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Eingereicht am
25. März 2007

Schnee im Mühlengarten

© Erika Hemmersbach

Frau Holle schüttelte ihre Betten auf und klopfte sie am Himmelsfenster so kräftig aus, dass die Federn stoben. Millionen weißer Flocken schwebten vom Himmel, tanzten einen Reigen, stiegen empor und sanken dann gemächlich auf die frostkalten Wiesen des alten Mühlengehöftes hinunter Eine dichte Watteschicht bedeckte bald die Gräser der Wiesen und den blanken Boden des Mühlengartens.

Ein Rest Porree stand stramm aufrecht wie eine Armee Soldaten im Garten. Auf weißen Beinchen ruhten grüne Mäntelchen. Die Schneeflocken verzierten die ausgestreckten Arme der Uniformjacken mit einem weißen kühlen Pelzbesatz.

Inmitten dieser Reihe steckte ein Spaten. Vater hatte ihn in die Erde gerammt, um ihn gleich zum Porreestechen bei der Hand zu haben. Jetzt, im Frost, war die Porreeernte unmöglich geworden und der Spaten vergessen. In seiner Nähe lehnte, am grünen Maschendraht des Gartenzaunes achtlos abgestellt, ein Rechen. Seine Zähne blitzten und er hatte den ganzen Sommer über fleißig gearbeitet, Unkraut und Steine zusammengeharkt und die umgegrabene Erde schön fein für die nächste Pflanzung verteilt. Jetzt stand er missmutig am Zaun und schielte zu dem Spaten hinüber, der offensichtlich munter und fröhlich zwischen den Reihen aus dem Boden ragte Ein kleiner Spatz saß oben auf seinem Handgriff und spähte hinunter, ob er nicht ein Futterkörnchen entdeckte. Endlich sichteten seine schwarzen Knopfaugen die dicken Samen einer hoch wachsenden Melde und er flog mit Geschwirre und Gepiepse los. Der Spaten schaute ihm hinterher und rief ein vergnügtes "Guten Appetit, Kleiner!" Dann freute er sich sichtlich, dass die Schneeflocken ein weißes Mützchen auf seinen quer stehenden Handgriff setzten. Der Rechen murrte vom Zaun her "Warum bist du so fröhlich? Es ist kalt und meine Zähne werden rosten. Das ganze Jahr war ich fleißig und jetzt möchte ich in der Scheune warm und trocken schlafen.". Der Spaten, Britta, stand auf seinen Stiel gedruckt, lächelte leicht. "Auch ich habe die ganze Zeit zu tun gehabt und bin den Menschen unentbehrlich. Wenn ich ein wenig Rost ansetze, werde ich bald beim Graben wieder blank. Schau dich doch einmal um, mein lieber Rechen und freue dich an unserer Welt. Der Schnee malt uns eine Zauberlandschaft und wir können diesen schönen Anblick genießen."

Der Rechen knurrte griesgrämig. "Was für ein Anblick denn? Hier sind Erdklumpen, die mit Schnee bedeckt sind, dort steht ein altes Haus und auf der Wiese laufen ein paar Tiere herum. Was soll es, gleich wird es dunkel und ich will schlafen!" Der Spaten schwieg zu diesen mürrischen Worten, pfiff sich ein kleines Liedchen und sah den Hausgänsen zu, wie sie in einer Reihe hintereinander über die Brücke zum Stall watschelten. Anton, der graue Fischreiher, kam mit lautlosem Flug herbeigesegelt und ließ sich mit heiserem Schrei zum Schlafen zwischen den dicken Hausenten an der Bachböschung nieder.

Es wurde dunkel. Ein leichter Wind erhob sich und blies die Schneewolken vom winterlichen Nachthimmel. Eine gelbe Mondsichel erschien hinter dem alten Haus, stieg am Himmel empor und goss ihren hellen Schein über die weiße Schneedecke. Tausende Sterne funkelten klar in schwarzsamtener Höhe wie die Lichter an den Weihnachtsbäumen der Menschen in den Stuben. Der Spaten konnte sich an der leuchtenden Pracht nicht satt sehen. Ihm wurde feierlich zumute und er dachte bei sich: "Wie schön ist doch Allvaters große weite Welt. Wenn der Rechen sie nur richtig sehen könnte!" Als er das zu sich sagte, löste sich ein kleiner funkelnder Stern vom Firmament, fiel wie eine leuchtende Schneeflocke vom Himmel und schwebte geradewegs auf den Rechen zu. Am Stiel des Rechens blieb er kleben, strahlte noch einmal kurz auf und erlosch dann.

Als am nächsten Morgen die aufgehende Wintersonne den Himmel in ein rotes Flammenmeer verwandelte und den Schnee am Mühlenhof zartrosa überhauchte, wachte der Rechen erfrischt auf. Erstaunt sah er sich um. Der Spaten gähnte gerade ausgiebig und wünschte ihm "Schönen guten Morgen, welch ein Tag! Sieh doch, wie schön er beginnt"

Und der Rechen schaute.

An den Zaundrähten hingen glitzernde gefrorene Tropfen. Das Sonnenlicht brach sich funkelnd an ihrer Oberfläche und verwandelte sie in leuchtende Edelsteine. Wie ein weicher weißer Teppich lag der frisch gefallene Schnee auf Wiese, Acker und Garten. Anton hockte buckelig zusammengezogen zwischen seiner geliebten Entenschar. Gerade erwachten sie mit Geschnatter und Gequake zum Leben. Das schwarz bepelzte Nutriaweibchen zog mit seinem dicken Schwanz Schleifspuren in den Schnee und versteckte sich im Schilf bei seinen wartenden Kindern, deren Nasen neugierig aus den Stängeln hervorlugten. Donald und Daisy, die beiden Wildentchen, kamen herbeigeflattert und setzten sich an den Zaun in Erwartung eines reichhaltigen Frühstückes. Sie mussten nicht lange warten. Erst ergoss sich eine Flut watschelnder kreischender Gänse in den Bach und dann kam Mutter mit einer großen Tüte voll Brot, Möhren- und Apfelstückchen.. Der Rechen sah zu, wie alle Tiere genussvoll frühstückten und ihm wurde leicht ums Herz. Dann wandte er sich an den Spaten, bei dem zur Abwechslung eine dicke aufgeplusterte schwarze Amsel auf dem Griff saß. "Lieber Spaten, jetzt weiß ich, was du gestern gemeint hast. Unsere Welt ist wirklich schön. Lass uns in diesem Jahr wieder fleißig arbeiten, damit sie auch so schön bleibt." Der Spaten lächelte zurück "Na, siehst du, jetzt hast du es auch gemerkt. Aber da kommt Mutter! Sollte sie uns entdeckt haben?"

Mutter öffnete das Gartentor, stapfte durch den Schnee, wobei sie etwas wie "Oh, diese vergesslichen Männer", murmelte, nahm den Rechen und den Spaten und trug sie an ihren Platz in der trockenen Scheune.

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