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Eingereicht am
04. Juni 2007

Sie sind unter uns

© Björn Breitkreuz

Es war vor wenigen Wochen. Einkaufsbummel mit meiner Freundin. Wir waren soweit mit unseren Besorgungen fertig, und schlenderten nun allmählich zum Parkplatz in der Tiefgarage, wo wir unseren PKW abgestellt hatten.

Meine Freundin wollte vor dem Heimweg noch einmal kurz die Toiletten in der Einkaufspassage aufsuchen, und ich wartete, beladen mit den Einkaufstaschen und einem Coffee-to-go in meiner rechten Hand vor einigen kleineren Geschäften.

Ich bin kein Freund von solchen Shopping-Touren. Die Leute regen mich jedes Mal auf. Das wiederum ist nicht gut für meinen ohnehin schon erhöhten Blutdruck. Aber die Leute lassen einem keine andere Wahl. Man kann sie einfach nicht ignorieren, so sehr ich es auch versuche.

Jungfamilien, die ihren quengelnden Nachwuchs unbeaufsichtigt überall herumlaufen, und es zulassen, dass die Auslagen von schmierigen Patschehändchen angefasst, und unschuldige Passanten von Marvin, Kati, Jasper oder Nele attackiert werden. Obwohl solche verzogenen Gören manchmal auch was Praktisches haben. Ich erklär das mal.

Bestimmt haben Sie auch schon mal mit gemischten Gefühlen, die bis zu Aggressionen ausufern können, beobachtet, dass die süßen Kleinen, wenn sie mal nicht das ersehnte Spielzeug oder die zwei ganz bestimmten Ü- Eier, die ganz gewiss die noch fehlenden Figuren der aktuellen Sammelserie in ihrem inneren kleinen gelben Plastikschrein haben, vor lauter Frust anfangen sich auf den Boden des Geschäfts zu werfen, dort leider sehr lautstark ihrem Unmut Ausdruck verleihen, _a b e r_ dafür nützlicherweise durch das Herumrutschen über die mit Gott weiß was für Bakterien übersäten Laufflächen schön sauber halten. Das wiederum finde ich äußerst praktisch. Und es entbehrt nicht einer unfreiwilligen Komik, wenn die sehr junge überforderte 17jährige Mutter, die sich schon wieder Mutterfreuden entgegensieht, aber gerade gestern erfahren hat, dass ihr etwas einfältig strukturierter, Schirmmützen- tragender 19jähriger Freund, der häufig auch schon mal handgreiflich wird, weil die Stütze vorne und hinten nicht reicht um halbwegs anständiges Bier und Markenzigaretten zu kaufen, mit ihrer besten , natürlich ebenfalls schwangeren Freundin, gepoppt hat, und da nun Schluss ist, ist unsere Jungmutti emotional overloaded. Und deshalb lässt sie ihre Leibesfrucht auch zeternd den Boden des Discountmarktes sauberrutschen. Denn die schmutzigen Klamotten des Kindes, die beginnende schlechte Erziehung des Kindes, oder auch die entrüstenden Blicke der anderen Kunden sind längst nichts im Vergleich zu den Gefühlen, die Jungmutti immer noch zu ihrem asozialen Exfreund hegt. Und spätestens in zwei Wochen wird sie wieder mit ihm vereint sein, sich seine Beleidigungen bieten lassen und froh darüber sein, dass der Vater ihrer Kinder wieder in der gemeinsamen

2-Zimmer- Wohnung Kette raucht, und sich einen Dreck um die gemeinsame Zukunft schert.

Ich bin etwas abgeschweift- entschuldigen Sie bitte.

Es ging um die nervigen Mitmenschen, deren Verhalten einen häufig an die Grenzen eines Blutrausches geraten lassen.

Eine weitere Klientel sind die Sorte Menschen, die nur im Kollektiv auftreten und leben können. Ihre soziale Herkunft kann mannigfaltig sein. Jedoch kennzeichnen sie sich in der Öffentlichkeit dadurch aus, dass selbst die kleinste Handlung mindestens mit drei Stammesgenossen vollzogen werden kann. Doch selbst die muss vorher ausgiebig in aller Ausführlichkeit unter Einbeziehung der Öffentlichkeit lautstark geplant werden. Vorzugsweise blockiert eine solche Gruppe in einem großen Pulk Gehsteige, Durchgänge, Teile von Fußgängerzonen u.ä. Die lautstark geführten Planbesprechungen dauern meist sehr lange, bringen häufig aber kein für alle Beteiligten befriedigendes Ergebnis, so dass dann ein neuer Schlachtplan entworfen werden muss.

Die Problematik von Vereinnahmung öffentlicher Bereiche im Rahmen nichtgenehmigter Demonstrationen gibt es allerdings noch in anderen Variationen.

*_Pärchen- Pulk:_* Vorzugsweise am Wochenende oder zur Vorweihnachtszeit trifft man auf diese Unterart. Einzelne Pärchen treffen beim Bummeln auf Steffi und Malte, oder wen auch immer, und es ergeben sich äußerst geistlose und sinnfreie Gespräche à la " na- seid ihr auch am Shoppen?"

(die Tüten voll mit allem möglichen Zeugs sind in diesem Augenblick vermutlich unsichtbar), oder auch ein Gesprächsklassiker " Mensch, ist ja ganz schön kalt heute!" (das Außenthermometer in einigen Metern Entfernung, welches die Richtigkeit dieser Aussage mit ihren - 18° Grad unterstreicht, oder auch der schneidende Eisregen, der den Unterhaltenden in die Gesichter bläst, all das wird ignoriert.)

* _Alten- Blockade:_ *Ähnlich wie vorher genannte Subjekte. Nur sind die älteren Herrschaften oftmals bewaffnet mit Gehwagen, die in einer Reihe querstehend ein Weiterkommen unmöglich machen.

*_Ausländer- Treffen:_ *Oft gefährlich und brisant. Die fremdländischen Shouter bringen zu der Verunsicherung über die nicht verständlichen sehr laut vorgetragenen Gespräche/Diskussionen/Streitigkeiten (genau kann man das meist nicht einschätzen) zusätzlich bedrohlich wirkende Gestikulierungen mit in das Geschehen ein, so dass man häufig schon befürchten muss, dass jeden Augenblick ein Krummdolch gezückt, eine Schusswaffe abgefeuert, der versteckte Sprengstoffgürtel mit in gebrochenem Deutsch geschrienen " Allah ist mächtig!" aktiviert oder einfach nur ein Rosenkranz hervorgeholt wird. Zudem muss man als passierender Passant Obacht geben, nicht von einem Teilnehmer einer solchen Gesprächsgruppe versehentlich oder absichtlich angespuckt zu werden, denn dieses ekelige Revierverhalten ist auch sehr häufig zu beobachten. Also: Schön aufpassen!

*_Mensche mit dem 'angeschossenes-Reh-Syndrom':_ *Nicht besonders gefährlich, aber nervig. Leute, die grundlos mitten im Weg stehen bleiben (bei Herren häufig zu sehen: die hinter dem Rücken verschränkten Arme). Eben wie ein angeschossenes Reh, das den Klängen zu Louis Armstrongs' "WE HAVE ALL THE TIME IN THE WORLD" lauscht._

_Inzwischen war meine Freundin auch wieder zurück. Wir konnten uns auf den Weg machen. Wären wir nicht Katja und Michael begegnet! Pärchen -- Pulk. Da mir die beiden Personen eher unangenehm sind, und ich von ihrem von langer Hand geplanten Vorhaben, eine gemeinsame Wohnung für ihren Nestbau zu suchen nichts wissen möchte (da mir meine Freundin ohnehin dieses Gespräch 1:1 wiedergeben wird, immer mit der versteckten Absicht, auch mich zum Zusammenziehen zu bewegen), setze ich mich ein wenig ab, um mir die Auslagen der Schaufenster anzusehen. Auch nicht besonders innovativ, aber immer noch die beste Alternative.

Gerade, als ich einen Schluck aus meinem Coffee-to-go nehmen wollte, sah ich ES. Du liebe Zeit- was war DAS? Vor lauter Schreck ließ ich den Kaffeebecher zu Boden fallen. Die Spritzer des heißen Getränks an meinem Bein waren in dem Augenblick sekundär. Ich blickte mich um. Doch außer meines grobmotorischen Ausrutschers schien niemand der Passanten etwas bemerkt zu haben. Einige grinsten über mein Missgeschick. Doch das war mir egal. Ich schaute in Richtung meiner kopfschüttelnden und peinlich berührten Freundin. Sie, Katja und Michael sahen mich nur verständnislos an. Mein Gott, sahen sie ES denn nicht? Erst jetzt viel mir auf, dass ich mich vor dem Schaufenster einer großen Parfümerie- Kette befand. Und da war dieses DING auf einem Werbeplakat, direkt neben dem lieblichen Abbild der bezaubernden Sharon Stone, die wohl auch irgendwas bewarb.

Aber dieses ETWAS... wer oder was war es? Ich konnte es nicht definieren. So langsam beruhigte ich mich wieder und nahm auch wieder die Geräusche um mich herum wahr. Ich musste kurzzeitig dermaßen geschockt gewesen sein, dass ich nichts und niemand außer diesem DING wahrgenommen hatte.

Jetzt betrachtete ich mir dieses ETWAS noch mal mit dem beruhigenden Wissen, dass es 1. hinter Glas war und 2. wahrscheinlich harmlos war.

Ich hoffte es jedenfalls.

Und während ich mir das Bild dieses Wesens anschaute, erschienen mir Marilyn Manson und sämtliche Calvin Klein- Werbekampagnen mit all ihren androgynen Models im Vergleich dazu wie ein Bildband der Waltons- Familie. Dieses Ding hier... ich vermochte nicht zu sagen, ob es Männlein oder Weiblein war, trotz freien Oberkörpers. Das Gesicht einer Schaufensterpuppe besaß mehr Menschlichkeit. Die Augen sahen aus wie bei einem dieser Manga- Figuren. Die Ohren schienen mir auch nicht echt zu sein. Viel zu groß. Das ganze schien eine verdammt schlechte Fotomontage zu sein, und schreckte eher ab, als neugierig auf das zu bewerbende Produkt zu machen. Selbst die Frisur, die wohl originell wirken sollte, sah wie ein schlimmer Unfall aus. Metall in Form diverser Piercings ließen das Gesicht dieses Wesens wie eine mutierte Form eines Steiff-Tieres aussehen. Es war nicht Angst, die mich beschlich. Eher eine dunkle Ahnung. Wenn so etwas in der Werbung einen Stellenwert einnimmt, dann haben da Dunkle Kräfte ihre Hände mit im Spiel. Und sie verteilen Botschaften mit diesen Bildern, mit Handy- Klingeltönen, Castingshows, Dieter Bohlen- Biografien, Tatjana Gsell, Tokio Hotel und Mikrowellen-Currywurst in Plastikbehältnissen. Die Tage der Menschheit sind gezählt. Nun gilt es, sich die Menschen durch solche Mittel gefügig zu machen.

Ich musste an die Menschen denken, von denen ich Ihnen bereits erzählt habe. Natürlich... all das ergab jetzt einen Sinn. Diese Leute wurden bereits assimiliert. Deshalb ihr sonderbares Verhalten. Panik stieg in mir auf. Mein Gott- eigentlich wollte ich Ihnen nur meine Sicht der verschiedenen nervigen Menschen darstellen. Doch mit dieser neugewonnenen Erkenntnis ergab sich ein ganz anderes, grauenvolles Bild.

Hoffen wir nur, dass es nicht schon zu spät ist. Kennen sie den Film "SIE LEBEN" von John Carpenter? Das schien mir plötzlich gar nicht mehr so fiktiv zu sein.

Plötzlich, als meine Freundin, Katja und ihr Wasserträger neben mir standen, rissen sie mich aus meinen Gedanken.

"Was war denn eben mit dir los", wollte meine Freundin wissen. Sie klang besorgt. Oder war sie auch schon infiziert? Sollte sie mich bearbeiten?

Aber ja- auch sie drängte mich zur Gründung einer Familie. Familie? Ha!

Wohl eher Sklaven für die neue Herrenrasse.

Ehe ich antworten konnte bemerkte Michael mit seinem 10,-- € Bürstenhaarschnitt und dem Autoritätsschnauzbart das Plakat hinter mir, das alles verändert hatte.

"Ach guckt mal. Das ist doch diese abgefahrene neue Werbung von..."

Ich hatte begriffen und schnitt ihm das Wort ab.

"So ist das also. Euch haben sie auch schon. Und jetzt wollt ihr mich.

Das könnte euch so passen. Nicht mit mir!"

Ich rannte weg, und ließ die drei mit verdutzten Gesichtern stehen.

Und immer wieder schrie ich die Leute an " Sie sind unter uns. Sie sind unter uns!"

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