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Ferdinand, der Träumer

© Christoph Hohenstein


Die Schulglocke läutete. Die Türen öffneten sich und die Schüler der 4a strömten hinaus, direkt auf das Fußballfeld zu. Es war Sommer. Nur noch eine Woche bis zu den Ferien. Ferdinand war wieder mal der letzte, der aus der Schule kam. Gemütlich schlenderte er aus dem Gebäude und träumte vor sich hin. Ging zum Spielfeld und setzte sich auf eine Bank. Die anderen waren damit beschäftigt zwei Mannschaften zu wählen.
Jacob und Barny waren die Mannschaftskapitäne. Sorgfältig wählten sie ihre Mitspieler aus. Henry, Joseph, Egon, Sabine und Karin spielten in Jacobs Mannschaft mit. Jochen, Calvin, Steffen, Sven und Marianne bei Barny.
"Hey! Ferdi.", rief Jacob, "Wir brauchen noch einen Schiedsrichter." Ferdinand reagierte nicht. Er saß auf der Bank und träumte vor sich hin. Um ihn herum gab es nichts. Er sah nichts und er hörte nichts. Jacob rannte zu ihm und weckte ihn aus seinen Tagtraum.
"Hey, Ferdi. Hörst du mich? Wir brauchen noch einen Schiedsrichter. Würdest du ihn machen?" Schwerfällig stand er auf und lief hinter Jacob her. Nun konnte das Spiel beginnen. Sabine und Marianne standen jeweils im Tor. Der Rest verteilte sich auf dem Spielfeld. Ferdinand warf eine Münze in die Luft. Sie flog weit nach oben, kam wieder runter und landete im Gras.
"Wappen.", sagte er, "Barnys Mannschaft hat Anstoß." Jeder ging auf seinen Platz. Pfiff. Und los gings. Ferdinand stellte sich weit weg, damit er keinem im Wege stand. Einige Sekunden lang verfolgte er das Spiel aufmerksam, aber schon kurz danach träumte er wieder vor sich hin.
"Faul! Faul!", schrie Henry.
"Gar nicht wahr. Sonst hätte Ferdi gepfiffen.", entgegnete Steffen "Ferdi! Ferdi!", brüllte Henry, doch er hörte ihn nicht. Da kam Herr Stiller vorbei. Er hatte eine Freistunde und wusste mit seiner Zeit nichts anzufangen, deshalb spazierte er im Schulhof herum. Als die Kinder ihn sahen, riefen sie ihn gleich nach ihm. Herr Stiller blickte auf und folgte dem Rufen.
"Was gibt's denn?", fragte er.
"Wir brauchen einen neuen Schiedsrichter. Ferdinand passt nicht auf. Er steht nur da und träumt vor sich hin." "Na ja, dann gebt mir mal die Pfeife." "Prima!", riefen sie im Chor.
Sie spielten weiter. Ferdinand nahm seinen Rucksack und trottete davon. Er war ganz froh darüber, das sie einen Ersatz für ihn gefunden hatten, denn er mochte jetzt lieber einen gemütlichen Spaziergang machen. Als er am Schultor angelangt war, begann er seine Schritte zu zählen. Eins, zwei, drei, ..., einhundertachtundneunzig, einhundertneunun... Da war es passiert. Die Straße war zu Ende und er war gegen eine Mauer gelaufen. Seine Nase blutete sofort.
Ihm wurde schwindlig. Um ihn herum wurde es dunkel und er fiel um. Als er wieder aufwachte, sah er die Abendröte. Sie gefiel ihm so gut, das er, anstatt aufzustehen, lieber auf dem Boden liegen blieb.
Die Abendröte durchströmte ihn mit einer Ruhe. Ferdinand schloss seine Augen und schlief kurz danach wieder ein.
Es war schon nach zehn Uhr abends. Seine Eltern machten sich zu Hause Sorgen um ihn. Sie hatten in der Zwischenzeit schon bei jeden angerufen und nachgefragt, ob Ferdinand bei ihnen war, oder ihn gar gesehen hätten. Keine konnte ihnen Auskunft erteilen. Kurzentschlossen nahm der Vater die Autoschlüssel vom Haken und fuhr jeden nur möglichen Weg ab, den Ferdinand gegangen sein könnte. Als er die Hoffnung schon aufgeben wollte ihn doch noch zu finden, sah er ihn am Boden vor der Mauer liegen. Erschrocken schnallte er sich ab und rannte zu ihm.
"Ferdinand. Ferdinand.", rief er und schlug ihn sanft auf seine Wangen.
"Nur noch fünf Minuten.", murmelte Ferdinand und versuchte sich auf eine Seite zu drehen. Erleichtert hob er Ferdinand auf und trug ihn vorsichtig ins Auto. Als er wieder vorm Lenkrad saß und das Auto starten wollte, musste er plötzlich lachen.
‚Wir machen uns Sorgen und er liegt hier gemütlich auf der Straße und schläft seelenruhig.', dachte sich sein Vater. Es dauerte eine Weile bis er sich wieder unter Kontrolle hatte. Als er sich sicher war, das der Anfall vorbei war, startete er seinen Wagen und fuhr, mit Ferdinand auf der Rückbank liegend und schlafend, nach Hause. Behutsam trug er ihn dann in sein Bett, zog ihm die Schuhe aus und deckte ihn zu. Die Mutter kam ins Zimmer und fragte den Vater, wo er die ganze Zeit über gesteckt hatte und warum seine Nase geblutet hatte. Der Vater nahm sie an die Hand und schlich mit ihr aus Ferdinands Zimmer.
"Ich weiß nicht woher er seine blutende Nase her hat. Aber ich denke, das er wieder mal geträumt hatte und dann gegen die Mauer gelaufen war. Dadurch bekam er Nasenbluten - und du weißt ja, das Ferdinand immer in Ohnmacht fällt, wenn er Blut sieht. Als ich ihn gesehen hatte, lag er auf der Straße.
Zuerst war ich in Panik, aber als ich ihn tätschelte und er zu mir sagte ‚nur noch fünf Minuten', da wusste ich das er nur schlief und es ihm gut geht. - Es ist schon spät. Lass uns auch zu Bett gehen." "Du hast recht. Und du bist sicher, das es Ferdinand gut geht?" "Aber ja doch." Ferdinand schlief seelenruhig weiter. Er hatte nicht bemerkt, wie sein Vater ihn nach Hause gebracht und ihn in sein Bett gelegt hatte. Ein Lächeln war auf seinem Gesicht zu sehen. Im Traum lief er durch einen Wald. Die Vögel zwitscherten und manchmal kam er einer auf ihn zugeflogen und ruhte sich auf seiner Schulter aus. Auf einen hohen Baum hatte er ein Baumhaus. Er stieg hinauf und blickte, durch ein großes Loch in der Wand, nach draußen. Er sah, wie ein Reh an sein Junges säugt, ein Fuchs versuchte einen Feldhasen zu fangen, wie sich ein Paar Echsen in der Sonne wärmten. Plötzlich hörte er ein Ohrenbetäubenden Knall. Ein Jäger hatte gerade ein Wildschwein erlegt und sein Hund lief zu der Beute. Ferdinand tat das arme Tier leid. Als der Jäger das erlegte Tier erreichte, drang ein seltsames Geräusch an Ferdinands Ohren. Er kannte es, wusste es aber nicht zu deuten. Jemand schüttelte ihn von hinten, aber er konnte niemanden sehen.
"Ferdinand, zeit zum aufstehen."
Er öffnete langsam seine Augen und schaute in das Gesicht seines Vaters. Nun wurde ihm langsam bewusst, das er geträumt hatte. Die Geräusche waren ein umgefallener Stuhl und sein Wecker. Geschüttelt hatte ihn sein Vater.
"Na du Langschläfer. Bist du endlich wach? Du musst in die Schule. Frühstück steht schon auf dem Tisch." Total verschlafen stand Ferdinand auf, zog sich an und schlurfte in die Küche. Er ließ seinen Kopf auf den Küchentisch fallen und schlief weiter.
"Wie kann man nur so viel schlafen.", fragte sein Vater und rüttelte ihn wach.
Sein Vater schenkte sich Kaffee ein und nach kurzem überlegen, gab er auch seinem Sohn Kaffee.
"Der wird dich wachmachen, mein Sohn.", sagte er.
Ferdinand nahm einen Schluck und schüttelte sich.
"Ist das bitter."
"Siehst aber schon wacher aus."
Ferdinand setzte die Tasse an und trank den Rest in einem Zug. Er fühlte sich tatsächlich wacher. Schnell verschlang er sein Frühstück und packte seinen Rucksack. Danach verschwand er kurz im Bad und schon war er auf dem Weg zur Schule.
Seine Lehrer und Mitschüler waren erstaunt. So munter hatten sie ihn noch nie erlebt. Es war das erste Mal, das Ferdinand nicht im Unterricht träumte.
Dafür war er zappelig, was die anderen ein wenig nervös machte. Die ganze Zeit über fuchtelte er mit seinen Fingern rum und rutschte auf seinem Stuhl hin und her. Der Lehrer blickte automatisch immer zu Ferdinand und wurde selbst ganz unruhig. Ihm war es dann doch lieber, wenn Ferdinand vor sich her träumte. Als er es nicht mehr aushielt, beendete er den Unterricht vorzeitig. Als Grund gab er an, das bald Ferien sind und er ihnen damit eine Freude machen möchte.
In der letzten Stunde, diesen Tages, erfuhr Ferdinand, das schon seit über einen Monat ein Schreibwettbewerb lief und der letzte Abgabetermin in zwei Tagen war. Er musste wohl mal wieder geträumt haben, als das angekündigt wurde. Aber jetzt, wo er das erfuhr, wollte er unbedingt mitmachen. Er träumte den ganzen Tag und die ganze Nacht. Es würde sich ja einer finden lassen, der zum Aufschreiben geeignet ist.
Als er zu Hause war, setzte er sich sofort an seinen Schreibtisch und erledigte zuerst seine Hausaufgaben. Danach nahm er sich ein Blatt Papier und einen Füller zur Hand und dachte nach. Schon nach wenigen Minuten sank sein Kopf auf die Schreibtischplatte. Als er wieder aufwachte, schrieb er nieder, was er soeben geträumt hatte und gab es am nächsten Tag bei seinem Lehrer ab. Er glaubte nicht das er unter den drei ersten Plätzen sein wird, aber unter den ersten zehn. Ihm reichte es schon, wenn er in der guten mittleren Hälfte vorkommt.
Am darauffolgenden Tag hatte er schon völlig vergessen, das er am Schreibwettbewerb teilgenommen hatte. Das es diesen Wettbewerb überhaupt gab. Er saß auf seinem Stuhl, in der hintersten Ecke am Fenster und träumte vor sich hin. Die Lehrer fragten sich, wie es kommt, das Ferdinand den ganzen Tag am Träumen ist. Es gab viele Spekulationen, aber keine, die auch nur annähernd logisch war. Sie hatten schon einmal seine Eltern zum Gespräch eingeladen, aber sie konnten ihnen auch nicht weiterhelfen. Ferdinand war ihnen allen ein Rätsel.
In der darauffolgenden Woche gaben die Deutschlehrer die Gewinner des Schreibwettbewerbs bekannt. Alle Schüler hofften, das das schnell von statten gehen würde, da gleich danach die Ferienzeit für sie begann.
Ferdinand war es egal. Er saß in der ersten Reihe, neben seinem Deutschlehrer und schlief. Ein leichtes Schnarchen war von ihm zu hören. Der Lehrer schaute ihn an, schüttelte mit dem Kopf und ließ ihn in Ruhe.
Es hatten sich zwanzig Schüler der Grund- und Mittelschule Henriette Graf gefunden, die ihre Werke abgegeben hatten. Jedes einzelne wurde vorgelesen.
Die einen gaben ein kleines Gedicht ab, andere eine Kurzgeschichte, oder eine Anekdote. Die Plätze vier bis zwanzig bekamen jeweils eine Nelke und eine Postkarte.
Die Schüler wurden immer ungeduldiger. Ihre Ferien waren nur ein paar Schritte entfernt und die Auswertung zog sich in die Länge. Wie lange noch, fragten sich die Schüler.
"Nun kommen wir zu den Plätzen drei, zwei und eins. Den dritten Platz hat Severine Koblenz aus der fünf b ergattert, mit ihrem Gedicht "Hallo Sonnenschein". Möchtest du dein Werk selber vortragen?" "Getrau mich nicht.", erwiderte sie schüchtern.
"Endlich. Danach kommen nur noch zwei Plätze. Dann heißt es ade Schule und willkommen Ferien.", flüsterten zwei Jungen in der hintersten Reihe.
Ferdinand schlief immer noch. Der Lehrer rüttelte leicht an ihn, aber Ferdinand ließ sich davon nicht stören. Um den Ablauf nicht zu unterbrechen, denn die Unruhe wurde immer lauter, las die Lehrerin Ferdinands Geschichte laut vor, Während der Lehrer immer noch damit beschäftigt war, Ferdinand wach zu kriegen. Nach dem die Lehrerin den Schülern schöne Ferien gewünscht hatte und die Schüler laut losjubelten, wachte Ferdinand langsam auf. Die Lehrerin beglückwünschte ihn kurz für seinen Sieg, gab ihm seinen Preis und ging. Ferdinand wusste nicht für was los war. Er schaute auf seine Urkunde und allmählich wurde ihm alles klar. Er hatte den ersten Preis im Schreibwettbewerb gewonnen. Zufrieden mit sich selbst, steckte er sein Preisgeld in Höhe von 50€ ein und lief lächelnd nach Hause. Nun wusste er, was er später einmal werden wollte. Schriftsteller. Dann konnte er arbeiten wann er wollte und schlafen wann er wollte.
Antonia Stahn: Max und Mäxchen. Kindergeschichten für große und kleine Leser. Dr. Ronald Henss Verlag, 2006. ISBN 3-9809336-7-9
Antonia Stahn
Max und Mäxchen
Kindergeschichten für große und kleine Leser

Dr. Ronald Henss Verlag, 2006
Großformat 23cm x 21cm
ISNB 3-9809336-7-9
10,80 Euro



Eingereicht am 26. September 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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