Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise,
bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.

Eingereicht am
21. Februar 2007

Die zwei Schwestern und der Schneemann

© Christian Klinger

Der Schnee ächzte unter der Last des Schlittens. Letzte Nacht hatte es neuerlich geschneit. Die Kufen zogen zwei tiefe Furchen in die weiche Pulvermasse, hinterließen ihre Spur in der romantisch anmutenden Winterlandschaft. Doch ein Gefühl von Romantik hatte keinen Platz in Fannys Herz. Zu lange schon dauerte dieser Winter. Zu lange schon froren sie und ihre Familie in der kärglich eingerichteten, räumlich beengten und spärlich beheizten Zweizimmerwohnung. Dort gab es nur einen alten Ofen, der ständig ausging. Das war gut so, denn der Rauchfang brachte keinen rechten Sog zustande. Zusammen mit den zugigen Fenstern verhinderte das Schlimmeres.

Fanny wuchtete den Schlitten um die Ecke. Trotz der Kälte stand ihr der Schweiß auf der Stirne. Selbst unter Aufbietung all ihrer Kräfte, folgte das Gefährt nur widerwillig den Lenkmanövern. Er war aus massivem Holz und eigentlich zu schwer für ein acht Jahre altes Kind, aber die Mutter musste sich um das Jüngste kümmern und verdiente ein paar Groschen als Zugehfrau. Die älteren Brüder arbeiteten in der Fabrik. Sie und ihre Schwester waren ausgeschickt worden, Holz zu klauben. Hanni, ihrer kleinen Schwester, machten diese Ausflüge jedoch Spaß. Sie trappelte eifrig neben dem Schlitten daher. Ab und zu setzte sie sich auf die Ladefläche, wenn sie müde war. Dann hatte Fanny auch ihr Gewicht zu ziehen. Das ging aber ohnehin nur, wenn der Schlitten nicht zu viel Holz geladen hatte. Heute war genug Platz.

Fanny spürte einen Ruck, als der Schlitten kurz bremste. Fast wäre sie auf dem glatten Untergrund zu Sturz gekommen. Sie kannte den Grund dafür: Manchmal fand Hanni es lustig, sich über den Schlitten zu Boden gleiten und kurz nachziehen zu lassen. Sie stoppte ihre Schritte und wollte die kleine Schwester anherrschen. Als sie sich umdrehte, versank ihr wütender Blick in den unschuldigen, tief schwarzen Augen, die von der Unbeschwertheit eines kleinen Kindes erleuchtet waren. Wie konnte man einem Kind von etwas über drei Jahren böse sein. Fanny schüttelte lächelnd ihren Kopf und setzte sich mit ihrem Gefährt wieder in Gang, als ihr oben auf der Kuppe des Hohlweges eine Gestalt auffiel.

Jemand hatte mitten auf den Weg einen Schneemann aufgebaut. Fanny hatte das Gefühl, dass es sich um denselben handelte, den sie zuvor auf der Waldlichtung gesehen hatte und davor bereits am Feld neben den Eisenbahngeleisen, die aus der Stadt führten. Aber wie sollte sie ein Schneemann verfolgen? Das konnte nicht sein. Sie erreichten die Figur. Drei Kugeln aus Schnee, die dickste unten als Unterleib und die kleinste oben war der Kopf. Die Augen waren aus Stein, die Nase bestand aus einer knorrigen Wurzel. Ein frostiger Geselle, der Fanny Angst einflößte. Doch mehr noch als die Frage, wie der Schneemann hierher kam, beschäftigte sie die Frage, wie sie an ihm vorbeikommen sollten. Hanni wiederum fand die Situation gar nicht bedrohlich. Sie umtänzelte kichernd das Schneegebilde.

Beherzt trat Fanny zur Seite und wollte den Schlitten über die weniger steile Schrägwand an dem ungewöhnlichen Hindernis vorbeiziehen, als es plötzlich tönte: "HALT!"

Erschrocken fuhr Fanny zusammen. Auch Hanni hatten ihren beschwingten Tanz abrupt beendet und verkroch sich nun hinter der großen Schwester. Fanny glaubte, einem Trugbild aufzusitzen, denn der Schneemann hatte seine Position geändert und sich ihnen abermals in den Weg gestellt. Fanny fasste sich nach einer Schrecksekunde ein Herz und sagte bestimmt. "Was willst du? Warum hinderst du uns am Weitergehen?"

"Ich möchte, dass ihr mich mitnehmt."

"Aber du bist ein Schneemann und gehörst hierher. Warum sollten wir dich mitnehmen?" Fannys Scheu war einer Wut gewichen. Ihre Worte kamen energisch.

Doch das beeindruckte den Schneemann wenig. Er baute sich vor den Kindern auf. "Ihr müsst mich mitnehmen, weil sonst könnt ihr nicht an mir vorbei."

Und tatsächlich: sein Bauchumfang nahm bereits die gesamte Wegbreite ein. Fanny hatte Sorge, dass sie hier im Wald mit ihrer kleinen Schwester gefangen bleiben würde, bis das Frühjahr den Schneemann zum Schmelzen bringen würde. Kleinlaut fragte sie: "Wie soll das gehen? Du bist viel zu groß und zu schwer für unseren Schlitten."

"Das ist kein Problem. Wenn du nur willst, wird es gehen."

Fanny trat an den Schneemann heran. Beherzt fasste sie die eisige Figur um die Mitte und stemmte sie hoch. Der Schneemann hatte das Gewicht einer Schneeflocke und ließ sich problemlos auf den Schlitten setzen.

So beladen setzten sie ihre Fahrt fort. Hanni ließ ihr kindliches Tollen und hielt sich lieber an der Weste ihrer Schwester fest. Ab und zu warf sie einen verstohlenen Blick nach der seltsamen Fracht, die sie nun über das Feld in Richtung Stadt zogen. Schon konnte man die ersten Häuser erkennen. Der Feldweg mündete in eine Straße und bald waren die ersten Häuser erreicht. Ab und zu trafen sie auf andere Passanten, die ihnen neugierig nachäugten.

Nach einiger Zeit hatten sie den Eingang zu ihrem Haus erreicht. Fanny wandte sich an den Schneemann. "Du musst mir Platz machen, ich muss das Holz in unsere Wohnung tragen."

"Nein", antwortete der Schneemann, "ich will, dass ihr mich zu euch mitnehmt."

"Aber du bist ein Schneemann und du gehörst in die Kälte. Ich kann dich nicht mitnehmen."

Fanny versuchte den Schneemann vom Schlitten zu heben, doch er war plötzlich so schwer, als wäre sein Körper aus Eisen.

"Bitte", flehte sie nun, "bitte, ich muss das Holz in die Stube bringen, sonst friert meine Familie, wenn sie von der Arbeit Heim kommt und ich werde geschimpft."

"Nur, wenn du mir versprichst, dass du mich in die Wohnung mitnimmst."

Abermals beugte sich Fanny dem Zwang und umfasste den Schneemann, der nun wieder federleicht war. Sie reichte ihn an Hanni weiter, die verzückt gluckste, als sie das Ding, welches ein Vielfaches ihres kleinen Körpers darstellte, locker in Händen hielt. Fanny schulterte die Holzbündel und so stiegen die drei die Stufen zur Wohnung empor. Sofort machte sich Fanny daran, den Ofen zu befeuern. Hanni stellte den Schneemann neben den Eingang und hüpfte auf einem Bein zu einem Sessel, den sie heranzog und vor den Schneemann hinstellte. Dann setzte sie sich vor ihn hin und betrachtete ihn eingängig. Das Knistern im Ofen verriet, dass das Holz bereits brannte.

"Stell mich näher an den Herd!", verlangte der Schneemann nun.

"Aber du bist ein Schneemann und darfst nicht in die Wärme. Warum sollte ich das tun?", fragte Hanni auf ihre kindliche Art.

"Weil ich dich darum bitte. Bitte, stell mich näher zum Ofen."

Hanni erfüllte dem weißen Riesen den Wunsch und schon bald war er von eine Lache Schmelzwassers umgeben. Fanny holte Tücher, um das Wasser wegzuwischen. Sie war auch ein wenig verärgert darüber, dass der Schneemann bei ihr nur gefordert, ihre Schwester aber gebeten hatte. Er schien zu lächeln, während er nach und nach dahinschmolz. Zuerst fielen die Steine aus dem schmäler werdenden Gesicht, dann seine Wurzelnase. Fanny kam mit dem Aufwischen kaum nach. Zunehmend schneller schrumpfte die Figur, bis nur mehr ein kleiner Klumpen Eis übrig war. Plötzlich hörten die Schwestern ein schabendes Geräusch. Je kleiner der verbleibende Klumpen wurde, desto deutlicher war es zu hören. Auf einmal barst das Eis ein an einer Stelle und eine kleine braune Pfote war zu erkennen. Dann knackte es abermals und das Eisstück brach entzwei. Zwei lange Ohren reckten sich ihnen entgegen, dann war das Häschen auch schon durch die Türe gehoppelt und verschwunden.

Die Schwestern warfen sich einen verwunderten Blick zu. Doch als sie dann sahen, wie die Wurzelnase des Schneemannes grüne Triebe hervor brachte, da wussten sie, dass der Winter nun besiegt war und der Frühling kommen konnte.

Copyright-Hinweis: Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise,
bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.