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Wülli Wühlmaus

© Nicole Ludwig


Von Wülli Wühlmaus gibt es eine Menge Geschichten, aber heute erzähle ich nur eine davon:
Wülli Wühlmaus war der älteste von 13 Geschwistern und lebte mit ihnen und seiner Mutter unter einem Kornfeld in einer ungemütlichen, kalten, feuchten Höhle. Sein Vater war schon vor Jahren auf einer viel befahrenen Straße von einem Auto angefahren worden und gestorben.
Es war Winter und Wülli's Mutter war diesen Tag ganz furchtbar still. Sie sah müde aus, und ihre Augen waren gerötet vom vielen Weinen. Wülli konnte es gar nicht mit ansehen, wenn seine Mutter so traurig war, also fragte er sie, warum sie denn weine.
"Ach Wülli", schluchzte sie, "wir haben noch einen Monat Frost und Schnee, aber unsere Vorräte gehen schon dem Ende zu. Außerdem haben wir kaum noch Holz zum Feuermachen. Was soll ich bloß Deinen Geschwistern und Dir zu essen geben und wie soll ich Euch warm halten?"
Wülli grübelte nach, und ihm kam eine Idee. "Mama, ich werde mich auf den Weg machen und uns was zu essen sowie Feuerholz suchen."
"Nein, das ist viel zu gefährlich. Es tobt ein richtiger Schneesturm, und Du weißt, Morty, der alte Hamster, treibt zudem draußen noch sein Unwesen. Bleib bitte bei mir und Deinen Geschwistern!"
Aber Wülli wollte nicht auf seine Mutter hören, und als diese schlief, schlich er sich aus der Höhle davon. Brrr, war das kalt, wenigstens hatte er den Schal um, den seine Mutter ihm zum Geburtstag gestrickt hatte. Wülli wühlte sich stundenlang durch den Schnee, ohne auch nur die geringste Spur von etwas Essbarem zu finden. Wenn er wenigstens etwas Reisig fürs Feuer finden würde. Außerdem dachte er immerzu an den alten schrecklichen Morty. Von Morty hatte Wülli's Mutter schon wahre Schauergeschichten erzählt. Er durfte gar nicht daran denken. Also grübelte er wieder über eine Lösung für das Problem seiner Familie. Seine Glieder waren schon ganz steif gefroren und von seiner Nase tropfe es schon. Sicherlich bekam er nun auch noch einen Schnupfen. Wie er da so ganz in Gedanken vor sich hintrottete, stolperte er plötzlich und fiel in ein Loch. Er fiel und fiel, durch Gänge und immer tiefer purzelte er in das Erdreich. Als ihm schon ganz schwindelig war, hatten die steilen Gänge ein Ende, und er landete in einer großen Höhle.
Uih, das war eine Reise! Aber wenigstens war ihm nichts passiert, außer einer großen Beule am Kopf. Verwirrt sah Wülli sich um. Ach, das war eine Höhle, ganz groß und urgemütlich. In dem Kamin am anderen Ende prasselte ein Feuer. Auf dem Tisch in der Mitte lag allerlei leckeres Knabberzeug: Nüsse, Bucheckern, Hafer und getrocknete Beeren sowie Maiskörner. Wülli nahm sich eine Buchecker und ging ans Feuer. Vorsichtig schaute er sich um. "Hallo! Hallo, ist hier jemand?" Wülli bekam keine Antwort. Anscheinend war er allein. Er setzte sich kauend an das Feuer, um sich aufzuwärmen. Es war so mollig warm, dass Wülli nach kurzer Zeit einschlief.
Er hatte wohl schon eine Weile geschlafen, als jemand vorsichtig an ihm rüttelte. Wülli schlug die Augen auf und sah in ein großes braunes Gesicht, das ihn freundlich anlächelte.
"Guten Tag, willkommen in meiner Höhle! Wer bist Du und wie bist Du hierher gekommen?"
"Oh," antwortete Wülli, "auf der Suche nach Nahrung fiel ich in ein Loch und landete in Deiner Höhle."
"Ich bin Morty", sagte der braune Riese, "und wie nennt man Dich nun?"
"W-W-W-W-ü-ü-l-l-l-l-i-i-i-i W-W-W-ü-ü-h-h-l-ma-ma-maus", stotterte Wülli. Das durfte doch nicht wahr sein. Ausgerechnet er musste in der Höhe von dem schrecklichen Morty enden. Wülli schlotterte am ganzen Körper vor Angst.
"Frierst Du? Hast Du Hunger?", fragte Morty, "und ohne eine Antwort abzuwarten, gab er Wülli eine Wolldecke und eine große Auswahl seiner Leckereien.
DAS sollte der große schreckliche Hamster Morty sein? Nein, dieser Hamster war sehr gütig und lieb.
"Du schaust mich so ängstlich an", sagte Morty, "ich tu Dir doch nichts!"
"Meine Mutter hat mir und meinen Geschwistern Geschichten von Dir erzählt, in denen Du immer fies und gemein zu den anderen warst."
"Ja, von diesen Geschichten habe ich auch schon gehört. Als ich vor ein paar Jahren auf dieses Feld gezogen bin, hatte ich Streit mit einer Nachbarin, der hässlichen Springmaus Isabella. Wir haben hier um diese Höhle gekämpft. Bei dem Kampf habe ich sie dann an einem Ohr verletzt, das jetzt immer schlapp herunterhängt. Das hat sie mir sehr übel genommen. Seitdem erzählt sie immer böse Geschichten über mich, und leider glauben ihr die anderen Tiere. Nun redet keiner mehr mit mir. Manchmal bin ich darüber sehr traurig und außerdem einsam."
Wülli war sehr bestürzt über die Geschichte, die Morty ihm da erzählte. Nun erzählte Wülli Morty, warum er so allein durch den Schnee irrte, dass seine Familie nicht genug zu essen hatte, um über den Winter zu kommen, dass kein Feuerholz mehr vorrätig war und sie in einer feuchten, kalten Höhle wohnten.
Morty schlug Wülli vor, doch gemeinsam zu seiner Mutter zu gehen, um alle zu einem Festschmaus einzuladen. Sie machten sich also auf den Weg.
Zu Hause angekommen freute sich Wülli's Mutter, dass ihr Großer wieder da war, sie lachte, umarmte ihren Sohn und drückte ihn. Wülli erzählte seiner Mutter, was er erlebt hatte und stellte ihr Morty vor. Die Mutter und seine Geschwister hörten Wülli gut zu. Auch sie fanden die Geschichte von Morty sehr traurig. Also entschuldigte sich Wülli's Mutter bei Morty, weil sie ohne ihn selbst zu kennen, einfach auf das Gerede anderer Tiere gehört hatte. Mit einem warmherzigen Lächeln nahm Morty die Entschuldigung an und lud die ganze Familie Wühlmaus in seine Höhle ein, worüber sie sich sehr freuten.
Wieder in der Höhle angelangt, glaubten alle, sie wären in so einer Art Schlaraffenland. So viel Nahrungsmittel hatten sie schon seit Langem nicht mehr gesehen. Sie ließen es sich ordentlich schmecken. Nach einer Weile aber meinte Wülli's Mutter, dass es an der Zeit wäre, sich wieder auf den Heimweg zu machen. Wülli's Geschwister zeterten und quengelten, es gefiel ihnen so gut bei Morty, sie wollten unbedingt noch bleiben. Es war doch so schön hier. Endlich waren sie mal wieder satt und mussten auch nicht frieren.
"Vielen Dank für alles", sagte die Mutter zu Morty, "so gut und so viel haben wir schon lange nicht mehr gegessen. Außerdem werde ich dafür sorgen, dass alle erfahren, was für ein gutes Herz Du hast und wie freundlich und nett Du bist. Leider müssen wir jetzt aber wirklich gehen, denn meine Familie wird jetzt gemeinsam auf Nahrungssuche gehen."
"Warum bleibst Du nicht einfach hier mit Deiner Familie?", erwiderte Morty, "Meine Höhle ist für mich allein viel zu groß. Außerdem bin ich ja bekanntlich ein Hamster und habe den ganzen Sommer über gehamstert, was ich nur zwischen die Finger bekommen habe. Meine Speisekammern sind bis obenhin voll, und alleine werde ich das wohl nie aufessen können. Feuerholz habe ich auch bestimmt noch für diesen und den nächsten Winter."
Wülli's Mutter aber wollte dieses Angebot nicht annehmen. Doch die Rechnung hatte sie ohne ihre Kinder gemacht. Alle redeten auf sie ein, bettelten und heulten, bis sie schließlich zusagte.
So kam es, dass die gesamte Familie einschließlich Morty am nächsten Tag die wenigen Habseligkeiten aus der kleinen, feuchten Höhle holten und sich in der großen, gemütlichen Höhle einrichteten. Nun mussten sie nie wieder frieren oder hungern, denn Morty sorgte rührend für sie. Dafür bekam Morty das schönste, was man auf der Welt besitzen konnte: eine eigene Familie!
Antonia Stahn: Max und Mäxchen. Kindergeschichten für große und kleine Leser. Dr. Ronald Henss Verlag, 2006. ISBN 3-9809336-7-9
Antonia Stahn
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10,80 Euro



Eingereicht am 31. Januar 2007.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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