze; darauf lagen alte Zeitschriften und Kartons verschiedener Größe.

"Deine Eltern werfen wohl nie etwas weg", kicherte Jakob.

Anna lachte: "Nein, wirklich nicht." Sie öffnete den Schrank und betrachtete sich die alten Kleidungsstücke, während Jakob zu den Kartons ging, einzelne davon öffnete und darin stöberte.

"Witzig, manche dieser Kleidungsstücke sind bestimmt zwanzig Jahre alt oder sogar älter", sagte Anna, während sie einzelne Stücke aus dem Schrank holte und betrachtete.

"Ja, und hier in einem Karton sind auch alte Fotos", sagte Jakob.

"Echt? Zeig mal." Anna hängte die Hose, die sie gerade in der Hand hielt, wieder in den Schrank und ging zu Jakob. In einem Karton, den Jakob geöffnet hatte, lagen Fotos und ein paar Kleidungsstücke durcheinander herum. Anna fischte sich ein Foto heraus und lächelte: "Das ist Omi, in Muttis Alter."

"Oh, guck mal", Jakob hielt Anna ein anderes Foto hin, "dieses Mädchen sieht dir ähnlich." Auf dem Foto war ein etwa zehn- bis zwölfjähriges Mädchen zu sehen. Es hatte Blue Jeans und eine blau gepunktete Bluse an. Ihre Haare waren rotbraun, schulterlang und gescheitelt.

"Hm, das muss Mutti in meinem Alter sein, das würde die Ähnlichkeit erklären. Muttis Haare sind zwar auch etwas rötlich, aber nicht ganz so, wie auf dem Bild ..."

"Die Haarfarbe kann sich auch ändern. Als ich geboren wurde hatte ich blonde Haare, und nun bin ich hellbraun", sagte Jakob.

Anna drehte das Bild um. Dort stand eine Jahreszahl: 1983.

"Die Jahreszahl passt, 1983 war Mutti zwölf."

Anna betrachtete lächelnd das Foto.

"Guck mal, Anna", sagte Jakob und hielt ihr eine Bluse hin, die er ebenfalls aus dem Karton gefischt hatte, "hier ist auch die Bluse, die deine Mutter auf dem Bild an hatte."

Anna nahm die Bluse und verglich sie mit der auf dem Bild.

"Stimmt ... Weißt du was, Jakob? Mutti hat doch kommenden Samstag Geburtstag. Es wäre doch lustig, wenn ich dann als Mutti in meinem Alter erscheinen würde."

"Wie willst du das machen? Außerdem hast du braune Haare."

"Die kann ich mir ja färben, die Bluse haben wir auch, und eine ähnliche Jeans besitze ich ebenfalls."

"Hm", Jakob grinste, "gute Idee."

"Nimm die Bluse am besten zu dir. Ich gehe dann Samstagmorgen zum Frisör und ziehe mich dann bei dir um."

"OK, geht klar."

Anna steckte das Foto in ihre Tasche, und Jakob behielt die Bluse.

Da Anna wusste, dass ihre Eltern samstags nie vor 10 Uhr aufstehen, schlich sie sich kurz vor neun leise aus dem Haus und begab sich zu ihrem Friseursalon. Es dauerte nur wenige Minuten bis Anna sich auf den Friseurstuhl setzen durfte. Sie hielt der Friseurin das Foto hin und sagte: "Genau so möchte ich meine Haare haben, selbe Farbe, selbe Frisur."

Die Friseurin betrachtete das Foto, dann Anna, lächelte und meinte: "Ja, das geht, deine Haare muss ich etwas kürzen und sie tönen, die Frisur ist dann einfach. Soll die Farbe dauerhaft halten?"

"Nein, nein, es reicht, wenn sie einen Tag lang hält", sagte Anna.

"Kein Problem", sagte die Friseurin und machte sich ans Werk. Anna beobachtete zufrieden im Spiegel, wie sie nach und nach in das Mädchen auf dem Bild verwandelt wurde. Als die Friseurin fertig war, betrachtete sie ihr Werk und verglich es noch einmal abschließend mit dem Bild.

"Diese Ähnlichkeit ... Kennst du das Mädchen?"

"Ja, das ist meine Mutter in meinem Alter."

"Soll es eine Überraschung werden?"

"Genau", sagte Anna und lächelte.

Daraufhin ging sie zu Jakob und präsentierte sich ihm.

"Wow!", sagte Jakob, "genau wie auf dem Bild. Dann viel Spaß zu Hause."

"Danke, bin mal gespannt."

Eine Blue Jeans hatte Anna bereits morgens angezogen. Nun zog sie ihr Sweatshirt aus und die gepunktete Bluse an, die Jakob bereits geholt hatte.

"Perfekt", sagte sie.

Nun nahm sie noch das Geschenk für ihre Mutter, ein Buch, das sie ebenfalls bei Jakob deponiert hatte, an sich und machte sich auf den Weg nach Hause.

10.30 Uhr. Inzwischen müssten ihre Eltern am Frühstückstisch sitzen, dachte Anna, genau der richtige Zeitpunkt für die Überraschung.

Anna schloss vorsichtig und leise die Haustür auf und schlich sich hinein. In der Küche hörte sie die Stimmen ihrer Eltern. Sie schlich sich in leisen Schritten zur Küchentür, das Geschenk in der Hand, öffnete vorsichtig die Tür, trat ein und stand vor ihren Eltern, die am Tisch saßen und frühstückten.

"Alles Gute zum Geburtstag, Mutti!", sagte Anna lächelnd und hielt ihr das Geschenk hin.

Annas Eltern rührten sich nicht; sie starrten sie nur sprachlos und mit offenem Mund an. Keine Regung war in ihren Gesichtern erkennbar.

"Mein Gott, Julia!", sagte Annas Mutter plötzlich, stand auf, murmelte so etwas wie "entschuldigt mich, bitte" und ging aus dem Zimmer.

Anna stand immer noch mit ausgetrecktem Arm und dem Geschenk in der Hand da. Sie blickte abwechselnd zu ihrem Vater, dann zu der Tür, durch die ihre Mutter das Zimmer verlassen hatte, dann wieder zu ihrem Vater: "Aber ... was ...?", konnte sie nur stammeln.

"Komm mal her, Anna", sagte Annas Vater.

Anna ging schweigsam zu ihrem Vater und blickte ihn mit großen Augen an.

"Wie kommst du zu dieser Aufmache?", fragte der Vater in ruhigem Ton.

"Na ja, ich hatte ein Bild von Mutti als sie zwölf war gefunden und dachte, ich könnte sie überraschen, wenn ich heute so erscheine, wie sie früher aussah ... Was hat Mutti denn? Und wer ist Julia?"

"Weißt du, Anna", sagte ihr Vater und legte seinen Arm um ihre Schulter, "das auf dem Bild ist nicht deine Mutter, sondern Julia, ihre anderthalb Jahre jüngere Schwester."

"Ihre Schwester? ... Mutti hat eine Schwester?", fragte Anna erstaunt.

"Sie hatte eine, ja. Eine traurige Geschichte. Julia verschwand spurlos als sie elf war. Das war eine schlimme Zeit für deine Großeltern und deine Mutter. Zwei Jahre später fand man sie ..."

Anna blickte auf den Boden und wischte mit einem Ärmel über ihre Augen.

"Ich wusste ... wollte nicht ...", stammelte sie.

"Schon gut, Anna, du konntest es nicht wissen. Wir hätten dir irgendwann von ihr erzählt ... etwas später", sagte ihr Vater und strich ihr sanft über den Rücken.

"Ich gehe mal zu Mutti", sagte Anna und verließ das Küchenzimmer.

Sie klopfte leise an die Schlafzimmertür ihrer Eltern. Nachdem sie keine Reaktion vernommen hatte, öffnete sie vorsichtig die Tür und schaute hinein. Ihre Mutter saß auf dem Bett und blickte versunken in eine Ferne, die nur für sie erreichbar war. Anna ging zu ihr, legte ihre Hand auf ihre Schulter und sagte: "Tut mir leid, Mammi."

Die Augen von Annas Mutter kehrten langsam wieder zurück. Sie wandte sich Anna zu und nahm sie in den Arm. Ihr Mundwinkel ließ nach und nach ein leises Lächeln erahnen: "Ist schon gut, Anna. Mir geht es gut, es war nur der anfängliche Schreck ..."

"Nun habe ich dir deinen Geburtstag verdorben", sagte Anna und blickte auf den Boden.

"Nein, Anna, das hast du nicht, wir haben ja noch den ganzen Tag vor uns."

Anna und ihre Mutter hielten sich fest im Arm, die Mutter kraulte Anna sanft über ihre rötlichen Haare, und für einen kleinen Augenblick hatte sie das Gefühl, sie würde noch einmal ihre kleine Schwester Julia im Arm halten.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
08. Januar 2008

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Ein haariges Lesevergnügen


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