Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...

Unser Buchtipp

Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Die Tücke mit der Weiblichkeit
oder Die katastrophalen Restrisiken in der Kommunikation zwischen Mann und Frau

© Meike Blunk

"Denkst du dran, dass Dienstag die Kultur-Gala in Osnabrück ist! Oder willst du wieder nicht mit?"

Ich spüre seine Bemühung, sich locker anzuhören, eher so, als wolle er eine Melodie flöten. Doch diese Bemühung scheiterte, da es sich doch viel zu gepresst und in den Raum hinein geworfen anhörte.

"Was soll denn die Frage?", versuche ich zu reagieren.

"Na ja", quetscht er heraus. "Wann sind wir denn schon in der letzten Zeit zusammen losgewesen. Du hast deine Termine, ich meine. Und am Dienstag wird ja auch Wert auf Abendgarderobe gelegt!"

"Ja und, wo ist das Problem?" Ich weiß noch nicht, was ich von der Unterhaltung halten soll, merke nur, dass mir etwas flau wird. Ich wittere etwas Kompliziertes auf mich zu kommen.

"Na ja, findest du ja manchmal nicht so toll. Dann hast du ja dienstags immer bis 18.00 Uhr Kurs. Das wird schon knapp mit dem Umziehen und so für dich. Ich möchte halt pünktlich los. Wenn es für dich zu stressig wird und du lieber hier bleiben willst, dann sag es nur. Es gibt genug Leute, die deine Karte gern übernehmen würden. Du, ich muss jetzt los. Bis heute Abend."

Die Tür fällt ins Schloss. Da stehe ich und denke: "Der spinnt ja wohl!".

Mächtigen Schrittes gehe ich zur Haustür, reiße sie auf und rufe: "Enno!"

Keine Antwort. Ich gucke um die Ecke. Das Auto ist weg. "Was war das denn jetzt?", frage ich mich. "Wieso ist der in so einem rasanten Tempo davon gefahren? Nee, nee Freundchen, so nicht!", murmel ich vor mich hin und schaue auf den leeren Autoplatz.

Während ich zurück ins Haus gehe, höre ich noch mal die angespannte Tonlage mit den dazugehörigen Sätzen.

"Als wenn ich jemals länger gebraucht hätte zum Umziehen als er. Und was sollte das mit der Abendgarderobe? Habe ich eben eine indirekte Ausladung von Enno zu hören bekommen? Will der etwa mit jemand anderem bzw. einer anderer nach Osnabrück? Na, warte!"

Mittlerweile koche ich innerlich.

Impulsiv stampfe ich zum Telefon und wähle seine Nummer, damit ich mich wieder entladen kann. "Tuut, Tuut, Tuut ... Von wegen entladen. Na dann eben später!"

Ich beschließe, tief durchzuatmen, um mich wieder einmal in Gelassenheit zu üben. Da habe ich doch schon ganz andere Situationen gemeistert. Ich gehe zu meinem Kleiderschrank, um die Lage bzw. Top und Rock zu sichten.

"Also, bislang war ich immer passend angezogen", mache ich mir selber Mut. Ich schlüpfe schnell in die Teile und stelle dabei fest, dass meine Haare das eigentliche Problem darstellen.

Sie hängen seit Tagen wie plattgefahrenes Stroh vom Kopf. Wie konnte ich das ignoriert haben? Wieso komme ich erst heute - Freitag - auf die Idee, zum Friseur zu müssen?

Und wieder kriecht der alte Zweifel und mein eigentliches Lebensproblem an mir hoch: Meine Haare!

Sie sind nicht so, wie ich sie mir wünsche. Ich möchte in meine Haare greifen und von ihnen begeistert sein können.

Ich möchte tausend und eine Frisur mit meinen Haaren hinbekommen können und durch sie unzählige Veränderungsmöglichkeiten haben.

Anstelle dessen stelle ich immer wieder fest, dass meine Haare viel zu langsam wachsen und viel zu wenig Volumen haben. Ich liebe die Haare von ganz vielen anderen - mir teilweise fremden - Frauen, weil sie so wunderschön dicht, fest und / oder lockig dick sind. Hingegen meine Haare eher niedlich und kindlich zart aussehen.

Ach, da hat Enno wieder etwas in Gang gesetzt.

Es gibt so viele verschiedene Gründe, sich zu bemitleiden und / oder an sich zu zweifeln und festzustellen, dass das Selbstbewusstsein doch auf sehr wackeligen Fundamenten gebaut wurde.

Ich laufe die Treppe panisch wieder runter - zum Telefon.

"Nein, heute Nachmittag muss ich arbeiten. - Ach, morgen geht nicht. - Dienstag kann ich aber nur in der Mittagszeit. - 13.00 Uhr haben Sie einen Termin. - Ja, den nehme ich. Ist zwar sehr kurzfristig. Doch egal. Bis dann. Auf Wiederhören."

Nun bin ich doch erleichtert, da ich etwas unternommen habe und alles noch im Limit zu sein scheint. Auf dem Weg nach oben, gehe ich an unserem großen Spiegel vorbei. Dadurch merke ich, wie meine Lust auf diese Gala zu gehen augenblicklich schwindet, da ich finde, dass ich ziemlich bekloppt aussehe.

So kann ich da nicht hin, ich werde diejenige sein, die am dööfsten aussehen wird.

.

Da klingelt das Telefon. " Na endlich", denke ich. "Enno hat sich besonnen und will mir nun sagen, dass er eben recht ungeschickt zu mir gewesen ist. Siehst du Marie, alles wird gut."

Doch von wegen. Es ist nicht Enno. Es ist meine Freundin Anna.

Wir beide (wie Frauen im Allgemeinen) lieben es manchmal regelrecht, über die Missverständnisse, die zwischen Mann und Frau öfter geschehen als gewünscht, zu plaudern. So schildere ich ihr sofort die Situation.

Anna ist der Meinung, dass Männer zwischen 45 und 55 in der großen Krise stecken würden. So solle ich halt Verständnis haben und nicht so überreagieren. Enno würde es doch bestimmt nicht so meinen. Schließlich würde sie uns gut kennen und sie wüsste nur zu gut, dass meine Reaktion bei Enno nur Trotz und Futter für erneute Missverständnisse hervorrufen würde. "Der arme Enno kann doch mit zu viel Emotionen nicht umgehen, Marie. Das müsstest du doch wissen!"

"Na klasse, da haben wir es wieder: Ich bin an allem Schuld, obwohl Enno wie ein Elefant im Porzellanladen herumgelaufen bzw. herumgetrampelt ist."

Doch Anna lässt sich nicht aus dem Konzept bringen: "Schätzchen, du weißt doch: In der Liebe und der Gelassenheit liegt die Kraft! Sonst wirst du diejenige sein, die nicht in Gala-Stimmung kommt."

"Die ist mir jetzt schon gehörig vergangen!", pruste ich ins Telefon.

"Also du gehst jetzt los und kaufst dir ein tolles Kleid."

Ich werfe ein, dass ich wirklich gar keine Lust mehr auf diese Gala habe, wo sich jede - wie mir nun scheint - nur in Szene setzen wird und aufgetakelt um die Aufmerksamkeiten aller Männer ringen wird.

Im Übrigen wüsste ich ja noch gar nicht, wie sich das nun zwischen Enno und mir weiterentwickeln würde. Er würde mir wahrscheinlich am Abend mitteilen, dass er mit irgendeiner Sabine oder einer Franziska oder Henriette mit meiner Karte zur Gala gehen würde.

Anna unterbricht mich: "Ich sage ja, dass du zur Überreaktion neigst. Diese Art und dein überschäumendes Temperament kann Enno doch oft nicht vertragen. Du musst nun einfach mehr aus dir machen und vor allem deine Weiblichkeit mehr betonen. Sieh zu, dass du am Dienstag gut ausgeschlafen aussiehst! Und wie gesagt, zeig mehr Weiblichkeit. Das mögen die Männer. Du vernachlässigst die immer recht gerne."

"Ach Anna", höre ich mich wettern. "Das ist doch überhaupt nicht das Problem. Ich will nicht in diese dumme Weiblichkeitsfalle tappen. Die Männer machen was sie wollen und wir sollen sie mit unserer Weiblichkeit wieder friedlich stimmen. Das ist doch das ewig alte Lied. Da pfeif ich drauf!"

"Schätzchen, du machst jetzt was ich dir sage. Ich drücke dir die Daumen."

Also gut, ich streiche Sabine, Franziska und Henriette aus meinem Kopf und bin bereit, mich - im Namen der Weiblichkeit - in Unkosten zu stürzen.

So finde ich mich wenig später in einem gehobenen Kleidungshaus, vor einer rot-blonden, sehr weiblich aussehenden Verkäuferin wieder.

Diese schleppt auch sofort sehr ergeben und engagiert Berge von Kleidern an, nachdem ich ihr den Anlass geschildert habe.

Beim dritten Mal, als ich vor den Spiegel trete und an mir und dem Kleid herumzupfe, sagt sie: "Geben Sie sich doch nicht so burschikos! Lassen Sie Ihre zarte weibliche Note mehr zum Vorschein kommen. Gerade in diesem Kleid könnte sie so schön zum Tragen kommen!"

Ich schaue sie unverzüglich wie ein weibchenfressendes Ungeheuer an, erliege aber doch wenig später ihrem und meinem guten Willen, mich am kommenden Dienstag in all meiner Weiblichkeit brillieren zu lassen.

Daraufhin trägt sie ein in Flieder gehaltenes Kleid für mich zur Kasse.

Lächelnd raunt sie mir währenddessen zu, dass ich schon ein leichter Problemfall gewesen sei. Doch dass wir ja nun sehr zufrieden sein könnten.

Am liebsten wäre ich nun doch ohne Kleid wieder aus dem Laden gegangen. Ich lächle aber auch - im Namen der Weiblichkeit, knalle dann aber doch etwas zu unweiblich - sprich burschikos - das Geld auf den Tresen.

"Was wollen heute nur die Leute von mir? Ist eine Anti-Emanzipations-Verschwörung gegen mich unterwegs?", frage ich mich auf dem Nachhauseweg.

Vor meinem inneren Auge erscheint auch sofort meine Friseurin, wie sie mich am Dienstag mitleidsvoll begrüßen wird, wenn ich - total abgehetzt von der Arbeit - um 13.00 Uhr den Friseursalon betreten werde. Spätestens dann wird mir bewusst, dass ich weder den von Anna verordneten Schönheitsschlaf, noch andere Wellness- oder Verjüngungskuren hinter mich gebracht habe. Meine für mich zuständige Friseurin Marita wird sofort erkennen, dass meine Haare ein katastrophaler Angriff auf die Weiblichkeit darstellen würden. So wird sie mir sagen, dass sie meine grausig vernachlässigte Frisur auch nicht auf Anhieb wieder retten könne. Sie wird mir sagen, dass meine Haare viel zu burschikos hängen würden: dass sie mir schon vor langer Zeit gesagt hätte, dass ich weniger Stufen im Schnitt bräuchte, dafür mehr weibliche Verspieltheit. Dass mit einem anderen Schnitt und ihrem kreativen Bemühen das Problem schon ein wenig in den Hintergrund treten könne.

Ich sehe, am Ende werden sich alle - außer mir - als Heldinnen oder Retterinnen der Weiblichkeit fühlen, da sie meine Problemlage mit weiblichem Geschick gemeistert hätten. Hingegen ich - wie sie alle behaupten werden - doch nur burschikos und bockig viel Lärm um Nichts gemacht hätte. Ich höre sie schon alle im Chor rufen: "Hab doch Verständnis für die armen Männer! Sie sind halt nicht immer ganz charmant im Alltag. Verzeih und freue dich, dass du diejenige bist, die mit nach Osnabrück fahren kann!"

"Das wird sich ja erst noch herausstellen", höre ich mich sagen.

Doch plötzlich muss ich lachen und ich fange an, das Ganze als lustiges Spiel zu verstehen.

Ich male mir meine neue Frisur vor meinem inneren Auge und stelle fest, dass ich große Lust auf einen andern Schnitt und vielleicht auch auf eine andere Haarfarbe habe.

Wie ist das noch bei uns Frauen? Fangen nicht alle Veränderungen mit der Lust auf eine andere Frisur an? Was für eine Veränderung kündigt sich bei mir gerade an?

Vamp oder doch mehr Weiblichkeit ...

Welche Rolle will ich hierbei spielen?

Ich liebe die Provokation

Das ganze Leben ist doch wie eine große Bühne. Aber ich entscheide mich am Dienstag, welche Rolle ich spielen werde.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
13. Januar 2008

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Ein haariges Lesevergnügen


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