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Die goldene Taube

© Martin Tonini


Es war einmal ein Bauer, der lebte mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern auf einem schönen Bauernhof. Er besaß große Ackerflächen und viel Vieh. Die Töchter wurden groß, heirateten und verließen den Hof, um bei ihren Männern zu leben. Schon bald merkte der Bauer und seine Frau, dass die Arbeit auf dem Hof allein nicht zu schaffen ist und sie suchten nach einem Knecht.
Eines Tages klopfte ein Knabe an die Tür, der einen Stecken über der Schulter trug, an dessen Ende ein Bündel war. Der Knabe, er hieß Franz, hatte seine Familie vor einigen Jahren verloren und ist seitdem auf der Suche nach Arbeit um sich sein Brot zu verdienen. Als Franz in die strengen Augen des Bauern blickte, brachte er vor Furcht kein Wort heraus. "Was willst Du", fragte der Bauer mit grimmiger Stimme. Franz räusperte sich und fragte: "Bauer, hast Du vielleicht Arbeit für mich?".
Einen kleinen Moment flackerten die Augen des Bauern und er sagte mit sanfterer Stimme zu Franz: "Du kommst mir gerade recht, sei willkommen".
Und so ist Franz zu seiner Arbeit gekommen und der Bauer zu seinem Knecht.
Franz bekam eine Unterkunft in einem kleinen Häuschen neben dem Bauernhof. Dorthin brachte ihm die Bäuerin auch das Essen. Und immer, wenn Franz allein an seinem Tisch saß und seine Suppe verzehrte, dachte er an den Bauern und die Bäuerin, wie sie in ihrer Küche saßen und sich unterhielten.
Der Bauer beobachtete Franz bei seinen Arbeiten. Er wurde fröhlich und sein Herz hüpfte vor Freude, wenn Franz während der Arbeit mit seiner schönen Stimme sang. Dies erinnerte ihn an seine Töchter, die auch so schön gesungen hatten. Auch seine freundliche Art und sein ehrliches Wesen mochte der Bauer sehr.
Franz arbeitete jeden Tag, das ganze Jahr. Im Frühling musste er sähen, im Sommer mähen, im Herbst den Acker pflegen und im Winter die Kühe hegen.
Eines Tages aber, Franz wusste selbst nicht, wie ihm geschah, wollte ihm nichts mehr gelingen. Das, was er im Frühling gesät hatte, wuchs im Sommer nicht. Was er im Herbst pflegte, wollte nicht gelingen. Und im Winter starb sogar eine Kuh.
Der Bauer ärgerte sich fürchterlich und verjagte Franz. "Geh, lass Dich hier nie mehr blicken!". Als der Knecht fort war, fragte die Bäuerin den
Bauern: "War das jetzt wirklich nötig?". Der Bauer aber schwieg, ihm tat das alles leid. Und im selben Moment wurde dem Bauern klar, dass Franz ihm fehlte.
Franz war sehr traurig. Als er am Wegrand auf einem Stein saß, und überlegte, wie es weitergehen sollte, kam plötzlich ein kleines Männchen und fragte. "Franz, warum bist Du so traurig?". Ganz erstaunt sah Franz zu dem Männchen und sagte: "Du kennst meinen Namen?". Das Männchen aber lächelte nur. "Ach," sagte Franz "ich hatte endlich Arbeit und ein Dach über dem Kopf, aber mir wollte einfach nichts mehr gelingen! Deswegen hat mich der Bauer fortgejagt!". Das Männchen schwieg eine Weile und sagte dann:" Weißt Du Franz, das ist die Macht der Einsamkeit. Der Bauer ist einsam, weil seine Töchter nicht mehr auf dem Hof sind und Du, weil Du dort ganz alleine warst."
"Aber ich habe hier etwas für Dich, weil Du Dich immer bemüht hattest."
sagte das Männchen und zog eine goldene Taube aus seiner Tasche. "Mach Deine Augen zu, berühre die Wunschtaube und wünsche Dir, was in Deinem Herzen steht!". Franz tat, was das Männchen gesagt hatte und wünschte sich nichts inniger, als wieder eine Familie zu haben und dass der Bauer wieder glücklich werde. Als Franz seine Augen wieder öffnete, war das Männchen fort. Aber eine leise Stimme sagte zu ihm: "Geh, Franz! Kehr um und geh wieder zum Bauernhof, der Bauer ist nicht schlecht, wirst sehen, geh!".
Franz war ganz verwundert, aber er kehrte um und ging wieder zurück zum Bauernhof. Als er dort ankam, wartete der Bauer schon mit offenen Armen, drückte ihn ganz fest und tanzte vor Freude im Kreis. Auch die Frau des Bauern, die Töchter mit ihren Männern kamen aus dem Hause gelaufen und alle waren glücklich. Seither wurde Franz nicht mehr wie ein Knecht, sondern wie ein Sohn des Bauern behandelt. Er hatte endlich wieder eine Familie. Der Bauer, ja der Bauer war nicht mehr grimmig und schlecht gelaunt ... Er hatte seine Töchter wieder gesehen und er war glücklich, dass Franz zurückgekommen ist. Sie lebten seitdem in Glück und Frieden auf dem Hof.
Aber das Männchen, das Männchen hat niemand von ihnen mehr gesehen ...
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Eingereicht am 07. August 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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