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Mut

© Sylvia Thomas

Manchmal könnte ich schreien. Wieso in aller Welt glauben die Erwachsenen, über mich, mein Wesen, meine Intelligenz, mein Tun entscheiden zu können? Anders kann ich mir nicht erklären, warum ich in einer so öden Unterrichtsstunde sitzen muss, mich blöd voll labern lasse und meine Zeit, die ich viel besser nutzen könnte, mit Gedanken an andere verschwenden soll.

Wieso in aller Welt, soll ich die beste Eigenschaft meiner Freundin Simone, die neben mir gelangweilt ihre Zeit absitzt, auf einen Zettel schreiben? Als wenn das nicht schon genug wäre, gibt uns der Lehrer für diese großartige Leistung menschlicher Kreativität eine halbe Stunde Zeit - eine halbe Stunde um ein Wort zu schreiben, für das jeder normale Mensch nur Sekunden braucht.

Über die beste Eigenschaft von Simone brauche ich nicht nachzudenken - GROßZÜGIGKEIT steht in Großbuchstaben auf meinem Zettel. Ja, großzügig ist sie. Sie teilt sogar ihr Pausenbrot, wenn ich meins wieder mal vergessen habe. Sie teilt ihre Zeit, auch wenn sie eigentlich etwas ganz anderes vorhat. Sie gibt, ohne an sich zu denken. Deshalb ist sie meine Freundin. Deshalb liebe ich sie.

Simone hat es da schon schwerer. Eine halbe Stunde reicht sicher nicht, um eine gute Eigenschaft von mir herauszufinden. Mir jedenfalls würde keine einfallen. Ich bin nicht einmal eine gute Freundin. Jedenfalls bin ich nicht so eine gute, wie Simone sie verdient. Ich habe sie auch noch nicht schreiben sehen. Kein Wunder. Arme Simone - eine halbe Stunde lang sich den Kopf über mich zu zerbrechen.

Ich würde selbst nach Jahren keine gute Eigenschaft an mir finden - im Gegenteil. Ich bin faul, überflüssig, hässlich, unnütz. Ich könnte wetten, selbst meine Eltern hassen mich. Wenn ich früh vor dem Spiegel schaue, grinsen mich gelbe Eiterpickel an, die ich unter viel zu dickem Make-up verberge. Das wiederum ruft meine Mutter auf den Plan, die ständig meckert, ich solle Luft an meine Haut lassen. Mein glanzloses Haar fällt in langen Strähnen fettig über meine Schultern. Selbst wenn ich am Tag die Zotteln zehnmal wasche, wird das nicht besser. Dann spalten sich höchstens auch noch meine Spitzen. Ich kann nichts Tolles daraus machen. In den Zeitschriften bewundere ich die geilen Hochsteckfrisuren. Habe das probiert - der totale Reinfall! Also trage ich einen Pferdeschwanz, an dem mich bis vor kurzem noch die Jungs aus meiner Klasse gezogen haben. Das Spiel wurde ihnen wohl zu langweilig. Sie haben es sich abgewöhnt. Wirklich cool dieses Teil - ein Pferdeschwanz wie ein kleines Mädchen, das ich nicht lache!

Auch sonst fühle ich mich unsicher - vor allem, wenn Andreas in der Nähe ist. Zugeben würde ich das nie! Nur über meine Leiche. Ich weiß, ich sollte ihm sagen, weshalb mir immer das Blut in meinen Kopf schießt, wenn er das Zimmer betritt. Ich sollte ihm wohl sagen, dass mein Herz wie verrückt klopft, wenn er mich mit seinen wunderschönen, braunen Rehaugen anschaut. Nur, warum sollte ich mich so vor ihm outen? Er hat doch auch einen Mund. Und wenn er das gleiche für mich empfindet, soll doch bitteschön er mir dies sagen. Früher haben Männer auch immer den ersten Schritt getan. Und ich fühle mich nicht emanzipiert, oder wie man das nennt.

Andreas - ein Name wie mein schönster Gedanke. Gestern Abend hat er mich mit seinem Mofa nach hause gebracht. Der Weg war viel zu kurz. Ich habe seine Taille fester umfasst, als nötig, habe seinen Geruch eingeatmet und habe mir vorgenommen, diesen Duft mein Leben lang nie mehr zu vergessen. Wenn ich diesen Geruch beschreiben sollte, ich könnte es kaum. Er benutzt kein Parfüm, kein Aftershave. Seine Haut riecht nach ihm, leicht salzig, frisch, etwas nach Motorenöl, nach Leben. Seine Harrspitzen flogen im Fahrtwind an meine Wange und ich habe sie den kitzelnden Spitzen entgegen gehalten. Ja, Andreas ist etwas Besonderes. Seine große, schlanke Figur, sein dunkles Haar erkenne ich im Schulgebäude unter hunderten Schülern heraus. Seine Stimme, schon tief und voll, höre sofort aus dem Stimmengewirr des Schulhofes. Sein Mofa höre ich unter allen anderen Geräuschen der Straße heraus.

Und ich warte. Ich warte auf ein Zeichen von ihm. Immer, wenn er mich heimbringt, hoffe ich, dass er den Motor ausschaltet, meine Hand nimmt …. Nichts passiert. Er ist höflich, nett, bringt mich zum Lachen, ist der Schwarm aller Mädchen der neunten Klassen. Ich empfinde es als Auszeichnung, dass er sich mit mir unterhält, mit mir ungezwungen über Gott und die Welt redet. Tut er das mit den anderen Mädchen auch? Nein. Ich bin mir fast sicher. Warum schaltet er dann nie den Motor aus? Etwa, weil ich keine herausragende Eigenschaft besitze?

Mich quält diese Ungewissheit. Ich ertappe mich, dass ich auf das Geräusch seines Mofas hinter der halb geöffneten Haustür warte, nur damit ich kurz gesehen habe, wie er an unserem Haus vorbeifährt. Manchmal schaut er sogar `rüber. Dann bleibt mir fast das Herz stehen.

Für meine Eltern und meine Freunde bin ich das langweilige, brave Mädchen von nebenan. Und sie haben Recht. Ich tue, wenn auch widerwillig, alles was man mir sagt, aber nie mehr. Ich murre nicht. Ich bemühe mich, freundlich und hilfsbereit zu sein - genauso, wie es meine Eltern, meine Lehrer und meine Freunde gern haben. Aber die wissen gar nichts von mir, kennen mich kein Stück.

Sollte die halbe Stunde nicht bald herum sein? Ob Simone wenigstens eine dämliche Lüge anzubieten hat, damit ich mich vor der Klasse nicht gar zu sehr blamiere?

Gott sei Dank, der alte Kerl mit den viel zu dicken Brillengläsern und den viel zu gut gemeinten Themen fängt endlich an. Johannes soll schlau sein - ja das stimmt. Eine Diskussion darüber ist wohl kaum notwendig. Sabine ist hübsch - keine Frage - logisch. Jetzt bin ich dran: "Simone ist großzügig." Das gibt schon Stoff für ein kurzes Gespräch. Ja, Simone hat sich diese lobenden Worte ihrer Mitschüler verdient. Und jetzt schaut sie mich auch noch so dankbar an, hach, ich mag sie wirklich.

Jetzt klopft mein Herz wieder wild - fast wie bei Andreas. Ich bin an der Reihe. Los Simone, sag was - irgendwas! Ich bin … mutig!?

Mutig? Habe ich mich verhört? Wieder schießt mir vor Verlegenheit das Blut in den Kopf. Ist Erröten mutig? Niemals. Simone - das ist unfair. Alle wissen, dass ich die Feigheit in Person bin. Am liebsten würde ich aus der Klasse rennen, aufs Klo und heulen, schreien, stampfen, toben.

Noch immer rauscht das Blut in meinen Ohren. Tatsächlich entwickelt sich aus Simones Äußerung eine Diskussion. Nur - alle stimmen ihr zu. Gibt's das? Heiner findet mich mutig, weil ich mit Zahnspangen-Bea, der Hässlichsten, aber Gescheitesten der ganzen Klasse, einer echten Außenseiterin, befreundet sein will. Luisa schätzt an mir den Mut, auf das Dach zu klettern, wie ich es letzte Woche tat, um einem Erstklässler den Ball aus der Regenrinne zu holen. Annamaria findet es mutig, dass ich zugebe, dass ich an Gott glaube. Und zum Schluss redet Simone von dem Mut, für andere Einzustehen, meiner Fähigkeit, entgegen aller Widerstände, Position zu beziehen. Ich würde das eher Sturheit nennen. Man redet nun schon fast eine Viertelstunde von meinem angeblichen Mut. Ich selbst kann dazu nichts sagen. Ich bin froh, dass mich niemand fragt, denn eigentlich ist mir noch immer zum Heulen zumute. Selbst die Jungen, die mich früher an meinem Zopf zogen, finden nette Worte für mich und meinen angeblichen Mut.

Vielleicht werde ich heute wieder hinter der Tür auf das bekannte Motorengeräusch warten, nur heute werde ich Mut beweisen - den Mut, meine verrückten Gefühle einmal in Worte zu fassen. Und wenn nicht heute, dann vielleicht irgendwann.

Eingereicht am 08. November 2006

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