Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...

Unser Buchtipp

Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Der Barbier von Norddeutschland

© Gila Yael Treumer

Eigentlich passte er so gar nicht in diese norddeutsche Kleinstadt an der Nordsee. Aber die Verbindung zu einer Frau aus dem kühlen Norden verschleppte ihn aus dem heißen Marseille hierher. Nun waren es beinahe zwanzig Jahre, die er hier lebte. Die ersehnten Kinder hatten sie nicht bekommen, und die deutsche Sprache hatte er auch gar nicht erst angefangen zu lernen. Schließlich war er schon über dreißig, als er hierher heiratete. Zudem hatte sich seine Frau beeilt, ihm nach der Heirat baldmöglichst einen Friseursalon zu pachten, damit ihr Gatte nicht auf den Gedanken kam, wieder nach Marseille zurückzukehren. Da blieb keine Zeit für Sprachkurse an der Volkshochschule.

In seinem Salon war Erneste sein eigener Herr. Zeitweise fühlte er sich an alte Zeiten in Marseille zurückversetzt. Seine Frau und er hatten den Laden ganz im Stil seines früheren Salons in Marseille eingerichtet. An den Wänden hingen seine französischen Diplome und Bilder mit Motiven seiner Heimatstadt. Alles hätte so schön sein können, wenn da nicht diese lästigen Kunden gewesen wären, die nicht einmal ein Wort Französisch sprachen! Erneste begegnete solchen Menschen mit größtem Unverständnis und der ihm eigenen Ungeduld.

"Was Sie wünschen, bittschön?", empfing er sie, ganz der Chef seines Salons.

Wenn dann die Antwort einer Kundin ausführlicher ausfiel wie "Ich hätte gerne einen neuen Haarschnitt mit einer Färbung, die ein wenig mehr ins Bräunliche geht und …und …und ...", dann rief Erneste schnellstens nach seinen beiden Mitarbeiterinnen, die stets auf dem Sprung waren, um ihrem Chef beizustehen.

Mir erschienen die beiden Frauen wie zwei geduckte Mäuschen, die ängstlich darauf bedacht waren, für Erneste richtig zu übersetzen. Der Begriff Übersetzen passt im Grunde gar nicht, denn Elke und Sabine, so hießen die beiden jungen Frauen, sprachen und verstanden kein Wort Französisch. Wenn sie die wortreichen französischen Ergüsse ihres Chefs ins Deutsche übertragen sollten, machten sie das ganz nach ihrem eigenen Gutdünken. Oft konnten sie sich denken, was Erneste meinte, wenn er mit hochrotem Kopf auf Französisch faselte und immer wieder Brocken in Deutsch hineinwarf, wie 'trocken schneiden, scheiß trocken schneiden'. Kunden, die einen Trockenhaarschnitt wünschten, hasste Erneste wie die Pest und wie nur ein Südländer hassen konnte. Und meistens kamen diese Kunden nur einmal, um sich die Haare bei ihm trocken schneiden zu lassen. Wahrscheinlich waren sie froh, dass sie überhaupt mit dem Leben davonkamen.

Noch interessanter war es, wenn Elke und Sabine versuchten, ihrem Chef auf Deutsch klar zu machen, was eine Kundin wünschte. Dann sprachen sie fast genau so stümperhaft deutsch wie ihr Chef selbst. Sie dachten, dass er wenigstens einfachste Sätze wie "Erneste, Kasse, Kundin bezahlen", oder " Kunde, kommen, Mittwoch, drei Uhr", verstehen könnte.

Meistens flüsterten die beiden allerdings ängstlich miteinander.

Wenn Erneste Gesprächsbrocken mitbekam, die er meistens falsch verstand, mischte er sich lautstark ein: "Ja, ja, Erneste verstehen, alles Scheiße, was?" Dann hatte es wenig Sinn, dass die beiden eingeschüchterten Frauen ihn korrigieren wollten. Oft machte ihn das nur noch nervöser.

Die schönsten Momente für Erneste waren, wenn französisch sprechende Kunden in seinen Salon kamen. Dann blühte er auf, vergaß seine Umwelt und entschwebte bis nach Marseille. Dann klapperte seine Schere beim Schneiden, dann wirbelte er den Kamm durch die Luft und von seinen Lippen erklang ein Französisch, das den Raum mit seiner besonderen Melodie erfüllte. Für eine Stunde waren Elke und Sabine zwei fröhliche und locker plappernde Frauen, die ihre Arbeit wieder mochten.

Die Krönung für sie war, wenn Erneste seine Lieblingskunden, von denen es leider nicht sehr viele gab, anschließend zu einem Aperitif einlud. Dann blieb er für den Rest des Nachmittags fort und die Mäuschen namens Elke und Sabine tanzten zwar nicht auf den Tischen aber ihre Hände vollbrachten Kunststücke auf den Köpfen der Kunden.

Diese Nachmittage, an denen ihr Chef fort ging, um ein Glas zu trinken, wurden immer häufiger. Anfangs empfanden es die beiden Friseurinnen als Erleichterung. Irgendwann begann es sie jedoch zu beunruhigen. Oft kam Ernste am Abend nur noch einmal wieder, um die Tageseinnahmen aus der Kasse zu holen. Er roch dann stark nach Alkohol und war nur schwer zu genießen. "Kein Kunde kommen. Alle nach Hause gehen. Los, los!"

Eines Tages kam er überhaupt nicht mehr. Seine Frau kam an seiner Stelle und erklärte Elke und Sabine: "Erneste wird den Salon schließen. Ihr müsst euch nach einer anderen Stelle umsehen."

Weder Elke noch Sabine wagten zu fragen, was mit ihrem Chef passiert war. Nach dem Gesichtsausdruck seiner Frau zu urteilen, musste etwas Schlimmes passiert sein. Die Leute munkelten so allerlei. Von Geldproblemen war die Rede, von Alkohol. Aber so genau wusste niemand etwas. Irgendwann vermischten sich Gerüchte mit Phantasien. Und so erzählte man sich, dass Erneste in seiner Heimatstadt einen modernen und gut gehenden Friseursalon führte, wieder geheiratet hatte, diesmal eine Witwe mit einem halbwüchsigen Sohn. Und man hörte bei diesen Vorstellungen den Klang seiner Stimme, wenn er in seiner vertrauten französischen Sprache mit den Menschen redete, die ihn endlich alle verstanden.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
14. Januar 2008

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Ein haariges Lesevergnügen


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