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Esoterische Typenlehre - Das astrale Opferlamm

© Anou Rosenholz


Neulich traf ich auf eines dieser Exemplare live, in Farbe und in Drei-D. Hörte von ihnen gelegentlich in der Presse und hab' mir schon damals meinen Teil nur gedacht. Und nun - plötzlich und unerwartet - traf ich da auf ein bekennendes Opfer der international vernetzten Terrororganisation von heimlichen Microwellenbestrahlern. Ein ganz normaler Samstag… Das Gespräch fand in einem indischen Laden statt, zwischen einem Inder (dem Freund der Besitzerin), einer Deutschen (der Besitzerin), mir (einer ahnungslosen) und dem Opferlamm. Zuerst war das Gespräch noch "normal" - es ging um Räucherstäbchen, um das doofedoofe Wetter, um den Preisverfall im Luxusgüterbereich - um die wichtigen Dinge des Lebens eben. Eigentlich ließ ich mich nur ins Gespräch verwicklen, weil draußen gerade die Welt unterging und ich nichts besseres zu tun hatte, als etwas indisches Räucherwerk zu inhalieren. --- Mal eben zwischendurch: Wie halten das die Leute in so einem Laden eigentlich aus?! Müssen die nicht alle total belämmert werden, von dem ganzen Rauch Tag für…. AH - ich seh' schon den Punkt….! Na ja, jedenfalls deutete DA noch nichts auf das Kommende hin. Auf dem Stuhl neben mir saß eine Figur. Fast nicht zu erkennen; gewandet in das fröhlichste aller Schwarztöne (verwaschen und ausgeblichen), zusammengekauert und leicht eingearbeitet in eine dschungelartige Szenerie aus Tüchern, Taschen, Schals, Batikblüschen und irgendwelchen Troddeln am Band, die alle miteinander gleich rochen. Sie umklammerte eine überdimensionierte Einkaufstasche (schwarz) und einen abgelebten Nossmann-Beutel. Oh - das muss ich erklären. Der "Nossmann-Beutel" ist so ein schreckliches, wiederverwendbares Einkaufstaschen-Teil aus Baumwolle ohne Form, mit langgezogenen Henkeln, von unaussprechlicher Farbe und mit abblätterndem Werbeaufdruck. Meine Freundin Rosi weiß nämlich über Hausmeister Nossmann zu berichten, wie dieser täglich zur selben Stunde mit so einem Beutel um den Pool schlurfe und in der streckenweise nachgebenden Struktur einen Schlüsselbund, ein Stullenpaket und die Bildzeitung herum transportiere. Dieser Anblick - so Rosi - wirke nachhaltig so dermaßen traumatisierend, dass sie diesem Typus Beutel ein lebenslanges Einreiseverbot in die heimische WG errteilt hatte und vor lauter Ärger den "Nossmann-Beutel" erfand…
Da saß er dann, wie ein guter alter Bekannter, der Nossmann-Beutel, fing an zu riechen wie alles andere um ihn herum und starrte mich gierig aus leicht irre flackernden Augen an. Ich weiß nicht, wann sie sich ins Gespräch eingeschmissen hatte - wer diesen Typ Mensch kennt weiß jedoch, dass er nicht viel braucht um zu reagieren, wie eine wildgewordenen Chemikalie. Vielleicht sagte ich etwas wie - "Es regnet keinen Micro weniger als eben" oder etwas ähnliches schwerwiegendes - jedenfalls ging parallel das Gespräch plötzlich irgendwie um "böseböse Menschen" und was das für eine böseböse Welt es sei, in der unbescholtene Bürger plötzlich von anderen bösenbösen Bürgern belästigt würden. Hier sehe ich ganz klar einen meiner Fehler: ich drehte mich voll zu ihr um. Sie blinzelte zu mir auf und sagte leise: "Tut mir leid, ich muss sitzen bleiben, ich habe solche Rückenschmerzen…" Wenn ich das nicht verstand, wer dann! Ich deutete (Kardinalfehler, aber wer AHNT das denn??!!) auf ihr Gepäck und sagte mütterlich: "Dann wäre es ratsamer sich besser irgendwo ein freundliches Kamel zu leasen, als das ganze Zeug da mit sich herumzuschleppen…" BOINGGGG!!
Sie stürzte innerlich an meinen Hals, sozusagen, und erzählte mir, das sie das tun müsse, weil der Hausmeister (schon wieder der) ihr versucht hatte den Ordner zu klauen! Ich versuchte nicht aus der Rolle zu fallen und verkniff mir die Frage, ob der Typ zufällig Nossmann heiße. Sie funkelte mich wild an und fragte mich, ob ich an die Wirkung von Microwellen glaube?! Hinten im Laden seufzte es hörbar, der Inder sah verzweifelt zu seiner Freundin rüber, die ergeben die Hände hob. Irgendwas ging hier vor und ich war unsicher, wie zu reagieren sei. Ich beschloss die "Ausweich-Taktik" zu benutzen: "Ja, ich glaube an die Wirkung von Microwellen, denn ich habe schon vielfach gesehen, wie in Microwellen-Öfen Speisen erhitzt werden…". Wer das Opferlamm kennt, weiß, dass immer ganz genau dasselbe passiert wäre, ganz egal was ich gesagt hätte: "Microwelle, nie gehört." " Ne, glaub' ich nicht dran." " Es gibt keine Microwellen." "Microwelle, ist das nicht dieser Spieler vom 1.FC Mailand…" "Ach, sie kennen meinen Bruder..?" "Den Atlantik werden sie nicht meinen, da sind die Wellen groß." Die dunkle Bedrohung im Taschenwald war wild entschlossen mich über meine Unwissenheit aufzuklären. Sie habe solche Rückenschmerzen, weil dieser böseböse Hausmeister sie durch die Wand Tag und Nacht mit Microwellen bestrahle! Der wolle sie umbringen! Ich sagte platt: "Ach" und sie lief zur Höchstform auf. "Ja! Und ich habe ihn auch schon angezeigt! (Hinter mir stöhnte der Inder und massierte sich die Augenbrauen) Wegen Mordes!! Und eingebrochen ist der auch schon bei mir - der wollte mir meinen Ordner klauen!!" Sie klopfte grimmig auf den Nossmann-Beutel. Ich dachte einen Moment lang, dass es kein Wunder sei, dass der Hausmeister auf das Ding so scharf sei, aber sie ließ mir keine Zeit für weitere spekulative Exerzizien. Ich war sowieso schon mittendrin und beschloss die Katastrophe zu genießen: "Warum glauben Sie, dass er es auf Sie abgesehen hat?" (die Besitzerin begann sich auch die Augenbrauen zu massieren) "Weil ich ES weiß!!! Ich kenne die Wahrheit! Und ich mache kein Hehl daraus! Ich sage, was ich weiß und ich habe keine Angst vor ihm!" Aus dem Silberschmuck behangenen Verhau, rechts hinter den staubigen Wasserpfeifen, kam ein müdes "Ach, nun laß' doch gut sein…". Aber der Wagen donnerte bereits führerlos bergab: "Er ist böse, von Grund auf böse! Das ganze Haus ist böse! Ich werde gemobbt! Die wollen alle, dass ich da raus gehe, aber ich gehe nicht! NIE!! Ich habe mich mit allen immer gut verstanden, aber er hat alle gegen mich aufgebracht!! Er verbreitet Lügen über mich!!" Die Besitzerin ging, so gut es ihre Körperfülle erlaubte, hinter der Kasse in Deckung und piepste: "Vielleicht hättest Du Deine persönliche Meinung über ihn nicht im Treppenhaus und an der Hauswand anbringen sollen…". Die Schwarze fuhr klimpernd herum: "Er ist böse! Er ist ein Illuminati und ich WEIß es und ER weiß, dass ich es weiß, darum MUSS er mich umbringen - es ist doch alles völlig logisch!! DAS sind ihre Methoden!! Wie könnt ihr nur alle so uninformiert sein, es geschieht jeden Tag immer wieder und vor aller Augen!!
Die Lady war offenbar zu allem entschlossen und hatte in ihrem Nossmann-Beutel einen end-fetten Ordner mit Gerichtsakten dabei, wie sie mich aufklärte. Und dann klappte sie den Ordner auf, blätterte wild in den zerlesenen Seite hin und her: "Hier - das ist ein Gutachten über meine Beschwerden, angeblich keine Spur von Microwellen! Aber da - da bin ich bei einem Geistheiler gewesen und der hat die Microwellen sogar gerochen… ja, der verstand sein Handwerk! Und hier - da war ich bei einem Reainkarnationstherapeuten, der hat mir erklärt, dass es karmisch bedingt ist und dass ich den Typen schon seit mehreren Leben jage, weil er mich mal auf den Scheiterhaufen gebracht hat - wegen der gleichen Geschichte, das muss man sich mal vorstellen!!" (Ich verzichtete gern auf die Vorstellung, wie im Jahre 1304 die freundliche Hexe Schrumpeldei von ihrem bösen Wirt mit mittelalterlichen Microwellen beschossen wurde) "Und da - da habe ich Kontakt aufgenommen zu anderen Opfern von Microwellenbestrahlern - es ist immer ein und die gleiche Geschichte, die haben alle die selben Probleme wie ich! (Der Inder sagte leise grinsend: "Ja, das denke ich auch…") Und da - da hat der Hausmeister endlich Stellung genommen, der will mich in die Klapsmühle bringen! Und hier- da hat das Gericht eine Untersuchung meines Geisteszustandes anberaumt - der hat sie alle schon unter seine Kontrolle gebracht- DIE AUCH SCHON!!! - Ich habe die gewarnt und unzählige Schreiben über seine Methoden geschickt, aber die bestehen auf die Untersuchung! Vorher machen die nichts mehr in dieser Angelegenheit! Die wollen mich alle ausschalten!!!" Ich fragte schlapp: "Und? Was sagt der Test…" Sie schrie: "AHHHH! Gehören Sie etwa auch zu denen?! Ich gehe da natürlich nicht hin, jetzt denken Sie doch mal nach!!! Die sind doch alle schon programmiert vom Hausmeister!! Wenn ich da hingehe, dann fälschen die alle Ergebnisse und sperren mich weg - für immer!!! Das kann ich nicht zulassen - ich muss weiterkämpfen!!" Und darum müsse sie den Ordner, trotz Rückenschmerzen, immer am Körper tragen, damit der Hausmeister (dieser Terrorist!) nicht noch mal bei ihr einbricht, um den Ordner (oder den Nossmann-Beutel?) doch noch erfolgreich zu klauen.
Ich merkte schnell: die Dame wollte nur meckern, aber nichts an ihrer Haltung ändern. Ihre Augen leuchteten so irre und unheilvoll… sie hatte ihren Feind und ihren Lebenszweck gefunden! Ihre Freundin kam aus der Deckung und sagte hilflos zu mir: "Sie tut nichts, als alle Leute breitzulärmen mit der Geschichte. Sie mobbt den Hausmeister überall und macht Plakate, schreibt Brandbriefe - sie…" Der Taschenwald brüllte erregt dazwischen: "Ich habe auch schon an die Bild-Zeitung geschrieben, aber der Brief verschwindet immer auf mysteriöse Art und Weise - der Hausmeister dematerialisiert ihn heimlich und er kommt nie an!! Wenn sie ihn bekommen könnten, wären sie heilfroh!" Der Inder sagte sanft: "Aber Du hast doch schon mit dem Chefredakteur gesprochen und der hat…" sie schrie aufgeregt: "Ja - der Hausmeister hat sein Gedächtnis gelöscht, sonst hätte er mich natürlich zurückgerufen - das ist eine heiße Story für jede Zeitung!!" Der Inder und die Besitzerin sahen mich hilflos an. "Sie kann nicht mehr arbeiten, weil sie nichts anderes denken und tun kann. Und die Krankenkasse ist auch kurz davor sie rauszuschmeissen, weil sie von Arzt zu Arzt rennt und unnötige Gutachten einfordert… Aber da ist nichts…" Der Taschenstapel bebte empört: "Was soll denn das heißen, DA IST NICHTS?! Alle materiellen Spuen sind natürlich ausgelöscht, nur astrale Personen können es wahrnehmen und die tun es auch!!!"
Mir wurde es zu blöd und ich fand es auch blöd, dass der Inder und die sogenannte Freundin der Verrückten nicht halfen von ihrem Wahn abzulassen, sondern ihn auch noch - wahrscheinlich ausversehen - unterstützten. Ich hab' die Borkenbude dann innerhalb der nächsten viertel Stunde so aufgemischt, dass die Verrückte sich weigerte noch ein Wort zu sprechen. Sie brüllte immer nur schrill: "Sie verkennen mich! Sie verkennen die Lage! Wir sind alle des Tooodes! Es geht beragahab!!! Ihr werdet noch an mich denken!!!" "Nicht neu die Erkenntnis" warf ich ein - "das Leben ist hart und endet stets tödlich!" HYSTERIE! Hurra, das war dann klasse…! Der Inder kriegte einen Lachkrampf und musste wankend raus gehen und die Besitzerin hatte überall hektische Flecken. Als ich irgendwann lässig sagte, dass Azrael meiner Meinung nach einfach eine leichtgläubige Beute blödsinniger, okkulter Theorien sei und das das Ziel austauschbar sei - heute Microwelle und morgen ist der Kanzler ein Alien - da flippten die beiden Freunde plötzlich schier aus - GENAUSO SEI ES NÄMLICH!!!! Und dann folgte eine lange Reihe von Beispielen! Wie sie geglaubt hatte, dass im Essen Microchips versteckt seien, die Gedanken lesen könnten. Wie sie glaubte, dass die Füllungen ihres Zahnarztes sie abhörten. Wie sie glaubte, der Kanzler sei ein Illuminati und stehe irgendwie mit den finsteren Mächten des Sirius in Verbindung. Wie sie glaubte Dieter Thomas Heck würde in seinen Worten okkulte, magische Botschaften verbreiten, weil er ein willenloses Werkzeug der Dunkelmächte sei… Und so weiter! Sie zählten alles auf und ich merkte Ihnen die Erleichetung an, endlich mal mit jemandem "vernünftigen" darüber sprechen zu können… Draußen knallte der Regen immer noch mit 4,5 Kilo pro Quadratzentimeter auf die Strasse und ich stand in Batikware, Paliettentäschchen und Räucherstäbchen und mischte sie alle auf! Es endete damit, dass ich zu der Verrückten sagte, meiner Meinung nach, fehle ihr nur mal ein bißchen Sex und sie sei total verlogen - wenn schon, denn schon! Sie solle aufhören zu meckern und sich wenigstens voll ins Vergnügen als armes Opfer stürzen. "Hurrah!" rief ich laut "Unser Todesengel Azrael kauft sich 'ne Microwelle!" "2000 Watt!!" brüllte der Inder begeistert und wischte sich die Lachtränen ab. "Die streicht sie schwarz an!" brüllte ich und die Besitzerin kreischte entfesselt: "Und dann schlägt sie voll zurück!" Und dann alle spontan im Chor: "BBBBrrrrZZZZaaaPPPPP!!!!" "Sie setzt seinen Türknauf unter Strom!" rief die Besitzerin. Der Inder japste nur noch "Und dann stahlt sie bei offener Klappe gegen die Wand!" - "Dann erwischen die mich doch und ich komm dann ins Gefängnis!" jammerte Azrael und wir riefen durcheinander: "Nein, du bist cleverer als der, der erwischt dich nicht! Und "Dann ißt Du jeden Tag Bassermann aus der Microwelle!" "Und nimmst davor ein Sonnenbad!!!" Auf dem Höhepunkt der Stimmung las die Verrückte verzweifelt gegen den Tumult aus den Akten über die Folgen von Microwellen vor und und die Besitzerin kam plötzlich, überraschend behende, aus ihrem Kabuff geschossen und wollte ihr den Ordner entreißen, was zu einem heftigen Handgemenge mit viel Gekreisch führte… Ich bin dann mal dezent rausgeschlendert… hatte auch aufgehört zu regnen.



Eingereicht am 23. Mai 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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