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Die Reise des kleinen Drachen

© Marina Steiner


Sanft wiegte er sich im Wind, das rote Gesicht mit den träumerischen Augen und dem spielerisch geschwungenen Mund lächelte von oben auf die Erde herab. Sein Schwanz aus bunten Schleifen flatterte. Er stieg immer höher und höher. Schon bald ließ der Drache die hohen Bäume mit ihren gelb und rot gefärbten Blättern unter sich. Sie sahen aus, als hätte sie jemand in einen Eimer Farbe getaucht. Langsam richtete er den Blick nach oben, in die unendlichen Weiten des Himmels. Doch diesmal versperrte ihm eine dichte Wolkendecke die Sicht auf das Blau. Noch einmal sah er nach unten zu seinem Besitzer, einem Kind, das mit abgerissener Leine auf der weiten Wiese stand und ihm entsetzt nachsah. Da fühlte sich der Drache gemein. Doch schon rüttelte der Wind an ihm und holte ihn aus seinen Gedanken in die Wirklichkeit zurück.
"Komm mit, kleiner Drache! Komm, ich zeige dir die Welt!" rief der Wind übermütig und zog den Drachen immer noch höher hinauf, ganz nahe zu den Wolken, die ihm freundlich zulächelten.
"Dein erster Ausflug, kleiner Drache? Willkommen in der Freiheit!" grüßten ihn die Wolken und setzten ihren Weg fort. Der Drache sah ihnen aufgeregt nach. So weit oben war er noch nie gewesen. Hier konnte er mit den Wolken und dem Wind reden. Vorsichtig wagte er einen Blick nach unten. Von hier oben sah die Wiese so klein aus, als könnte sich nicht einmal eine Ameise umdrehen. Und die Häuser mit ihren roten Dächern waren kaum größer als die kleinste Schleife seines Schwanzes. Der kleine Drache blickte weit ins Land hinein. Ein paar Linien weiter, die er als Straßen wiedererkennen konnte, ragte der hohe Kirchturm in den Himmel. Letztes Jahr war er ihm ganz nah gekommen, und doch reichte seine Leine nicht bis zur Spitze des höchsten Hauses im Dorf. Und heute war sein sehnlichster Wunsch endlich wahr geworden. Sein Traum davon, einmal höher zu schweben als die höchste Spitze des Kirchturms es war.
"Ist das Dorf nicht wunderschön von hier oben?" fragte er glücklich seinen neuen Freund, den Wind.
"Ja, das ist es, kleiner Drache. Wie recht du doch hast. Aber ich will dir noch was viel schöneres zeigen. Komm mit!" Und so zog er den Drachen mit sich fort. Eine Weile glitten sie stumm miteinander durch die Luft, als plötzlich ein schwarzes Etwas an ihnen vorbei raste.
"Was war das?" rief der kleine Drache erschrocken. Der Wind lächelte. "Das war ein Rabe, mein Freund. Ein Rabe ist ein Vogel. Hast du noch nie einen zu Gesicht bekommen?"
Noch immer ganz benommen schüttelte der kleine Drache seinen Kopf.
Der Wind lachte. "Schau mal nach unten!"
Der Drache folgte der Anweisung und erschrak ein zweites Mal. Sie hatten das Dorf hinter sich gelassen und flogen nun über hügelige Wiesen und dunkle Wälder, deren Bäume dem kleinen Drachen vollkommen unbekannt waren.
"Was sind denn das für komische Bäume? Solche habe ich ja noch nie gesehen." - "Das sind Nadelbäume, kleiner Drache. Zum Beispiel Tannen und Fichten. Sie sind das ganze Jahr über grün, denn sie haben keine Blätter, die sie im Herbst verlieren, sondern spitze, grüne Nadeln. Komm ihnen bloß nicht zu nahe! Die tun dir weh." Der kleine Drache sah seinen Freund so erschrocken an, dass dieser zu Lachen anfing. Um seinen Freund aufzumuntern pustete er ihn kräftig an, sodass der kleine Drache heftig schaukelte.
"Iiihh! Das kitzelt!" lachte der kleine Drache und drehte sich einmal im Kreis, seinen Schwanz hinter sich herziehend. Die Landschaft unter ihnen veränderte sich zunehmend, die Wiesen wurden flacher, die Bäume standen nur noch vereinzelt auf der weiten Fläche. Und es wurde zunehmend dunkler.
"Was ist das?" fragte der kleine Drache ängstlich.
"Das? Das sind doch nur die Wolken, die den Regen in sich tragen. Deshalb sind sie so dunkel. Vor ihnen musst du keine Angst haben."
"Was ist denn der Regen?" fragte der kleine Drache neugierig und drehte sich abermals fröhlich im Kreis.
Der Wind überlegte eine Weile. "Vor dem Regen musst du dich in acht nehmen. Er will nicht, dass du mit mir fliegst und wird versuchen, dich auf die Erde zurück zu drängen. Aber du brauchst dir jetzt keine Gedanken zu machen. Es ist noch nicht so weit. Wir haben noch viel Zeit. Aber komm jetzt. Es wartet noch ein weiter Weg auf uns."
Während es immer dunkler wurde, musste sich der kleine Drache ganz schön anstrengen, um seinen Freund nicht aus den Augen zu verlieren. Der Wind wurde immer übermütiger und peitschte seinen Freund hin und her. Der kleine Drache bekam ein mulmiges Gefühl, denn nicht nur sein Freund, der Wind, veränderte sich, sondern auch die schweren dunklen Wolken sahen nun immer bedrohlicher aus.
"Halt! So warte doch auf mich! Ich kann nicht so schnell!" rief der kleine Drache dem Wind nach, der schon ein ganzes Stück voraus geflogen war.
"Was ist das da vorne? Die Wiese ist ja blau!"
Der Wind lachte. "Aber nein, kleiner Drache. Das ist doch keine Wiese. Das ist das Meer!" rief er dem Drachen zu, stürzte auf das Wasser zu und pustete kräftig hinein. Da entstanden auch schon riesige Wellen, die nach kurzer Zeit eine weiße Schaumkrone bekamen und dann brachen.
"Toll!" lachte der kleine Drache und wackelte mit seinem Schwanz aus Schleifen. "Noch mal!"
Das ließ sich der Wind nicht zweimal sagen und vollführte das Schauspiel noch viele weitere Male, während der kleine Drache lachend von oben zusah. So viel Spaß hatte er noch nie gehabt. Doch plötzlich wurde es über dem Meer ganz hell. Nur ganz kurz, dann war es wieder wie zuvor.
"Was war das?" wollte der kleine Drache fragen, doch der Ruf kam nicht an. Ein ohrenbetäubendes Krachen übertönte jeden Laut. Mit klopfendem Herzen und panischer Angst suchte er nach seinem Freund. Vereinzelte Tropfen klatschten auf sein Gesicht, drückten ihn nach unten. Das ist der Regen, dachte sich der kleine Drache. Der Regen, der mich nicht mit dem Wind spielen lassen will. Immer mehr Tropfen fielen aus den Wolken. Immer mehr Regen ergoss sich über ihm. Der Drache hatte Mühe, sich in der Luft zu halten. Doch sofort war sein Freund wieder bei ihm.
"Komm, kleiner Drache. Fliegen wir ins Trockene." der Wind nahm den Drachen sanft in die Hand und zog ihn zurück auf die Erde.
"Warum will mich der Regen nicht?" fragte der kleine Drache traurig. "Was habe ich ihm denn getan?" - "Es ist seine Natur, kleiner Drache. Der Regen fällt auf die Erde und versucht, alles mit sich zu reißen. Du bist nicht stark genug, dass du dich ihm widersetzt. Noch nicht. Komm jetzt."
Die beiden flogen nach unten und versteckten sich in einem kleinen Bootshaus.
"Hat das wieder gut getan!" lachte der Wind den kleinen Drachen an, der sofort auch wieder fröhlich wurde.
"Ja, das war der schönste Ausflug, den ich jemals machen durfte. Danke, mein Freund."
Der Wind lachte und flog übermütig im Bootshaus umher. Die Wellen schlugen hart an die kleinen Boote, die heftig zu schaukeln begannen. "Keine Ursache. Habe ich gerne gemacht, kleiner Drache. Aber nun muss ich weiter!" Und schon war er verschwunden.
"Auf Wiedersehen, mein Freund." dachte der kleine Drache selig. Es war wirklich der Schönste Tag in seinem Leben gewesen. Er hatte soviel Neues und Aufregendes erlebt. Schnell schwebte bis zum Ende der Überdachung und winkte dem Wind mit seinem Schleifenschwanz nach.
"Nächstes Jahr komme ich wieder!" rief der kleine Drache dem Wind durch den Regen hindurch zu. Dann fiel er in einen tiefen Schlaf mit dem schönen Gefühl, nie allein zu sein. Er hatte einen Freund.
Antonia Stahn: Max und Mäxchen. Kindergeschichten für große und kleine Leser. Dr. Ronald Henss Verlag, 2006. ISBN 3-9809336-7-9
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Eingereicht am 12. November 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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