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Theo und die Tintenkobolde

© Delia Kössler


Theo sitzt vor seinen Hausaufgaben. Verzweifelt versucht er die Wörter genauso nachzuschreiben wie seine Lehrerin sie vorgeschrieben hat. Doch die Buchstaben wollen nicht so wie er. Ständig tanzen sie aus der Reihe. Die Zeile sieht aus, als wäre eine Krähe übers Heft gelaufen. "Ich kann's einfach nicht!", ruft er aufgebracht und knallt wütend den Füllhalter auf den Tisch. Nun hat er auch noch drei dicke Tintenkleckse im Heft. Es ist zum Verzweifeln. Theo fängt an zu weinen. Doch was ist das? Plötzlich beginnen die Tintenkleckse sich von seinem Heft abzuheben. Sie blähen sich zu dickbäuchigen blauen Tropfen auf, aus denen Arme und Beine wie Knospen hervorsprießen. Dann fassen sich die Tintenmännchen bei den Händen und beginnen über das Papier zu tanzen. Im ersten Moment denkt Theo, die Tintenkleckse verschwimmen durch seine tränenverschleierten Augen, so dass es aussieht als würden sie sich bewegen. Er wischt sich die Tränen weg und starrt wie gebannt auf sein Heft. Nein – es ist keine Einbildung. Die Tintenkleckse tanzen wirklich quer über sein Heft und hinterlassen überall ihre Fußspuren. Staunend und mit zunehmender Belustigung beobachtet er das Treiben in seinem Heft. Als die Tintenkleckse merken, dass sie beobachtet werden, sagt einer von ihnen: "Hey, was glotzt du so? Hast du noch nie tanzende Tintenkobolde gesehen?" Natürlich hat Theo noch keine Tintenkobolde gesehen, geschweige denn tanzende, aber das konnte er diesem frechen Wicht doch nicht auf die Nase binden: "Na klar, hab ich schon von euch gehört", behauptet er kühl, "aber warum tanzt ihr ausgerechnet in meinem Heft herum. Meine Schrift ist doch schon kraklig genug." Sie halten kurz inne und der dickste von ihnen sagt: "Du selbst hast uns entstehen lassen und wir sind dir sehr dankbar dafür." "Jawohl das sind wir", pflichten die anderen ihm bei und schon tanzen sie ausgelassen weiter. "Aber was wird meine Lehrerin sagen, wenn sie neben der Krakelschrift auch noch überall Tintenflecke sieht?", sagt Theo traurig. Mühsam kämpft er gegen die wieder aufkommenden Tränen an. Die Tintenkobolde kümmert das nicht. Sie tanzen munter weiter. Da hat Theo eine Idee. "Passt nur auf, gleich geht's euch an den Kragen", verkündet er selbstsicher. "Ich hole jetzt einen Tintenkiller und dann ist es aus mit euch." Bei dem Wort "Tintenkiller" zucken die Kobolde zusammen und bleiben wie angewurzelt stehen. Dann flehen sie Theo an: "Ach bitte, lösch uns nicht weg! Wir sorgen auch dafür, dass deine Buchstaben nicht mehr aus der Reihe tanzen." "Wirklich? Wie wollt ihr das denn machen?", fragt Theo misstrauisch. "Wir sind schließlich Tintenkobolde und Tinte ist unser Leibgericht. Wir schlecken einfach die Tinte deiner misslungen Buchstaben wieder weg. Dann bleiben nur die besten stehen." "Aber, das nützt ja auch nichts", unterbricht Theo die Kobolde, "ich krieg ja nicht mal einen einzigen schönen Buchstaben hin. Könnt ihr nicht die Reihe für mich schreiben?" "Nein, das musst du schon alleine machen, aber wir können dir trotzdem helfen. Du wirst schon sehen, deine Buchstaben werden stehen wie die Einsen." "Also gut, aber was passiert dann mit euch? Wo wollt ihr dann bleiben? Tintenkleckse im Heft gilt nämlich nicht gerade als schick." "Mach dir darum keine Sorgen. Wir ziehen um auf eine andere Seite und wenn jemand diese aufschlägt, verstecken wir uns eben auf der nächsten. Wenn dein Heft irgendwann voll ist, interessiert sich sowieso keiner mehr dafür, ob da irgendwo ein Tintenklecks war." "Also gut, abgemacht. Ihr dürft in meinem Heft bleiben, wenn euch niemand sieht." Die Tintenkobolde jubeln vor Freude und beginnen sofort, die Reihe mit den Krakelbuchstaben aufzuschlecken. Die Zeile sieht nun wieder aus, als hätte dort nie etwas gestanden. Also dann, denkt Theo, versuchen kann man es ja noch mal. Kaum hat er den Füllhalter auf das Papier aufgesetzt, klammern sich die Tintenkobolde an der Schreibfeder fest. Wie von Zauberhand geführt, schreibt Theo eine neue Reihe. Freudig
überrascht, betrachtet er seine Buchstaben und kann kaum glauben, dass wirklich er sie geschrieben haben soll. Kein einziger tanzt aus der Reihe.
Von da an helfen die Tintenkobolde Theo beim Schreibenlernen, solange, bis er ihre Hilfe irgendwann nicht mehr braucht. Trotzdem ist Theo der einzige, der sie je zu Gesicht bekommen hat. Es hat sich nie jemand über Tintenkleckse in seinem Heft beschwert.
Antonia Stahn: Max und Mäxchen. Kindergeschichten für große und kleine Leser. Dr. Ronald Henss Verlag, 2006. ISBN 3-9809336-7-9
Antonia Stahn
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Eingereicht am 06. Oktober 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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