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Der kleine grüne Obeldokel

© Kyra Nilsson


Der kleine grüne Obeldokel saß in einem Treppenhaus auf der untersten Stufe der grauen Steintreppe und grübelte angestrengt. So angestrengt, dass sich seine grüne Stirn in Falten lege. Derart dachte er nun schon mindestens sieben Minuten lang und so wie es zunächst aussah, war kein Ende in Sicht. Langsam aber stieg ihm dann doch die Kälte des Steins hinauf in seine Knochen. Genauer, direkt in sein Hinterteil.
„Höchste Zeit, zu Ende zu denken,“ sagte sich deshalb der kleine grüne Obeldokel. Denn Obeldokels sind, das muss man wissen, sehr vernünftig und würden niemals leichtfertig ihre Gesundheit aufs Spiel setzen (schon als Minidokels ziehen sie ohne zu murren kratzende Unterhemden an).
So beendete der Obeldokel also viel schneller als vermutet seine Grübeleien. Und als wäre jemand mit einem Bügeleisen über seine gerunzelte Stirn gefahren, war diese sofort wieder so glatt wie das Eis auf dem Dorfweiher, auf dem Obeldokel so gerne herumschlitterte.
Nun blickte der Obeldokel auf seine Armbanduhr und stellte zufrieden fest: „Acht Minuten- wunderbar! Obeldolkine wird stolz auf mich sein!“ Und Obeldokine war immer stolz auf ihren Gatten- und er dafür umgekehrt immer auf sie. Denn Obeldokels sind nicht nur sehr vernünftig, sondern auch friedliebend wie kein anderer. Kein Obeldokel würde jemals streiten!
Dann nahm er seinen grünen Hut, zog ihn tief in die gebügelte Stirn und verließ das Haus. Da wäre beinahe ein Mann, der ihm entgegen kam über ihn gestolpert. Und das war kein Wunder schließlich reichte der Obeldokel ihm gerade bis zum Knie und so konnte ein Größerer ihn nur allzu leicht übersehen. Glücklicherweise hielt der Fremde aber doch noch gerade rechtzeitig inne und verhinderte so einen Zusammenstoß. Der Mann riss daraufhin, als er den Obeldokel dort unten zu seinen Füßen bemerkt hatte, ungläubig die Augen auf und auch der Unterkiefer klappte ihm herunter.
So ein dummes Gesicht hatte der Obeldokel schon sehr oft gesehen und so wünschte er nur höflich: „Einen netten Abend, der Herr!“. Dabei lüpfte er- ganz Mann von Welt- seinen grünen Filzhut. Der Mann aber erwiderte darauf nichts, sondern starrt den Obeldokel weiterhin ziemlich blöde an. Der Obeldokel zuckte nur kurz mit den Schultern. Er hatte schon lange damit aufgehört, sich über diese seltsamen Menschen zu wundern. Die taten immer gerade so, als hätten sie es bei einem Obeldokel mit einem Kobold oder einem anderen unangenehmen Wesen zu tun. Dabei waren die Obedokel doch in höchstem Maße kultiviert und mit den besten Manieren ausgestattet, die man sich nur denken konnte.
„Nun, Größe schützt vor Dummheit nicht,“ seufzte der Obeldokel stumm in sich hinein und quetschte sich an dem Menschen, der sich noch immer nicht rührte, vorbei an die frische Luft.
Nun musste der Obeldokel seinen Hut noch ein wenig tiefer ins sein Gesicht ziehen. Denn da draußen leuchtete die Mittagssonne strahlend und warm. Und daran mussten sich die Augen erst langsam gewöhnen, schließlich war das Treppenhaus sehr düster gewesen- was im übrigen unbedingt notwendig gewesen war, denn nur in schummriger Dunkelheit können Obeldokels denken (deshalb trifft man sie im übrigen auch so oft an eben solchen Orten).
Wie immer, wenn Obeldokel angestrengt nachgedacht hatte, fühlte sich sein Kopf nun so leicht an, wie ein kuscheliges weißes Wattewölkchen (von dem nun gerade keines am Himmel zu sehen war. Der war nämlich so blau wie der Obeldokel grün war). Da die Sonne so schön schien, reckte der Obeldokel sein Gesicht in die Höhe (natürlich mit geschlossenen Augen, denn in die Sonne schauen birgt ein Risiko in sich, dem sich ein Obeldokel niemals aussetzen würde). Denn nach den 8 Minuten im kühlen Treppenhaus hatte er die wohlig warmen Sonnenstrahlen dringend nötig. Der Obeldokel genoss das so sehr, dass er gar nicht mehr darauf achtete, wohin ihn seine Füße trugen. Und da passierte es auch schon: ein Hindernis bremste seinen Weg. Allerdings wendete er seinen Blick noch nicht von Himmel ab. Schließlich hatte man als Obeldokel nicht alle Tage die Gelegenheit, sich die Sonne auf die Nase scheinen zu lassen. Viel zu oft geschah es, dass man beim Grübeln im düsteren Treppenhaus einnickte und erst Tage später wieder erwachte.
So reckte er also noch immer die Nase in die Höhe und meinte höflich, ganz in Manier der Obeldokel: „Ich bitte vielmals um Entschuldigung!“ Denn er hatte gleich gemerkt, dass es sich um Menschenbeine handelte, die sich im da in den Weg gestellt hatten. Und nun erwartete er das übliche Geschimpfe, mit denen Menschen fast auf alles reagieren.
„Nicht der Rede wert! Ist doch nichts passiert!“ erwiderte da aber zu Obeldokels Überraschung dieser Mensch. Das brachte den Obeldokel nun doch dazu, einmal nachzusehen, mit wem er es da zu tun hatte. Denn das Glück, einem höflichem Menschen zu begegnen, hatte er noch nie gehabt. Entweder sie brachten vor Staunen keinen einzigen Ton hervor oder sie waren so mürrisch, dass der wohlerzogene und stets gutgelaunte Obeldokel davon regelmäßig Bauchschmerzen bekam.
Und da überraschte der Mensch den Obeldokel noch einmal, ja er erschrak regelrecht. Denn ein so riesiges Exemplar eines Menschen war ihm bisher noch nicht untergekommen. So sehr der Obeldokel sich auch reckte und streckte, dessen Gesicht konnte er nicht erkennen. Nur die Spitze seines Kinns konnte er sehen. Ein wahres Ungeheuer an Mensch war das- aber wenigstens ein Höfliches. Allerdings musste der Obeldokel feststellen, dass die Stimme des Menschen irgendwie nicht zu dessen guten Manieren passen wollte. Denn die hörte sich an, als ob bei jedem Ton Obeldokines Sonntagsgeschirr im Hintergrund mitklapperte. Zudem war die Stimme so grell, dass es dem Obeldokel bei jede Silbe unangenehm in den grünen Schlappohren klingelte. Da begann sein Herz zu klopfen. Irgendetwas stimmte da doch nicht! Das passte doch hinten und vorne nicht zusammen! Und was dieser Mensch für Arme hatte. Die reichten ihm im Stehen beinahe bis zu den Knien! Ohne sich auch nur ein bisschen zu bücken könnte er damit den Obeldokel am Schlafittchen packen! Und ehe der Obeldokel diesen Gedanken zu Ende gedacht hatte, war eben das Geschehen! Obeldokel hing nun in der Luft, direkt vor dem Gesicht des Unmenschen und zappelte hilflos mit den Beinen. Da wünschte sich der Obeldokel, dieses Gesicht lieber nicht gesehen zu haben. So etwas Hässliches hatte der Obeldokel noch nie gesehen: eine Hakennase, derart gebogen, als könnte man daran ohne weiteres Obeldokels Hut aufhängen. Seine Stirn war dick und fleischig und ließ kaum Platz für die kleinen grauen Augen. Und das Untier lachte scheppernd, so dass der Obeldokel freie Sicht auf dessen bläuliches Zahnfleisch und die gelben schiefen Zähnen hatte. Der Obeldokel war so erschrocken, dass er nicht einmal das leiseste „Hilfe“ zu Stande brachte. Er zitterte so sehr, dass seine Zähne klappernd aufeinander schlugen.
Erst Sekunden waren wohl seit dem Zusammenstoß vergangen. Doch dem Obeldokel kam es vor wie tausend Jahre.
Nun ergriff das Monstrum wieder das Wort:
„Ich würde sagen, es ist ein Glück, dass Sie geradewegs in meine Beine gerannt sind. Denn sonst hätten wir uns womöglich niemals kennen gelernt, werter Herr. Und das wäre doch einen Schande!“ Der Obeldokel verstand die Welt nicht mehr. Wie konnte ein solches Ungeheuer so gepflegt kommunzieren? Da der Obeldokel selbst in dieser höchst außergewöhnlichen Situation seine gute Erziehung nicht vergessen konnte, musste er sich in diesem Augenblick sehr zusammenreißen. Denn dieser Mensch roch gar sehr unangenehm aus dem Mund. Ja, der Obeldokel musste zugeben: er stank bestialisch. Noch einmal dachte er: das passte doch hinten und vorne nicht zusammen. So ein Scheusal mit solchen Manieren!
Daraufhin bekam der Obeldokel eine Gänsehaut, als er daran dachte, was dieses Monstrum womöglich alles mit ihm anstellen würde! Er sah sich schon in einem riesigen Kochtopf köcheln.
Doch der Obeldokel war hin und her gerissen. Sein nächster Gedanke war nämlich wieder ein ganz anderer. Ganz gemäß der Obeldokelschen Zuversicht sagte er sich: „Solche Manieren kann man nicht vorspielen. Ich habe es hier mit einem sehr höflichen Menschen zu tun, der lediglich nicht gerade mit Schönheit gesegnet ist! Zweifellos, dass muss es sein!“ Daraufhin fiel dem Obeldokel ein so großer Stein vom Herzen, denn er krachen hörte, als er unten auf dem Asphalt landete (und bis zur Landung dauerte es ziemlich lang).
So reagierte der Obeldokel nun so, wie man eben auf einen höflichen Menschen reagiert:
„Da haben Sie recht, Verehrtester,“ sagte er und strengte sich an, dass seine Stimme dabei nicht zitterte, denn der Obeldokel litt an ziemlicher Höhenangst. „Mit meiner Größe, das liegt es natürlich nahe, mich zu übersehen. Da mache ich in der Tat auf offener Straße recht wenig Bekanntschaften. Denn allzu unachtsam wie heute bin ich schließlich auch nicht alle Tage!“ Bevor der ungeheuere Mensch darauf etwas erwidert konnte, fuhr der Obeldokel fort:
„Aber sagen Sie, mein Herr, würde es Ihnen etwas ausmachen, mich wieder zu Boden zu lassen. Denn diese luftige Höhe bekommt mir ganz und gar nicht. Mir ist schon ganz schwummerig in der Magengegend!“ Nun trommelte das Herz des Obeldokels noch einmal wie duzende Gewehrsalven. Denn jetzt würde sich entscheiden, ob das Monstrum wirklich nur hässlich oder doch auch dazu noch einen schlechten Charakter hatte. Denn würde es den Obeldokel entführen wollen, so würde er keine Chance haben, das war klar! Angstvoll blickte das Obeldokel auf die dicken Wurstfinger, die ihn umklammert hielten- und erleichtert atmete er auf, als sich die Pranke unverzüglich gen Boden bewegte.
„Aber selbstverständlich! Verzeihen Sie bitte, das habe ich nicht gewusst. Ich schaue lediglich meinem Gesprächspartner beim Reden gerne in die Augen. Und bücken kann ich mich selbst leider nicht, dass macht mein Rücken nicht mit. Denn wissen Sie, ein Mensch mit meiner Größe hat es bei weitem nicht leicht!“ Da nickte der Obeldokel, der nun wieder sicher auf dem Gehweg stand zustimmend.
„Und so ein unansehnliches Gesicht macht es auch nicht gerade einfach!“ dachte er bei sich und sprach das als höflicher Obeldokel selbstverständlich nicht aus.
„Wissen Sie,“ ergriff er nun wieder das Wort (wobei er versuchte laut und deutlich zu reden, denn die Ohren seines Gegenübers waren nun schließlich wieder ziemlich weit entfernt), „als kleiner grüner Obeldokel hat man auch so manche Probleme!“, woraufhin er tief seufzte. Was hatte er nicht schon alles mitgemacht. Da waren unfreundliche Menschen noch das Mindeste!
Der Riesenmensch schlug nun vor, sich des besseren Verständnisses wegen nebeneinander auf einer Bank nieder zu lassen. Dieser Idee stimmte der Obeldokel mit Begeisterung zu, denn er spürte, dass er und der große Mensch (von Monstrum und Ungeheuer war nun keine Rede mehr) sich gut verstehen würden. Es stellte sich heraus, dass dieser Gustav hieß. Und dann einigten sich die beiden schon bald auf ein vertrautes „Du“.
Komischerweise fand der Obeldokel Gustav schon nach einigen Minuten unterhaltsamen Gesprächs schon gar nicht mehr so hässlich. Vielmehr fand er das Gesicht des neuen Freundes nun äußerst interessant, viel besser, als bei all den anderen langweiligen Menschen, die er bisher gesehen hatte. Der kleine grüne Obeldokel war wirklich verblüfft, wie gut man sich mit einem Menschen unterhalten konnte. Er hatte immer gedacht, Vertreter dieser Gattung wären alle mürrisch und unnahbar. Als er das Gustav offenbarte, lachte dieser scheppernd: „Ich hatte von euch Obeldokels bisher auch nur gehört, dass ihr tagelang in Treppenhäusern vor euch hinstarrt und die Leute belästigt!“ Da war der Obeldokel erst einmal ziemlich erschrocken. Denn nichts lag im ferner, als irgendjemanden zu belästigen! Daraufhin erklärte er Gustav schnell, was es mit den Treppenhäusern auf sich hatte: „Nirgendwo kann man besser nachdenken! Und Nachdenken muss man als Obeldokel auf ausgiebigste Weise, sonst kann es sein, dass einem früher oder später der schwere Kopf vom Hals herunter rutscht- sagt man jedenfalls...“ Da beschloss Gustav sofort, das auch einmal zu versuchen: „Denn mir geht den ganzen Tag über auch so manches durch den Kopf- und ich habe ja niemanden, dem ich von meinen Gedanken erzählen kann!“ Denn wie zuerst auch der Obeldokel, hatte ein jeder vor dem großen Menschen Angst. Und eben wie beim Obeldokel, wurde Gustav deshalb nur angestarrt und angemurrt. Freunde hatte der keine. Da wischte der Obeldokel verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel, denn gar keine Freunde zu haben, das war sehr traurig. So lud er Gustav unverzüglich zu sich nach Hause zum Essen ein: „Keine Widerrede es wird Obeldokine eine Freude sein!“ erklärte er energisch, als sich Gustav erst bescheiden zierte. Außerdem war es höchste Zeit, nach Hause zu gehen. Die Sonne stand nun schon sehr niedrig am Himmel (der Obeldokel hatte seinen Hut schon längst wieder ein ganzes Stück nach oben gezogen) und Obeldokine wunderte sich bestimmt schon, wo ihr Gatte wieder bleibt. „Also nichts, wie los nach Obeldokelhausen!“ rief der Obeldokel. „Sonst glaubt meine ehrenwerte Gattin wieder, ich wäre beim Grübeln eingenickt.“ Dann machten sich die beiden auf den Weg. Um etwas Zeit zu sparen (beide hatten einen Riesenhunger) steckte Gustav seinen Freund in die tiefe Tasche seines Sommermantels- obwohl es nach Obeldokelhausen nicht sehr weit ist, denn jeder Weg führt direkt dort hin.
Die beiden verlebten dann zusammen mit Obeldokine noch einen sehr netten Abend auf der Terrasse- ins Esszimmer hätte Gustav nicht gepasst. Und von da an trafen sie sich jeden Montag und Donnerstag auf ein ausgiebiges Pläuschchen. Seitdem sieht man den Obeldokel übrigens nur noch sehr selten in düsteren Treppenhäusern, denn nach einem Gespräch mit Gustav fühlte sich Obeldokels Kopf so federleicht an, wie ein Wattebausch im Frühlingswind.
Antonia Stahn: Max und Mäxchen. Kindergeschichten für große und kleine Leser. Dr. Ronald Henss Verlag, 2006. ISBN 3-9809336-7-9
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Großformat 23cm x 21cm
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Eingereicht am 20. November 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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