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Onkel Paul

© Miriam Müller


Gestern hat Onkel Paul auf uns aufgepasst. Mama und Papa wollten etwas erledigen. "In Ruhe" haben Sie gesagt und dass Onkel Paul so lange auf Bine und mich aufpasst. Mama hat gesagt, es tue ihr leid, dass wir uns nicht so gut mit Onkel Paul verstehen, aber einen anderen Babysitter habe sie nun einmal nicht. Aber wir verstehen uns gar nicht schlecht mit Onkel Paul. Wenn er da ist, ist es immer sehr lustig, für Bine und mich. Bine ist meine kleine Schwester, sie ist zwei. Als Onkel Paul ankam, hüpfte Bine gerade nackig durch den Flur. Immer aus der Hocke hoch in die Luft und dabei hat sie jedes mal gerufen: "Twaat!". Das soll "Quaak" heißen, aber Bine kann das K noch nicht. Onkel Paul guckte ihr lächelnd zu. "Twaat! Twaat! Twaat!" "Bist du ein Frosch?", fragte er. Bine hörte auf zu hüpfen und guckte Onkel Paul mit schief gelegtem Kopf an. "Nein", sagte sie und wand sich dabei, als ob sie sich für Onkel Pauls Dummheit ein bisschen schämte, "ich tu doch nur so", und hüpfte weiter - "Twaat! Twaat!" Und ich hab' gleich gesehen, das passte Onkel Paul schon nicht so recht. Er hat direkt dieses Gesicht gemacht, dass er eigentlich immer erst später macht.
Aber beim Abendbrot hat Onkel Paul dann richtig lustige Sachen mit uns gemacht. Mir tat so der Bauch weh vor Lachen. Ich hab' mir vorgenommen, mir die lustigen Dinge alle zu merken, und bei Mama und Papa oder im Kindergarten zu machen. Und als Bine dann noch ihren Kakao umgeschmissen hat, bin ich mit meinem Salami-Brot vom Stuhl gefallen. Onkel Paul rannte in die Küche und ich zog die Salami vom Boden ab. Ich tat sie wieder auf mein Brot, und als ich abbiss, da sah ich ihn, den Schlüssel. Als Paul gekommen war, hatten Papa und Mama so schnell das Weite gesucht, dass sie doch tatsächlich vergessen hatten, den Schlüssel von dem ganz wichtigen Schrankfach im Wohnzimmer abzuziehen. Da steckte er und wartete. Aber ich bin ja groß und vernünftig und weiß, dass ich da auch nicht dran darf, wenn der Schlüssel mal zufällig steckt. Aber Bine, die wusste es noch nicht. "Hey, Bine, guck mal. Da steckt der Schlüssel in dem Schrank, an den immer nur Papa und Mama gehen." Bine ist die beste Schwester der Welt. Sie wusste sofort, was zu tun war, und machte sich am Schlüssel zu schaffen. Leider wusste sie nicht, wie man einen Schrank aufschließt. Aber da kam ja Onkel Paul mit dem Lappen. "Du musst drehen", sagte er im Vorbeigehen. Also drehte Bine, aber nicht den Schlüssel sondern die Bine. Einmal um sich selbst. Danach zog sie weiter am Schlüssel. Onkel Paul war wieder auf dem Rückweg in die Küche. "Drehen, Bine", sagte er und verschwand. Bine drehte sich wieder nur um sich selbst. Der Schrank ging aber immer noch nicht auf. Bine fing an zu weinen. Onkel Paul kam angelaufen, und fragte, was los sei. Bine rüttelte am Schlüssel und drückte unter Schluchzen ein paar Wörter raus, die mal wieder keiner verstand. Paul drehte den Schlüssel für sie um. Da brüllte sie richtig los. "Du soll das nich mache!" "Was soll ich nicht machen?" "Den Sank auf." "Willst du ihn nicht auf haben?" "Doch!" "Und warum soll ich ihn dann nicht auf machen?" "Ich will selbe mache." "Aber du schaffst es nicht." "Ich will selbe mache." "Bitte sehr", rief Onkel Paul ziemlich verärgert, "dann mach es selbst." Damit schloss er den Schrank wieder zu und räumte den Tisch ab. Nachdem Bine ja jetzt gesehen hatte, wie man den Schrank aufschloss, hatte sie ihn in Null-komma-nix auf und fing zufrieden an, ihn auszuräumen.
Ich kippte meine Legosteine aus. Die beiden großen Eimer, denn ich wollte mal gucken, ob ich einen Turm bauen konnte, der größer war als ich. Ich war gerade erst bei meinem Knöchel als Onkel Paul ins Zimmer kam. "Lukas, zieh deinen Schlafanzug an." Mit ‚Lukas' meinte er mich, denn so heiße ich. Aber meinen Schlafanzug wollte ich nicht anziehen. Ich hatte doch gerade erst meinen super Turm angefangen. Daher sagte ich: "Nein." "Doch", sagte Onkel Paul daraufhin. Und ich wieder:"Nein." Was er wieder mit einem "Doch" beantwortete. Onkel Paul ist klasse, es ist immer so lustig mit ihm. Ich sagte also weiter "Nein", und er weiter "Doch." Ungefähr zehnmal, doch dann änderte er seine Taktik "Ich zähle jetzt bis drei." Das hatte er sich von Mama und Papa abgeguckt. Bei denen renn' ich auch immer gleich los, und mach was sie wollen. Man sollte besser nicht warten, bis sie bei drei angekommen waren. Aber bei Onkel Paul wollte ich erst mal sehen, was er so auf Lager hatte, wenn er bei drei angekommen wäre. Also blieb ich einfach stehen, bis er bei drei war und war sehr gespannt, was er sich einfallen lassen würde. Aber in dem Punkt war Onkel Paul eine große Enttäuschung. Er hatte sich gar nichts ausgedacht. Er guckte mich nur ratlos an und ging aus dem Zimmer. Also ein bisschen mehr Mühe hätte er sich schon machen können. Und jetzt? Soll ich jetzt etwa ohne Schlafanzug schlafen? Und dafür sorgen, dass ich ins Bett ginge, muss er doch auch noch. Wie wollte er das denn schaffen? Das konnte ja was werden. Da musste ich wohl noch lange auf bleiben, bis dem was eingefallen war. Und ich war doch so müde. Jetzt war Paul wohl erst mal auf dem Klo.
Bine war mitten im Kram- und Papierhaufen eingeschlafen. Ich musste sie ganz schön lange rütteln, eh' sie wieder wach war. Als sie sich von dem Schreck erholt hatte - man, können kleine Kinder brüllen - wollte sie in der Küche noch ein Glas Saft. Nachdem sie Onkel Paul klar gemacht hatte, dass sie allen Ernstes den Saft selbst in das Glas gießen wollte, verließ Onkel Paul die Küche. Er wollte zumindest die Küche verlassen. Aber wer Bine kennt, der weiß, dass sie niemals alleine in der Küche bleibt. Und sofort schrie sie: "Du soll mich nicht allein lasse." Da guckte Onkel Paul schnell noch einmal um die Ecke und schnitt eine Grimasse. Bine lachte. Paul verschwand, sagte zu mir, ich solle ins Bett gehen, rannte schnell wieder zur Küchentüre und schnitt eine Grimasse. So ging es eine Zeit. Immer wenn Bine schrie, ging Onkel Paul hin und machte einen Spökes an der Tür. Er hatte sogar selber Spaß daran, und kramte in unserem Regal nach witzigen Sachen. Das dauerte ein bisschen, und Bine hatte sich schon ziemlich in Rage geschrieen, als Onkel Paul meine Halloween-Ekel-Maske in giftgrün fand, sie aufsetzte und mit Riesenschritten zur Küche stürmte. Dabei riss er in der Diele die Vase um, was einen solchen Lärm machte, dass sogar Bine kurz zu schreien aufhörte, aber nur so lang, bis Onkel Paul mit der Maske um die Ecke guckte. Dann fing sie wieder an zu schreien, und hörte nicht auf, bis unsere Eltern eine halbe Stunde später nach Hause kamen. Wenn Onkel Paul in ihre Nähe kam, kreischte sie in den höchsten Tönen und schlug nach ihm. Auch ich hatte meinen Spaß. Ich zog meinen Schlafanzug an, legte mich in mein Bett und schrie von Zeit zu Zeit: "Ich kann nicht schlafen! Es ist zu laut!" Als Paul unsere Eltern sah, nahm er nur wortlos seine Jacke und ging.
Damit war der Spass dann auch für diesen Abend vorbei. Aber heute Morgen führte ich beim Frühstück gleich vor, was ich beim Abendbrot mit Onkel Paul gelernt habe. Ich kaute mein Brot mit Wurst gut durch, schob es zwischen Vorderzähne und Lippe, wo ich es gleichmäßig verteilte. Dann sagte ich: "Mama, guck mal, ich glaub' ich hab' da was am Zahn." Und als sie näher ran kam, öffnete ich den Mund und lachte sie an. Aber für ein kleines Späßchen sind meine Eltern ja mal gar nicht zu haben. Onkel Paul ist viel cooler. Mama ist allerdings nicht mehr so gut auf ihn zu sprechen. Sie hat sogar ein Wort benutzt, dass ich nicht kenne: Ungeeignet. Bestimmt ist es ein böses Wort. Das muss ich gleich morgen Bine beibringen.
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Eingereicht am 21. Oktober 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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