Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...

Unser Buchtipp

Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Nasenhaare

© Friedhelm Rudolph

Ich beuge mich hinüber zum Wasserglas, spüle mit zitternder Hand den Mund aus. Ich beeile mich, möchte ihn nicht warten lassen, die Angelegenheit schnell hinter mich bringen. Dann klebe ich mich wieder in den Behandlungsstuhl, versuche, mich zu entspannen.

"Sie besitzen bemerkenswerte Nasenhaare."

Nasenhaare? Höre ich richtig? Wollte ich etwas dazu sagen, ich könnte es nicht. Zum einen fehlen mir die Worte, zum anderen fesselt der Absauger meine Zunge und ein Tampon dehnt meine Oberlippe.

Irritiert suche ich seine Augen, doch die fixieren meinen Eckzahn, den Dreizehner.

Die Arzthelferin assistiert mit stoischer Routine, beachtet nicht meine Blicke. Sie sieht aus, als hätte man sie gerade aus dem Bett geprügelt. Ich bin der erste Patient an diesem Morgen.

Er setzt den Bohrer ab und schiebt seine Brille zurück auf die Nasenwurzel.

"So wohlproportioniert. Dieses neckische Kräuseln, dieses Kolorit - wundervoll. - Bitte spülen."

Erst jetzt bemerke ich die Haarbüschel, die aus seinen Nasenlöchern über den Saum des Mundschutzes quellen. Sorgfältig frisiert, ein Haar neben dem anderen, wie ein Walrossbart.

"Ein Kollege von der I.S.C.N.H., der International Society of Curious Nasal Hair, Doktor Norman Wilkins, der Name wird Ihnen nichts sagen, berichtete auf dem letzten Kongress in Boston von einem Asketen in Bangladesch, der es allein durch seine Übungen fertig gebracht hat, seine Nasenhaare zu der erstaunlichen Länge von achtundzwanzig Zentimetern zu kultivieren. - Bitte spülen."

Wo bin ich hier gelandet? Ich versuche erst gar nicht, etwas dazu zu sagen, verziehe keine Miene. Vielleicht wechselt er von selbst das Thema.

"Nasenhaare sind ein faszinierendes Phänomen. Ich praktiziere seit über dreißig Jahren, und genauso lang beschäftige ich mit Nasenhaaren - aber solche Nasenhaare wie Ihre bekomme ich nur selten zu Gesicht. Als Vorsitzender der Gesellschaft Neugieriges Nasenhaar e. V. dokumentiere ich die Nasenhaare der Deutschen. Ich möchte nicht als unbescheiden erscheinen, aber mein Archiv ist eines der bedeutendsten weltweit, und meine Fotos werden jährlich auf dem Kongress der I.S.C.N.H. prämiert. Ich bin meines Wissens der einzige Nasenhaarfotograf hierzulande. - Bitte spülen."

Er macht sich daran, die Kunststoff-Füllung zu modellieren.

"Darf ich nachher ein Foto von Ihren Nasenhaaren machen?"

Ein Foto? Von meinen Nasenhaaren? Hoffentlich deutet er mein Schweigen nicht falsch. Mein Herz klopft, mir ist heiß. - Nein, das kann nicht sein.

Das ist ein Scherz. Ich hasse Witze am frühen Morgen. Hätte ich doch nicht den Zahnarzt gewechselt!

"Jedes Härchen am Körper hat seine Funktion. Die Nasenhaare halten Staub und Fremdkörper ab, reinigen, erwärmen und befeuchten die Atemluft und machen sie verträglich für die Lunge - und sind so wundervoll. - Bitte spülen. - Ich verstehe nicht, dass Menschen ihre Nasenhaare bekämpfen, geradezu in einem Akt der Selbstaggression. Ich hoffe, Sie gehören nicht dazu."

Er schaut mich prüfend an. Ich fühle mich ertappt, lasse es mir aber nicht anmerken. Trotzdem scheint etwas in meinen Augen zu sein, das ihn zu weiteren Ausführungen animiert.

"Ich möchte nicht zuletzt Aufklärungsarbeit leisten zur gesellschaftlichen Akzeptanz der Nasenhaare, zur Pflege, der Ästhetik des Nasenhaartragens. Ja, Sie hören richtig. Nasenhaare können zutiefst ästhetisch sein, wenn nicht gar erotisch. Allerdings sind - Sie entschuldigen - Popel oder Speisereste im Nasenhaar unter keinen Umständen akzeptabel!"

Erotische Nasenhaare? Was erzählt der mir da?

Er wechselt das Gerät. Die Polierpaste schmeckt nach Anis und Minze. Wie passend, denke ich, zwei Tage vor Weihnachten. Ich sehe vor meinem geistigen Auge einen dieser Bonbonstände, die man auf Weihnachtsmärkten findet, und deren verführerischen Duftwolken ich nur mühsam widerstehen kann.

"Wussten Sie eigentlich: Steht der Mond in den Fischen, ist die beste Zeit, die Nasen- und Ohrenhaare zu schneiden. Das liegt daran, dass ..."

Ich balle die Fäuste. Mir reicht's. Ich will nichts mehr davon hören.

Nasenhaare, erotisch, Mond in den Fischen ... Ich rolle mit den Augen und starre in die Behandlungslampe. Mach hin!, denke ich, ich will hier nicht überwintern. Neue Füllung rein und fertig. Ich versuche, meine Gedanken auf etwas anderes zu lenken und meine Ohren geschlossen zu halten.

Was wohl die Stuhlassistentin denken mag? Denkt sie überhaupt? So, wie sie aus den Augen schaut, denkt sie vermutlich gar nichts. Ob er ihre Nasenhaare fotografiert hat? Ich habe gar nicht auf ihre Nasenhaare geachtet. Jetzt verbaut mir ihre Nasenspitze die Sicht darauf.

Wer achtet beim Zahnarzt schon auf Nasenhaare? Und überhaupt: Warum hängen hier keine Nasenhaar-Fotos an den Wänden? An der Wand hinter mir, nahe der Tür, ist mir beim Eintreten ein kleiner Schreibtisch aufgefallen.

Drei wirre Stapel aus Fachzeitschriften darauf. Zeitschriften mit Titelbildern kariöser oder mit Metall geflickter Zähne und Gebissruinen.

Darüber, an der Wand, mit Klebeband befestigt, von Kindern gemalte Bilder.

"Von Anna für Dr. H***". Er scheint mit Kindern gut umgehen zu können. Ob er selbst welche hat? Kinder haben noch keine Nasenhaare.

Weit und breit keine Nasenhaar-Fotos. Seltsam.

Hätte ich doch nicht den Zahnarzt gewechselt!

Warum mussten wir unbedingt hierher ziehen? In O*** ließ es sich doch gut leben, und der Weg zur Arbeit war genauso weit wie jetzt. - Eine halbe Stunde mit dem Auto, und ich säße jetzt bei meinem alten Zahnarzt und müsste mir nicht so einen Stuss anhören. - Der Zahnarztwechsel war ein großer Fehler.

Mit etwas Mühe gelingt mir ein Schielen auf meine Schuhspitzen. Total verdreckt. Wie peinlich! Hoffentlich achten sie nicht darauf.

Seine Stimme fängt mich wieder ein. "... daher sollten sie geschnitten, aber niemals - auf gar keinen Fall! - ausgerissen werden. So. Fertig. Bitte spülen. Eine Stunde lang nichts essen."

Ich atme auf. Endlich! Bloß weg hier! Mit einer Sportlichkeit, die ich sonst so oft an mir vermisse, schnelle ich aus dem Behandlungsstuhl am Arzt vorbei und der Tür entgegen. Doch da steht sie schon, die Helferin, macht sich im Türrahmen breit wie ein Mähdrescher und schaut mich mit der Entschlossenheit eines Zerberus' an. Ich erstarre und vergesse zu atmen.

Eine Hand legt sich von hinten schwer auf meine Schulter.

"Schon vergessen? Das Foto."

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
09. Januar 2008

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Ein haariges Lesevergnügen


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