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Die Sage von den versteinerten Brüdern im Schloss zu Bergedorf

© Joachim Winsmann


Vor vielen Jahren lebten in der Nähe von Lübeck oder Hamburg zwei Brüder. Sie hatten sich so lieb, dass sie alles gemeinsam taten. Deshalb schworen sie sich auch ewige Treue bis in den Tod. Da nun die Zeit heran kam, in der ein junger Mann sich für einen Beruf oder ein Handwerk entscheiden muss, so wählten sie beide das Soldatenhandwerk. "Die Gefahr wird uns noch enger verbinden", sagte der ältere von ihnen, und sein jüngerer Bruder willigte freudig ein. Die Eltern aber waren bekümmert, denn sie mussten sich schon bald darauf von ihren Söhnen verabschieden.
"Seid nicht traurig", sagten die Söhne. "Wir werden schließlich wieder heimkommen und euch Schätze aus fernen Ländern mitbringen."
Gesagt, getan. Sie kamen wirklich in fremde Länder, wo sie unter verschiedenen Herren wacker stritten. Die Jahre vergingen - nur mit dem Reichtum klappte es irgendwie nicht. Ihr Sold reichte immer nur von einer Schlacht bis zur nächsten, und wenn sie einmal reiche Beute machten, bekam alle Schätze der Fürst, dem sie gerade dienten.
"So habe ich mir das Waffenhandwerk nicht vorgestellt", meinte der jüngere Bruder eines Tages, weit von der Heimat entfernt. "Lass uns wieder nach Hause gehen, zu unseren lieben Eltern. Sie brauchen uns sicher schon seit langem in der Wirtschaft." Der ältere Bruder nickte dazu und meinte: "Für all die Mühen, die wir auf uns genommen haben, hätten wir daheim mit Sicherheit größeren Gewinn erhalten, wären aber nie solch tüchtige und unerschrockene Männer geworden. Las uns vor den Fürsten treten und um unseren Abschied bitten - vielleicht hat er ein Einsehen und lässt uns ziehen."
Der Fürst machte anfangs ein finsteres Gesicht, als ihm sein Hauptmann meldete, dass zwei Soldaten ihn zu sprechen wünschen. Andererseits gefiel ihm dieser Mut. Und so standen sie denn vor ihrem Herren, um ihn zu bitten, dass er sie wieder in die Heimat entließe.
"Unsere Eltern sind inzwischen alt geworden und brauchen noch ein paar kräftige Hände, die sich um ihre Wirtschaft kümmern", meinte der ältere Bruder.
"Aus welcher Gegend stammt ihr denn?" fragte der Fürst.
"Aus dem Flecken Riepenberg, nur wenige Marschstunden vor der Stadt Hamburg. Unsere Eltern sind Obstbauern und schuften von früh bis spät, um das Land fruchtbar zu machen."
Dem Fürsten gefielen die zwei Brüder. Vom Hauptmann hatte er zudem erfahren, dass sie sich in jedem Kampf durch großen Mut ausgezeichnet haben. Solche Soldaten ließ er nur ungern ziehen. Aber er hatte auch eine Schwäche für das Hamburger Land. Und als er hörte, wie der jüngere Soldat davon sprach, das Land bei Hamburg fruchtbar zu machen, gefiel ihm das sehr. Deshalb überlegte er noch eine Weile und meinte schließlich:
"Ich lasse euch ziehen und gebe euch sogar reichen Lohn dazu, wenn ihr mir noch diesen einen Dienst erweist."
Die Brüder schauten sich an und antworteten wie aus einem Munde: "Sagt, was ihr wünscht, Herr. Wir werden alles tun, was möglich ist."
"Ich habe einen lieben Verwandten, gleich in der Nähe eures Heimatortes. Er regiert in dem schönen Wasserschloss an der Bille. Er ist mir ein lieber Freund und zieht in wenigen Tagen gegen den Brandenburger Kurfürsten Friedrich ins Feld. Damit seine Truppen ebenso mutig in den Kampf ziehen, wie ihr Zwei das immer getan habt, schicke ich euch mit einer Botschaft zu ihm."
"Wenn es weiter nichts ist, so soll er diese Botschaft bald empfangen", warf der jüngere Bruder etwas vorlaut ein. In Gedanken umarmte er bereits die Eltern.
"Es ist aber keine gewöhnliche Botschaft", ermahnte ihn der Fürst. "Es soll eine lebendige und überzeugende Botschaft sein."
Die Brüder schauten ihn ratlos an. Was meinte er wohl damit? Welche lebendige Botschaft? Ist das Wort eines Fürsten nicht überzeugend genug?
Dem Fürsten amüsierte ihre Ratlosigkeit und Verwunderung. Erst nach einer Weile fuhr er fort: "Das Land, das meinem Freund gehört, war vor Zeiten Besitz des tapferen Königs Heinrich des Löwen, der sein Leben lang für die gerechte Sache stritt. Ich will, daß ihr meinem Freund Erich aus dem Hause der Askanier einen Löwen zuführt. Der sei meine Botschaft an ihn und soll bei den Kämpfern mit seinem Gebrüll stets aufs Neue den Willen zum Kampf wecken, wenn sein Streiten einer gerechten Sache dient."
Den Brüdern blieb der Mund offen stehen. "Was für einen Löwen?" meinte der ältere Soldat. Er war zwar viel in Italien, doch nie in Afrika gewesen und hatte so ein Tier noch nie gesehen.
"Das wird man euch zeigen. Es ist ein wildes und starkes Tier. Eure Aufgabe ist nun, dieses Tier zu zähmen, nach Bergedorp zu bringen und zu tun, was mein Vetter euch befiehlt. Nun, wie ist es? Glaubt ihr immer noch, dass es eine leichte Aufgabe ist?"
"Wenn dies der Preis dafür sei, unsere alten Eltern wieder umarmen zu dürfen, so wollen wir uns gleich an die Arbeit machen", riefen die beiden Brüder wie aus einer Brust.
"Nun denn", sagte der Fürst zum Hauptmann: "führe diese wackeren Männer zum Käfig und weise sie ein." Und an die zwei Soldaten gewandt: "Es ist brav von euch, diese Arbeit zu tun. Ich selbst kann sie leider nicht mehr fortsetzen, so sehr ich es mir auch gewünscht habe, denn schon morgen begebe ich mich mit meinen Soldaten auf einen langen Weg nach Süden, um einem anderen Verbündeten in seinem Kampfe beizustehen. Hier, nehmt dies als Lohn."
Damit reichte er ihnen einen Beutel mit Goldstücken.
Es dauerte länger, das wilde Tier zu zähmen, als der Fürst es sich wohl vorgestellt hatte, denn als die beiden Brüder mit dem Tier, das auf ihrem Marsch nach Norden unterwegs für recht viel Aufsehen sorgte und ihren Reichtum vergrößerte, in Bergedorp eintrafen, kamen sie zu spät. Der Schlossherr Erich aus dem Geschlecht der Askanier, hatte seine Schlacht gegen den Hohenzoller-Fürsten bereits verloren und saß gerade mutlos im Kreise seiner Krieger, um zu beraten, was zu tun sei. Die Städte Hamburg und Lübeck waren gegen ihn aufmarschiert, um das Land zu erobern, das sein Vater in einem frechen Streich der Stadt Lübeck abgezwungen, die es zuvor als rechtmäßigen Pfand vom Besitzer erworben hatte.
Als die Brüder in ihren fremden Uniform vor dem Askanier erschienen und das Schrecken einflößende Tier mit den Worten ihres letzten Herren übergaben, flammte noch einmal wilde Entschlossenheit bei Herzog Erich und seinen Kriegern auf. Sie konnten es zwar nicht mehr verhindern, dass die Stadt von der hanseatischen Übermacht besetzt wurde, doch verschanzten sie sich im Schloss und leisteten erbitterten Widerstand.
"Wenn unsere Sache gerecht ist und wir den Sieg erringen, so sollt ihr Zwei frei sein und könnt zu euren Eltern gehen", sagte der Herzog, als die Schlacht begann. "Erliegen wir aber der Übermacht, so sollt ihr mit dem furchtbaren Tier dazu verflucht sein, das Schloss auf ewig zu bewachen."
Die Brüder wechselten einen schnelle Blick. In der folgenden Nacht schlichen sie sich aus dem Schloss und vergruben ihr Gold am Fuße einer Eiche.
Drei Tage kämpfte man mit aller Kraft, doch die Übermacht und List des Gegners war zu groß. So musste man sich schließlich ergeben und die Tore zum Schloss öffnen. Den ersten Soldaten, der den Schlosshof betrat, traf der Schlag, denn er sah ein fremdartiges Tier auf sich zustürzen, wie er es schrecklicher noch nie gesehen hatte. Er fiel auf der Stelle tot um. Das Tier schien stumm, machte zwar noch einige Sätze bis über die Zugbrücke, um sich in Freiheit zu bringen, doch der Fluch des Herzogs traf es genau an der Stelle, wo die Brüder zuvor ihr Gold vergraben hatten. Unmittelbar vor dem Tor des Schlosses wurde der Löwe zu Stein und blieb wie angewurzelt dort stehen, wo er noch heute zu sehen ist.
Den zwei Brüdern erging es nicht anders. Sie traf der Fluch, während sie noch mit Erschrecken sahen, wo der Löwe sich in Stein verwandelte. Der Herzog ließ sie im Innenhof des Schlosses zu beiden Seiten des Eingangs gegenüber dem Tor aufstellen, nunmehr als Mahnung für alle, die falsche Hoffnungen erwecken.
"Lasst hier nie wieder jemanden ein, der zu sinnlosen Taten verführt", raunte er ihnen noch zu, bevor er das Schloss auf immer verließ.
Mit den Jahren sind ihre Gestalten etwas geschrumpft, die Kleider verschlissen, und sie haben sogar kleine Bäuche angesetzt. Keiner würde die tapferen Soldaten von einst in ihnen vermuten, doch tun sie ihren Dienst noch immer, wie es ihnen befohlen wurde.
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Eingereicht am 11. Juli 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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