Haarige Geschichten
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Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
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ISBN 978-3-9809336-0-5

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Haarige Weisheiten oder: Ein Vormittag beim Friseur

© Kim Lutz

Donnerstagvormittag, halb neun. Ich bin auf dem Weg zum Friseur. Normalerweise ist das ja gar nicht meine Zeit, normalerweise muss ich donnerstagvormittags arbeiten. Aber heute ist alles anders, weil gestern unser kleiner Sohn auf die Welt gekommen ist. Da habe ich für heute frei bekommen, um meine Frau zu besuchen. Um acht Uhr morgens war ich schon im Krankenhaus, aber die Schwestern haben mich gleich wieder weggeschickt. Es sei noch viel zu früh, haben sie gemeint, meine Frau schlafe noch, und dann müsse sie erst noch mit dem Kind untersucht werden. Ich solle um zehn wiederkommen, besser noch um halb elf. Dann seien sie sicher fertig. Deshalb habe ich mich spontan zu einem Friseurbesuch entschlossen, weil ich ja eh gerade in der Stadt bin. In mein Lieblings-Elektrogeschäft mag ich nicht schon wieder gehen, ohne etwas zu kaufen. Außerdem meckert meine Frau schon seit Ewigkeiten an meiner Frisur herum. Da kann ich sie auch gleich mit einem neuen Haarschnitt überraschen, denke ich mir, und betrete den Frisiersalon.

Als ich dir Tür öffne, steht Jenny vor mir. Jenny arbeitet schon immer hier, zumindest seit ich mir hier die Haare schneiden lasse. Jedes Mal hat sie eine andere Frisur, vor allem andere Farben. Die heute erinnert mich stark an einen Kakadu, aber ich hüte mich, das laut zu sagen. So muss das wohl sein bei anständigen Friseusen, mit den Frisuren. Sie begrüßt mich herzlich wie immer: "Herr Meier! Ja, Sie waren ja schon lange nicht mehr bei uns! Und das heute! Sie kommen doch sonst immer samstags!" "Ja" entgegne ich und trete endlich aus der Tür "Haben Sie einen Termin?", fragt sie. "Nein" sage ich, "ich bin nur spontan vorbeigekommen und …" "Ja, das macht gar nix, wir haben heute eh nicht viel Kundschaft. Ich kann Sie da gleich noch mit reinquetschen, es hat gerade jemand abgesagt. Wenn es Ihnen bei Anke Recht ist?" "Gut", sage ich und ziehe meine Jacke aus.

Ich muss noch einen Moment warten, weil gerade alle Plätze besetzt sind. Das macht mir nichts aus, ich habe ja Zeit. Außerdem mag ich es, die Leute zu beobachten. Dabei fällt mir schnell auf, dass heute etwas anders ist als sonst: Es sind nur Frauen hier. Bis auf Andy natürlich, aber der zählt nicht, der gehört quasi zum Inventar. Das kenne ich gar nicht, dass außer mir nur Frauen im Frisiersalon sind. Samstagvormittags sieht das immer anders aus, da lassen sich viele Männer die Haare schneiden. Klar, die müssen ja donnerstags arbeiten, ich ja auch. Normalerweise. Das führt mich in Gedanken wieder zu meiner Frau und unserem Kind. Es ist schön, an die beiden zu denken und zu wissen, dass ich sie bald sehen kann. Ich weiß nicht, ob der Kleine mich schon erkennt, aber er wird doch wohl spüren dass ich sein Vater bin … Das Piepsen einer Trockenhaube unterbricht meine Tagträume und bringt mich wieder in die Realität des Frisiersalons zurück. Andy geht zu der Frau, die mir am nächsten sitzt, und nimmt ihr die Haube ab. Darunter kommen bräunliche Haare zum Vorschein, nein, vielleicht doch eher blond, dunkelblond - bei diesem Licht schwer zu erkennen. Die Frau ist schon älter, eigentlich sogar ziemlich alt, den Falten nach zu urteilen. Die Farbe wird also nicht echt sein. Neben ihr sitzt eine jüngere Frau, im Vergleich zu der Älteren gesehen, ich schätze sie auf um die vierzig. Auch ihre Haare sehen gefärbt aus, oder vielleicht ist der hellbraune Teil echt, die knallig roten Strähnchen aber bestimmt nicht. Ihre Nachbarin scheint etwa im selben Alter zu sein, dafür sieht ihre Farbe echt aus. Es sei denn sie hätte sich ihre Haare grau färben lassen, aber das bezweifle ich.

Während Anke der Frau mit den roten Strähnchen die Haare föhnt, berät die Grauhaarige ihre Nachbarin wegen einer neuen Frisur. Ihre Haare haben ein wunderschönes honigfarbenes Blond, das noch dazu echt aussieht. Aber was die Farbe betrifft bin ich grundsätzlich skeptisch. Ich bin schon ein paar Mal von der Arbeit nach Hause gekommen und meine Frau hatte eine neue Haarfarbe, aber ich habe es nicht bemerkt, weil es immer so echt aussah. Das gab jedes Mal Streit. Ich nehme mir dann immer vor, ab jetzt gründlich aufzupassen, doch bisher hat das noch nie funktioniert. Wenn die Blonde mich fragen würde, würde ich ihr raten, alles so zu lassen, wie es ist. Aber ich glaube, meine Meinung ist hier unerwünscht. Die beiden Frauen unterhalten mit ihrer Diskussion den ganzen Frisiersalon, und bald schon gesellt sich die Nachbarin neben der Blonden mit dazu. Sie hat kurze Haare, als einzige der Frauen, in einem glänzenden Schwarz. Die drei haben einen ganzen Stapel Bücher voller Frisuren vor sich liegen. Es hat den Anschein, als würden sie keine Seite auslassen und so lange suchen, bis der passende Haarschnitt für die Blonde gefunden ist.

"So, Herr Meier, dann kann's ja bei uns losgehen!", sagt Anke. Ich nicke ihr freundlich zu, setze mich auf den Platz der Frau mit den roten Strähnchen und lasse mir den Umhang um die Schultern legen. "Was darf's denn sein?", fragt Anke. "Dasselbe wie immer, einfach kurz? Oder kann ich Sie vielleicht zu einer Dauerwelle überreden? Lang genug wären Ihre Haare ja!" Sie lacht. Ich lächle zurück und sage "Nein, danke, nur kurz." Als sie gerade zu schneiden anfangen will, fällt ihr ein, dass sie mir noch gar nichts zu Trinken angeboten hat. "Einen Kaffee schwarz, bitte", sage ich. Eigentlich ist mir gerade nicht nach Kaffee, aber das Kaffeetrinken gehört zum Frisiersalon wie Jennys bunte Frisur. "Gerne", meint Anke und verschwindet im Nebenzimmer.

Mich stört die Verzögerung, auf einmal habe ich Angst, doch zu spät ins Krankenhaus zu kommen. Aber es wird immer unterhaltsamer, sich die Diskussion der drei Frauen neben mir anzuhören. Die haben Ankes Vorschlag mit der Dauerwelle nämlich auch gehört, und sind jetzt sichtlich angetan von der Idee. Doch der Blonden fällt es anscheinend schwer, sich dafür zu entscheiden. Deshalb bittet sie Andy, der gerade der alten Frau mit der undefinierbaren Haarfarbe die Trockenhaube neu einstellt, um Rat. "Was meinen Sie, würde mir eine Dauerwelle stehen? In möglichst kleinen Locken natürlich." "Hm", meint Andy, "wenn ich mir die Frage erlauben darf - sind Ihre Haare gefärbt?" Die Blonde wird leicht rot, sagt aber nichts. Also doch nicht echt, denke ich bei mir. Ich wusste doch, dass man sich da leicht irren kann. "Das wäre nämlich schädlich für die Haare, da würden sie brechen", meint Andy. Die Blonde wird noch röter, blickt nach unten und murmelt etwas das klingt wie "steht mir bestimmt eh nicht." Andy grinst und sagt: "Lassen Sie sich ruhig Zeit! Ich mache derweil mit Ihnen weiter." Mit diesen Worten geht er zu der Kurzhaarigen. Er lässt sich in seinen Drehstuhl hinter der Frau fallen und zieht ein kleines Wägelchen aus dem Nebenraum herein. "So, die Extensions sind vorbereitet. Auf geht's mit der Haarverlängerung." Ich muss unwillkürlich lächeln. Vor kurzer Zeit hätte sich meine Frau auch beinahe ihre Haare verlängern lassen. Sie war mit ihrer Frisur unzufrieden, aber ich konnte sie überreden, dass das viel zu teuer ist. Es scheint, als habe die Kurzhaarige, die nun bald keine Kurzhaarige mehr sein wird, dieselben Probleme.

Jenny hat derweil angefangen, der Grauhaarigen neben mir die Haare zu waschen. "Wir machen bei Ihnen dann also eine Hochsteckfrisur, oder?", fragt sie. "Ja" antwortet die Grauhaarige. Komisch, denke ich mir, ihre Haare werden gar nicht geschnitten oder gefärbt. Dabei ist sie von allen hier doch Diejenige, die es am Nötigsten hätte!

Anke kommt mit meinem Kaffee wieder und macht sich mit den Worten "auf geht's" ans Werk. Sie merkt, wohl, dass mir gerade nicht nach Reden ist, aber Jenny setzt ganz auf Smalltalk. "Für eine Hochzeit, oder?", fragt sie. "Ja", meint die Grauhaarige wieder. Auch sie scheint nicht reden zu wollen. Doch Jenny fragt munter weiter, während sie ihr die Haare wäscht. "Wer heiratet denn, wenn ich fragen darf?" Die Grauhaarige stößt einen tiefen Seufzer aus, der alle Augenpaare im Frisiersalon auf sie lenkt. "Meine Nichte!", sagt sie verächtlich. "Na, das klingt aber nicht sehr erfreut!" meint Jenny. Sie lacht dabei, doch die Grauhaarige schaut bitterernst. "Allerdings", sagt sie. Plötzlich scheint sie doch reden zu wollen. Sie richtet sich auf, als Jenny ihr ein Handtuch um die gewaschenen Haare bindet. "Sie ist ja erst einundzwanzig, meine Nichte. Einundzwanzig! Stellen Sie sich das mal vor! Und kennt ihn erst seit einem Jahr! Das ist doch keine lange Zeit, wenn man heiraten will. Da wartet man doch erst mal drei, vier Jahre. Bis man nicht mehr so frisch verliebt ist und merkt, wie der Alltag miteinander so ist. Aber die heiraten ja gleich!" Sie ist richtig empört und stellt ihre Kaffeetasse, aus der sie einen kleinen Schluck genommen hat, klirrend wieder auf den Tisch. Jenny will gerade ansetzen, etwas zu sagen, doch da läutet das Telefon und sie entschuldigt sich. Dafür hat die Blonde von ihren Büchern aufgesehen und gibt nun ihre Meinung ab. "Also, ich finde ja, dass man lieber noch viel länger warten sollte. Mit einundzwanzig, da weiß man ja noch gar nicht, was man will! Vielleicht ändert sich das ja in einem halben Jahr, und dann ist man verheiratet! Also nein, ich verstehe Sie vollkommen, wie Ihre Nichte das nur machen kann …" Die Frau mit den kurzen Haaren, die dank Andys Arbeit nun an einer kleinen Stelle schon gar nicht mehr kurz sind, fällt mit ein: "Ich bin jetzt siebenundzwanzig und mit meinem Freund seit neun Jahren zusammen. Aber mit dem Heiraten warten wir lieber noch ein bisschen. Dafür ist ja später immer noch genug Zeit. Und ich habe bei so vielen Bekannten gesehen, wie schnell so was schief gehen kann, wenn man sich auseinander lebt. Ich meine, wir sind doch noch jung! Ich will ja gar nicht so eine eingefahrene Ehe wie alte Leute, in der man sich dann bald schon nichts mehr zu sagen hat!" Die anderen beiden Frauen nicken. Die Blonde fragt die Grauhaarige: "Hat er denn wenigstens Geld, damit sich die Hochzeit gelohnt hat, wenn sie sich dann wieder scheiden lassen?" Die Grauhaarige schüttelt noch während der Frage wie wild den Kopf. "Das ist es ja!", schreit sie. "Gar nichts hat er! Er ist ja selber noch so jung! Letztes Jahr hat er erst sein Abitur gemacht, jetzt fängt er zu studieren an! Der verdient gar nichts, der lebt immer noch von Mama und Papa! Meine Nichte, die hat ja wenigstens schon eine Ausbildung, die verdient ja wenigstens schon, aber wie soll das denn werden, wenn sie schwanger wird? Der kann doch keine Familie ernähren!" Die Blonde hat sich komplett der Grauhaarigen zugewendet, und der Kurzhaarigen kann man ansehen, dass sie jetzt auch gerne näher rücken würde. Aber Andy bearbeitet ja gerade in stoischer Ruhe ihren Kopf. "Unverantwortlich" sagt die Blonde. "Unverantwortlich! Unter solchen Umständen eine Familie zu gründen. Sie können doch dem Kind nichts bieten!" "Ja gut" meint die Grauhaarige. "Noch ist sie ja nicht schwanger. Aber bis er fertig ist mit Studieren, und dann vielleicht noch nicht einmal gleich eine Arbeit findet, so lange brauchen sie nicht warten mit den Kindern." Jenny ist derweil wieder vom Telefon gekommen. Sie nimmt der Grauhaarigen das Handtuch vom Kopf und fängt an, ihr die Haare zu kämmen. "Denken Sie nicht, dass Ihre Nichte und ihr Zukünftiger es ernst meinen? Ich meine, wer sich so jung verheiratet, dem muss es doch ernst sein!" sagt sie. "Ach!" meint die Grauhaarige wieder verächtlich. "Wer weiß, wie lange das dauert! Sie sind ja auch erst seit einem viertel Jahr verlobt. Das ist doch keine Zeit!" Die Frauen halten alle kurz inne, um einen Schluck aus ihrer Kaffeetasse zu nehmen.

Diese Pause nutzt Jenny, um die Blonde nach ihrem Frisurwunsch zu fragen. "Und, wissen Sie jetzt schon, was es bei Ihnen werden darf?" "Ja", meint die Blonde bestimmt. Sie zeigt auf ein Bild in einem Buch. Ich nehme einen Schluck Kaffee, damit Anke ihn nicht ganz umsonst gebracht hat. "Einen Bop!" ruft Jenny. Ich verschlucke mich an meinem Kaffee. Entgeistert starre ich die Blonde an. Das kann sie doch unmöglich ernst meinen! Doch die anderen Frauen beteuern sofort, wie gut sie diese Wahl finden. "Das ist mal was Anderes, was Extravagantes", meint die Kurzhaarige, die allmählich immer langhaariger wird. "Ja, nicht immer nur die verschiedenen Farben, sondern mal ein auffallender Schnitt! Also, zu mir würde das ja nicht passen, aber bei Ihnen kann ich mir das wunderbar vorstellen!", sagt die Grauhaarige. Jenny scheint sich zu freuen. "Also, auf ans Werk!", sagt sie und greift zum Kamm. "Andy, kannst du vielleicht hier schnell föhnen?" "Ja", meint Andy und wendet sich von der Kurzhaarigen, die schon an mehreren Stellen Langhaarig wird, ab. Über den Spiegel sehe ich zu, wie er der Grauhaarigen die Haare föhnt. Die Frau scheint äußerst ungehalten von dem lästigen Geräusch. Man sieht ihr an, dass sie viel lieber gleich weiter über ihre Nichte gesprochen hätte. Und tatsächlich, kaum dass Andy den Föhn zur Seite gelegt hat, redet sie, als hätte es nie eine Unterbrechung gegeben: "Ich denke mir ja, dass er sie nur heiratet, weil er jetzt so auf seine Eltern angewiesen ist. Das will doch kein normaler Mensch! Und immerhin verdient meine Nichte schon, gar nicht schlecht übrigens, und kennt so viele Leute, dass sie auch eine günstige Wohnung bekommen. Er kann von ihr also nur profitieren." Die Blonde schüttelt missbilligend den Kopf. Jenny schreit auf: "nicht bewegen! um Himmels willen nicht bewegen, ich schneide doch gerade!" Die Blonde wird rot, noch röter sogar als vorhin bei Andys Dauerwellen-Frage. Das scheint so eine Spezialität von ihr zu sein, das Rotwerden. Schade, es steht ihr nicht. Sie sieht dann aus wie ein Hummer. Wenigstens hatte sie vorher schön Haare, aber Jenny ist gerade mit Feuereifer dabei, ihr einen Bop zu verpassen. Na, das mag aussehen, wenn's fertig ist!

In die etwa zweisekündige Stille meldet sich die Kurzhaarige mit den immer länger werdenden Haaren zu Wort: "Was sagen denn da eigentlich die Eltern Ihrer Nichte?" Schade, ich dachte sie würde ein neues Thema anschneiden. Aber die Nichte will ausgekostet sein, und zwar von allen Seiten. Die Grauhaarige freut sich über so viel Aufmerksamkeit. "Ihre Mutter, meine Schwester übrigens, war anfangs nicht begeistert, aber da hat meine Nichte sie schnell mitgezogen. Sie wissen schon, wenn es dann daran geht, das Brautkleid zu kaufen und Blumen zu bestellen und sich die Kirche anzusehen, da kann doch keine Mutter lange widerstehen. Außerdem mag sie den Kerl. Sie war schon immer zu gutmütig." "Ja, hat sie denn gar keine Angst um ihre Tochter?", fragt die Blonde. Diesmal ist sie sichtlich darauf bedacht, den Kopf ganz still zu halten. "Doch, doch, natürlich, aber sie freut sich viel zu sehr mit ihr. Und das Angsthaben, das übernimmt schon ihr Mann, der versucht jeden Tag wieder, meine Nichte umzustimmen. Aber bisher hat er es noch nicht geschafft. Ich habe ja immer gehofft, dass er irgendwann einmal deutlich wird und ihr die Hochzeit verbietet, aber das traut er sich natürlich wieder nicht." Sie seufzt. "Und heute ist die Hochzeit. Jetzt wird sich auch nicht mehr viel ändern." Einen kurzen Moment kehrt Stille ein.

"Das ist eine ganz falsche Entscheidung. Niemand sollte heute mehr so jung heiraten" sagt eine Stimme neben mir. Alle drehen sich um, auch Andy, Jenny und Anke. Die alte Frau mit der undefinierbaren Haarfarbe, die immer noch unter der Trockenhaube ist, sieht in die Runde. Ihre Zeitschrift hat sie beiseite gelegt. Anscheinend hört sie schon eine ganze Weile lang zu. Niemand sagt etwas. Das sieht sie als Aufforderung, weiter zu reden. "Meine Schwester hat ihren Mann geheiratet, als sie achtzehn war. Sie hat ihn geliebt, er hat sie geliebt, sie waren glücklich miteinander. Mit neunzehn hätten sie sich am liebsten getrennt und nie wieder gesehen. Die Liebe war vorbei, aber sie waren verheiratet, und ein Kind hatten sie auch schon. Sie waren achtunddreißig Jahre lang zusammen, bis sie sich haben scheiden lassen. Sie sagt, es war der größte Fehler ihres Lebens. Niemand sollte so jung heiraten!" Einen Moment lang ist alles still. Alle sehen die alte Frau an. Die Grauhaarige ist die erste, die sich wieder fängt. "Genau. Sie haben vollkommen Recht, Ihre Schwester ist der beste Gegenbeweis. Eine so frühe Hochzeit bringt nur Ärger. Wenn nur meine Nichte das wüsste!" Andy, Jenny und Anke nehmen schweigend ihre Arbeit wieder auf. "Ich werde meine Kinder mal dazu erziehen, nichts Unüberlegtes zu tun" meint die Kurzhaarige mit den mittlerweile fast schon überall langen Haaren. Die Kurzhaarfrisur hat ihr deutlich besser gestanden. Ich lache innerlich bei dem Gedanken, dass sie wahrscheinlich nächste Woche schon wieder hier ist, um sich die Haare kürzer schneiden zu lassen. Solche Frauen sind nie zufrieden!

"So, Herr Meier, das wär's dann bei Ihnen!", sagt Anke hinter mir. Ich spüre einen Pinsel im Nacken, mit dem sie die ganzen kleinen Härchen beseitigt. So schnell ich kann, stehe ich auf, ohne erst noch in den Spiegel zu schauen. "Na", lacht Anke, "Sie haben's aber eilig." Ich nicke. Gemeinsam gehen wir zum Tresen, sie tippt in die Kasse. "Sechzehn Fünfzig macht das bitte." Ich gebe ihr einen Zwanzig-Euro-Schein. "Passt schon", murmle ich. Ich hole meine Jacke von der Garderobe, ziehe sie an und gehe zum Ausgang.

Kurz bevor die Tür hinter mir ins Schloss fällt, überlege ich es mir anders. Ich drehe mich um, gehe zurück und stelle mich so hin, dass mich alle Frauen sehen können. Eine Jede blickt auf. "Ich habe es eilig", sage ich, "weil ich zu meiner Frau ins Krankenhaus muss. Sie hat gestern unser Kind auf die Welt gebracht, einen kleinen, gesunden Jungen. Sie ist dreiundzwanzig, ich bin fünfundzwanzig. Sie studiert, ich arbeite seit einem halben Jahr. Aber ich verdiene nicht viel. Wir mussten auf vieles verzichten für all die Babysachen." Verdutzt starren mich alle an, nur Jenny, Andy und Anke grinsen. Ich wende mich an die Grauhaarige: "Sagen sie ihrer Nichte bitte einen schönen Gruß von mir, ich wünsche ihr alles Glück dieser Welt für ihre Ehe." Dann gehe ich.

Draußen fange ich an zu lachen. Ich lache, bis ich in meinem Lieblings-Elektrogeschäft vor den Rasierapparaten stehe. Dort betrachte ich jedes Modell ganz genau. Schließlich entscheide ich mich für einen Akku-Haarschneider. Besonders gut geeignet für Kurzhaarfrisuren wie meine. Etwas teuer zwar, aber das Gerät wird sich noch bezahlt machen. In spätestens zwei Monaten wird meine Frau wieder zu meckern anfangen wegen meiner Frisur, dann kommt der Haarschneider zum Einsatz. Der Verkäufer hat mir versichert, dieses Modell sei das Leiseste. Das ist gut. Dann wird mein kleiner Sohn vielleicht nicht so viel Angst davor haben, wenn ich ihm damit zum ersten Mal die Haare schneide.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
15. Januar 2008

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