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Das weiße Mäuschen

© Tina Martik


Hier gibt es »»» eine Übersetzung dieser Geschichte ins Baslerdütsch.

Der Herbst kam, rote und gelbe Blätter fielen von den Laubbäumen herab, das Gras verlor langsam am saftigen Grün, es wurde gelblich und kraftlos. Mit dem Herbst kam auch die berühmte Basler Herbstmesse. Angela freute sich ihren Weg von der Arbeit nach Hause durch einen Messebummel zu bereichern. Achterbahnen und Karussells interessierten sie nicht, das war etwas für Kinder und Jugendliche, die sich ungeduldig um die Attraktionen scharten. Sie ging gerne zum Petersplatz und schaute sich die Verkaufsbuden an. Vieles boten die Verkäufer an: von Bratwurst und Raclette über Kleider, ätherische Öle, antike Bücher bis zum Käseküchlein. Sie naschte einen gekochten Maiskolben und schaute sich den ausgestellten Schmuck an. Dann begutachtete sie die Keramik und das Porzellan, doch sie spürte, dass sie etwas anderes sehen wollte.
Ihre Füße führten sie weg von diesem Messeplatz bis zum Marktplatz, bis zur Tramhaltestelle. Sie wartete nur einige Minuten lang, da kam die Tram schon an. Bis zur Kaserne, einem anderen Herbstmesseplatz, waren es nur drei Haltestellen. Schnell stieg sie aus und überquerte die Strasse. Sobald sie sich auf dem Platz mit den Verkaufsbuden, den Attraktionen und vielen Leuten befand, suchte sie nach einem speziellen Haus. Da! Sie sah es von weitem. Es war das Haus der dreihundert Mäuschen.
Letztes Jahr hatte sie es besucht und war beeindruckt. Das beschäftigte Treiben der kleinen Körperchen hatte einen tiefen Eindruck in ihrer tierliebenden Seele hinterlassen. Angela mochte alle Tiere, sie arbeitete mit ihnen jeden Tag, kümmerte sich um sie und pflegte sie mit Hingabe. Sie bezahlte den Eintrittspreis und schlüpfte durch den dicken Vorhang in das Haus hinein.
Ein beißender Geruch stieß ihr in die Nase. Nach einigen Atemzügen roch sie den unangenehmen Geruch nicht mehr. Ihre Augen richteten sich an das Schauspiel hinter der Glaswand und ihr Hirn registrierte keinen Gestank mehr. Hinter der Glaswand erstreckte sich eine aus kleinen Häusern erbaute Stadt, ein Schloss sowie einige Autos, ein Autobus und sogar ein Luftballon befanden sich dort. Und die Bewohner, Herrschaften und Reisende waren wer anders als Mäuse. Graue, weiße, schwarze. Wohin Angelas Augen schauten, sahen sie nur Mäuse. Sie liefen im feinen Sägemehl umher, stellten sich auf ihre Hinterbeinchen und schnupperten an der Glaswand, verschwanden durch die Haustür, um anschließend durch die Fester neugierig herauszuschauen. Eine Maus wagte sich hoch, sie lugte aus dem Kamin eines Hauses und da…eine kletterte auf dem Luftballonkorb herum, eine noch mutigere erkundete die Oberfläche des Luftballons. Es war ein erstaunliches Schauspiel. Einige widmeten sich dem Fressen, manche veranstalteten ein Rennen, andere schliefen dicht aneinander geschmiegt. Alle sahen beschäftigt aus. Angela bekam das Gefühl, sie benahmen sich wie Menschen an einem hektischen Tag.
In einer Ecke entdeckte sie ein kleines weißes Mäuschen, das sich mühsam vorwärts schleppte. Eine größere schwarze Maus griff es von hinten an. Sie sprang dem kleinen Mäuschen auf den Rücken und biss zu. Angela ballte unwillkürlich ihre Hände zu Fäusten. Das Kleine machte einige schnellere Schritte, dann aber schleppte sich aus letzter Kraft nur noch. Eine andere schwarze Maus näherte sich ihm und biss es in den Rücken. Erst jetzt konnte Angela sehen, wie schwer das kleine Mäuschen verletzt war. Auf dem Rücken fehlten ihm die feinen Härchen, dafür klaffte dort eine blutige Wunde. Das Mäuschen war krank, wollte sich verkriechen und in Ruhe gelassen werden. Angela hoffte, das Mäuschen schafft es, sich in Sicherheit zu bringen.
Viele der Besucher waren Kinder, die das verletzte Mäuschen auch entdeckten. Ein Junge rief: "Dort, du musst dort hin, in das Haus!" und zeigte dabei mit dem Finger seiner kleinen Hand. Ein anderer Junge, der brutal veranlagt war, schrie aufgeregt: "Jetzt wird die große schwarze Maus die kaputte erwischen!" Ein einfühlsames Mädchen weinte beinahe: "Warum hilft dem armen Mäuschen niemand?"
Aus dem vergnüglichen Schauspiel wurde plötzlich ein Drama. Es kam Angela so vor: 295 Mäuse gingen ihrer Beschäftigung, dem Klettern, Spielen, Herumrennen und Fressen nach, eine verletzte Maus wollte fliehen und sich verstecken und vier kräftige Mäuse verfolgten sie.
Dann holte jemand den Aufseher. Er kam mit einer Leiter, einem Kübel und einer Greifzahne mit einem langen Holzgriff, seine Hände fanden bereits in Handschuhen ihren Schutz. Nach einem kurzen Überprüfen der Lage, stieg er auf die Leiter, öffnete den oberen aufklappbaren Teil der Glaswand und manövrierte vorsichtig die Greifzange um die Beleuchtungskörper herum zu dem Haus, in dem sich das kranke Mäuschen versteckt aufhielt.
Plötzlich ging das Licht aus. Einige Kinder erschraken und aufschrien. Es dauerte nur einen Augenblick und die Notbeleuchtung sprang an. Sie leuchtete nicht so grell wie die ursprünglichen Lampen, aber es reichte aus, um zu sehen, dass sich etwas geändert hatte.
Der Luftballon hing verlassen in der Höhe, das Schloss hatte keine Bewohner mehr, die kleinen Häuser waren leer, niemand lenkte die Autos. "Wo sind alle die Mäuse hin?" fragte ein Kind erschrocken. "Ich habe keine Ahnung", antwortete sein überraschter Vater.
Angela erkundete die ganze Fläche hinter der Glaswand, schaute in jede Ecke. Das kleine Mäuschen war nirgendwo zu sehen. Der Aufseher klappte das Oberlicht zu und verschwand mit dem Kübel und der Greifzahne durch die Tür fürs Personal. Hat er das kranke Tier gefunden und mitgenommen? Wahrscheinlich. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass alle Mäuse verschwunden waren. Wo sind alle 299 Mäuse geblieben?
Plötzlich spürte Angela ein feines Krabbeln auf ihrem linken Schuh. Sie schaute an sich herunter…eine Maus! Nicht eine…Dutzende krabbelten um sie herum! Waren sie ausgebrochen? Eine Maus kletterte auf ihrem Hosenbein hoch. Die nächste erreichte schon den Unterrand ihrer Jacke, eine andere schaute aus ihrer Jackentasche. Was soll ich tun? Warum ist es so ruhig hier? Die Kinder müssten jetzt schreien und wegrennen. Oder sind sie schon draußen? Sie ließ ihre Augen von den Mäusen los und schaute sich nach den Kindern um.
Allein war sie hier, von Mäusen, weißen, grauen, schwarzen umzingelt. Ihr wurde schwindlig, sie spürte: jetzt werde ich ohnmächtig. Ihr letzter Gedanke galt dem kranken Mäuschen. Sie wollte nicht schwach werden und von den starken angegriffen werden. Sie wehrte sich gegen die Ohnmacht, die sie überkam, versuchte ihre Augen offen zu halten, dann verlor sie das Bewusstsein.
Ihr Gesicht fühlte sich nass an. Jemand sprühte ununterbrochen Flüssigkeit auf ihren Kopf. Angela kam langsam zu sich, öffnete ihre Augen, schloss sie sofort wieder, da sie vom grellen Licht geblendet wurde. Sie horchte, es war ruhig, nur das Wasser tropfte. Vorsichtig öffnete sie ihre Augen nochmals. Sie drehte ihren Kopf weg von der grellen Lichtquelle und zuckte zusammen. Rundherum waren Mäuse. Es waren keine kleinen Tierchen, sie hatten die Größe eines erwachsenen Menschen. Sie lag auf dem kalten, mit Sägemehl bedeckten Boden, versuchte sich aufzurichten. Dann saß sie und beobachtete die Tiere, die um sie herum standen, einige, wie es ihr schien, passten auf sie auf, andere saßen in Sesseln und schauten sie aufmerksam an. Sie überlegte, träume ich oder was soll das Ganze?
"Nein, du träumst nicht", sagte ein Mäuserich. Der Baritonstimme nach, musste es ein Männchen sein. "Wo bin ich?" fragte sie. "Du bist im Haus der dreihundert Mäuse", antwortete der Mäuserich. "Immer noch? Aber ihr seid alle so groß", sagte sie. "Nein, das ist Irrtum, wir sind nicht groß, du bist klein", antwortete er lächelnd. Jetzt erschrak sie aber erst recht. Sie schaute ihre Hände an, sie sahen wie immer aus, nichts hat sich verändert. Was würde mit mir passieren? "Nichts wird dir passieren, hab keine Angst", sprach er ihr beruhigend zu. Sie versuchte nicht zu denken, da er offensichtlich ihre Gedanken lesen konnte. "Wir brauchen deine Hilfe." "Was kann ich tun?" fragte sie überrascht. "Du musst uns helfen, das kranke Mäuschen braucht dich." "Aber wie… wieso wissen Sie, dass ich helfen könnte?" staunte sie. "Das riechen wir", lachte er. "Wo ist das Mäuschen?" fragte sie. Zwei andere Mäuseriche halfen ihr auf die Beine und führten sie zu einem der kleinen Häuser, das ihr jetzt wie ein richtiges Haus vorkam, es war groß genug, sie konnte hinein treten. Dort auf einem Bett lag das Mäuschen zusammengerollt und stöhnte leise. "Ich weiß nicht, ob ich etwas tun kann", sagte sie unsicher. "Ich hoffe es für dich", kam eine Antwort durch das offene Fenster. Heißt es, wenn ich nicht helfen kann, bin ich verloren…sie vergaß, dass sie nicht denken dürfte. "Ja, genau das heißt es", war die vernichtende Antwort des Mäuserichs. Sie bat um heißes Wasser, saubere Tücher, dann fragte sie nach Alkohol. Erstaunlicherweise bekam sie alles, was sie für das Verarzten des Mäuschens brauchte. Die Wunde sah schlimm aus, die Haut war abgerissen und das bloße Fleisch war entzündet und rundherum geschwollen. Sie säuberte die Wunde, desinfizierte sie und bedeckte sie mit einem sauberen Verband. Das Mäuschen stöhnte leise, schaute sie dabei mit seinen runden Augen dankbar an. Dann schlief es ein.
"Was passiert jetzt?" fragte sie. "Nun, jetzt warten wir ab, wie es deinem Patienten morgen gehen wird", antwortete der Mäuserich. "Morgen? Muss ich hier übernachten?" fragte sie erschrocken. "Ja, hab keine Angst, du bist unter meinem Schutz", versuchte er sie zu beruhigen. "Es gibt brutale Mäuse in ihren Reihen, wissen Sie es?", hackte sie nach. "Ja, die vier, die dem kranken Mäusekind schaden wollten, aber die sitzen nun in einer Gefängniszelle im Schloss und werden streng bewacht", antwortete er. Sie sah, dass ihr nichts anderes blieb, als hier zu nächtigen. Sie legte sich auf ein schmales Sofa hin, das sich in einer Ecke des Zimmers befand, wo der Patient lag und bald schlief auch sie ein.
Am Morgen erwachte Angela und wusste nicht gleich, wo sie sich befand. Dann kam ihr die verrückte gestrige Geschichte in den Sinn. Sie stand auf und schaute nach ihrem Patienten. Das Mäuschen schlief noch, atmete regelmäßig, schien keine Schmerzen oder Fieber zu haben. Eine tüchtige Maus brachte ihr eine Schüssel mit heißem Wasser und einen sauberen Tuch, um ihren Patienten wieder behandeln zu können, außerdem legte sie auf einen gedeckten Esstisch etwas Käse, Brot und ein Glas mit Milch zum Frühstück. Der Mäuserich erschien: "Guten Morgen, iss ruhig, bevor dein Patient erwacht", sagte er lächelnd zu ihr. "Wenn Sie mir dabei Gesellschaft leisten", antwortete sie. Sie saßen zusammen beim Tisch, sie aß und dachte nach. Warum wurde gerade sie ausgewählt. "Ich habe dir gestern gesagt, dass wir es riechen. Wir wissen, dass du tagaus, tagein kranke Tiere pflegst." "Ich verstehe das alles nicht", murmelte sie. "Wie kommt es, dass ich so klein bin? Was ist gestern mit dem Licht passiert? Wieso waren alle Mäuse ausgebrochen?" fragte sie ratlos. "Zerbreche dir den Kopf nicht darüber", antwortete der Mäuserich. "Ohne deine Hilfe, hätten wir das Mäusekind verloren", sprach er die traurige Wahrheit aus. Ein schwaches Stöhnen ertönte. "Dein Patient ist nun wach", sagte er mit Nachdruck. Sie stand vom Tisch auf und ging zu dem kranken Mäuschen. Das Mäuschen lächelte sie schwach an. Sie befühlte seine Stirn mit der Hand, nahm den Verband ab und schaute sich die Wunde an. Die Wunde sah im Abheilen begriffen aus, sie war nicht mehr entzündet und die Schwellung rundherum war zurückgegangen. Angela säuberte die Wunde doch nochmals und bedeckte sie mit einem sauberen Tuch. Die Maus, die ihr vorhin das Wasser und das saubere Tuch brachte, schaute ihr aufmerksam zu. "Ich denke, ich würde es genauso machen können", sagte die Maus schüchtern. "Davon bin ich überzeugt", antwortete Angela. Dann sagte sie zum Mäuserich: "Ich glaube, ich werde hier nicht mehr gebraucht. Außerdem sollte ich zur Arbeit gehen. Meine Patienten warten auf mich." Sie schaute dem Mäuserich in seine runden Augen. Bewunderung und Dankbarkeit las sie in ihnen. Er nickte. "Ja, ich denke, nun werden wir es auch alleine schaffen, es gesund zu pflegen", sagte er dankbar. Er bedankte sich mehrmals überschwänglich. "Wie komme ich denn zurück, in meinen…großen Körper und in meine Welt?", fragte Angela. Sie bekam eine Antwort, hörte sie aber nicht mehr, da sie sich plötzlich schwach fühlte und dann fiel sie in Ohnmacht. Ihre Ohnmacht verwandelte sich in einen tiefen Schlaf mit wilden Träumen.
Sie träumte, dass sie von Massen umjubelt wurde. Man trug sie auf einem vergoldeten Sessel umher und rief ihr zu: "Lebe die Retterin unseres Prinzen!" Alle riefen "Danke" und warfen ihr duftende Rosen zu, die ihr in den Schoss fielen. Sie lachten, freuten sich, tanzten und umher rannten. Lauter Mäuse! Weiße, graue, schwarze, alle trugen schöne seidene Kleider und lederne Schuhe, Mäuse waren mit wertvollem Schmuck behängt, Mäuserichs hatten ein Schwert um die Taille umgehängt.
Auf einem festlich mit vielen Efeublättern und Rosenblüten geschmückten Balkon des Schlosses saß ein Mäuserich mit einer Edelsteinbesetzten Krone auf dem Haupt, neben ihm ein kleines Mäuschen mit einer kleineren Krone auf seinem Köpfchen. Es war doch das kranke Mäuschen, ihr Patient! Der König und der Prinz! Beide lächelten zufrieden und winkten dem Volk und Angela hoheitsvoll.
Eine tiefe Stimme, die einem Mäuserich gehören könnte, sagte: "Schatz, aufstehen, du kommst noch zu spät…" Langsam tauchte Angela aus ihrem Traum. War es nicht die Stimme…? Es war doch die Stimme ihres Mannes! Nun war sie wach. Sie rieb sich die Augen und schaute sich um. Sie befand sich in ihrem eigenen Schlafzimmer, lag in ihrem eigenen Bett. Ihr Körper war in ihrem rosafarbenen seidenen Nachthemd gehüllt. "Wie bin ich denn hierher gekommen?" fragte sie. "Wie meinst du das?" antwortete ihr Mann überrascht. "Ach, nichts ich habe wohl nur etwas Schlimmes, nein, Ungewöhnliches geträumt", sagte sie lächelnd, küsste ihn und stand auf.
Antonia Stahn: Max und Mäxchen. Kindergeschichten für große und kleine Leser. Dr. Ronald Henss Verlag, 2006. ISBN 3-9809336-7-9
Antonia Stahn
Max und Mäxchen
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10,80 Euro



Eingereicht am 06. Februar 2007.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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