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Klaras Poesiealbum

© Ulrich Rakoún


Mit ein wenig Hilfe werden Kinder zu Menschen,
die vielleicht besser sind als andere Leute
"Was machst du denn da mit deinem neuen Poesiealbum mein Kind?", fragte die Mutter ihre Tochter Klara, die dabei war, mit ihrem Tintentod-Stift einige mit blauer Tinte in ihr Poesiealbum geschriebene Namen zu entfernen. "Ich mache nur einige Namen weg von ein paar Schülerinnen aus der Schule mit denen ich mich gerade verkracht habe und an die ich im Moment nicht mehr erinnert werden möchte, Mama", erklärte Klara ihrer Mutter, die sich über ihre Tochter beugte und ihr interessiert dabei zusah, wie sie einen Namen nach dem anderen fein säuberlich mit dem Stift aus ihrem in rotes Leder eingebundenen Album entfernte.
"Aber die Stephanie, Sarah und Nicole waren doch vor ein paar Wochen noch auf deinem Geburtstag bei uns zu Hause, mein Kind. Was hast du denn nur so plötzlich gegen die netten Mädchen einzuwenden", fragte nun die Mutter mit ihrem üblichen Lächeln und einem besonders verständnislosen Tonfall in der Stimme, der auf ihre Tochter wenig überzeugend wirkte, sondern sie in einen inneren Aufruhr versetzte, der sich sofort Luft zu machen versuchte.
"Die Stephanie ist eine alte Petze, die immer gleich mit allem zur Lehrerin läuft und die anderen, die ihr nicht passen, hinterm Rücken anschwärzt, die Sarah will immer in allen Dingen jedem überlegen sein und alles besser wissen, und die Nicole kann nichts anderes als angeben mit ihren neuen Jeans und Pullis, die sie von ihrer Mutter aus deren Boutique geschenkt bekommen hat und in denen irgend so ein französisches oder italienisches Modeetikett steht. Das sollen noch meine Freundinnen sein, da kann ich gut drauf verzichten, wenn ich ehrlich bin Mama. Da suche ich mir lieber wieder ein paar neue Freundinnen aus meiner Klasse oder der Parallelklasse, die netter sind und mit denen man besser auskommen kann." "Aber mein Kind", erwiderte nun die Mutter ihrer Tochter, "denkst du denn, dass du immer alles richtig machst und in allem fehlerlos bist? Vielleicht regen sich die anderen auch ab und zu über dich auf und trotzdem kündigen sie dir nicht gleich die Freundschaft und streichen dich aus ihren Poesiealben." "Ja, Mama, das habe ich mir auch schon überlegt", meinte nun Klara, "aber was zu weit geht, geht zu weit, und ich habe wirklich schon oft genug beide Augen zugedrückt, das kannst du mir glauben."
"Komm doch mal her", sprach nun die Mutter behutsam zu ihrer kleinen Tochter, die gerade erst vor ein paar Wochen mit der zweiten Klasse in der Hauptschule begonnen hatte und nahm ihr Mädchen dabei zärtlich in beide Arme, so dass sich dieses fast wie erdrückt vorkam und sich zunächst an die übergroße Nähe der Mutter gewöhnen musste, von deren Vormacht und Bevormundung sie sich auch gerne manchmal befreit hätte. Denn sie war ja auch kein kleines Baby mehr, das ständig den nahen Kontakt zu einer Bezugsperson suchte und immer gleich am Schreien war, wenn sich die Mutter mal für einen Augenblick lang nicht in erreichbarer Nähe aufhielt. So schob sie die Mutter so unauffällig wie möglich sanft ein paar Zentimeter weit von sich, weil diese nichts davon merken sollte, wie unangenehm einem so "großen Mädel" wie ihr die allzu große Nähe zu einer erwachsenen Person schon war, bevor diese mit ihrem ersten Satz begann.
"Sieh mal, mein Kind", meinte nun ihre fürsorgliche Mutter mit einer gütigen und vertrauensvollen Stimme, die auch sofort die Seele ihrer kleinen Tochter erreichte und sanft in ihrer Tiefe berührte, "als ich noch klein war, so wie du heute, es muss wohl gegen Anfang der sechziger oder Ende der fünfziger Jahre gewesen sein, hatte ich auch so ein schönes Poesiealbum. Es muss irgendwann bei einem Umzug vom Dorf in die Kleinstadt verloren gegangen sein, aber ich habe das Buch damals immer wie meinen Augapfel gehütet, weißt du. Eines Tages, es war im Sommer als gerade die großen Ferien begannen, fuhren drei meiner Klassenkameradinnen mit irgendeiner Gruppe von der Kirche ans Meer und haben ganz schön damit angegeben. Ich glaube es war die Insel Norderney oder Amrum, wo sie zwei Wochen in einem wunderschönen Heim verbrachten. Ich durfte damals nicht mitfahren, weil meine Mama und mein Papa nicht so viel Geld aufbringen konnten, um die Reisekosten zu bezahlen und musste deshalb die ganzen Ferien zu Hause bleiben. Ich weiß noch, wie ich meine drei Freundinnen damals hasste, die Gerda, Anita und die Rosi. Ich wollte sie deshalb auch aus meinem Poesiealbum entfernen, wo sie schon drin standen, aber es gab "Gott-sei-Dank" bei uns noch keinen Tintentod, und so habe ich es mir noch einmal überlegt. Ein Jahr später hatte ich die ganze Sache schon wieder vergessen, und heute zählen nur noch die schönen Erinnerungen an die gute alte Zeit, denn an das schlechte von damals erinnere ich mich jetzt nicht mehr. Und wenn, dann nur auf eine sehr angenehme Art und Weise, die mich alle Dinge von früher in einem anderen Licht sehen lässt, so als wäre es die glücklichste Zeit meines Lebens gewesen, was sie sicherlich auch war, trotz aller Armut und Bescheidenheit in der meine Eltern und ich wohl noch lebten. Und Gerda, Anita und Rosi sind auch heute noch meine dicksten Freundinnen, und wir verbringen noch viele angenehme und aufregende Stunden miteinander und schwärmen von glücklichen gemeinsam verbrachten Jugendtagen. Ja, das ist eigentlich schon meine ganze Geschichte, die ich dir erzählen wollte, mein Kind. Jetzt ist es an dir selbst zu entscheiden, ob du deine drei Freundinnen aus deinem Album streichen willst oder es dir noch einmal überlegst."
"Hm, Mama, bei der Sarah und der Nicole könnte ich wohl noch eine Ausnahme machen", meinte nun Klara, "aber die Stephanie ist doch so "hinten rum", weißt du, so "hinter dem Rücken", das kann man doch einfach nicht verzeihen, Mutter." "Ach weißt du, mein liebes Kind, es gibt ein altes Sprichwort, das ungefähr so lautet: "Wer die Menschen bis vierzig nicht hasst, hat sie niemals geliebt." Was denkst du wie viele Menschen ich in meinem Leben kennen gelernt habe, die so "hinter dem Rücken" waren, und ich musste auch stets mit ihnen auskommen. Vielleicht oder sicher ändert sich die Stephanie noch im Laufe der Jahre, denn sie ist ja auch noch ein kleines Mädchen wie du. Du kannst ihr nur dabei helfen sich zu ändern, wenn du ihr etwas anderes vorlebst. Dann wird sie an dir und an anderen guten Menschen lernen, dass es nicht schön ist, so "hinter dem Rücken" zu sein und sich bestimmt irgendwann im Laufe der Jahre anders verhalten. Und wenn der liebe Gott noch sein Werk dazutut, kann das Wunder bewirken. Schau mal, ich habe sogar in der Kirche Menschen kennen gelernt, die so "hinter dem Rücken" waren, und ich musste trotzdem immer gut mit ihnen auskommen. Es liegt eben oft nur an einem selber, ob man sich besser und richtiger verhält und dann ein Vorbild ist für die anderen."
"Hm, aber das mit der Kirche kann ich doch nicht verstehen", meinte nun Klara, "denn in den Geboten, die wir im Kindergottesdienst lernten, steht ja schon, das man nicht über andere Menschen Böses und Schlechtes hinter dem Rücken verbreiten darf. Wie können solche Leute denn dann noch in der Kirche sein, wenn sie sich schon nicht einmal an die zehn Gebote halten?"
"Ja, mein liebes Kind", meinte nun die Mutter, "bei Gott sind eben alle Dinge möglich, und er weiß auch, dass wir nicht unfehlbar sind, weil wir eben nur Menschen und keine Heiligen sind, weißt du. Leider gibt es aber immer wieder Menschen, die das ständig ausnutzen und bewusst dieses Gebot brechen. Wenn Gott jedoch schon den Menschen vergibt, dann müssen wir es doch auch tun."
"Ja, so wird es wohl sein, kluge Mama", meinte nun Klara, "also sollte ich der Stephanie nicht böse sein und ihr vergeben, wenn sie mich oder andere bei der Klassenlehrerin Frau Walther anschwärzt und schlecht macht? Das ist es doch wohl, was du mir mit deiner langen, schönen und lehrreichen Geschichte erklären wolltest?" Und indem Klara gar nicht mehr die Antwort ihrer Mutter abwartete, befreite sie sich aus der ihr nun kaum noch unangenehm und lästig erscheinenden Umarmung und ging zum Tisch auf dem ihr mit einem rosa Seidenband umschnürtes Poesiealbum lag, das nur darauf zu warten schien, von seiner jungen Besitzerin geöffnet und in neuen Gebrauch genommen zu werden. Das Mädchen schlug schnell die richtige Seite auf und schrieb an der Stelle, wo eine große Lücke entstanden war, mit ihrem neuen Füller den Satz: "Für Stephanie, Sarah und Nicole." "Ist es so besser, Mama, habe ich es so richtig gemacht", fragte nun Klara ihre staunende Mutter, die schon lächelnd hinter ihr stand.
"Viel besser, mein liebes Kind", erwiderte nun die Mutter, und dann zog sie schnell etwas aus ihrem bunten Arbeitskittel, das so aussah wie ein wunderschönes neues Abziehbild, etwas das man nur in dem teuren Schreibwarenladen unten an der Ecke bekommen konnte und klebte es unter den von Klara geschriebenen Satz.
"Danke, Mama", wollte diese wohl noch sagen, aber sie vergaß es, denn vor der Wohnungstür standen Stephanie, Sarah und Nicole und warteten bereits auf ihre Freundin, die sie zum Spielen mit nach unten in die Grünanlage nehmen wollten.
"Danke Mama", sagte jetzt auch die liebevolle Stimme von Jaqueline zu ihrer Mutter Klara. "Danke für die schöne alte Geschichte aus deiner Jugendzeit, jetzt muss ich aber nach draußen zum Spielen, weil meine Freundinnen schon lange im Stadtpark auf mich warten. Das Poesiealbum wünsche ich mir zum nächsten Geburtstag, wenn sie alle bei mir zu Besuch sind, das ist so cool, das wünsche ich mir so sehr!"
Antonia Stahn: Max und Mäxchen. Kindergeschichten für große und kleine Leser. Dr. Ronald Henss Verlag, 2006. ISBN 3-9809336-7-9
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10,80 Euro



Eingereicht am 10. Juli 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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