Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...

Unser Buchtipp

Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Schweren Herzens ...

© Christin Hellmann

Die Sonne erstrahlte heller denn je. So sah es zumindest das 12-jährige Mädchen, dass gut gelaunt nach 5 Stunden Unterricht den Weg nach Hause fand. Sie hatte nicht ahnen können, was geschehen würde. Welche Wahrheit zu Hause auf sie lauerte um ihr Leben nachhaltig und ausdauernd zu verändern. Die 12-Jährige hatte nicht wissen können, welche Angst innerhalb der nächsten Stunden neu in ihrem Leben auftauchen würde. Denn hätte sie all das geahnt oder gewusst, hätte sie die Sonne für ihr beinahe schadenfrohes Lachen gehasst, ihr Laufschritt wäre zum Erliegen gekommen. Irgendwann wäre das Mädchen einfach stehen geblieben. So wie die Zeit es nunmehr von ihr forderte.

Nach etwa 20 Minuten betrat die 12-Jährige den sonnenbeleuchteten Hof, lächelnd begrüßte sie ihre Tiere, wie jeden Tag. Ehe das Mädchen die Haustür öffnete.

"Ich bin zurück", ihre ersten Worte, jedes mal wenn sie ankam. Doch diesmal war es anders, das sonst so laut wirkende Haus blieb still. Niemand reagierte wie es üblich war. Schnell zog sie ihre Schule aus, schmiss ihre Jacke zusammen mit ihrem Schulranzen an die Seite.

"Hallo? Jemand da?", fragte sie unwissend.

Doch wieder keine Antwort. Verwundert lief sie in die Küche. Dort erblickte sie ihre Mutter.

"Du bist also doch da! Warum sagst du denn nichts, Mensch. Ich dachte schon ihr seid alle ausgeflogen", meckerte sie, auf dem Weg zum Kühlschrank vor sich hin. Als ihre Mutter erneut nicht reagierte, sah die 12-Jährige diese das erste Mal richtig an. Ihre Mutter wirkte traurig, beinahe niedergeschlagen. Ein beklemmendes Gefühl überkam das Mädchen.

"Mum, was ist denn los?", fragte sie nunmehr besorgt. "Sag doch was!", flehte sie inmitten der herrschenden Stille.

"Penelope, setz dich!", forderte ihre Mutter, Margarita, sie ernst auf.

"Penelope?", begann sie, "... nicht Penny? Penelope nennst du mich doch nur, wenn ich was angestellt habe oder du dir Sorgen machst. Was ist los?"

"Dein Opa hat vorhin angerufen?"

"Ja und? Stimmt was nicht?"

"Vor einigen Wochen hatte deine Oma doch diesen Schwächeanfall!"

"Ja, weil sie doch so schlecht schlafen konnte in den Tagen davor und weil sie zu schnell aufgestanden ist. Ich dachte, dass wäre geklärt!", konterte sie erleichtert. //Ich dachte schon es sei etwas Ernstes. Sie ist einfach manchmal zu dramatisch//, dachte sie, sprach es jedoch nicht aus.

"Das dachten wir, Penelope, dennoch hatten die Ärzte aus Sicherheitsgründen noch einige Untersuchen gemacht, da sie schon so alt ist."

"Ach was Oma ist doch noch nicht alt!"

"Penelope, bleib bei der Sache. Jedenfalls war darunter auch ein CT!"

"CT? Mum, was ist bitte ein CT?"

"Computertomographie, ein computerunterstütztes Verfahren der Röntgenuntersuchung. Sie ermöglicht die Lokalisierung von krankhaften Gewebeveränderungen", erklärte Margarita ihr, so wie man es ihr erklärt hatte. Andere Worte fand sie nicht.

"Aha ... ok" murmelte Penelope, obwohl sie es nicht so recht verstanden hatte. "Und was hat das jetzt genau mit Oma s Zustand zu tun?", irgendwie ahnte sie, dass es bedeuten könnte, was es bedeutete aber sie wollte es nicht wahrhaben und schon gar nicht aussprechen.

"Penelope, deine Oma hat Krebs", platzte Margarita unsensibel heraus.

"Ist doch nicht so schlimm. Einige Medikamente für längere Zeit und in einem Jahr ist alles vergessen", antwortete das Mädchen in der Meinung Recht zu haben.

Erschrocken über diese Aussage blickte die Mutter in die Augen ihrer Tochter. Liebevoll und dennoch ängstlich wirkend, schüttelte sie den Kopf.

"So einfach ist das nicht!", sie stoppte, sie brauchte einen Moment um nicht in den Tränen auszubrechen, ehe sie es erklärt hatte. "Krebs ist eine bösartige Krankheit. Es zerstört nach und nach die Körperzellen. So zehrt es den Körper langsam aus", erneut stoppte Margarita, sie wollte andere Worte zur Erklärung finden, doch es gelang ihr nicht. Sie selbst, wusste es gerade gefühlte 5 Minuten. Sie selbst, hatte noch nicht begriffen wie ernst die Lage war. Sie selbst, hatte zu große Angst. Sie wollte ihrer Tochter keine Angst machen, doch mit jedem Wort, das sie nun darüber verlor, wurde ihr eigener Schmerz größer.

Die Angesprochene blickte schweigend verwirrt und geschockt zu Boden.

"Bitte sag mir, dass Oma daran keinesfalls sterben wird", flehte Penelope kaum hörbar.

"Das würde ich sehr gern tun Penny!"

"Was genau hat sie?", die nächste Frage die sich dem Mädchen aufzwang, jedoch stellte Penelope die Frage ehr rhetorisch. Ihr war es egal, was es genau war, wenn es auch nur ansatzweise zu schlimm ist, wie es klang, sollte es egal sein, wo der Krebs, diese Krankheit, genau ausbricht.

"Einen Hirntumor. Das ist eine Geschwulst im Kopf, im Gehirn. Sie ist bösartig und wächst immer weiter."

"Eine Geschwulst ist doch so was wie ein Ball oder?" fragte sie, erwartete jedoch keine Antwort. "Also ist ein Ball in ihrem Kopf, der immer größer wird. Irgendwann ist er so groß, dass ihr Kopf platzt!", zum Ende des Satzes hin, wurde Penelope s Stimme immer dünner.

"Ihr Kopf wird nicht platzen. Aber du kannst es zu deinem Verstehen so ausdrücken."

"Dann muss der Ball eben so schnell wie möglich daraus Mum!"

"Das geht leider nicht!"

"Warum nicht?"

"Der Tumor ist zu tief in ihrem Kopf. Bei der Entfernung könnten lebenswichtige Teile berührt oder gar zerstört werden!"

"Wenn sie dafür lebt, ist alles recht."

"Vielleicht würde sie aber genau diese OP nicht überleben"

"Sie wird doch nicht wirklich sterben?", immer näher kam sie den Tränen und das übte nun Druck auf ihre Stimme aus, so dass diese nun ganz leise, beinahe unverständlich ihre Lippen verließ.

"Sie versuchen alles. Hab keine Angst."

Das 12-jährige Mädchen verstummte. Langsam stellte sie sich neben ihre Mutter, nahm diese kurz in den Arm, ehe sie sich abwandte und im 1. Stock in ihrem Zimmer verschwand.

Das beklemmende Gefühl, dass sie von nun an versuchte zu verdrängen, war in diesem Moment zu groß geworden, als dass sie es in Nähe ihrer besorgten Mutter hätte erklären können. Ihr erster Blick führte das gläubige Mädchen zum Fenster in den Himmel hoch.

"Beschütze meine Oma, rette sie für uns. Sie darf nicht sterben. Bitte", betete sie mit zusammengelegten Händen vor dem Gesicht. Einige Strähnen ihrer Rabenschwarzen Haare fielen beim zurück sehen vor ihre Augen. Mit einer benommen wirkenden Handbewegung legte sie diese zurück hinter die Ohren.

Nervöser und besorgter werdend wechselten ihre Augen ständig die Richtung. Fixierten kurz Punkte im Zimmer um dann etwas anderes anzustarren.

Letztlich blieben sie an einem Block haften, ein Stift daneben.

Noch immer wie benommen, lief sie darauf zu, nahm den Stift, den Block. Immer langsamer werdend setzte sie sich auf ihren Sessel neben dem Fenster und begann zu schreiben.

//Warum hab ich Angst vor etwas, was ich nicht kenne?
Warum hab ich Angst vor etwas, was mich niemals interessierte?
Warum tut es jetzt so plötzlich weh?
Warum hab ich Angst sie so zu sehen?
Warum will ich jetzt ganz laut schreien?
Warum will ich jetzt ein Meer voll weinen?
Warum spüre ich, sie kann nicht bleiben?//

In ihr tobte es, wütend schmiss sie den Block, sowie den Stift zu Seite. Wieder wechselte sie aufgeregt mit ihren Augen sekündlich ihre Blickrichtung.

Sie lehnte sich zurück, ließ sich in den Sessel fallen. Nach weiteren Stunden des Nachdenkens, des Versuches alles zu verstehen, schlief sie, ebenso wie ihre Mutter, besorgt ein.

Der nächste Tag begann, genau wie die darauffolgenden Tage, Wochen und Monate. Es war die schlimmste Zeit im Leben dieses Mädchens, dieser Familie. Ihrer Oma ging es sichtlich schlechter. Als die Ärzte endgültig bescheinigten, dass der Tumor nicht operativ entfernt werden könnte, begann die Chemo- und Strahlentherapie.

Die Familie ging mit dieser Erfahrung unterschiedlich um. Margarita war von nun an so oft wie möglich bei ihrer eigenen Mutter. Ging mit der Krankheit ihrer Mutter um, tat nicht so als sei nichts. Der Vater des Mädchens William ging dem Thema weitgehend aus dem Weg. Nicht weil ihm nichts an Martha seiner Schwiegermutter lag, nein, ihm lag eine Menge an ihr. Aber er konnte und wollte sie nicht so verletzlich sehen. Für ihn war Martha ein aufopferungsvoller Mensch, ein Mensch der sein Leben für andere immer geben würde, niemand der sich leicht unterkriegen lies, jemand der immer das letzte Wort hatte, egal wer vor ihm stand. Doch nunmehr war es anders, von Tag zu Tag kam die Krankheit in Martha immer mehr zum Vorschein zeigte ihr vollends böses Gesicht. Mit so einer Erfahrung umzugehen fiel diesen schwer. Aber dennoch belog er sich niemals selbst, auch er besuchte Martha mit seiner Frau ziemlich oft. Um bei ihr zu sein, auch wenn es schmerzte, auch wenn er sie so nicht sehen wollte, ignorieren konnte er es nicht.

Penelope ging mit dem Thema anders um. Sie besuchte ihre Oma, liebte sie noch mehr denn je, verlor jedoch niemals ein Wort über die Krankheit. Sie hatte gelesen wie die Krankheit verlief, wusste über beinahe jedes Detail bescheid. Dennoch kein Ton, wenn sie bei ihr war, war es wie früher, sie redeten über alles. Belanglose Sachen, Schule, Freunde, wie die Wetterlage an jeden Tag war. Sie hatte sogar irgendwann aufgehört zu fragen, wie es Martha ging. Zu schwer war es zu hören, welche Schmerzen sie hatte. Inmitten des Trubels um ihre Oma hatte sie begonnen das Thema in ihrem Kopf auszuschalten. An manchen Tagen fiel ihr dies ziemlich schwer aber an anderen war es die einzige Möglichkeit jeden Tag mit diesen wissen zu überstehen. Ihren Freunden hatte sie daher auch nichts davon gesagt.

Nach dem Martha nun mehrere Therapien hinter sich hatte und die Krankheit schon ein halbes Jahr bekannt war besuchte Penelope ihre Großmutter nach 2 Wochen das erste Mal wieder. Sie betrat den Raum in dem sich ihre Oma befand und lächelte diese an. Doch gerade als sie wie immer freundlich Hallo sagen wollte, stockte ihr Atem. Martha hatte beinahe all ihre Haare verloren. Damit hatte die 12-Jährige wahrhaftig nicht gerechnet. Sie hatte gelesen, dass es früher oder später passieren musste aber genau in diesem Moment konnte sie nicht so tun als sei alles normal und wie früher.

"Hallo Penny! Komm setz dich zu mir!"

"Hi Oma", kam in einem Flüsterton aus ihrem Mund, langsam drückte sie ihre Großmutter einen Kuss zur Begrüßung auf die Wange und setzte sich zu ihr, doch ihr Blick haftete an der Kahlheit auf dem Kopf ihres Gegenübers. Dies blieb eben dieser natürlich nicht unbemerkt.

"Was denkst du?", fragte Martha daher als erstes einfühlsam. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit war das Mädchen bereit etwas zu sagen. Sie schüttelte eiligst den Kopf und starrte aus dem gegenüberliegenden Fenster.

"Ich denke, es wird wohl regen geben Oma. Das brauchen die Blumen auch mal wieder und ich muss heute nicht noch gießen."

"Penny wir wissen das du gerade etwas anderes gedacht hast oder?"

"Ich weis nicht was du meinst"

"Weist du Penelope, wir beide haben darüber das ich Krank bin noch nicht gesprochen, obwohl es schon eine geraume Zeit so ist!"

"Ja aber das müssen wir auch nicht!!"

"Aber wenn du irgendetwas wissen möchtest dann frag mich. Oder wenn du Angst hast, sprich es aus, ich höre dir zu!"

"Ich weiß Oma."

"Also hast du Angst", Penelope atmete tief ein und aus.

"Wir sollten darüber nicht sprechen. Lass uns doch spazieren gehen."

"Ich bin heute zu müde dazu Penny."

"Ok dann spielen wir Karten"

"Penelope hast du Angst!"

"Welches Kartenspiel hättest du gern? Rommee?"

"Penelope antworte mir!"

"Rommee habe ich ewig nicht gespielt. Also Rommee?"

"Penelope?"

"Romme!"

"Penelope bitte antworte mir!"

"Oma!" sie blickt Martha tief in die Augen, als würde sie die Seele erkennen, "ich hab Angst um dich!", Tränen entstanden in ihren Augen "aber wir beide müssen tapfer sein"

"Du musst mir nicht die tapfere vorspielen Penelope. Ich habe auch Angst, aber ich werde kämpfen bis zum Schluss."

"Das weis ich, deshalb weis ich das meine Angst unbegründet ist."

"Das ist sie leider nicht kleines. Hast du noch den Ringblock den ich dir zu deiner Einschulung schenkte!", das Mädchen nickte. "Ja hab ich Oma!"

"Weist du auch noch was ich dir sagte, als ich ihn dir schenkte."

"Er soll so was wie mein Tagebuch werden, hier soll ich alles reinschreiben was ich fühle."

"Weist du auch warum ich dir so etwas geschenkt habe?", Penelope schüttelte mit dem Kopf und blickte ihre Oma noch immer mit Tränen in den Augen an.

"Du warst ein immer ein verschlossenes Kind, klar warst du voller Lebensfreude das bist noch heute. Aber Probleme hast du immer in dich rein gefressen, ich wollte das du dich zumindest immer auf dem Papier auslässt. Deiner Kreativität Ausdruck und somit Flügel verleihst denn das hattest du ebenfalls schon immer. Tust du das auch?", fragte Martha das erste mal seit dem sie ihr den Block geschenkt hatte.

"Ja"

"Liest du mir daraus vor. Etwas was du erst vor kurzem geschrieben hast."

Penelope nickte und nahm den Block aus ihrer Tasche. Langsam öffnete sie diesen, das hatte sie noch niemals jemanden lesen lassen, oder gar vorgelesen, es war ihr Tagebuch.

"Ist es die Schwäche, die einen Menschen sterben lässt?,
Ist es die Kraft, die einen Menschen rettet?,
Ist es das Leben, dass einem Menschen tötet?
Ist es der Glaube, der einen Menschen erkennen lässt?
Ist es die Leere, die einen Menschen erfrieren lässt?
Oder ist es das Sterben was einen Menschen schwächt?
Ist das gerettet werden, was einem Menschen die Kraft schenkt?
Ist es der Tod der einen Menschen leben lässt?
Ist das Erkennen, dass einen Menschen glauben lässt?
Ist es das erfrieren, dass einen Menschen leer werden lässt?", las sie immer leiser werdend vor.

"Das hast du schön ausgedrückt. Ich wusste immer das du so was kannst." Ihre Großmutter lächelte ihr ins Gesicht, doch das 12jährige Mädchen wandte ihren Blick nicht von den Buchstaben. "Versprichst du mir nicht zu sterben?", fragte sie urplötzlich, noch immer mit einem Auge auf den Block gerichtet.

"Das würde ich sehr gern!"

"Das hat Mum auch gesagt, Oma du darfst mich nicht verlassen. Mit wem soll ich dann Rommee spielen, mit wem Würfeln, wer hält dann diese Familie zusammen?", fragte sie mit nachkommenden Tränen die ihre Stimme zu einem leisen Klumpen werden ließen.

"Ich werde alles versuchen um euch nicht zu verlassen aber ich will und kann dir nichts versprechen was ich nicht einhalten kann. Aber Penelope eins kann ich dir sagen du wirst auch ohne mich niemals allein sein", mit ihrer Hand hob sie das Gesicht ihrer Enkelin ein Stück hoch, so dass sie in ihre Augen blicken konnte. "Außerdem werde ich solange leben wie du Platz in deinem Herzen für mich hast", sagte sie aufmunternd und dennoch der Situation gerecht.

"Toller Spruch.", murmelte das Mädchen und blickte zurück. "Aber ich hätte trotzdem gern die Sicherheit das du am Leben bleibst."

"Ich kann nur sagen das ich mich nicht unterkriegen lasse."

Wenig beruhigt versuchte Penelope die Situation zu retten. "Also spielen wir jetzt Rommee!", lenkte sie schnell ab, während sie den Block zurück legte. Lächelnd strich sie sich durch die Haare und blieb erneut auf dem kahlen Kopf ihrer Großmutter haften. Traurig blickte sie die Karten an. "Also los!", sie wollte nicht mehr darüber nachdenken, denn dieser Verlust der Haare löste in ihr ungewollte Angst aus.

Um das Mädchen nicht weiter zu verängstigten legte Martha ihr Kopftuch an und spielte nun Rommee als wäre sie gesund und alles wie früher. Doch auch dieser Moment endete früher oder später.

Zurück daheim lief sie längere Zeit in ihrem Zimmer auf und ab. Die nunmehr entstanden Glatze ihrer Oma ging ihr nicht aus dem Kopf.

So kam es, dass das Mädchen wenige Minuten später aufsprang, sich auf ihr Rad setzte und zu ihrer Freundin fuhr. Dort ließ sie sich von besagter die Haare kahl scheren. Mit den Worten "Solidarität, Loyalität, Liebe!", hatte sie dieses begründet. Auch wenn ihre Freundin dies nicht verstand, hatte Penelope es so lang und breit versucht zu erklären, dass sie die Haare abschnitt. Diese Prozedur hatte gerade mal eine ¾ Stunde gedauert. Freundlich bedankte sie sich und setzte ihr Cappy auf ehe sie sich auf den Weg nach Hause machte.

Dort angekommen, erblickte zunächst ihre Mutter die Bescherung.

"Penelope!", schrie sie schon los ehe das Mädchen richtig im Haus stand. "Was denkst du dir... wer war was? Sag mal hast du sie noch alle? Du kannst dir doch nicht die Haare abschneiden?"

"Ich war es ja auch nicht selber?", konterte sie und blickte ernst zu ihrer Mum.

"Das weis ich selbst, also wer war es?"

"Jessica!", erwiderte sie locker und nahm das Cappy ab. "Aber sie musste. Ich hab es ihr erklärt und erkläre es nun dir. Oma hat ihre Haare verloren und um ihr meine Solidarität zu beweisen, meine Loyalität zu zeigen und meine Liebe zu bezeugen sind meine Haare nun ab. Denn ihr geht es schlecht, sie hat Angst genau wie wir, Mum. Ich will ihr zeigen, dass die Haare nicht ihr leben sind, dass die Haare wachsen und dass sie wieder bei uns sein wird, und uns nie verlässt. Denn ich weis es, auch wenn ihr es nicht versprechen könnt."

"Das ist kein Grund deine schönen langen Haare abzuschneiden junge Dame, davon wird deine Großmutter auch nicht wieder gesund. Nein im Gegenteil wenn sie das sieht, wird es ihr noch schlechter gehen. Penelope deine Oma hat Krebs das ist nicht zu vergleichen mit dem abschneiden deiner Haare", sagte ihre Mutter schnell und bereute es direkt wieder.

"Aber ich hab sie lieb,", sie begann zu stottern. "Ich will sie nicht verlieren."

"Es tut mir leid ... ich hätte es anders sagen sollen. Penelope deine Großmutter wird kämpfen."

Ohne ein weiteres Wort holte Penelope ihren Block aus der Tasche, öffnete es und setzte sich auf die Treppenstufen. "Mum...Oma hat gesagt, sie gab mir den Block damit ich es aufschreibe was ich fühle .... willst du wissen was ich gefühlt hab als Jessi fertig war?", fragte sie und blickte ihre Mutter mit ihren großen braunen Augen an.

"Ja Schatz, liest du es mir vor?", erwiderte ihre Mutter überrascht, noch niemals hatte Penelope ihr etwas aus ihrem Block vorlesen wollen.

"Gut", sie atmete noch ein letztes Mal tief durch, sie wollte das ihre Mutter endlich verstand was sie meinte, wie sie selbst sich fühlte.

"Dein letzter Atemzug, verschenkt meinen Mut,
Dein letztes Wort, nimmt meine Hoffnung fort,
Deine letzte Bewegung, mein Herz zeigt keine Regung,
Mein letztes Rufen, nun muss ich dich suchen.
In meinen Herzen, sind nur Schmerzen,
Erinnerungen fetzen, Angst und Kerzen",

Sie beendete das Gedicht, schloss das Buch und lief in ihr Zimmer ohne sich auch nur einmal umzudrehen.

Zurück blieb eine verwirrte Erwachsene, die es gehört aber nicht verstanden hatte.

Etwa eine halbe Stunde später ertönte das Klingeln des Telefons durch das Haus. Danach hörte man nur: "Ja, wann, was, ok." Das Telefonat war beendet der Hörer knallte zu Boden. Wenige Sekunden später konnte man ein leises Schluchzen erkennen. Penelope kam aus ihrem Zimmer, sah zu ihrer im Flur stehenden Mutter, sie weinte. Auf einmal durchdrangen die verschiedensten Wörter. Was war passiert, oh nein, wieso, das kann nicht sein, fragte sie sich immer wieder. Momente herrschte lediglich angstvolle Stille. Dennoch fühlte es sich so laut an. Nachdem die 12-Jährige den Blick nicht von den Tränen nehmen konnte, kam sie langsam zu sich. "Was ist passiert? Warum weinst du!"

Erst jetzt realisierte Margarita, dass ihre Tochter vor ihr stand. "Penny Engel, deine Oma sie ist..", sie begann zu stottert, sie wollte es nicht wahr haben und schon gar nicht aussprechen. Trotz der Krankheit kam es viel zu schnell. Penelope starrte sie an. "Ist sie...ist sie....nein sie ist nicht....nicht," sie schluckte mehrere Male tief, atmete tief durch um den Tränen den Weg in die Augen und damit in die Offensichtlichkeit zu verbieten, doch ohne Erfolg. Auch sie konnte es nicht aussprechen. "Warum es...es...es war doch...noch nicht so....weit", sie kämpfte mit sich und den Worten. Es war vorbei. Beide wussten es, keiner sprach es aus. Beide spürten es doch konnten sich momentan nicht gegenseitig trösten. Zu groß der Schmerz von beiden, zu groß die Trauer nach so wenig Zeit.

Am schlimmsten war es zu erfahren, dass Martha ungefähr zwei Stunden vor dem Telefonat gestorben war, und zwar in genau den Moment in dem Penelope ihre Haare lies, doch das verriet Margarita ihr erst gar nicht.

So verging die Zeit, Margarita bereitete zusammen mit ihrem Mann die Beerdigung vor. Penelope hielt sich da komplett raus, ging weiter zur Schule auch wenn sie in Gedanken immer und jeden Moment bis zur Beerdigung bei ihrer Großmutter war. Ablenkung tat gut.

Auf der Beerdigung schwieg sie, bis es zur Grabrede kam. Alle sagten etwas und viele sprachen von Erlösung auch der Pfarrer. In ihrem Kopf rumorte die Wut. Erlösung, dachte sie, vielleicht war es für ihre Großmutter eine Art Gnade Gottes oder Erlösung gewesen, aber wer dachte an die Verwandten, die Angehörigen, Erlösung, passte da nicht, wie denn auch. Es war zu schmerzlich einen Menschen zu verlieren einen den man liebte, einen der nun fehlt einfach weg ist und nie wieder kommt. Das verstand sie nicht, wie kann jemand plötzlich fehlen, plötzlich entsteht einen Lücke die niemanden füllen kann und niemand sollte sich wagen das zu versuchen. Als die meisten fertig mit den Ansprachen waren stand sie auf, ohne aufgefordert zu werden, zog ihren Block unter dem Stuhl hervor, lief nach vorn zum Pult legte ihn dort hin. Noch einmal fiel ein Blick auf den Sarg neben ihr. Anschließend in die Runde. Sie begann zu lesen:

"Schweigend ließ er sein Antlitz nieder,
lächelnd brav, sprach er sie an:

"Komm mit mir und komm nie wieder!",
dennoch nahm sie seine Hand.

Ängstlich stumm stand ich daneben,
sah mir dieses Bild mit Schrecken an,
spürte es war aus das Leben
als sie wirklich griff nach seiner Hand.

Erleichtert schimmernd blickte sie hinüber,
in den Augen keine Angst oder gar Trauer,
die Englein spielten leise Lieder,
ich wollte schreien immer lauter.

Doch zu spät, er hatte sie,
zum Abschied fiel ihr letztes Wort,
im Herzen verlass ich euch nie,
dann ging sie einfach mit ihm fort.

Warum, die leise, große Frage,
Warum wurden die Wolken rot?,
Warum bin ich in dieser schmerzhaften Lage?,
Warum ereilte sie der frühe Tod?"

Sie beendete dieses Gedicht blickte noch einmal alle an. Merkte sich jedes beinahe geschockt wirkende Gesicht. Ehe ihr Kopf nach unten lief, tränen ihre Augen endgültig verließen und sie sich wieder setzte. In ihrem Gedanken der letzte Ton "Es ist vorbei".

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
14. Januar 2008

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