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Von liebenden Schwiegersöhnen

© Christine Kühnel


Es waren einmal ein Mann und eine Frau, die das große Glück hatten, ihre drei mehr oder weniger schönen Töchter an drei junge Burschen, die ebenfalls Geschwister waren, zu verheiraten. Allesamt arbeiteten sie bei drei verschiedenen Gutsherren, deren Ländereien jedoch weit entfernt vom Elternhaus der Mädchen lagen, welches sich am Rande eines Waldes in der Nähe der Karpaten befand. So kam es, dass die Frau, die ja nun den ganzen Tag Zeit hatte, um sich allerlei Unsinn auszudenken, eines Tages mit dem Vorsatz erwachte, die Zuneigung ihrer drei Schwiegersöhne zu sich zu erproben.
Am selben Tag setzte sie sich an den alten Holztisch in ihrer Stube und verfasste einen Brief an den ältesten der Brüder, in dem Folgendes stand:
"Schwiegersohn, habe Eingemachtes für euch, es wird euch im Winter gut nähren. Ich erwarte Dich bald."
Die folgenden Tage verbrachte sie damit, in der Sonne vor ihrem Haus herum zu sitzen und auf das Geräusch herannahender Hufe zu warten. Drei Tage später war es soweit und kaum, dass sie das Pferd nahen hörte, lief sie schnell zum Brunnen, kletterte auf die schmale Umrandung hinauf und tat, als würde sie sich unter lautem Lamentieren über die Sinnlosigkeit ihres Lebens hinein werfen wollen. Der älteste ihrer Schwiegersöhne sprang entsetzt vom Pferd, lief unter lautem Rufen zu ihr, um sie dann vor Schreck zitternd in seine Arme zu nehmen und ihr das Versprechen abzuringen, nie wieder auf solch dumme Gedanken zu kommen.
Die Alte war's zufrieden und gab ihm zusätzlich zu den Gläsern mit Eingemachtem darin noch einige Flaschen bestem Schnaps und vier Kilo bestem Speck mit nach Hause, zusammen mit einem kleinen Zettel, auf dem folgende Worte standen:
"Wer Gutes tut, wird Gutes finden. Deine Schwiegermutter."
Einige Tage gab die Frau nun Ruhe, doch schon bald wälzte sie sich des Nachts wieder unruhig umher und fand am nächsten Morgen, dass es nun Zeit sei, auch den mittleren ihrer Schwiegersöhne bezüglich seiner Verbundenheit zu prüfen.
So schrieb sie auch ihm folgende Nachricht:
"Schwiegersohn, wir haben letzte Woche ein Schwein geschlachtet. Ich habe einige Meter guter Knoblauchwurst für euch getrocknet, sie wird euch jeden Eintopf schmackhafter machen. Ich erwarte Dich bald."
Dieses Mal musste sie einen Tag länger in der Sonne vor ihrem Haus braten, denn erst am vierten Tag hörte sie ein Pferd nahen, wieder raffte sie die Röcke, rannte so schnell sie konnte zu dem Brunnen und spielte unter lauten Klagerufen auch dem mittleren ihrer Schwiegersöhne das gleiche Theater wie schon seinem älteren Bruder vor. Jünger und vermutlich darum auch von empfindlicherem Gemüt, schrie der Arme auf um sie dann entsetzt vom Brunnenrande herunter zu reißen und ihr unter Tränen das Versprechen abzuringen, nie wieder auf solch dumme Gedanken zu kommen.
Die Alte war's nicht nur zufrieden, nein, sie fühlte sich ob der geflossenen Tränen sogar ein wenig geschmeichelt und ihm zusätzlich zu der hausgemachten Wurst noch einige Pfund besonders feinen Ziegenkäse und ein Fässchen Wein mit nach Hause, zusammen mit einem kleinen Zettel, auf dem folgende Worte standen:
"Wer Gutes tut, wird Gutes finden. Deine Schwiegermutter."
Hiernach gab die Frau etwa eine ganze Woche Ruhe, doch dann fand sie in einer Nacht erneut keinen Schlaf mehr und beschloss, sich nun endlich auch über die Gefühle des jüngsten ihrer Schwiegersöhne Klarheit zu verschaffen.
Gut gelaunt schreib sie ihm am folgenden Morgen:
"Schwiegersohn, haben viel Mehl übrig behalten. Ihr werdet gutes Brot damit backen können. Ich erwarte Dich bald."
Fünf Tage musste sie warten, bis sie erneut ein Pferd herannahen hörte. Was nun geschah, ist sicherlich bekannt, sie lief dieses Mal zu wahrer Höchstform auf und gab ein Schauspiel auf dem Rande des Brunnens, was überzeugender nicht sein könnte. Der arme Junge blieb zunächst wie erstarrt auf einem Flecke stehen, dann schließlich lief er eilig zu ihr und versetzte ihr einen so heftigen Stoß, dass sie unter lautem Gepolter in den Brunnen hinein fiel.
Noch lange hörte man sie unten plätschern und prusten, bis sie endlich im eiskalten Wasser versank. Ungerührt schaute der jüngste ihrer Schwiegersöhne auf sie herab.
"Das ist deine Strafe dafür, dass du deinen ältesten Töchtern und Schwiegersöhnen, denen es wegen ihres höheren Dienstalters besser geht als uns, die feinsten Leckereien schickst. Nie wieder soll meine arme Frau darüber weinen, dass für sie nur das alte Mehl übrig bleibt."
Mit diesen Worten wandte er sich ab und stieg auf sein Pferd auf, die Mehlsäcke ließ er stehen.
Epilog:
Am übernächsten Morgen klopfte es in aller Frühe an der Tür. Er war sich sicher, dass es der Schwiegervater sein musste, um ihnen vom unglücklichen Tod der Alten zu berichten. Und so öffnete der jüngste der Schwiegersöhne die Tür, doch er fand auf seiner Schwelle nur ein kleines Kästchen liegend. In diesem befand sich der Schlüssel für einen fetten BMW, der weiter unten auf der Straße geparkt war. Außerdem war da noch ein Zettel, auf dem stand:
"Wer Gutes tut, wird Gutes finden. Dein Schwiegervater."
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann fahren sie noch heute in ihrer Luxuskarre umher, während die älteren Schwestern und Schwiegersöhne daheim an Eingemachtem und Dauerwurst mümmeln.



Eingereicht am 22. Mai 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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