Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...

Unser Buchtipp

Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Die Kunden der Frisörin

© Nica Schreiber

Da gab es die einen, die nicht weiter auffielen. Die genau wussten, wie sie ihre neue Frisur haben wollten. Die nur kurz erklärten, wie sie ihre Haare schneiden sollte und danach über Belanglosigkeiten plauderten. Manche - das waren die ganz Stillen von ihnen - blätterten in den Klatschmagazinen und redeten nur dann, wenn sie gefragt wurden. "Ist das recht so?" "Wollen Sie die Stirnfransen noch etwas kürzer?" Diese Kundengruppe nannte sie "Die Unkomplizierten". Sie waren treue Kunden, die durchschnittlich viel Trinkgeld gaben und mit ihrer neuen Haarpracht zufrieden waren - oder zumindest vorgaben, es zu sein.

Dann gab es da noch die "besonderen" Kunden, die anzahlmäßig zwar eine Minderheit waren, arbeitstechnisch und psychologisch betrachtet meist jedoch ein Vielfaches von den Mitarbeiterinnen abverlangten. Und obwohl sie im Vergleich zu den "Unkomplizierten" seltener vorkamen, konnte man diese Gruppe in zahlreiche Untergruppen unterteilen. Manche dieser Untergruppen wurden von nur sehr wenigen oder sogar von nur einem Kunden gebildet. Im Gegensatz dazu waren manche Kunden dafür gleich in mehreren Kategorien gleichzeitig vertreten und stellten eine noch größere Herausforderung dar.

Die erste "spezielle" Gruppe nannte sie "Die Großzügigen". Davon gab es zwei Untergruppen: Die einen waren einfach zu handhaben und gaben mehr Trinkgeld als die bereits oben erwähnten "Unkomplizierten". Die anderen waren umständlich und schwierig, würdigten aber die Mühen der Frisörin mit überdurchschnittlich viel Trinkgeld und waren im Endeffekt fast immer mit ihrer neuen Haarpracht zufrieden. Bei diesen Kunden machte sich überdurchschnittlicher Einsatz wenigstens geldmäßig bezahlt.

Die zweite Gruppe nannte sie "Die Knauser". Sie fuhren zwar meist in einem langen Auto mit Stern vor, hatten also bestimmt genug Geld, aber vermutlich nur für ihren fahrbaren Untersatz und die dazugehörige Versicherung und Steuer. Denn beim Trinkgeld sparten sie. Es gab entweder nichts oder eine kleine Aufrundung auf den nächsten halben Euro. Bei besonderen Anlässen, wenn beispielsweise der Nachwuchs heiratete, wurde manchmal sogar auf den nächsten ganzen Euro aufgerundet. Das waren aber Ausnahmen und die merkte sie sich dann über Jahre hinweg.

"Die Extrawürste" erkannte sie oft schon daran, wie sie ihren Kaffee, der während der Wartezeit für gewöhnlich angeboten wurde, bestellten. "Einen kleinen Kaffee bitte, aber nicht zu stark und mit einem klitzekleinen Spritzer Milch", oder "Könnte ich meinen Kaffee mit Milchschaum haben? Was, Sie haben keinen Milchaufschäumer?" (Natürlich konnte sie kein Milchschaumhäubchen auf dem Kaffee anbieten. Schließlich waren sie in einem Frisiersalon und nicht in einem Café.) Dementsprechend verhielten sich diese Kunden auch beim Schildern ihrer Wünsche bezüglich ihrer neuen Frisur. Ein Strähnchen hier, eine Locke da, und könnte man die Stirnfransen nicht doch noch um ein bis zwei Millimeter kürzen? Solche Kunden waren bei ihr und ihren Kolleginnen vor allem dann nicht beliebt, wenn sie auch noch der Gruppe der "Knauser" angehörten; und solche Doppelbelegungen kamen bei den "Extrawürsten" überdurchschnittlich oft vor.

Für "Die Unentschlossenen" war es ein Ding der Unmöglichkeit, sich innerhalb von wenigstens zehn Minuten für einen Haarschnitt zu entscheiden. Problematisch wurde es, wenn auch noch die Entscheidung für eine Haarfarbe anstand. Glatte Wellen, lange Kurzhaarfrisuren, gleichlanger Fransenschnitt, dunkle Blondinenmähnen … - Dies alles hätte man für diese Kunden erst noch erfinden müssen. Die Frisörin wandte bei ihnen stets all ihre Schmeichel- und Überzeugungskünste an; vor allem dann, wenn sie bereits zu schneiden begonnen hatte und der Kunde währenddessen seine Meinung änderte und die Haare nun doch etwas länger hätte haben wollen.

"Die Promi-Imitatoren" veranlassten sie, sich Klatsch-und-Tratsch-Zeitschriften zu studieren und High-Society-Magazine im Fernsehen anzusehen. Es kam häufig vor, dass jemand seine Haare beispielsweise so wie David Beckham haben wollte. Dann musste sie dessen aktuelle Haarpracht im Kopf haben - und gelegentlich beinahe zaubern, denn nicht jedes Haar war für jede Promifrisur geeignet; und Beckhams Haarschnitt machte nicht automatisch Beckhams Gesicht oder Figur.

"Die Dreckspatzen" waren eine weitere Kundengruppe, mit denen sie Tag für Tag konfrontiert war, wobei der Ausdruck "Dreckspatzen" bei manchen beinahe noch zu höflich war. Manche dieser Kunden kamen nach dem Heckenschneiden oder nach ihren Stallarbeiten - es war ein Frisiersalon am Land - ungeduscht und höchstens mit gewaschenen Händen in den Frisiersalon kamen. Meist erkannte man sofort dem Geruch und dem Aussehen nach, welche Arbeit sie gerade zuvor noch verrichtet hatten. Andere der "Dreckspatzen" kamen alle drei oder vier Wochen zum Frisör, ohne sich in der Zwischenzeit ihre Haare zuhause zu waschen. Das mag unglaublich klingen, war für diese Kunden aber ganz selbstverständlich - auch noch im 21 Jahrhundert in einem der reichsten Länder der Erde. Besonders unerfreulich wurde es für die Frisörin dann, wenn sich die "Dreckspatzen" einen Trockenhaarschnitt - also ohne Haarwäsche - verpassen lassen wollten. Dann galt es entweder, sie vom Waschen zu überzeugen, oder sämtliche Arbeitsutensilien nach der Prozedur ordentlich zu desinfizieren.

In ihrer mittlerweile schon dreißigjährigen Frisörinnenkarriere war ihr bisher nur ein Exemplar der folgenden Gattung untergekommen: "die Paranoide". Sie gehörte zwar auch noch zu so manch anderen Kundengruppen, beispielsweise zu den "Knausern" und "Extrawürsten". Dennoch hatte diese Person noch einen zusätzlichen Spleen: Sie saß mit geschlossenen Augen im Frisierstuhl und ließ die einzelnen Arbeitsschritte still über sich ergehen, nur hin und wieder ließ sie eine spitze Bemerkung fallen: "Ich sehe ganz genau, was Sie mit meinen Haaren machen, auch wenn ich meine Augen geschlossen habe", oder "Schneiden Sie meine Haare ja nicht wieder zu kurz, ich spüre ganz genau, dass Sie schon wieder viel zu kurz ansetzen." Die Frisörin dürfte im Endeffekt immer wunschgemäß gearbeitet haben, denn regelmäßig alle drei Wochen saß die Dame wieder mit geschlossenen Augen vor ihr im Frisierstuhl.

Wenn sie so nachdachte, fielen ihr noch viele andere eigenartige und bemerkenswerte Kunden ein, die sie im Laufe der Jahre bedient hatte. Zum Beispiel diese deutsche Schauspielerin, die wegen eines Drehs in der Nähe im Hotel gegenüber untergebracht war und sich bei ihr die Haare föhnen ließ. Statt des Trinkgeldes gab es eine original signierte Autogrammkarte. Oder der gesprächige Herr, der seinen Frisörtermin mit einem Werbevortrag für "Network Marketing" und die daraus resultierenden enormen Gewinne verband und sie als Vertriebspartnerin anheuern wollte. Dann war da diese Frau um die Dreißig, die sich in aller Ruhe einen Haarschnitt und blonde Strähnchen verpassen ließ, während sie die Polizei schon überall suchte. Sie wurde schlussendlich in Handschellen und mit einer neuen Frisur aus dem Frisiersalon abgeführt - dummerweise noch vor dem Bezahlen. Angeblich wurde sie wegen Betrugs gesucht und später sogar zu mehreren Monaten Haft verurteilt. Diese Kunden waren nur einmal bei ihr gewesen, und so hatte sie diese nicht in ihre bewährte Kategorisierung aufgenommen.

Obwohl jeder Tag von all diesen speziellen Kunden durchzogen war, hing sie an ihrer Arbeit im Frisiersalon. Sie liebte das Schnippen der Schere, das Surren des Föhns und den eigenwilligen Geruch von Dauerwelle und Haarfarbe. Sie liebte das Rascheln der Zeitschriften, in denen ihre Kunden blätterten, während sie ihnen Strähnen machte. Sie liebte den Gong der Eingangstür, wenn wieder ein Kunde zufrieden das Geschäft verließ oder erwartungsvoll eintrat. Und sie liebte auf gewisse Weise sogar die speziellen Kunden, die jeden Tag aufs Neue eine besondere Herausforderung darstellten und ihr immer wieder ein süßes Erfolgserlebnis bescherten.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
12. Januar 2008

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Ein haariges Lesevergnügen


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