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In einem kleinen Apfel

© Petra Wilhelmi


Kennt ihr Robert? Diesen kleinen Jungen mit den lockigen dunklen Haaren, die vorn immer in die Höhe strubbeln? Den, mit den dreiviertellangen Jeans, dem Shirt von den "Wilden Kerlen". Nein? Robert wohnt hier am Rande der Stadt, in einem Siedlungshaus. Es ist das Haus mit dem kleinen Garten und der verschwenderischen Fülle von Sommerblumen. Der Duft von Gras schwebt in der Luft, Bienen summen, Käfer krabbeln, Äpfel- und Birnenbäume erfreuen das Auge und zwischen den Blumen drängelt sich Unkraut. Ab und zu durchbricht ein schreckliches Kreischen die Beschaulichkeit. Das ist die Linie 15, die dort vorn um die Kurve quietscht. Jetzt wisst ihr, von wem ich spreche.
Robert sitzt am liebsten unter dem alten Apfelbaum im hohen Gras, beobachtet die Krabbelkäfer oder die flinken Ameisen. Oft vergisst er die ganze Welt um sich herum, wenn er seinen Lieblings-Pokémon zum Sieg führt, für ihn eine wichtige Sache. Jetzt brubbelt und rumort es in ihm, sein Magen knurrt laut und vernehmlich. Mama hat auch schon gerufen. Es ist zwölf Uhr, das Essen steht auf den Tisch, Kartoffelpuffer mit Apfelmus, seine Leib- und Magenspeise. Dann geht's ab in die Falle zum Mittagsschlaf. Mama besteht darauf, obwohl er dazu eigentlich schon viel zu groß ist, wie er meint. Er kuschelt sich in sein Bett.
Draußen brennt die Sonne vom Himmel, die blauen Vorhänge schirmen die vorwitzigen Sonnenstrahlen ab, so dass Roberts Zimmer im Halbdunklen liegt. Die Vorhänge schwingen leicht im Wind, der durch das angekippte Fenster säuselt. Sie malen Muster an die Wände. Robert wird schläfrig, er blinzelt, reibt sich die Augen. Sind sie ihm schon zugefallen?
Robert zwingt sich sie aufzuhalten. Verwundert schaut er sich um. Lag er nicht gerade im Bett? Wo ist er jetzt? Angst steigt in ihm auf. Er fühlt sich winzig klein. Um ihn herum ist alles grün; riesengroße Halme versperren ihm die Sicht, sie umschlingen ihn. Sein Herz bubbert. Er fühlt sich verloren und einsam, er weiß nicht wohin, alles ist verändert, er steht mitten in einem Graswald. Er lauscht nach rechts und links, seine Ohren hören das leiseste Sirren. Trappeln dort nicht viele Beinchen über den Boden, ganz in seiner Nähe? Erschrocken will sich Robert hinter der blauen Glockenblume verstecken, da steht vor ihm etwas Schreckliches: ein riesiges halbkugeliges Etwas, sechs Beine, rot, schwarze Punkte. Schreiend rennt Robert weg, rennt und rennt, als ob es um sein Leben ginge, immer weiter nur vorwärts, egal wohin. Wumms, er prallt an ein anderes Etwas, so groß wie ein Haus, rund, rotbäckig, wie ein Apfel. Aua, Robert reibt seinen Arm. Das wird bestimmt ein blauer Fleck. "Was soll dieser ohrenbetäubende Lärm?" Robert reißt seine Augen erstaunt auf. Aus einem Loch im Apfelhaus schießt eine Raupe heraus, die ihn wütend anblickt. "Du Käfer du, was fällt dir ein, mich zu stören?" Robert bekommt vor Erstarrung kaum ein Wort heraus. Stotternd sagt er: "I-i-ch b-b-in der Robert, kein Käfer" "Der Robert bist du. Na und?" Die Raupe stemmt ihre Arme in die Hüfte, "Was belästigst du mich?" "Ein schreckliches rotes Riesentier kam auf mich zu, ich bin einfach weggerannt und stieß an dein Haus, es stand mir im Weg. Siehst du den blauen Fleck hier, den habe ich dabei bekommen?" "Der interessiert mich nicht die Bohne. Ich will nichts hören, geh' dorthin, wo du herkommst." "Will ich auch, ich weiß nur nicht wie ich zurückfinden soll." "Auch das noch. Geh' gerade aus und schwirre ab. Lass mich in Ruhe. Ich will meinen Mittagsschlaf halten."
Da quietscht und kreischt es ohrenbetäubend. Robert schreckt hoch, steht kerzengerade im Bett und blickt verwundert ringsherum. Er steht in seinem Bett, in seinem Zimmer. War er nicht eben im Graswald? Hat er nicht gerade eine kratzbürstige Apfelraupe getroffen? Seltsam. Verwundert schüttelt er den Kopf, einen blauen Fleck hat er auch nicht.
Robert, Rooobert!" Seine Mama ruft: "Robert, komm doch mal her." Er springt mit einem gewaltigen Satz aus dem Bett. "Mama, Mama." Er saust in die Küche. Seine Mutter steht da, poliert gerade duftende Äpfel blank. Einen der Äpfel hält sie ihm hin. "Hier Robert, der ist für dich." Freudestrahlend nimmt er den rotbäckigen, glänzenden Apfel in seine Hände. Plötzlich hält er ängstlich inne. Was wenn …, er stockt, wenn das nun das Apfelhaus ist? Vielleicht ist diese griesgrämige Raupe dort drinnen und beschimpft ihn wieder? Langsam und vorsichtig schaut er sich den Apfel an, dreht ihn nach rechts und links, ganz heimlich, dass es seine Mama nicht sehen kann. Er schnauft, wow, kein Loch zu sehen. Robert jauchzt freudig auf, ist glücklich, beißt unbesorgt und herzhaft in den Apfel und flitzt in den Garten. Wenn ihr dort vorbei geht, könnt ihr ihn bestimmt wieder unter dem Apfelbaum im Gras sitzen sehen. Dann sagt einfach mal: "Hallo, Robert!"
Antonia Stahn: Max und Mäxchen. Kindergeschichten für große und kleine Leser. Dr. Ronald Henss Verlag, 2006. ISBN 3-9809336-7-9
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Eingereicht am 03. November 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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