Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...

Unser Buchtipp

Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Mein Haarlos

© Jacqueline Schwarz

Ich bin Sophie. Sophie Calvitie. Ich weiß, was jetzt kommt. Ein hübscher Name! Bist Du Französin? Ja, Sie haben recht. Und: ja, ich bin Französin! Gott sei Dank, denn wenn Sie wüssten, welche Bedeutung mein Name hat, dann würden Sie mich bemitleiden! Und Sie wären froh, dass ich eine Französin bin, denn so fällt es eben nicht auf. Wer macht sich schon die Mühe und schlägt das Wort im Wörterbuch nach? Gut, in Zeiten des Internets ist das auch nicht mehr so das Problem. Und bevor Sie jetzt Ihren PC starten, will ich es Ihnen doch verraten. Nur eines noch vorher: ich hätte nie, nie in meinem Leben gedacht, dass ich meinem Namen noch mal alle Ehren machen werde! Calvitie heißt Glatze.

Schon immer waren meine Haare von großer Bedeutung in meinem Leben. Um es gleich vorweg zu nehmen: ich habe weder super schöne lange Haare, noch lockige Haare, noch super glänzende Haare. Sprich, keine Haare, um die mich irgendjemand beneiden würde.

Aber: meine Haare sind dennoch besonders. Besonders flexibel und strapazierfähig. Ja, sie haben in ihren knappen 30 Jahren schon einiges mitmachen und erleben müssen!

In den frühen Kinderjahren wurden meine Haare auf verschiedenste Art und Weisen drapiert. Zu einem französischen Zopf, zu Affenschaukeln, Zöpfen, Knödeln. Verziert mit Spangen, Haarbändern und Haarreifen kann schon einiges aus normalen, stumpfen, halblangen Haaren gemacht werden. Mein erstes schlimmes Haarerlebnis hatte ich mit acht Jahren. Um Geld zu sparen, beschloss meine Mutter, mir die Haare selber zu schneiden. Sie war sich des Umgangs mit der Schere sicher, denn sie war und ist Schneiderin mit Leib und Seele. Sie erklärte mir, sie nähme jetzt meinen Pony, drehe ihn zusammen und schneide ihn ab. Sie hätte gelesen, sie würden mit dieser raffinierten Methode gerade geschnitten sein. Als sie meinen Pony losließ, überkam mich ein eiskalter Schauer. Ich schrie. Ich sah grässlich aus. Mein Pony war nichts im Vergleich zu einer schiefen Ebene! Sie müsse da wohl noch mal ran. Das Ende von dem traurigen Lied war schließlich nicht einmal mehr noch ein zu kurzer Pony, sondern ein kaum mehr vorhandener. Die Scham am nächsten Tag so in die Schule gehen zu müssen, war unbeschreiblich.

Als ich vierzehn war, begann ich, wie jeder normale Teenager, mehr aus mir zu machen. Meine erste Dauerwelle rückte näher. Ehrlich, ich sah aus, wie ein Engel, mit meinem neuen blonden Locken! Ich war mächtig stolz! Wer bitte hatte schon so eine super schöne Mähne? Kommentare, die dezent auf die Tatsache hinwiesen, mich einer Dauerwelle unterzogen zu haben und wie doof das denn sei, ignorierte ich komplett. Stattdessen widmete ich viele Stunden am Tag dem perfekten Sitz meiner Lockenpracht. Die Friseuse hatte mir dafür auch eine ellenlange Liste gegeben. Angefangen vom richtigen Shampoo und Spülung, einer Kur, die ich mindestens einmal pro Woche machen sollte, den richtigen groß zackigen Kamm, Lockenschaumfestiger, Lockengel, Lockentaft bis hin zum richtigen Tragen in der Nacht, damit die Lockenpracht auch am nächsten Morgen noch zum Anbeißen aussieht! Sie sehen, das war schon mehr ein Vollzeitjob! Leider hatte diese, sagen wir intensive und nicht übertriebene Pflege einen Nachteil, der sich aber erst zwei Dauerwellen später zeigte. Meine Haare wurden immer dünner und dünner.

Ich wechselte den Friseur. Dieser war über meinen Flaum entsetzt. Und das in meinem Alter von 16 Jahren!

Richtige Pflege stand von nun an im Vordergrund. Keine Chemie. Und viel Liebe. Um die Haare doch noch voluminös erscheinen zu lassen, drehte ich sie auf Lockenwickler. Meine Haare erholten sich und ich hatte den Eindruck, ich könne wieder ein paar Experimente versuchen. Neuester Schrei: verrückte Haarfarben. Anfangs zögerte ich noch ein wenig. Ich wollte schließlich meinen Haaren nicht zu viel zumuten: ich tönte sie immer wieder blond. Das half freilich nichts. Irgendwann wurde ich mutiger und entdeckte Rot für mich. In der Tat, es stand mir sehr gut. Und von da an, ging es die folgenden Jahre für meine Haare bergab. Ich hatte freilich kein Geld, deswegen färbte ich meine Haare stets zu Hause. Indigoblau, schokobraun, rabenschwarz, feuerrot. Im regelmäßigen Turnus. Dies hatte zur Folge, dass sich keine Farbe mehr so richtig entfalten konnte. Und nicht nur das. Meine Haare wurden immer dünner. Schon wieder.

Ich wechselte wieder den Friseur. Klar, denn der alte war offensichtlich Schuld an meinen Haarproblemen, nicht ich und die ständige Färberei. Liegt doch klar auf der Hand. Meine neue Friseuse sah mich mitleidig an und meinte, wir hätten eine Menge Arbeit vor uns und vor allem bräuchte ich viel Geduld. Oh je. Aber ich war älter und vernünftiger geworden, und so befolgte ich brav alle Ratschläge. Und siehe da, nach ein paar Jahren hatte ich wunderschöne Haare. Ich war glücklich und so lebte meine Experimentierfreude wieder auf. Wir, meine Friseuse und ich, versuchten neue Schnitte, mal brav, mal frech und mal verspielt oder aber Strähnen und auch mal Farben. Aber eben in Maßen. Ich war so unendlich stolz auf meine Haare, auf den perfekten Sitz, den Schnitt, die Farbe. Alles war so harmonisch und sollte nicht viel später wieder durch Chemie zerstört werden. Dieses Mal aber, war es weder meine Idee, noch mein Einfluss! Ich wurde krank und bekam eine Chemo. Halleluja!

Als ich eines Morgens an meiner Haarbürste richtig dicke Haarbüschel entdeckte, wusste ich, was zu tun war. Zum ersten Mal in meinem Leben ging ich zum Friseur und bat um einen 9mm-Schnitt. Das könne sie nicht verantworten, sagte die Friseuse, die schönen Haare. Sie weigerte sich. Ich erklärte den Grund und sie griff zum Rasierer. Das war mein neuer einfallsloser Kurzhaarschnitt. Dennoch hatte es was Gutes: ich hätte nie gedacht, dass mir auch 9 mm Haare stehen! Es dauerte nicht lange und auch die einzelnen Stellen meiner Resthaarpracht löste sich auf. Eine Alternative musste her. Ich hatte zwar eine Perücke, und ehrlich, heutzutage sind die schon so gut, da merkt man keinen Unterschied mehr! Aber ich wusste es und dies war Grund genug, sie nicht aufzusetzen. Ich stürmte also den nächsten Laden und suchte mir Tücher in allen Farben, Mustern und Variationen, die es nur gab. Ich musste schließlich flexibel bleiben! Wie sähe es denn aus, wenn ich einen weißen Sommerrock tragen würde, ein blaues T-Shirt und dann ein schwarz-weißes Tuch? Eben. Das geht gar nicht!

Eineinhalb Jahre nach Therapiebeginn, sprossen meine Haare auch wieder. Zaghaft und langsam. Ich versuchte mich in neuen Frisuren, wie dem Igelschnitt. Später konnte ich sogar schon wieder kleine Clips verwenden. Das freute mich ungemein! Freilich dachte ich zu diesem Zeitpunkt, ich würde meinen Haaren eine natürliche Entwicklung zugestehen! Das funktionierte auch gut ein Jahr. Und schon war sie wieder da, dieses unsagbare, intensive Lust, mehr aus mir und meinen Haaren zu machen! Aber ich hielt mich zurück. Besser gesagt, meine Friseuse hielt mich zurück. Sie war es, die meine Haare wieder aufgepäppelt hat, sie hegte und pflegte, bis sie das geworden sind, was sie heute: wunderschön!

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
09. Januar 2008

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Ein haariges Lesevergnügen


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