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Die Tränenhexe

© Kyra Nilsson


1. Eine braune Brühe und ein himmelblauer Teppich
"Hm, was brauche ich denn noch?", überlegte Kiki und überprüfte die Zutaten, die sie schon bereitgestellt hatte: Eine Flasche gammeliges Ketchup, den Rest der grünen Soße vom Mittagessen, eine Handvoll Schlamm und einige tote Kellerasseln, die sie im Keller aufgesammelt hatte. Besonders die letzte Zutat hatte ihr schon ein wenig Überwindung gekostet. Doch für eine erfolgreiche Hexe ist ein richtig guter Zaubertrank nun einmal sehr wichtig! Da reicht es einfach nicht, wenn man die Zaubersprüche auswendig kann.
"Na ja, das muss genügen!" entschied Kiki nun dennoch mit einem Schulterzucken. Sie hatte einfach keine Lust, erneut in den düsteren Keller zu gehen und auch noch nach Spinnen zu sehen. Brrr. Dagegen waren Kellerasseln richtig niedlich...
Also nahm sie den Putzeimer und füllte alles nacheinander hinein. Die Kellerasseln zuletzt. Dann rührte sie mit Mamas Kochlöffel um. Erst war der Brei noch schön Ketchuprot gewesen. Doch als sich alles vermischt hatte, war der Zaubertrank nur noch matschbraun. Und er roch etwas unangenehm. Aber das musste so sein! Ein richtiger Zaubertrank musste ein bisschen stinken, da war sich Kiki sicher.
Da fiel ihr gerade noch ein, dass etwas Wichtiges fehlte. Ein richtiger Zaubertrank muss doch auch blubbern und brodeln! Da Kiki sich nicht getraut hatte, das geheimnisvolle Gebräu auf dem Herd zuzubereiten- denn was die Sauberkeit in der Küche anging, war ihre Mama sehr empfindlich- hatte sie sich etwas ausgedacht.
So griff sie zu einer Flasche Sprudel, die sie einfach in die braune Brühe kippte.
Dann nahm sie den Eimer in beide Hände und schüttelte ihn ein wenig. Und tatsächlich! Dank der Kohlensäure blubberte und brodelte die Pampe tatsächlich. Zwar nicht so toll, wie sie es sich von einem perfekten Zaubertrank erhofft hatte, aber es würde schon genügen.
Doch dann schüttelte sie den Trank doch noch ein bisschen mehr. Schaden konnte das nichts!
Da schwappte der Eimer über und die trübe, muffige Flüssigkeit ergoss sich über den Teppich. Über den nagelneuen himmelblauen Teppich!
"Oh, oh," stöhnte Kiki auf.
Schnell patschte sie die Zimmertür zu. Denn ihre Mutter saß nur zwei Zimmer weiter an ihrem Schreibtisch- wie immer- und von dieser Schweinerei durfte sie auf gar keinen Fall etwas mitbekommen!
Kurzerhand nahm Kiki ein paar T- Shirts aus dem Wäschekorb und versuchte damit den Fleck zu bedecken und die Pampe ein wenig aufzusaugen.
Durch das Mineralwasser war das Gebräu aber so flüssig geworden, dass es sich immer mehr auf den Boden ausbreite. Mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen starrte Kiki auf die trübe Flüssigkeit, die langsam unter den Rändern des T-Shirt- Berges hervorkroch.
"Kiki!" hörte sie plötzlich ihre Mutter rufen. Und da öffnete sich auch schon die Zimmertüre.
Kiki erwachte aus ihrer Schreckensstarre und stellte sich so vor dem Fleck auf, dass ihre Mutter nicht sehen konnte, was Kiki angestellt hatte. Sie hatte Arme fest vor dem Bauch verschränkt und grinste ihre Mutter sehr übertrieben freundlich an. Es sah aus, als sei ihr Lächeln auf den Lippen festgefroren.
"Kiki," wiederholte ihre Mutter und sah dabei auf einen Stapel Akten in ihren Händen. "Bring dann mal die Küche in Ordnung und sauge eben durch das Wohnzimmer. Ich werde einfach nicht fertig mit der Arbeit. Und heute Abend kommt Tante Lisa, das muss es ordentlich aussehen. Ach, dein Zimmer räumst du natürlich auch noch auf, da sieht es schließlich immer aus wie nach einem Erdbeben. Und die Hausaufgaben nicht vergessen! Ich schaue sie mir heute Abend an!" "Ja, sicher! Gerne!" entgegnete Kiki, wie aus der Pistole geschossen. Noch immer lächelte sie als wollte sie dafür einen Preis gewinnen.
In diesem Moment blickte die Mutter verwundert von ihren Papieren auf. "Gern?" wiederholte sie erstaunt und runzelte ungläubig die Stirn. Sie war es schließlich gewohnt, Tag für Tag mit ihrer Tochter über die häuslichen Verpflichtungen zu streiten.
Kiki grinste noch breiter und nickte dabei so heftig mit ihrem Kopf, dass dieser beinahe vom Hals herunter fiel.
"Na dann," strahlte ihre Mutter zurück und griff schon wieder zum Türgriff. "Danke!" Erleichtert holte Kiki Luft. "Bit..." setzte sie an.
Da fiel Mamas Blick auf den Boden.
Jetzt sah sie aus wie versteinert. Sie hatte ihren Arme deutend zum Teppich gestreckt und ihren Mund erstaunt aufgerissen.
Kiki biss sich erschrocken auf die Lippen und sah an sich herunter. Die braune Brühe hatte inzwischen schon fast die Hälfte des einst himmelblauen Teppichs in Beschlag genommen. Erst jetzt fiel Kiki auf, dass auch ihre Socken schon mehr braun als weiß und obendrein sehr feucht waren.
"Äh," begann Kiki erneut. Doch es wollte ihr keine überzeugende Ausrede einfallen. Da ergriff die Mutter das Wort:
"Verflixt und zugenäht! Jedes Mal das Gleiche mit dir! Das du dich immer aufführen musst wie ein Kleinkind! Was hast du dir denn dabei schon wieder gedacht? Ach, ich will gar nicht wissen, was für eine Schnapsidee du schon wieder hattest! Du setzt dich nun an deinen Schreibtisch und machst deine Hausaufgaben. Bis heute Abend will ich dich nicht mehr sehen! Der Teppich ist ohnehin ruiniert. Dann hast du nun eben einen matschbraunen Zimmerboden! Noch einen neuen Teppich kaufe ich bestimmt nicht!" Sie packte Kiki grob an den Schultern und platzierte sie auf dem Schreibtischstuhl. Dann machte sie kehrt und verließ, die Tür so hinter sich zuknallend, dass die Fensterscheibe klirrend vibrierte, das Zimmer.
2. Feuerrote Haare und giftgrüne Zehennägel
Kiki starrte angestrengt in ihr Matheheft. Ihr Augen brannten, aber sie wollte jetzt auf gar keinen Fall weinen. Doch schon verschwammen die Zahlen, mit denen sie doch eigentlich Rechnen sollte. Es sah aus, als ob sich selbst die Rechenaufgaben traurig neigten. Kiki seufzte und rieb sich die Augen. Sie musste die Aufgabe lösen, sonst hatte sie Hausarrest bis ans Ende ihres Lebens- oder zumindest für den Rest der Woche. Dabei war es im Grunde genommen doch Mamas Schuld. Denn hätte die öfter einmal Zeit für sie, dann würde Kiki bestimmt gar nicht erst auf solche Ideen kommen! Aber diese Gewissheit half ihr nun auch nicht weiter.
"Ein Zug fährt um siebzehn Uhr in München los. Wann kommt er in Stuttgart an, wenn er durchgehend mit einer Geschwindigkeit von 110 Kilometern pro Stunde fährt..." las sie.
"Uff!" Noch einmal seufzte Kiki tief auf. Mathe war alles andere, als ihr Lieblingsfach und Textaufgaben konnte sie noch nie ausstehen!
"Was interessiert mich denn, wann dieser olle Zug ankommt!" schimpfte sie- aber nur sehr leise, nicht dass ihre Mutter sie hörte. "Genügt doch, wenn der Schaffner das weiß!" Statt schlaue Zahlen zu schreiben, kritzelte Kiki mit dem Stift am Heftrand herum. Sie wusste zwar, dass das Mama auch nicht gerade erfreuen würde, aber Kiki dachte im Moment gar nichts. Ihr Kopf war leer wie der Kühlschrank, wenn Mama wegen all den Akten wieder einmal das Einkaufen vergessen hatte. So malte sie einen Strich und links und rechts, oben und unten je zwei weitere Linien. Oben drauf setzte sie einen Kopf, mit einem lachendem Mund und zwei Augen und einem letzten Strich als Nase. Dem grinsenden Strichmännchen zum Trotz wollte Kikis Traurigkeit nicht so recht verschwinden.
Erneut rieb Kiki sich die Augen. Doch das nützte nun auch nichts mehr. Sie spürte schon, wie sich langsam eine Träne ihren Weg bannte.
"Nicht weinen. Nicht weinen," sagte sie sich. Sie presste die Lippen fest aufeinander und starrte so angestrengt in ihr Heft, bis die Ziffern regelrechte Purzelbäume schlugen.
Aber da war sie- die erste Träne. Langsam kullerte sie an Kikis Wange herab und hinterließ eine glänzende Spur. Am Kinn blieb sie dann einen Moment lang hängen, bis sie dann den Halt verlor und langsam hinab segelte. Kiki beobachtete die Träne während ihres Segelfluges und ihr kam es vor, als fiel sie in Zeitlupentempo.
Schließlich war der lange Fall der Träne doch zu Ende- und sie landete genau auf dem grinsenden Strichmännchen.
Kiki erwartete, dass die Tinte jetzt, wie zuvor der Zaubertrank auf dem Teppich, nach allen Seiten verlief und ihr Rechenheft völlig ruinierte.
Es passierte aber etwas ganz anderes. Etwas, das Kiki dazu brachte, sich ein drittes Mal die Augen zu reiben. Diesmal aber nicht, um die Tränen zurückzuhalten, sondern aus Verwunderung.
Denn das Strichmännchen stand plötzlich auf dem Kopf. Es machte einen Handstand!
Daraufhin sprang Kiki erschrocken von ihrem Stuhl auf. Wurde sie nun völlig verrückt? Doch gleich darauf musste sie sich wieder setzen. Denn ihre Knie zitterten wie Wackelpudding, als das Männchen nun wieder in seine ursprüngliche Lage zurückkehrte und der verwirrten Kiki frech zuzwinkerte.
Als Kiki immer blasser um die Nase wurde, wurde im Gegenzug das Grinsen der kleinen Kritzelfigur immer breiter. Dann wölbte sich die Träne, die das Männchen noch immer bedeckte, auf, bis sie wie eine kleine Seifenblase aussah- und in der Blase drin stand das Männchen. Nun war es allerdings kein Strichmännchen mehr, sondern hatte einen richtigen Körper. Und nicht nur das. Auch Haare sah Kiki nun. rote, struppige Haare. Außerdem trug die Figur ein giftgrünes Kleid und hatte, dazu passend, giftgrün lackierte Zehennägel (das sah Kiki gut, denn Schuhe hatte der Zwerg nämlich keine an). Und um seine Nase herum, die vor lauter Grinsen viele kleine Fältchen schlug, leuchteten Kiki unzählige Sommersprossen entgegen.
Dann machte es plopp und die Tränenblase platzte. Jetzt wurde Kiki erst bewusst, dass das komische Etwas auch ein ganzes Stück gewachsen war. Mindestens so groß wie Kikis Daumen war es nun. Ein grüner Däumling mit feuerroten Haaren!
"Ha- hallo," stotterte Kiki leise und verwundert. Sie hatte ihren Kopf in die Hände gelegt und stützte sich mit den Ellenbogen am Schreibtisch ab- sonst wäre sie sicherlich einfach umgefallen, so staunte sie.
Da lachte der rot- grüne Gnom noch mehr. Dabei standen die feuerroten Haare zu Berge und das Leuchten der Sommersprossen wurde immer stärker.
"Ich lach mich kaputt," grölte das einstige Strichmännchen und hielt sich den Bauch.
"Wie lustig bist du denn bitte schön?" johlte es und saß nun auf dem Tisch, da es sich vor Lachen nicht mehr auf den Beinen halten konnte.
"So etwas Ulkiges habe ich ja noch nie gesehen! Und du kannst mir glauben, ich habe schon so einiges gesehen!" Mittlerweile hatten sich die Sommersprossen auf der Däumlingsnase ein wenig beruhigte und das Männlein wieherte nur noch ein kleines bisschen vor sich hin. Dann räusperte es sich, stand wieder auf, strich sich das giftgrüne Kleid glatt und sagte:
"Entschuldige bitte, doch ab und zu neige ich ein wenig zu Albernheiten. Aber du hättest dein Gesicht sehen sollen..." Für einen Moment fürchtete Kiki, dass ein weiterer Lachanfall folgen würde. Stattdessen aber griff der Wicht in seine Rocktasche und holte eine- giftgrüne- Spange hervor, mit der er sich die wilde rote Mähne zurückband. Nun sah er fast ein wenig seriös aus.
Nach einem weiteren Räuspern wurde Kiki um einiges schlauer:
"Ich bin Trixi, die Tränenhexe," erklärte Trixi die Tränenhexe und reichte der staunenden Kiki eine Hand zum Gruß. Die streckte, wenn auch etwas zaghaft, einen Zeigefinger aus und berührt ganz vorsichtig die winzig kleine Hand der Tränenhexe. Da musste die sich schon wieder ein Grinsen verkneifen.
"Keine Angst, ich beiße nicht," meinte sie mit einem Augenzwinkern. "Und so schnell geh ich auch nicht kaputt."
"W- wo kommst du denn her?" brachte Kiki nun endlich wieder einen Ton hervor.
"Na haste doch gesehen!" erwiderte Trixi. "Direkt aus deiner traurigen Träne komme ich. Besser gesagt, deine traurige Träne hat mich zum Leben erweckt. Wenn du nicht so ne Heulsuse wärst, dann wäre ich noch ein dürres, formloses Strichmännchen. Vielen Dank übrigens!" Bei diesen Worten macht die Minihexe einen höflichen Knicks und Kiki wurde ganz stolz.
"Gern geschehen!" sagte sie. "Allerdings," fuhr sie dann zögernd fort, "ich konnte ja nicht wissen..." "Aber klar doch," unterbrach Trixi das Mädchen. "Irgendwie tief in dir drin hast du das schon gewusst. Sonst hättest du mich doch nie gerade im richtigen Moment in dein Matheheft gemalt!" Auf einmal zuckte Kiki kurz zusammen. Sie sprang vom Stuhl auf, eilte zur Tür und legte lauschend ein Ohr an das Holz. Doch alles war still.
"Puh," seufzte Kiki. "Mama hat wohl noch nichts gehört. Die würde sich wundern, wenn sie mich hier mit einer Tränenhexe antrifft- apropos ‚Tränenhexe'- kannst du denn richtig hexen?" "Was für eine Frage!" empörte sich da Trixi und stemmt erbost die Arme in die Hüften. Was jedoch nicht gerade respekteinflößend aussah. "Schon einmal was von einer Mathelehrerin gehört, die nicht rechnen kann? Oder einem Bäcker der nicht weiß, wie man ein Brot backt?" Da schlug Kiki beschämt die Augen nieder. Das war wirklich eine doofe Frage gewesen!
Auf einmal stellt Trixi sich auf die Zehenspitzen und reckte ihre kleine, sommersprossige Nase in die Luft.
"Ja, was rieche ich denn da?" fragte sie schnuppernd. Dann machte sie sich die Spange aus dem Haar, schüttelte ihre wilde Mähne und sprang von Tisch herab. Kiki hielt einen Augenblick erschrocken die Luft an. Schließlich ist das für so einen Knirps eine beachtliche Höhe. Doch Trixi segelte langsam und sicher- genau wie zuvor Kikis Träne- herab und landete elegant auf dem Fußboden. Da dort der Teppich noch seine ursprüngliche himmelblaue Farbe hatte, gab die giftgrün- feuerrote Tränenhexe einen sehr ausgeprägten Kontrast zu dem Stoff.
"Was ist denn los?" erkundigte sich Kiki, der in diesem Moment bewusst wurde, dass sie sich bisher eine Hexe immer ganz anders vorgestellt hatte. Aber sie musste zugeben, dass sie von dieser kleinen Hexe- Miniaturausgabe schon jetzt hellauf begeistert war!
"Ich rieche," stöhnte Trixi zufrieden auf, "ich rieche- ah, wie gut das tut- ich rieche..." Noch einmal atmete sie tief und genussvoll ein. "Einen Zaubertrank!" "Echt wahr?" erkundigte sich Kiki, mit einem stolzen Ton in der Stimme. "Einen echten Zaubertrank?" Schließlich sprach das doch für ihre Fähigkeiten als Zaubertrank- Brauerin.
"Naja," erwiderte die Tränenhexe, "da fehlen schon noch einige Zutaten... Aber schlecht riecht es nicht." Nun war Trixi vor dem Klamottenberg, der die braune Brühe hatte verstecken sollen, angelangt.
"Mach das doch mal weg!" befahl sie und deutete etwas ungeduldig auf die Unordnung. Kiki tat wie befohlen. Ihre Mutter hätte gestaunt, wenn sie gesehen hätte, wie völlig widerstandslos ihre Tochter aufräumen kann... Doch Mama brütete zwei Zimmer weiter über ihren langweiligen Akten und bekam von dem Geschehen hier glücklicherweise nichts mit.
Nun beobachtete Kiki gespannt, was die kleine Tränenhexe machte.
Erst schnippte die einmal kurz mit den Fingern und wie von Zauberhand, beziehungsweise durch Hexenhand zog sich der hässliche Fleck zusammen, bis er nur noch eine kleine Pfütze war. Nicht einmal der kleinste matschbraune Rest war sonst noch auf dem himmelblauen Teppich zu sehen!
Dann kniete die Hexe sich vor der glibberigen, trüben Lache auf den Boden, ging mit dem Gesicht ganz nah an die Pampe heran und atmete gaaaanz tief ein.
"Fauliges Ketchup, grüne Sauce, modriger Schlamm und natürlich verstorbene Kellerasseln," analysierte Trixi die verwendeten Zutaten korrekt.
Da klappte Kiki die Kinnlade herunter.
"Das hast du einfach am Geruch erkannt?" erkundigte sie sich erstaunt.
"Klar," winkte die Hexe lässig ab und wischte sich an ihren feuerroten Haaren herum, die sie versehentlich ein bisschen in die trübe Pfütze eingetaucht hatte. "Das ist für eine erfahrene Hexe kein Problem." Daraufhin rieb sich Trixi nachdenklich die sommersprossige Nase- die im Übrigen überhaupt nicht wie so ein Zinken aussah, den man sich üblicherweise an einer Hexe vorstellte. Im Gegenteil, eine ganz niedliche Stupsnase hatte Trixi!
"Also, du hast wirklich keine schlechte Arbeit geleistet!" stellte sie nun fest- woraufhin Kiki, zumindest innerlich, vor stolz zwei bis drei Zentimeter größer wurde- aber leider hast du die Wirkungskraft mit dem Wasser ein wenig verwässert und zum andern eine bedeutende Zutat vergessen..." Plötzlich hielt Trixi inne und blickte Kiki an.
"Das heißt, du hattest doch vor, den schier einzigartigen Schlechtwetterzauber zu fabrizieren?" "Den schier einzigartigen Schlechtwetterzauber?" wiederholte Kiki verständnislos die Worte der Tränenhexe.
"Genau den- damit dir bei Regen Schwimmhäute wachsen und du in jeder Pfütze gemütlich bis zum nächsten Sonnenschein planschen kannst.!
Eigentlich hatte sich Kiki gar nichts beim Mischen der Zutaten gedacht. Sie wollte einfach nur einen Zaubertrank brauen Und Schwimmhäute wollte sie schon gar nicht! Doch das wollte sie lieber nicht zugeben- wo sie doch von einer echten Hexe gelobt worden war! Da hatte Kiki eine Idee. Ein großartige Idee!
"Nein, nein," erklärte sie. "Ich wollte mich groß hexen. Damit Mama endlich damit aufhört, mich wie ein Baby zu behandeln!" "Hm," erwiderte Trixi und rieb sich schon wieder wie verrückt an der Nase herum. "Dann hast du wohl mit den Zutaten etwas durcheinander gebracht. Zum Groß- Hexen benötigt man nämlich Wolkenwatte, zwei bis drei Krokodilstränen und eine Ponylocke von Rumpelstilzchen. Und ich schätze, das hast du nicht vorrätig?" Kiki schüttelte den Kopf.
Grübelnd kaute Trixi auf einer feuerroten Haarsträne herum. "Wäre aber schade drum, dein Gebräu einfach ungenutzt hier herum liegen zu lassen!" stellte sie fest. "Wo du dir doch so viel Mühe gegeben hast." Kiki nickte zustimmend.
"Ich hab's!" rief Trixi auf einmal aus. Kiki hatte es sich inzwischen wieder auf dem Schreibtischstuhl bequem gemacht, da die kleine Tränenhexe ganz schön lange nachgedacht hatte.
Nun sprang das Mädchen auf, als hätte sie sich in einen Reißnagel gesetzt.
"Was hast du?" fragte sie ungeduldig. "Sag schon, sag schon!" "Gut, dass ich in der Hexenschule immer so brav meine Lektionen gelernt habe!" lobte Trixi sich selbst und klopfte sich anerkennend auf die Schulter.
Ungeduldig rutschte Kiki auf dem Schreibtischstuhl hin und her und biss sich gespannt auf die Unterlippe.
"Also pass auf," löste Trixi nun die Spannung auf. "Es fehlt nur noch eine einzige Zutat für einen tollen Zaubertrank. Eine klitzekleine Zutat und ich kann dir deine Mama klein hexen- das ist dann schließlich im Endeffekt das Gleiche, wie wenn ich dich groß hexe!" Kiki fand zwar, dass das schon einen ziemlichen Unterschied machte, die Idee hielt sie aber für grandios- eigentlich für viel besser, als die Vorherige.
"Dann ist meine Mama so klein wie ich?" fragte Kiki und rieb vorfreudig ihre Handflächen aneinander. Sie hatte schon vor Augen, wie sie der kleinen Mama mal so richtig die Meinung sagen würde! Endlich würde sie Mama mal zeigen können, wie es ist, behandelt zu werden, wie ein Baby!
"Oder noch ein bisschen kleiner- je nachdem, wie man die fehlende Zutat dosiert," erklärte Trixi. Die war inzwischen wieder, mit einem kräftigen Sprung, auf dem Schreibtisch gelandet und hatte sich auf der Kante niedergelassen. Mit locker übereinandergeschlagenen Beinen saß sie da und sah so aus, wie eine sehr erfahrene Tränenhexe, die wusste, wovon sie sprach. Besonders auch deshalb, da sie sich die wilde Mähne wieder ordentlich nach hinten gebunden hatte. Kiki hatte nun schon erkannt, dass es immer ernst wurde, wenn Trixi die Haarspange anlegte.
"Was ist das denn für eine Zutat?" bohrte Kiki nun nach. Sie wurde etwas unruhig, schließlich konnte Mama jeden Moment hereinkommen.
"Katzenblut," gab Trixi nun zu verstehen. Kurz und bündig. Ohne dabei auch nur eine Miene zu verziehen. Nicht einmal die Sommersprossen auf der Hexenstupsnase tanzten.
"Katzenblut?" wieder holte Kiki mit einer kreischenden Stimme. Sie sprang vom Stuhl auf und riss entsetzt die Augen auf. Dann fiel ihr ein, dass sie nicht zu laut sein durfte und versuchte, sich zusammenzureißen. So hielt sie sich mit beiden Händen an der Tischkante fest und presste mühsam hervor:
"Du meinst wir müssen eine Katze..."
"Umbringen?" beendete Trixi den Satz. "Um eine optimale Wirkung zu garantieren, ja!" "Aber, aber..." stotterte Kiki. "Wir können doch nicht.. Ich meine..." Beim Gedanken an das arme unschuldige Kätzchen schossen ihr gleich Tränen in die Augen.
Da löste Trixi ihren Zopf, schüttelte die wilde Hexenmähne und sprang von Schreibtisch aus geradewegs auf Kikis Schulter.
"Weine nicht, kleine Kiki," sagte sie und strich mit ihrer klitzekleinen Hand tröstend über Kikis Wange. Die schniefte und schielte zu Trixi hinüber- was gar nicht so einfach war, schließlich war befand sich die kleine Tränenhexe ja nicht einmal auf Nasenhöhe.
Plötzlich war Kiki gar nicht mehr nach Weinen zumute, wie weggehext war ihre Traurigkeit und sie brachte sogar ein kleines Lächeln zu Stande.
"Dann lassen wir das mal lieber bleiben," entschied sie. "Wegen mir soll keine Katze sterben!" Da machte Trixi erneut einen Satz und landete geradewegs vor der braunen Zaubertrankpfütze.
"Nix da, jetzt wird gezaubert!" widersprach die Hexe energisch. "Und du musst gar nicht so entsetzt schauen!" bemerkte sie, mit einem Blick auf Kiki. "Ich verspreche dir, es wird kein Blut fließen!" "Aber, aber.." stotterte die verwirrte Kiki. Sie verstand gar nichts mehr. Wie sollten sie denn bitteschön Katzenblut herbekommen?
"Wenn ich um Ruhe bitten dürfte?" brachte Trixi das Mädchen zum Verstummen und ließ sich im Schneidersitz auf dem Boden nieder. Dann räusperte sie sich, rutschte ein paar Mal mit dem Hintern auf dem Teppich hin und her, bis sie bequem saß und sprach schließlich langsam und feierlich (natürlich nicht, ohne sich vorher einen Zopf zu binden) die Worte:
"Klabinkel Klabunkel Klabankaram! Hollerum Hollarum Hollum!" Anschließend schnippte sie zweimal mit den Fingern und blickte sich dann erwartungsvoll zu Kiki um. Die hatte dem Spektakel wie versteinert zugesehen, erst das Fingerschnippen hatte sie wieder zum Leben erweckt.
Kiki erwiderte den Blick und kaute nervös auf ihrer Unterlippe herum. Was jetzt wohl passieren würde?
"Aua!" schrie Kiki in diesem Moment erschrocken auf. Auch Trixi fuhr schnell aus ihrer Zauberstellung hoch.
"Aua!" jammerte Kiki noch einmal und rieb sich den schmerzenden Kopf. Auf diesen war nämlich etwas darauf gefallen.
"Eine Dose!" stellte Kiki fest, als sie das Wurfgeschoss aufhob.
"Ka-tzen- blut," las sie vor, was auf dem Etikett geschrieben stand. Dann schüttelte sie verwundert den Kopf.
"Das hast du jetzt einfach gezaubert? Warum denn nicht gleich so? Musst du mir erst so einen riesengroßen Schrecken einjagen?" beschwerte sie sich.
"Mein liebes Kind, reg dich nicht auf," gab Trixi zu verstehen. Da musste Kiki schon wieder ein wenig schmunzeln- von so einem Mini- Zwerg ‚mein Kind' genannt zu werden...
"Es ist zwar kein Problem, die Zutaten zu hexen, aber es ist ein Problem, diese zu verwenden. Wenn wir Pech haben, funktioniert unser Trank dann nämlich gar nicht. Und dass es nicht so gut klappen wird, wie mit frisch gezapftem Katzenblut, das ist sicher." "Und das bedeutet?" fragte Kiki, der es beim Gedanken an frisch gezapftes Magenblut ein wenig übel wurde.
"Dass die Wirkung des Zaubers nur sehr begrenzt ist. Deine Mama wird zwar klein, aber nicht sehr lange!" erklärte Trixi.
Da seufzte Kiki gelassen auf: "Na, wenn das alles ist!" Eigentlich war Kiki darüber ganz froh. Denn eine kleine Mama würde bedeuten, ein Leben lang Spaghetti mit Tomatensauce zu essen- das war nämlich das Einzige, was sie kochen konnte.
3. Tränenzauber
"Na dann kann es nun wohl endlich losgehen!" rief Trixi nun und klatschte begeistert in die Hände.
"Am Besten ist es," wendete sie sich an Kiki, "du setzt dich hin und hältst den Mund!" Kiki zog eine beleidigte Miene, beschloss dann aber, nicht eingeschnappt zu sein. Schließlich hatte Trixi recht. Sie musste sich konzentrieren, damit der Zauber auch funktionieren würde. Und außerdem tat sie das ja nur für sie!
Also nahm Kiki wieder auf dem Schreibtischstuhl Platz und blieb so ruhig wie ein Stein.
Trixi dagegen nahm Stellung vor der Zaubertrankpfütze ein. Dann hüstelte sie bedeutungsvoll und öffnete mit einem Klick das Gefäß mit dem gehexten Katzenblut- es ließ sich aufmachen wie eine einfache Coladose.
Nachdem sie die rote Flüssigkeit- Kiki bekam beim Anblick eine Gänsehaut- über die anderen Zutaten auf den Teppich geschüttet hatte, ließ sie sich im Schneidersitz auf dem Teppich nieder. Dann schnippte sie zweimal kurz mit den Fingern.
Daraufhin hatte Kiki den Eindruck, als ob das Zimmer nun in ein bläuliches Licht getaucht war, in dem Trixis feuerroten Haare und ihre Giftgrünen Zehennägel unheimlich leuchteten.
Die Hexe hatte die Augen geschlossen und begann langsam zu sprechen:
"Marander, Kobamber, Karumbelbum. Hagugel, Hamobel, Klabumm." Aufgeregt hielt Kiki die Luft an, als sie sah, dass nun auch die Zaubertrankpfütze zu leuchten begann- im gleichen Grün wie Trixis Zehennägel. Und nach und nach stiegen auch hie und da ein paar Blubberblasen aus der Hexenbrühe auf.
"Baramabarum, karigara," fuhr Trixi feierlich mit dem seltsamen Zauberspruch fort. Kiki wischte sich ihre schweißnassen Hände an der Hose ab. War das spannend!
"Raguri, Ragura, ra, ra..."
Plötzlich öffnete Trixi die Augen und runzelte nachdenklich die Stirn. "Ra, ra... Verflixt und zugenäht, wie ging gleich noch mal dieser olle Spruch?" fragte sie- und das in einem sehr unfeierlichem Tonfall.
"Du hast doch nicht etwa den Zauberspruch vergessen?" erkundigte Kiki sich überflüssigerweise, mit einem Blick auf den Zaubertrank, der nun wieder aussah wie zuvor: matschbraun und blubberblasenlos.
"Papperlapapp, der fällt mir gleich wieder ein!" erwiderte Trixi patzig und wischte Kikis Zweifel mit einem Winken beiseite.
Mit einem leisen Seufzen lehnte Kiki sich in ihrem Stuhl zurück.
Aus der Traum von einer kleinen Mama, der man das ständige Meckern endlich einmal heimzahlen konnte- denn Trixi sah ganz und gar nicht danach aus, als ob sie sich gleich an die fehlenden magischen Worte erinnern würde.
Ihr Gesicht war nun schon fast so rot wie ihre Haare und sie lief wie eine Wilde auf und ab. Kiki hätte sich nicht gewundert, wenn ihr vor Anstrengung kleine Rauchwölkchen aus den Hexenohren getreten wären.
"Das ist ja auch unmöglich, sich so komplizierte Zaubersprüche zu merken," versuchte Kiki die Tränenhexe zu trösten, obwohl sie selbst ganz schön enttäuscht war . "Wer sich die ausgedacht hat, kann ja nicht ganz richtig im Kopf sein!" Doch das beruhigte Trixi nur wenig und sie schlug sich zornig mit der Faust gegen den Kopf- und dieser schlaf wirkte Wunder.
Denn da trat auf einmal ein Lächeln auf Trixis Gesicht und sie rief voller Begeisterung, nachdem sie sich schnell wieder hingesetzt und die Augen geschlossen hatte:
"Raguri, ragura, ragora, plumm, plumm!", schnippte dann drei mal in die Finger und klatschte laut in die Hände.
Daraufhin stand sie sofort wieder auf und sprang auf den Schreibtisch.
"Von wegen Zauberspruch vergessen," meinte sie keck und strahlte Kiki mit einem begeisterten Lächeln an.
Nun brodelte und blubberte der Trank wieder und auch das komische grüne Licht war wieder da.
"Jetzt fehlt ja nur noch deine Mama!" stellte Trixi fest.
"Muss die das trinken?" erkundigte Kiki sich erschrocken. Daran hatte sie vorher nämlich gar nicht gedacht. Niemals würde sie ihre Mutter dazu bringen, diesen Blubberbrei auch nur zu versuchen!
"Quatsch! Du hast Ideen!" meinte Trixi. "Wer würde denn bitteschön so etwa trinken? Ein Blick genügt und der Zauber beginnt zu wirken!" "Und warum wirkt er dann nicht bei mir?" wunderte sich Kiki.
"Mann, stellst du Fragen!" entgegnete die Hexe und verdrehte genervt die Augen. "Erst einmal bist du ja wohl schon klein und außerdem wirkt der Trank nur bei deiner Mutter. Der ist extra für sie gemacht!" Da war Kiki endlich ruhig- aber nur so lange bis sie plötzlich einen gellenden Schrei los ließ.
"Was soll das denn?" schimpfte Trixi, die vor Schreck vom Schreibtisch gefallen war und nun ärgerlich den Staub aus ihrer Kleidung klopfte.
"Sonst können wir ja auf Mama warten, bis wir schwarz werden!" entgegnete Kiki nur mit einem Schulterzucken.
Und tatsächlich: Schon waren Schritte auf dem Flur zu hören.
Trixi versteckte sich schnell hinter einem Tischbein und Kiki drückte ihre Daumen so fest, dass es weh tat.
4. Die kleine Mama Brigitte
Die Tür öffnete sich und wie angesichts das Geschreis zu erraten gewesen war, trat Mama ein. Sie hatte ihre Lippen wütend auf einander gepresst und marschierte energisch auf Kiki zu.
"Du weißt doch ganz genau, dass ich zu arbeiten habe!" keifte sie. "Außerdem habe ich vorhin doch deutlich genug gesagt, dass du deine Hausaufgaben machen sollst!"
Kiki sagte nichts. Sie hielt nur erschrocken die Luft an und schaute auf die Zaubertrankpfützen die nun stärker blubberte und brodelte als zuvor. Dass Mama gar nicht merkte, wie grün es hier im Zimmer war?
Da folgten Mamas Augen dem Blick ihrer Tochter. Sie deutete mit dem Zeigefinger auf die glibbergrüne Masse und sagte:
"Was um Himmels Willen..."
Weiter kam sie nicht. Denn es machte "plopp" und Mama, jedenfalls so, wie Kiki sie kannte, war nicht mehr da- und der Zaubertrank war auch nicht mehr zu sehen. Der Teppich war wieder genau so himmelblau wie vor dem ganzen Tränenzauber.
Die neue, kleine Mama sah genau so aus, wie auf den Fotos, die Trixi kannte. Die, auf denen Mama noch ein bisschen jünger gewesen, als Trixi nun war.
So war die kleine Mama ungefähr einen Kopf kleiner als Trixi, hatte süße, blonde Ringellöckchen und schnuckelige Apfelbäckchen.
Trixi war richtig gerührt. Was für ein putziges Ding! Doch das musste sie sich schleunigst verkneifen, schließlich war sie hier, um ihrer Mutter einen Denkzettel zu verpassen.
Das einzige, was noch an die alte, schimpfende Mama erinnerte, war deren Kleidung. Denn die war anscheinend nicht verhext. Und so hing nun der elegante Rock bis zu Boden herunter und die schicke Bluse sah eher aus wie ein Bettlaken.
"... ist denn mit den Gummibärchen?!" beendete da die kleine Mama ihren Satz und riss ihre große Tochter aus dem Staunen. "Ich habe nämlich Hunger!" rief sie und stampfte zornig mit dem Fuß auf.
Jetzt wagte sich auch Trixi wieder aus ihrem Versteck hervor. Der verhexten Mama kam die Tränenhexe anscheinend gar nicht komisch vor. Die interessierte sich viel mehr für Kikis Schubladen.
"Seit wann magst du denn Gummibärchen?" wunderte sich Kiki. Denn ihre Mama lehnte immer dankend jegliche Arten von Süßigkeiten ab.
"Ich liebe Gummibärchen!" erwiderte die kleine Brigitte freudig, klatschte begeistert in die Hände und warf einen Teddybären quer durch das ganze Zimmer. "Gummibärchen, Gummibärchen, Gummibärchen!"
"Aber, aber!" mischte sich Kiki nun ein und fühlte sich gleich richtig erwachsen. "Wer so frech ist, der bekommt ganz bestimmt keine Gummibärchen!"
Das kümmerte Brigitte nur wenig. Die nahm sich einfach eines von Kikis Plüschtieren und begann grölend darauf herumzutrampeln:
"Ich habe Hunger. Ich will Bärchen. Ich habe Hunger. Ich will Süßes!"
Trixi hielt sich entsetzt die Ohren zu und verkroch sich unter dem Bett.
"Das hält ja die grünste Tränenhexe nicht aus," murrte sie.
Auch Kiki fand nun die kleine Mama ganz und gar nicht mehr so niedlich.
"Gar nichts bekommst du, wenn du weiter so herum schreist!" donnerte sie nun los und ging wütend auf die kleine Mama zu.
Die hielt erschrocken in ihrem Gebrüll inne. Langsam sackten ihre Mundwinkel nach unten und ihre Augen wurden ganz glasig.
"Nicht weinen!" rief da Trixi und kroch aus ihrem Versteck hervor. "Du bekommst ja deine doofen Gummibärchen!"
"Ehrlich?" fragte die kleine Brigitte- so hieß Kikis Mama-, wobei sie schon wieder ein bisschen lächelte.
"Also du hast Erziehungsmethoden!" seufzte Kiki. Obwohl sie froh war, dass die Kleine (die ja eigentlich ihre Mutter war) wieder lachte- denn ein weinendes Kind ist nicht angenehmer als ein Grölendes.
Dann hatte sie eine Idee:
"Gut, Trixi hat recht. Es gibt gleich Gummibärchen- aber unter einer Bedingung!" räumte sie ein und fühlte sich mit jedem Wort mehr wie ihre Mutter- wie die früher gewesen war, natürlich.
Da fing die kleine Mama Brigitte schon wieder an zu Hopsen und zu Jubeln:
"Gummibärchen! Gummibärchen!"
Als sie aber Kikis drohenden Blick bemerkte, verstummte sie augenblicklich.
Da musste Trixi ein wenig schmunzeln. Kiki war ja wie eine echte nervige Erwachsene!
"Bevor es Süßes gibt, bringst du bitte erste den Müll heraus, liebe Brigitte!" erklärte die Tochter ihrer Mutter. "Dann hängst du noch die Wäsche auf und wenn du schließlich die Spülmaschine ausgeräumt hast, dann können wir wieder über Gummibärchen reden."
Angesichts dieser langen Liste an Aufgaben bekam die kleine Brigitte ganz große Augen. Aber tatsächlich gab sie ein piepsiges "Ist gut!" von sich und verließ das Zimmer.
"Kinder erziehen ist ja babyeinfach!" stellte Kiki zufrieden fest. "Ich weiß gar nicht, warum sich meine Mama- die große Mama- immer so aufregt!"
"Aber meinst du nicht, du verlangst etwas viel von der Kleinen?" fragte Trixi, die es sich nun erschöpft auf Kikis Kopfkissen ein wenig gemütlich gemacht hatte- so ein Tränenzauber ist ganz schön anstrengend. "Die kommt noch nicht einmal an die Wäscheleine heran, uuah!" gähnte die grüne Hexe und streckte sich, wobei sie fast in dem flauschigen Federbett unterging.
"Ach, die soll doch auch einmal sehen, wie das so ist, wenn man ständig herumkommandiert und geschimpft wird!" entgegnete Kiki. "So und jetzt schau ich mal nach, ob die liebe Brigitte auch brav ist!"
Bevor das Mädchen hinaus ging rief Trixi ihr noch müde nach: "Aber übertreibe es nicht, liebe Kiki! Sie ist doch noch so klein!" und dann war sie auch schon mit einem leisen Schnarchen eingeschlafen.
Es war für Kiki sehr leicht, ihre kleine Mama zu finden- denn eine Müllspur führte sie vom Flur in das Wohnzimmer und dann zur Terrassentür hinaus in den Garten. Überall lagen Eierschalen, Salatreste und Joghurtbecher. Ein leerer Pizzakarton führte sie schließlich ans Ziel: Zum Sandkasten, in dem die kleine Mama hockte und fröhlich kichernd aus Kartoffelschalen, Kirschkernen und Sand einen sehr interessanten Kuchen zubereitete- den Kiki um keinen Preis gegessen hätte.
Da stampfte Kiki zornig auf:
"Was soll denn bitte diese Sauerei? Du solltest den Müll hinausbringen und nicht im ganzen Haus verteilen! Meinst du, auf die Weise verdienst du dir deine Gummibärchen?"
Sofort blieb der kleinen Mama ihr Lachen im Hals stecken und sie schniefte bedrückt.
"Nicht weinen, kleine Brigitte!" ertönte da auf einmal die Stimme der Tränenhexe. Dann hielt sie der betrübten Mama eine Tafel Schokolade- die größer war als Trixi selbst- entgegen. Sofort zauberte dies wieder ein Lächeln auf ihr Gesicht.
"Aber..." wollte sich Kiki erbosen.
Doch Trixi ignorierte den Einwand und sagte zur kleinen Mama:
"Beiß einmal ab und wenn du dann den Müll wieder eingesammelt hast, dann kannst du auch den Rest noch haben!"
Das ließ sich Brigitte nicht zweimal sagen- und schon war sie fröhlich schmatzend im Haus verschwunden.
"Ich mag nun einmal keine weinenden Kinder," gab Trixi der großen Freundin mit einem Schulterzucken zu verstehen, als die sie fragend anblickte.
Nachdem Kiki kurz darauf einen Kontrollgang durch das Haus gemacht hatte, musste sie zugeben, dass der Plan der Tränenhexe aufgegangen war: von der Müllspur war nichts mehr zu sehen- von der kleinen Mama allerdings auch nicht.
Kiki ahnte Böses. Sie überlegte, was sie der kleinen Mama als Nächstes aufgetragen hatte- Wäscheaufhängen. So ging sie vor das Haus, wo die Wäschespinne stand.
Tatsächlich war dort auch Brigitte.
Die Freude über den Gehorsam der kleinen Mama währte nur kurz. Denn Kiki musste feststellen, dass Brigitte, da sie zu klein war, versuchte, die Wäsche auf die Leine zu werfen- weshalb ein Großteil der Kleidungsstücke auf dem schmutzigen Boden gelandet war und nun alles andere als frisch gewaschen aussah.
Erneut spürte Kiki Wut in sich aufsteigen. Doch da fiel der Blick auf Trixi, die schon wieder wie von Zauberhand neben ihr stand. Diese schüttelte langsam den Kopf und erhob mahnend einen Zeigefinger.
Daraufhin atmete Kiki tief ein und seufzte nur:
"Schon gut, du bist eben einfach zu klein. Dann kommt das eben noch einmal in die Waschmaschine."
Allerdings musste der zweite Waschgang auf später verschoben werden, denn mit der Waschmaschine kannte sich nur die große Mama aus...
So sammelten die drei die braune Weißwäsche ein- das heißt, Trixi beförderte alles mit einem einzigen Fingerschippen in den Wäschekorb.
"Der Wäschewaschzauberspruch ist mir leider entfallen," entschuldigte sie sich.
"Also Brigitte," wendete sie nun Kiki wieder an ihre verhexte Mama, "jetzt räumst du noch schnell die Spülmaschine aus und dann gehen wir einkaufen- da kannst du dir dann was Süßes aus..."
"suchen," wollte Kiki noch sagen, aber da war Brigitte schon ins Haus gerannt.
"Kinder," meinte sie nur Kopfschüttelnd.
"Na dann schauen wir doch mal nach, ob Brigitte ihre letzte Pflicht erfüllt," schlug Trixi da vor.
Als die beiden gerade die Küche betraten, erfüllte ein lautes Scheppern den Raum.
"Neiiiin!" schrie Kiki, als sie die Bescherung erblickte:
Die kleine Mama hatte versucht einen kleine- Mama- hohen Tellerstapel zu balancieren- der nun in unzähligen Scherben auf dem Küchenboden lag.
"Jetzt reicht es mir aber! Da ist auch meine Geduld am Ende. Das schöne Geschirr, alles kaputt! Meine Mama wird mich bis an mein Lebensende in mein Zimmer einsperren, wegen dir!" zeterte sie los- wobei Kiki in ihrem unbändigen Zorn gar nicht auffiel, was sie da für einen Unsinn redetete- schließlich stand ihre Mama gerade vor ihr und war selbst daran Schuld, dass die Teller zerbrochen waren.
5. Tränenabschied
Trixi zuckte angesichts des Wutausbruchs kurz zusammen, tat dann aber nichts, um Kiki zu beruhigen und die kleine Mama zu trösten.
Als Kiki dann tatsächlich eine Träne in Brigittes Augen glänzen sah, tat ihr dann doch gleich alles leid, so traurig sah die Kleine aus
Doch da war die kleine Mama schon aufgesprungen und jammernd hinaus gerannt.
"Du bist gemein!" rief sie und das tat Kiki richtig im Herzen weh. Als ob ihr jemand mit einer Nadel hineinpieksen würde, fühlte sich das an.
"Weine doch nicht! Ich hab es doch nicht so gemeint!" rief Kiki deshalb und eilte hinterher.
Sie fand Brigitte schließlich an ihrem Schreibtisch. Genau so, wie vor nicht einmal einer Stunde Kiki selbst dort gesessen war. Traurig schniefend saß sie da und starrte auf das Schulheft vor ihr.
"Kiki!" meldete sich plötzlich Trixi zu Wort, "Ich sag schon einmal Tschüß!" meinte sie und winkte Kiki zu. "Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder!"
"Aber, aber..." stotterte Kiki verdutzt. "Wo gehst du denn hin?"
Doch Trixi zeigte nur auf die kleine, unglückliche Brigitte, der gerade eine Träne langsam die Wange herabkullerte.
"Ich habe meine Aufgabe erfüllt," sagte sie. "Und das Geschirr ist wieder heil!" stieß sie noch schnell hervor.
Langsam segelte da die Träne schließlich herab und landete genau auf dem Strichmännchen, das Kiki vorhin gemalt hatte.
Da machte es "plopp" und als sie sich nach Trixi umdrehte war diese schon verschwunden. Aber als Strichmännchen winkte sie ihr noch einmal zu.
"Tschüß Trixi!" sagte Kiki und winkte zurück.
"Wer ist denn Trixi?" fragte auf einmal ihre Mama- ihre große Mama. Das Kostüm passte wieder und statt der blonden Löckchen hatte sie wieder ihre modische Kurzhaarfrisur.
Verwundert stellte Kiki fest, dass nun sie wieder auf dem Schreibtischstuhl saß und ihre Mama freundlich lächelnd im Türrahmen stand.
"Ach, das ist eine lange Geschichte!" meinte Kiki nur und wischte sich verwundert die Augen. So strahlend hatte sie ihre Mama schon lange nicht mehr gesehen. Eigentlich kannte sie in der letzten Zeit nur ihr verbissenes Bürogesicht
"Na, die kannst du mir nun in Ruhe erzählen! Denn ich glaube, du hast dir eine Mathe- Pause verdient- und ich mir eine Büropause!"
Ungläubig zog Kiki ihre Augenbrauen nach oben: "Du brauchst eine Pause?"
"Na aber sicher!" erwidert Mama. "Und am Besten gehen wir gleich einmal los und kaufen ein paar Tüten Gummibärchen. Irgendwie habe ich plötzlich unglaubliche Lust darauf bekommen- dabei habe ich seit Jahren keine mehr gegessen!" fügte sie, verwundert mit dem Kopf schüttelnd hinzu. "Und ich darf doch auch mal wieder Kind sein!"
"Klar!" entgegnete Kiki schmunzelnd.
Und da war es ihr, als ob ihr das Strichmännchen noch einmal vertraulich zuzwinkerte.
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Eingereicht am 24. Juni 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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