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Fups, der Feldhamster (Teil 1)

© Kyra Nilsson


Fups langweilte sich schon wieder.
"Mama", nörgelte er, "mir ist so fad!" Doch seine Mama war schwer beschäftigt. Sie war gerade dabei die Höhle für den nahenden Frühling auf Vordermann zu bringen. Und nach einem langen Winter gab es ziemlich viel zu tun. Außerdem war Fups' Mutter eine fleißige Hamsterfrau, die großen Wert darauf legte, dass alles immer blitzblank sauber war. Deshalb hörte sie dem Gejammer ihres Sohnes gar nicht richtig zu.
"Ach Fups", seufzte sie, während sie die dicken Winterdecken ausschüttelte, die sie nun, wo es allmählich immer wärmer wurde, nicht mehr brauchen würden, "dann spiel' doch irgendetwas." "Keine Lust!" entgegnete Fups und nieste dann so kräftig, dass die Wände der Hamsterhöhle nur so wackelten. Durch das emsige Deckengeschüttel seiner Mama, war eine riesige Ladung Staub in seiner Nase gelandet.
"Dann räum' doch dein Zimmer auf", schlug die Mutter vor. "Das ist schon lange wieder einmal notwendig. Wenn Papa heimkommt und deine Unordnung sieht, dann wird er ganz und gar nicht begeistert sein, dass kann ich dir versprechen!" "Erst recht keine Lust", murmelte Fups. "Außerdem taucht Papa so schnell doch sowieso nicht auf!" Fups Vater war nämlich ein vielbeschäftigter Geschäftshamster, der immer viel unterwegs war. Zwar brachte er einer Frau und seinem Sohn bei seiner Rückkehr immer tolle Geschenke mit, aber Fups wäre es da schon lieber gewesen, er hätte etwas mehr Zeit für seinen Sohn.
Denn Fups war es ziemlich oft langweilig. Das lag daran, dass er ein Einzelhamster war. Dies war für Hamster ziemlich ungewöhnlich. Normalerweise bekamen Hamstermamas immer ziemlich viele Hamsterbabys. So hatte der kleine Fups niemanden, mit dem er spielen konnte. Natürlich kümmerte sich seine Mama sehr viel um ihn, aber die war einfach immer viel zu vorsichtig. Sie spielte immer nur in der Höhle mit ihm. Aber Fups wollte endlich einmal raus! Doch das, fand seine Mama, sei viel zu gefährlich für so einen kleinen Hamsterjungen. Obwohl Fups dieses Thema nun schon ziemlich oft mit seiner Mama erfolglos diskutiert hatte, gab er noch immer nicht auf.
"Lass mich doch heute einmal draußen spielen!" quengelte er. Doch da seufzte seine Mama nur schon wieder ganz laut und sagte sonst gar nichts. Stattdessen schüttelte sie die Decken nur noch heftiger, bis die Federn flogen. Fups wusste außerdem, wenn sie solcher Laune war, da nützte seine Bitten und Betteln gar nichts. Also seufzte nun auch er und beschloss dann eben, sich doch wieder einmal hier drinnen ein Spiel auszudenken. Glücklicherweise war es für seine Mutter nun an der Zeit, in der Küche das Mittagessen vorzubereiten und er konnte die ganze Höhle für sich nutzen.
Er setzte sich eine alte Suppenschüssel auf den Kopf und nahm Mamas Schrubber in die Hand. "Ich bin Konrad, der König!" rief er laut. Dann packte er den flauschigen Wohnzimmerteppich, der zum Lüften auf der Fensterbank hing und legte ihn über das Sofa, um das kitschige Blümchenmuster zu überdecken.
"Dies ist mein Schiff!" rief er, als er sich darauf gestellte hatte. "Ich bin Konrad, der König der Meere!" fuhr er fort. "Und nun ist es an der Zeit, einige Abenteuer zu bestreiten. Ich werde es euch schon zeigen, ihr Piraten und Seeungeheuer!" "Doch was ist schon ein Schiff ohne Wasser?" dachte sich Fups und verschüttete Putzeimer auf dem Fußboden.
"Meine Güte, ist das ein Wellengang heute!" Er schwankte hin und her und hielt sich mit aller Kraft an seinem Zepter, dem Schrubber fest.
"Von solch einem Sturm haben sie im Wetterbericht aber nichts erzählt!" Doch bei solch einem Unwetter kann sich nun einmal der stärkste König nicht mehr halten. So purzelte Konrad, der König der Meere mit einem dumpfen Platschen in das Meer, beziehungsweise auf den Wohnzimmerboden.
Fups' Geschrei und Gepolter hörte seine Mama natürlich und sie betrat die Stube, um zu schauen, was denn da draußen los war.
"Fups, du Lausebengel!" rief sie so zornig, dass ihre Schnurrhaare bedrohlich bebten. Sie packte ihren Sohn- obwohl er mittlerweile schon fast so groß wie seine Mutter war- am Kragen und schüttelte ihn kräftig. "Meinst du ich mache stundenlang die Höhle sauber, nur damit du gleich wieder alles dreckig machst!" Fups wollte etwas Entschuldigendes erwidern, doch wegen dem Geschüttel brachte er keinen Ton heraus. Nur seine Zähne klapperten, als sie lautstark aufeinander stießen.
"Doch nun muss dir jedenfalls nicht mehr langweilig sein!" schimpfte seine Mama weiter. "Denn den Rest des Tages verbringst du damit, dass du diese Unordnung wieder beseitigst. Außerdem putzt du dann noch die Fenster und räumst dein Zimmer auf! Und das Mittagessen ist für dich auch gestrichen!" So zornig hatte Fups seine Mama schon lange nicht mehr erlebt. Wehmütig dachte er an sein Lieblingsessen, Maiskolben in Haselnusssoße, dessen leckerer Geruch ihm schon in die Nase stieg. Doch er wagte ausnahmsweise keinen Widerspruch und machte sich sofort an die Arbeit.
Eigentlich war es kein Wunder, dass seine Mama nun so wütend geworden war. Schon seit Tagen nervte Fups sie damit, dass er endlich einmal die Höhle verlassen und die Welt da draußen kennen lernen wollte. Doch die Mutter warnte ihn nur immer wieder vor bedrohlichen Greifvögeln, dem fiesen Fuchs, hungrigen Katzen und viel mehr. Alles dort draußen war in ihren Augen für so einen kleinen Hamsterjungen höchst gefährlich. Seine Mama war zwar immer lieb und gutmütig und las ihrem Sohn jeden Wunsch von den Augen ab, aber wenn es darum ging, ihn vor den Gefahren des Alltags zu beschützen, da ließ sie nun einmal keinerlei Widerrede gelten.
"Aber trotzdem ist das unfair!" sagte sich Fups. "Ich bin doch kein kleines Hamsterbaby mehr!" Doch wie er seine Mutter davon überzeugen konnte, das wusste er leider nicht.
Wegen seiner mussmutigen Grübeleien hatte Fups gar nicht auf seine Arbeit geachtet und nun bemerkte er plötzlich, dass er schon, völlig in Gedanken versunken, die ihm auferlegten Pflichten erfüllt hatte. Sein Zimmer war so sauber, dass er es fast nicht wieder erkannt hätte. Die Fenster erstrahlten in der Frühlingssonne und im Wohnzimmerfußboden lachte ihm sein eigenes Gesicht entgegen, so blank geputzt war der.
In dem Moment kam seine Mutter herein. Fups erkannte sofort dass diese gerade ein kleines, wohlverdientes Nickerchen gemacht hatte, denn ihr Fell stand wild in alle Himmelsrichtungen ab.
"Schon fertig?" gähnte sie. "Na da kannst du aber nicht sehr gründlich geputzt haben." Zu Fups' Erleichterung war der Zorn aus ihrer Stimme verschwunden. Er hatte wieder die liebe Mama vor sich, die er so mochte. Als die Hamsterdame Fups' Arbeit kontrollierte, blieb ihr vor Erstaunen der Mund offen stehen und sie brachte nicht einmal ein Lob heraus.
"Jetzt oder nie", dachte sich da Fups. Er legte sein lieblichstes Hamsterlächeln auf und blickte seine Mama mit einem treuherzigen Hamsterblick an. Doch ehe er in seiner süßesten Hamsterstimme seine Mutter auf herzlichste Weise bitten konnte, ob er nun nicht ein wenig draußen spielen durfte, meinte diese:
"Also Fups, ich glaube du hast es dir nun wirklich verdient, dass du ein bisschen raus darfst..." Als ihr Sohn diese Worte hörte, sprang er seiner Mama stürmisch an den Hals und drückte sie so fest, dass sie kaum noch Luft bekam.
"Aber gehe bitte nicht weiter als bis zu der großen Linde, bei der du mit Papa letztens gewesen bist!" röchelte sie angestrengt. "Und spreche nicht mit Fremden!" rief sie ihrem Sohn noch hinterher, der schon in großen Luftsprüngen zur Höhle hinausrannte.
"Und zum Abendessen bist du wieder da!" schrie sie mit aller Kraft, als sie Fups schon gar nicht mehr sehen konnte.
Fups war so glücklich, dass er beschwingt einen Purzelbaum nach dem anderen schlug und dabei juchzende Freudenschreie ausstieß. Erst als er mit dem Kopf gegen einen Baum stieß, kam er ein wenig zur Besinnung. So auf dem Boden liegend, konnte er direkt in den strahlend blauen Himmel blicken, den er in seinem Leben bisher noch nicht sehr oft gesehen hatte. Über ihm schwirrten lustige Insekten und noch weiter oben, so dass der kleine Fups sie nur noch als kleine Punkte erkennen konnte, sah er ein paar Vögel ihre Runden drehen.
"Die haben es aber gut", dachte sich der Hamsterjunge, "die könnten bestimmt die ganze Welt von oben sehen. Und die können überall hinfliegen, wohin sie nur wollen." Aber natürlich war Fups nun gar nicht in der Stimmung, sich darüber zu ärgern, dass er nur die kurze Strecke bis zu der großen Linde gehen durfte. Für den Anfang war das doch gar nicht so schlecht! Nun war wirklich keine Zeit mehr zu vergeuden. Er musste sein Freiheit genießen! So sprang er auf und tappte los.
Natürlich war er schon vorher einige Male hier draußen gewesen. Wenn sein Papa doch einmal Zeit für seinen Sohn hatte, dann hatte dieser Fups ein wenig durch die Umgebung geführt. Bei dieser Gelegenheit hatte der kleine Hamsterjunge auch die Bekanntschaft mit ein paar netten Leuten aus der Nachbarschaft gemacht. Aber auch Papa, der bei weitem nicht so feige war, wie Fups' Mama, hatte den Spaziergang an der großen Linde abgebrochen.
"Das hat noch Zeit", hatte er immer nur gesagt. "Dafür bist du noch zu jung..." Was natürlich Fups' Neugier erst recht vergrößert hatte.
Nun bestaunte der Junge die Natur um ihn herum, nach der er sich den ganzen Winter über gesehnt hatte. Riesige Bäume gab es da, neben denen sich der kleine Hamster noch winziger fühlte, als er ohnehin schon war. Aber auch kleine Blumen waren natürlich viel größer als der kleine Fups. Oder es lagen manchmal Steine im Weg, über die Fups dann mühevoll kletterte- zwar hätte er auch einfach außen herum gehen können, doch auf diesen, für Fups enormen, Felsen kam er sich vor wie ein Bergsteiger, der die abgelegensten Orte erkundet. Einfach alles erschien dem Jungen riesengroß und aufregend. Dennoch dauerte es nicht sehr lange, bis Fups bei der großen Linde angekommen war.
"Was soll denn dort anders sein, als hier?" fragte er sich, als er angestrengt in die Ferne spähte. Die gleichen Bäume, die gleichen Blumen. Nur ganz weit hinten erkannte er etwas das ihm fremd war. Er musste angestrengt die Augen zusammenkneifen, damit er etwas erkennen konnte.
"Das müssen die Häuser der Menschen sein", dachte sich der schlaue Fups.
Die Menschen waren bei seinen Eltern, wie auch bei vielen anderen Tieren gefürchtet. Grausame Geschichten erzählte man sich über diese Wesen.
"Deshalb darf ich nicht weitergehen", überlegte sich der Junge. "Dabei würde ich doch niemals freiwillig zu diesen Menschen laufen. Da wäre ich ja lebensmüde!" Somit war Fups' Neugier erst einmal gestillt und er beschloss, ganz brav und vorbildlich, sich schon vor der verabredeten Zeit auf den Heimweg zu machen.
"Dann lässt mich Mama morgen sicherlich wieder rausgehen", dachte er.
So drehte er sich um und lief wieder zurück Richtung Hamsterhöhle. Selbstverständlich unterließ er es auch auf dem Nachhauseweg nicht, in allen Ecken zu stöbern und jeden verborgenen Winkle zu erkunden. So kam er bei dem Bau einer Mäusefamilie an, wo in die Mutter ab unanständig fluchend wegschickte, da ihre dreiundzwanzig Kinder nach mühseligen Versuchen endlich friedlich eingeschlafen waren. Auch entdeckte er einen hohlen Baumstumpf, in dem nur ein paar Käfer geschäftig herumtappten. Auf Fups' freundlichen "Guten Abend", reagierten sie nicht einmal, so eilig hatten sie es.
"Hier werde ich mir morgen einen geheimen Unterschlupf einrichten", entschied Fups. "Da kann ich dann die tollsten Spiele spielen und mir muss gar nicht mehr langweilig sein!" Bei diesen Gedanken machte der Hamsterjunge wieder einmal einen schwungvollen Luftsprung- und als er wieder auf der Erde landete stand plötzlich ein Fremder vor ihm. Erschrocken wich Fups einen Schritt zurück.
"Das muss eine Katze sein", überlegte er. Bei diesem Gedanken wurde seine Furcht noch größer. Schließlich hatte seine Mutter in ihren Erzählungen über diese Tier berichtet, dass sie sich nicht scheuen würden, einen kleinen Hamster mit einem Bissen zu verschlucken. Aber irgendwie war diese Katze viel kleiner, als Fups sich eine solche vorgestellt hatte. Dennoch war sie mit diesen großen grünen Augen und den scharfen Krallen an ihren Pfoten sehr angsteinflößend. Fups musste sich mit seinen vier Füßen fest auf den Boden stemmen, um das Schlackern seiner dünnen Beinchen zu verhindern.
Als die Katze den Hamsterjungen dann plötzlich ansprach, zuckte dieser erschrocken zusammen.
"Du brauchst doch keine Angst vor mir zu haben!" meinte die Katze mit einer sympathischen Stimme und lächelte Fups dabei freundlich an. "Mein Name ist Peterchen", fuhr sie, oder besser, er, fort. "Und wer bist du?" "Mein Name ist Fups", antwortete dieser.
Er kam sich nun ziemlich blöd vor, dass er vor diesem nettem Kater solche Angst gehabt hatte.
"Dich habe ich hier ja noch nie gesehen", meinte Peter. Fups wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Schließlich wollte er nicht zugeben, dass seine Mutter viel zu viel Angst um ihren kleinen Sohn hat, als dass sie ihn regelmäßig draußen spielen lassen würde.
"Ja, hm, ich bin neu hier..." murmelte er deshalb nur undeutlich in seine Barthaare- und das war doch gar nicht richtig gelogen.
"Das ist ja toll", freute sich Peterchen, "dann kann ich dich nun ein wenig herumführen, damit du deine neue Heimat kennen lernst!" Mit diesen Worten schlug er begeistert mit seiner Pfote auf Fups' Schulter, woraufhin dieser beinahe schon wieder auf dem Erdboden gelandet wäre. Obwohl Peterchen noch ein kleiner Kater war, hatte er natürlich weitaus mehr Kraft als der winzige Hamsterjunge.
"Ist gut!" quietschte Fups und versuchte sich den Schmerz nicht anmerken zu lassen.
Als die beiden sich auf den Weg machten, zögerte Fups nur kurz- schließlich musste er zum Abendessen zu Hause sein. Dann dachte er sich, dass der Rundgang schon nicht zu lange dauern würde.
Peterchen lief mit seinen langen Beinen so schnell, dass Fups ziemliche Mühe hatte, hinterher zu kommen. Mit dieser Geschwindigkeit waren sie dann bald an der großen Linde angekommen. Fups hatte nun erwartet, dass auch Peterchen diesen Baum als Grenze ansehen würde. Aber stattdessen ging dieser schnurstracks weiter.
"Aber, aber..." stammelte Fups.
Er wollte zwar nicht schon wieder als Feigling erscheinen, doch zugleich nicht die Verbote der Mutter überschreiten. Und außerdem hatte er wirklich schon Gruseliges über diese Menschen gehört. Sein Papa hatte ihm schon des öfteren mit seinen Erzählungen schlaflose Nächte verursacht.
"Was ist denn los?" fragte Peterchen verwundert. "Kannst du nicht mehr?" Doch, schon", meinte Fups vorsichtig. "Aber machst du dir denn gar keine Sorgen wegen der Menschen?" "Meinst du diese Gruselgeschichten?" lachte Peterchen, woraufhin Fups sich schämte und ganz rot wurde- doch das sah man ja zum Glück nicht durch sein braunes Fell hindurch. "Aber die erzählt man doch nur, um kleine Kinder zu erschrecken. Glaube mir, ich war schon mehrmals da drüben, aber mir wollte kein Mensch was Böses tun. Im Gegenteil, so mancher hat mir sogar schon leckeren Speck zugesteckt." Das beruhigte den kleinen Fups nur wenig. Doch er traute sich nicht zu sagen, dass Peterchen doch viel größer war als er und sich schon deshalb weniger Sorgen zu machen brauchte. Aber nach ihm musste so ein Mensch doch nur mit einer Zeitung schlagen und schon wäre er platt wie eine Flunder.
Doch diesen Gedanken schob Fups ganz schnell beiseite. Stattdessen nahm er all seinen Mut zusammen, räusperte sich und erwiderte mit fester Stimme:
"Ja sicher, diese Geschichten glaube ich doch nicht. Los geht's!" Es gelang ihm dann, sich dies selbst einzureden und seine Neugier wurde weitaus größer als seine Angst. Und so einen leckeren Speck wollte er sich selbstverständlich sowieso nicht entgehen lassen- obwohl ihm Mamas Maiskolben an Haselnusssoße eigentlich noch viel lieber waren.
Schon bevor sie beiden in dem Dorf angekommen waren, liefen ihnen einige Menschen über den Weg. Fups bekam anfangs ziemliches Herzklopfen und hoffet dringlichst, dass man ihm nichts antun würde. Doch schließlich stellte er fest, dass diese Menschen solch einen kleinen Hamster wie ihn, der am Wegesrand entlang huschte, gar nicht bemerkten. Und auch für Peterchen hatten nur die wenigsten einen Blick übrig. Als sie jedoch schließlich in den Ort gelangten und sie sich nicht länger unter Grünzeug verbergen konnten, änderte sich das.
"Guck mal, ein Katze!" rief da zum Beispiel ein kleiner Mensch und zeigte mit dem Finger auf Peterchen.
Fups drückte sich verschreckt an eine Hauswand. Er blickte zu seinem Freund und stellte fest, dass dieser ganz und gar nicht erschrocken war. Stattdessen strich er dem Mädchen maunzend um die Beine, was ihm einige Streicheleinheiten einbrachte.
Fups konnte gar nicht glauben, was er da sah. Hatten ihm seine Eltern wirklich nur erfundene Gruselgeschichten erzählt, um ihn von einem Besuch bei den Menschen abzuhalten? Wie gut, dass er Peterchen kennen gelernt hatte, sonst hätte er womöglich niemals bemerkt, wie nett diese seltsamen Menschen in Wirklichkeit waren! Tatsächlich steckte das Mädchen dem kleinen Kater dann irgendeine Leckerei zu. Erst als der große Mensch, der die Kleine begleitete, diese drängte, weiterzugehen, kam Peterchen zurück.
"Na, habe ich zu viel versprochen?" fragte er triumphierend. "Aber lass uns am Besten schnell weitergehen, ich habe dir noch so einiges zu zeigen." Das ließ sich Fups nicht zweimal sagen. "Und beim nächsten Menschen traue ich mich auch hervor!" sagte er sich. Denn wieso sollte nur Peterchen all die Köstlichkeiten einheimsen, die die Menschen so großzügig verteilten.
Plötzlich schoss etwas aus einem Hauseingang hervor, dass der kleine Hamster erst nur als schwarzen Schatten erkennen konnte. Er hörte Peterchen erschrocken miauen und im gleichen Moment schnell wie der Wind davonrennen- verfolgt von dem Schatten, der sich als großer, zähnefletschender Hund entpuppte. Normalerweise hätte sich Peterchen sicherlich, ehe der Kläffer sich versah, mit einen tollkühnen Sprung auf einen Baum gerettet. Aber hier im Dorf war man nur von glatten Hauswänden umgeben. Die Verfolgungsjagd ging in einer solchen Geschwindigkeit vonstatten, dass Fups sofort keine Ahnung mehr hatte, wo Peterchen nun steckte. Er war erstarrt vor Schreck. Wenn ihm nur nichts passierte! Sicherlich war er sehr schnell, aber der Hund sah so unglaublich böse aus, der würde so bald nicht aufgeben.
"Und was soll ich jetzt tun?" fragte sich Fups verzweifelt. Er musste an seine Mama denken, die sich zweifellos schon große Sorgen um ihren kleinen Hamsterjungen machen würde. Als er daran dachte, dass er ohne Peterchens Hilfe bestimmt nicht wieder nach Hause finden würde, liefen ihm dicke Hamstertränen aus über seine Hamsterbacken. Doch vom Herumstehen war keinem geholfen! So ging Fups auf gut Glück los, in der Hoffnung, dass er seinen Freund schon finden würde. Obwohl er aufmerksam durch den Ort schritt, darauf achtend, dass ihm auch keine verdächtige Spur entging, achtete der kleine Fups spürte er auf einmal, dass er keinen festen Boden mehr unter seinen Füßchen hatte und irgendwo herunterfiel, bis er unsanft auf seinem Hosenboden landete. Über ihm sah er eine schmale Luke, durch die nur wenig Tageslicht schien. Um ihn herum war alles stockdunkel. Schon wieder konnte der kleine Hamsterjunge seine Tränen nicht zurück halten. So etwas Dummes aber auch! Das er nicht besser hatte Acht geben können!
"Wo bin ich nur?" jammerte er. "Wie soll ich hier nur jemals wieder rauskommen?" Glücklicherweise hatten sich seine Hamsteraugen bald an die Dunkelheit gewöhnt. Er entdeckte, dass in riesigen Regalen, bis hinauf an die Zimmerdecke, eine unglaubliche Vielfalt an Leckereien gestapelt war. Käse, Wurst, Obst und Gemüse. Da merkte er, wie hungrig er schon war- kein Wunder, nach all der Aufregung. Jedoch musste der Junge feststellen, dass selbst die unterste Regalleiste viel zu hoch oben war. Mit seinen Beinchen konnte er nicht einmal annähern hoch genug springen. Und auch mit seinen Kletterkünsten kam er hier nicht weiter, da das Regal aus einem glatten Metall hergestellt war, von dem er immer wieder abrutschte. Erschöpft ließ er sich mit einem Seufzer auf dem feuchten Fußboden nieder. "Dass ich heute noch pünktlich heimkomme, kann ich mir wohl abschreiben", sagte er sich.
Mittlerweile konnte er sich schon solche Gedanken machen, ohne dass er gleich wieder losheulen musste. Es würde sich schon eine Lösung finden!
Da stieg ihm aus einem anderen Eck des Raumes ein leckerer Geruch in die Nase, dem er natürlich sogleich folgte. Daraufhin entdeckte er eine viereckige Holzplatte, die ungefähr so groß war, wie er selbst, auf der ein komisches Metallgestell fest gemacht war. Und in der Mitte lag ein Stück glänzender Speck!
"Wieso liegt der hier denn so auf dem Boden herum?" fragte sich Fups. Aber er versuchte gar nicht, eine Antwort zu finden, sondern wollte mit der Leckerei lieber schleunigst das Loch in seinem Magen füllen. Er war so hungrig- schließlich hatte heute das Mittagessen ausfallen müssen- dass er den Speck in einer rekordverdächtigen Geschwindigkeit verschlang. Mit einem Hops sprang er dann von dem kleinen Brett wieder herunter- doch dann bremste ihn irgendetwas mitten im Flug. Daraufhin spürte er einen stechenden Schmerz in seiner linken Hinterpfote. Dieses blöde Metallding hatte seinen Fuß eingeklemmt. Wie weh das tat!
"Aua, Aua, Aua!" schrie er. Doch es war ja niemand da, der seine Rufe hätte hören können. Hier, in diesem dunklen Kellerloch.
"Peterchen! Peterchen!" schrie er. Doch der kleine Kater war wahrscheinlich schon längst von diesem Hundeungeheuer gefressen. "Und ich werde hier verhungern, bei diesen blöden Menschen!" schrie er. Hätte er nur auf seine Mama gehört! Die war sicher krank vor Sorge.
Da der arme kleine Fups mit seinem Jammern und Weinen und Schimpfen sehr beschäftigt war, hörte er erst gar nicht dieses seltsame Geräusch. Plötzlich war er aber doch still und lauschte. Erst bekam er erneut einen riesigen Schrecken und dachte nun würde dieser böse Hund auch ihn holen. Doch dann lauschte er in Richtung der Luke, durch die er heruntergefallen war und hielt die Luft an. "Miau, miau", machte es. Wäre seine Hamsterpfote nicht in diesem blöden Ding festgeklemmt hätte er endlich wieder einmal einen seiner berühmten Freudensprünge gemacht.
"Peterchen! Bist du es?" rief er aufgeregt.
"Fups! Endlich habe ich dich gefunden!" hörte er seinen Freund antworten.
Und schon sah er ihn auch, wie er seinen Kopf durch die Luke steckte. Seine grünen Augen leuchteten in der Dunkelheit.
"Fups, um Himmels Willen!" rief das Katerchen entsetzt und schlug seine Pfoten über dem Kopf zusammen. "Hast du denn nicht gemerkt, dass das eine Mausefalle ist?" "Eine Mausefalle?" fragte der kleine Hamster. "Wer stellt denn so etwas Hundsgemeines auf?" "Na ja, das ist wohl eher mausegemein. Das machen die Menschen, weil die Angst haben, dass die Mäuse sich an ihren Vorräten vergreifen." "Als ob das etwas ausmachen würde. Hier ist doch genug für alle!" erboste sich Fups.
Doch jetzt merkte der kleine Hamsterjunge wieder, wie weh sein Fuß doch eigentlich tat.
Schon machte sich Peterchen an der Metallklammer zu schaffen und hatte seinen Freund auch bald befreit. Wenn der kleine Fups etwas größer gewesen wäre, dann hätte er seinen Retter jetzt so fest gedrückt, bis ihm die Luft weggeblieben wäre. Nun war es aber höchste Zeit, sich schleunigst auf den Heimweg zu machen. Wenn Fups Mama nur nicht allzu sauer war.
"Machen sich deine Eltern denn gar keine Sorgen?" fragte Fups seinen Katzenfreund.
"Ach, meinen Papa, ist nie da und meine Mama die ist ja immer so beschäftigt. Ich erst vor kurzem wieder einen Wurf Geschwisterchen bekommen. Da hat sie natürlich Besseres zu tun, als sich um mich Gedanken zu machen", seufzt das Katerchen.
Da tat Fups sein Freund ganz schön leid und er war zum ersten Mal darüber froh, dass seine Mama immer für ihn da war- auch wenn sie es mit der Fürsorge ein wenig übertrieb. Um Peterchen abzulenken- und natürlich auch deswegen, da es ihn brennend interessierte, fragte Fups: "Aber erzähl' doch endlich, wie bist du denn diesem Kläffer entkommen?" "Nun, erst kam das Biest immer näher und näher. Ich dachte schon, mein letztes Stündlein hat geschlagen. Aber dann jagte er mich direkt auf eine Mauer zu." "Und?" - "Ja, dieses Riesenvieh war viel zu groß und schwer. Aber ich konnte mit einem Satz darauf hüpfen. Der hat vielleicht geschaut..." "Ich wusste doch immer, dass es gar nicht so schlecht ist, klein zu sein!" jubelte Fups und macht seinen berüchtigten Freudensprung- allerdings nicht ganz so hoch, wie es eigentlich angemessen wäre, schließlich tat sein rechter Hamsterfuß schon ein bisschen weh. "Aber dieses Abenteuer war es doch wert", sagte sich Fups. Schließlich hat es ihm einen besten Freund eingebracht.
Als die beiden endlich bei Fups Höhle angekommen waren- trotz Fups' Verletzung ging der Heimweg ziemlich schnell, denn Peterchen ließ den kleinen Hamster einfach auf seinem Rücken reiten- empfing ihn schon seine Mutter ganz stürmisch.
"Fups!" schrie sie, so dass sich ihr Stimmchen fast überschlug. Und diesmal war sie es, die ihren Sohn so drückte, bis der nur noch röcheln konnte. Die Wiedersehensfreude ließ sie natürlich alle Wut vergessen. Und am Ende war sie von Peterchens Rettungsaktion so begeistert, dass sie erlaubte, Fups nun öfter - natürlich ausschließlich in Begleitung des Katerchens - spielen zu lassen.
Doch selbstverständlich machte das dem Hamsterjungen gar nichts aus. Schließlich sind zwei Kleine zusammen gemeinsam schon ganz schön groß!
Antonia Stahn: Max und Mäxchen. Kindergeschichten für große und kleine Leser. Dr. Ronald Henss Verlag, 2006. ISBN 3-9809336-7-9
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Eingereicht am 24. Juli 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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