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Sie ist halt anders

© Olympe Lully

Ein Mädchen geht von der Schule nach Hause. Sie ist dreizehn, nicht besonders hübsch, leicht dicklich. Freunde hat sie verhältnismäßig wenig. Feinde dafür umso mehr. ‚Sie ist halt anders' - sagen sie.

Der Kies knirscht unter ihren Füßen. Ihre Schritte sind plump und hastig. Sie war die erste, die aus dem Klassenzimmer gestürmt ist. Das Tschüss zu ihren Freundinnen war nur im vorbeigehen. Aber das kannte man schon. Sie will schnell weg, weg von der Schule, weg von den Jungs, weg von dem lauten Lachen, weg von der psychischen Gewalt, und vor allem weg von dem ‚Sie ist halt anders!'

Ihre Bemühungen waren vergebens, die Jungs mit ihrem lauten Lachen sind schon hinter ihr. Gleich beginnen erste Spott-Pfeile sie zu treffen. In ihren Jackentaschen ballt sie die Hände zu Fäusten. Es hilft nichts gegen die in ihr aufsteigende Panik. "Weg!", denkt sie, "nur weg von hier!" Aber es ist zwecklos. Die Jungs sind eh schneller.

Sie kennt die Jungs kaum. Sie kennt ihre Vornamen, ihre Klasse, ihren Status. Nachnamen sind ihr unbekannt. Die Jungs kennen das Mädchen auch nicht. Sie wissen, dass sie halt anders ist. Das genügt.

Schon kann sie es hören dieses widerliche Geräusch, dass entsteht, wenn jemand seine Rotze hochzieht. Die Jungs spucken und lachen und spucken und lachen. Ein altes Spiel. Ein lustiges Spiel. Ranzen 10 Punkte. Jacke 20. Kopf 50.

Ein Mann hastet an den Jugendlichen vorbei. Das Mädchen wirft ihm einen bittenden Blick zu. Bettelt um Hilfe. Doch da ist er schon vorbei. Er hat sie nicht gesehen. Nicht sie, nicht die Jungs und schon gar nicht ihren Blick.

Das Mädchen ist wütend. Es ist verzweifelt, aber vor allem hat es Angst. Sie könnte zu einem Lehrer oder zu ihren Eltern gehen - hat ihr eine Freundin geraten. Doch davor hatte das Mädchen noch mehr Angst. Es würde die Sache nur noch schlimmer machen.

Sie kann in sich die Tränen aufsteigen fühlen und Hass und unmenschliche Wut. Die Wut gibt Kraft. Die Wut gibt Mut.

Sie reißt ihren Ranzen von der Schulter und wirbelt den Ranzen wie eine Keule schwingend um die eigene Achse. Sie trifft alle drei Jungs. Sie schreien alle drei gleichzeitig erschrocken auf und brauchen eine Weile, bis sie begreifen, was geschehen ist.

Das Mädchen nutzt die Zeit und rennt davon. Ihren Ranzen hält sie immer noch wie eine Waffe in der Hand. Sie weint.

Die Jungs lachen und einer sagt: "Sie ist halt anders!"

Eingereicht am 05. Oktober 2007

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