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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Judiths und Tills Mond

© Dani Schluckauf

1 JUDITH SCHLEICHT SICH RAUS

Judith war sauer, wirklich sauer. Wieder einmal hatten ihre Eltern sie ins Bett gesteckt, obwohl sie nicht die Spur müde war. Nicht die Spur. Judith findet so etwas ungerecht. Die Erwachsenen dürfen aufbleiben, so lange sie wollen. Die gehen genau dann ins Bett, wenn sie die Augen nicht mehr aufhalten können. Keine Minute früher. Und als Kind muss man ins Bett, selbst wenn man noch putzmunter ist. Nur weil die Erwachsenen bestimmen!

"Ich will nicht ins Bett! Ihr geht ja auch noch nicht schlafen", maulte Judith los.

Keine Geschichte bekam Judith vorgelesen an diesem Abend! Das war die Strafe. Keine Gutenacht-Geschichte. Wie gemein Vati doch sein konnte. Und Mutti auch.

Judith empfand das als große Ungerechtigkeit. Sie wurde ins Bett gesteckt und war muffig darüber. Das nahmen die Eltern als Anlass, sie zu bestrafen. Sollte sie vielleicht freundlich lächeln, wenn ihr übel mitgespielt wurde? Sollen die Erwachsenen doch freundlich lächeln, wenn man sie ärgert! Kinder sind ehrlich und ziehen Fläppen, wenn ihnen danach ist.

Na wartet! Das werden sie noch bereuen. Judith würde beweisen, dass sie die ganze Nacht aufbleiben kann, wenn sie will. Heute Nacht würde sie nicht schlafen.

Judith lag im Bett und lauschte. Sie tat eine Weile so, als würde sie im Bett rumschluchzen. Dann tat sie so, als würde sie allmählich einschlafen.

Sie tat nur so. Die Ohren weit aufgesperrt lauschte sie, was die Eltern trieben. Nach einer Weile merkte sie, wie sie ins Badezimmer gingen. Sie unterhielten sich murmelnd. Die elektrische Zahnbürste ratterte. Zweimal rauschte die Wasserspülung. Dann ging die Badezimmertür, dann die Schlafzimmertür. Die Eltern wirtschafteten noch ein wenig 'rum, dann kamen eine Weile überhaupt keine Geräusche mehr. Mutti schien aus irgendeinem Grund noch mal kurz zu stöhnen. Und kurz darauf hörte Judith das tiefe, tiefe Schnarchen ihres Pappis durch sämtliche Zimmerwände hindurch.

Das war Judiths Moment. Sie schob die Bettdecke vorsichtig zur Seite, hob ihren Oberkörper hoch, streckte ein Bein aus dem Bett, dann das andere. Judith setzte sich an die Bettkante, stand auf, leise, leise. Dauernd lauschte sie, ob aus dem Schlafzimmer der Eltern Geräusche kamen. Aber nichts. Nur Vatis Gebrumme.

Leise, leise den Schlafanzug aus. Unterbuxe an, T-Shirt, Hose, Pulli. Zuletzt Socken und Schuhe. Die Eltern merken nichts. Judith nimmt sich ihre Jacke vom Haken. Es ist schon Frühling, aber abends ist es noch kalt, und nachts wird es draußen noch kälter sein.

Ihr ratet sicher schon: Judith will sich aus dem Haus schleichen. Ja, das tut sie. Vorsichtig, ganz vorsichtig, die Ohren gespitzt, drückt sie die Türklinke herunter. Schiebt die Tür einen Spalt auf, dann weiter.

Die Tür knarrt in den Angeln. Judith hält erschrocken inne. Lauscht.

Nein - kein verdächtiges Geräusch aus der Schlafzimmergegend. Judith tritt nun ganz heraus aus ihrem Zimmer. Auf Zehenspitzen schleicht sie durch den Flur. Einige Male knarren die Dielen. Judith bleibt jedes Mal erschrocken stehen. Aber die Eltern merken nichts. Schlummern ahnungslos weiter.

Jetzt kommt das Allerschwerste. Judith muss die Haustür öffnen. Sie dreht ganz langsam den Schlüssel herum. Ein bisschen knackt es. Aber wirklich nur ein bisschen. Jetzt noch den Türgriff runter, Haustüre auf, gerade soviel, dass Judith sich raus quetschen kann.

Uff, das hatte geklappt! Besser, als erwartet. Judith war draußen, schaute an den Himmel. Sie sah den Mond leuchten. Vollmond war an diesem Tag. Der Mond ist Judiths Freund.

Eines musste Judith noch tun. Sie zog den Schlüssel innen raus und schloss die Haustür außen vorsichtig ab. Es konnten ja sonst ganz leicht Einbrecher rein. Das wusste sie von ihren Eltern. Den Schlüssel versteckte sie unter einem Stein. Dann konnte sie ihn nicht verlieren.

Ja. Judith, klug war sie. an alles dachte sie. Zehn Jahre war sie alt. Im September sollte sie in die Oberschule kommen.

2 AM TEICH

Munter marschierte Judith die Straße abwärts. Sie musste eine große Querstraße überkreuzen. Sie schaute nach links und schaute nach rechts. Kein Auto zu sehen. Schön leer die Straße, in der Nacht. Judith lief rüber. Und der Vollmond, der schaute zu.

Drüben lag die Wiese. Ein Fußweg führte leicht bergab. Der Weg umrundete einen Teich. Judith stapfte das letzte Stück durchs Gras. Sie wollte ganz ans Wasser ran.

Wie seltsam alles aussah im Mondlicht. Das Schilf, die Weiden. Leichter Wind säuselte sacht in den Zweigen. Keine Ente war zu sehen. Das Wasser war schwarz wie Tusche. Tagsüber konnte Judith Goldfische beobachten, Wasserkäfer, Wasserflöhe, vielleicht Frösche. Jetzt sah sie nichts. Judith setzte sich nieder. Das Gras war ein wenig feucht. Aber das machte nichts. Der Mond spiegelte sich im Wasser. Judith betrachtete ihren Freund mal oben in Himmel, mal unten im Wasser.

Wenn der Wind über den Teich strich, dann kräuselte sich das Spiegelbild des Mondes. Auch die kleinen, weißen Wölkchen um ihn herum verschwammen. Glätteten sich die Wellen, wurde alles klar. Lustig, das anzuschauen.

Judith schaute wieder hoch. Mitten in all den Wolken und den Sternen stand ihr Freund und lachte zu ihr herunter. Gerne, wie gerne würde Judith ihren Mond besuchen. Aber wie sollte sie das machen? Was sollte sie überhaupt jetzt machen? Sollte sie schon nach hause gehen? Lust hatte sie keine. War ja nicht müde. Und wollte auch erst ins Bett, wenn der neue Tag schon angefangen hatte.

Was war denn das da drüben? "Da bewegt sich doch was am andern Ufer!" dachte Judith, "das ist doch - ja, da läuft was. Ein Tier, ein Hund?" Judith schaute angestrengt hin. Angst hatte sie keine. Zur Not konnte sie unheimlich schnell weg wetzen.

Jetzt sah sie etwas. Ein Mensch war das. Ein kleiner Mensch - ein Kind. Genau. Ein Junge.

"Hallo", rief Judith, "Was machst du da?" Keine Antwort. "Hallo, wer bist du?"

"Ich kann dich nicht sehen", schallte es von drüben. Judith sprang auf, hob den Arm und winkte. "Hier bin ich."

"Jetzt kann ich dich sehen. Warte. ich komm' mal rüber."

Nach einer Weile war der fremde Junge da. "Ich heiße Judith, und wie heißt du?"

"Till."

Nun kannten sich die beiden. Judith hatte eigentlich nicht so viel am Hut mit Jungs. Die waren ja eher langweilig. Spielten immer mit ihren Autos. Möglichst ferngesteuert. Tauschten Fußballerbildchen. Guckten Kung-Fu-Filme und machten allerhand völlig uninteressanten und unwichtigen Kram. Es gab nur wenig nette Jungs in der Klasse, aber auch mit denen hatte sie nicht viel zu tun.

Das hier, mitten in der Nacht, das war schon etwas völlig anderes. Deshalb wollte Judith wissen, was Till hier machte. Und Till erzählte, wie ungeheuer gemein seine Eltern waren. Sie steckten ihn immer ins Bett, obwohl er noch kein Fitzelchen müde war. Aber das ließ er sich nicht mehr bieten. Wenn seine Eltern ihn nicht freiwillig wach bleiben ließen, dann machte er eben Nachtwanderungen.

Judith erzählte, dass es ihr ganz genauso ging. Eltern scheinen sich alle irgendwie zu gleichen.

Judith hatte das merkwürdige Gefühl, nach diesen wenigen Worten, dass Till irgendwie anders war. Mit ihm würde sie sich vielleicht gut verstehen, vielleicht richtige Freunde werden. Judith wunderte sich über sich selbst. Aber das war halt so. Beide beratschlagten, was sie tun sollten. Judith sagte: "Am liebsten würde ich zum Mond fliegen. Aber das geht ja nicht."

"Klar geht das", entgegnete Till. "Ich habe das schon öfters gemacht."

Judith wollte es nicht glauben. Das konnte einfach nicht gehen. Aber Till fragte, ob Judith ein Fahrrad hätte und ob sie damit fahren könnte. Klar hatte sie ein Rad, klar konnte sie damit rumrasen, wenn's drauf ankam.

"Fahr nicht wie eine gesengte Sau!" schrie Vati ihr oft genug hinterher. Und Mutti sagte ihm, er solle sich anders ausdrücken.

Till schickte Judith das Rad holen und wollte die andern Sachen besorgen. Die Kinder trennten sich, denn Till wohnte genau in der entgegen gesetzten Richtung. Aber überhaupt nicht weit.

Judith trottete los. Zum Mond - das ging nicht. Aber man konnte so spielen als ob. Würde bestimmt lustig werden.

3 WELTRAUMFAHRRÄDER

Judith war mit ihrem Rad längst am Treffpunkt. Sie wartete und wartete. Kein Till erschien. Judith war sauer. Ganz schön gemein, einfach nicht zu kommen. Schließlich gab sie auf. Enttäuscht stieg sie auf ihr Rädchen und trat in die Pedale. ‚Typisch Jungs', dachte sie.

"Halt, Judith, warte doch!" rief jemand hinter ihr her. Wie freute Judith sich. Till kam schwer bepackt angeradelt. Was der alles anschleppte! Na klar, das konnte Till nicht schneller schaffen.

Judith half Till, die Sachen abzuladen. Die beiden breiteten sie auf der Wiese aus. Till schaute nach, ob alles da war. Er hatte mitgebracht:

* zwei Raumanzüge,
* zwei Raumhelme,
* vier Raketen,
* Astronautenkost und
* eine Werkzeugkiste.

Judith staunte. "Woher hast du das alles?"

"Mein Vater arbeitet beim Raumfahrtinstitut. Das hat er mir alles mitgebracht. Alles echt. Alles funktioniert. Aber was ich damit mache, das weiß mein Vater nicht. Und meine Mutter auch nicht."

"Aber das ist doch viel zu klein für echte Astronauten. Machen die denn auch Kinderweltraumanzüge?" wollte Judith wissen.

"Nein, die stammen von Affen. Weißt du, früher hat man Affen in den Weltraum geschossen. Und diese Anzüge passen Kindern haargenau. So, und jetzt montieren wir alles an unsere Räder."

Das war schnell gemacht. An jedes Rad kamen hinten zwei Raketen. Dann wurden ein paar Kabel verlegt. Fertig waren die Weltraumfahrräder.

Till erklärte, wie sie funktionierten.

"Mit dem Lenker wird ganz normal gelenkt. Wenn du dran ziehst, fliegst du nach oben. Wenn du runterdrückst, fliegst du nach unten. Willst du schneller, einfach in die Pedale treten. Und langsamer, einfach bremsen. Capito?" -

"Capito", antwortete Judith, "ist doch nicht schwer."

Nun erklärte Till noch den Start. Schwung holt man von dem Berg. Man muss ordentlich reintreten. Auf der andern Seite, wo's hochgeht, zieht man kräftig am Lenker, und schon hebt das Weltraumfahrrad ab.

Die beiden zogen die Raumanzüge an. Täuschte sich Judith, oder rochen sie ein wenig nach Zoo? Till stülpte sich seinen Raumhelm über, und Judith tat das auch. Till musste ihr helfen, ihn richtig zu verriegeln. Dann schoben sie ihre Räder auf den Berg.

Till fuhr vor. Judith sollte alles genau nachmachen.

Jetzt rast Till los. Als er unten ist, braust Judith hinterher. Ein schönes Spiel', denkt sie. ‚Ganz toll!' Wie staunt sie, als Tills Fahrrad plötzlich zischt und kracht. Schwarzer Rauch und Feuerstrahlen kommen aus den Raketen. Und dann hebt Till ab. Hebt ab vom Erdboden.

Er fliegt.

Einen Moment weiß Judith nicht, ob sie sich das traut. Aber schon ist sie unten im Tal, auf der andern Seite geht es hoch. Judith gibt sich einen Ruck. Was Till kann, das kann sie auch. Judith zieht kräftig am Lenker. Die Raketen zünden unter ihr. Mit Gezische geht es in die Höhe. Toll, toll, toll!

Till fliegt langsamer, damit Judith ihn einholen kann. Sie üben ein bisschen. Kurve links, Kurve rechts, steil nach oben, Sturzflug nach unten. Judith dreht eine Runde hoch über ihrem Haus. Bald hat sie kapiert, wie das Raketenrad fliegt. Sie kann so schnell werden wie sie will - und so langsam, dass sie fast in der Luft steht. Toll, toll, toll!

Verlieren kann Judith Till nicht. Sie sieht ja seinen Feuerschweif am Fahrrad. Und beide können sich mit der Sprechfunkanlage unterhalten. So was ist heutzutage in jedem Raumfahrerhelm eingebaut.

"Und jetzt geht's ab zum Mond!" ruft Till Judith zu.

4 MONDLANDUNG

Schneller als gedacht, unglaublich schnell, kam der Mond näher. Immer näher. Schon sah er nicht mehr aus wie eine Kugel, sondern wie eine große, leuchtende Insel im tiefschwarzen Meer des Weltraums. Berge, Täler, Felsen und große, flache Ebenen erkannte Judith. Fast konnte sie mit dem Fuß die Bergspitzen berühren.

"Mach' mir jetzt alles genau nach!" rief Till durch den Lautsprecher. "Ist Klar", meldete sich Judith.

Till wurde langsamer und näherte sich einem flachen Bodenstück. Sie waren so tief, dass Judith im Mondstaub etliche Fahrradspuren sah. "Bist wohl schon öfters hier gelandet?" fragte sie Till. "'Türlich", bestätigte der stolz.

Jetzt noch etwas langsamer und noch etwas tiefer. Ein Ruck, die Räder setzen auf, rollen ein Stück aus. Die Beiden sind gelandet! Sie steigen ab. Stehen auf dem Mond. Ein kleiner Schritt für die Kinder, aber ein Riesenschritt für die Kindheit!

Judith sah sich die vielen Fußstapfen von Tills früheren Reisen an. Auf dem Mond gibt es keine Luft und deshalb auch keinen Wind. Deshalb bleiben Fußstapfen und Fahrradspuren für immer zu sehen.

"Komm mit", sagte Till. Er ging voraus zu einem Mondkrater. Judith merkte, wie gut er sich auskannte. Sie stapfte hinterher. Wie leicht sie hier war. Wie leicht sich das Rad schieben ließ! Ja, auf dem Mond ist alles viel leichter. Fast so als würde man im Wasser schwimmen.

Till und Judith stellten ihre Räder am Kraterrand ab. Till schloss seines ab. "Wieso machst du das? Auf dem Mond gibt es doch keine Lebewesen, soviel ich weiß."

"Man kann nie wissen", sagte Till mit einem verschmitzten Lächeln. Sicherheitshalber schloss Judith ihr Rad nun auch ab.

So richtig kannte sich Judith noch nicht aus mit der niedrigen Schwerkraft. Sie schaute sich um, war stolz und glücklich. Vor lauter Freude machte sie einen Sprung ins Vakuum. Du weißt sicher, was Vakuum ist? Vakuum ist jedenfalls das, wenn nicht einmal Luft da ist. Auf der Erde hätte Judith einen Luftsprung gemacht - auf dem Mond machte sie einen Vakuumhopser.

Wie wunderte Judith sich. Sie sprang viel höher als sie wollte, sprang fast über Till hinweg. Und das mit diesem kleinen Freudenhopser. Langsam schwebte sie zum Mondboden zurück. Judith gefiel das gut. Wie eine Verrückte sprang sie immer wieder hoch.

"Nun lass es aber bleiben", mahnte Till, "das kannst du noch oft genug machen. Lass uns lieber gehen."

"Wohin?" fragte Judith neugierig.

"Wirst schon sehen."

Till ging vor, stieg den Krater hinab. Judith hopste hinterher. Teilweise rutschte sie mit dem Geröll ein Stück hinab. Weh tat sie sich nicht. Denn sie war leicht. Und der Raumanzug war dick und stabil.

Unten, im Grund des Kraters angekommen, sah Judith riesige Felsen. Till klopfte kräftig an eine Felswand und rief: "Robert, Robert, Robert "

Noch ehe Judith fragen konnte, was das sollte, schob sich die Felswand geräuschlos beiseite. Ein Roboter rollte heraus.

5 ROBERTS HÖHLE

"Hallo Robert", begrüßte Till den Roboter. "Guten Tag Till", antwortete der. Die beiden schienen sich gut zu kennen. "Wen hast du denn da mitgebracht, hier herunter zum Mond?" wollte Robert wissen. "Meine neue Freundin. Judith heißt sie."

Judith wunderte sich über zwei Dinge. Einmal sind sie doch herauf geflogen, zu Mond - und nicht herunter, wie der Roboter sagte. Und dann, was noch krasser war - hätte sonst ein Junge gesagt, Judith sei seine neue Freundin, dann hätte sie sich werweißwie aufgeregt. So aber fühlte sie sich beinahe schon geschmeichelt.

Der Roboter rollte auf Judith zu, reichte ihr seine Hand und machte eine kurze Verbeugung. "Freut mich sehr, die junge Dame, die Freundin meines Freundes, kennen zu lernen."

"Fe... Fe... freut mich auch, dich kennen zu lernen - äh, SIE kennen zu lernen, meine ich", sagte Judith. Sie war reichlich verdattert. Gute Manieren hatte er, der Roboter, sehr gute Manieren. Und lustig sah er aus mit seinen Antennenohren, den runden Kugelaugen und der roten Blinkenase.

"Darf ich die beiden Besucher denn in mein bescheidenes Reich bitten?"

"Da freuen wir uns schon drauf", antwortete Till. Und Judith freute sich mit, obwohl sie nicht wusste, was Roberts Reich war. Aber hier auf dem Mond zu sein, das war schon toll. Toll, toll, toll. Und nun ein Roboter. Ein echter, lebendiger Roboter. Fast lebendig, muss es heißen. Fast war es so, als sei er lebendig: der Roboter Robert.

"Und im übrigen", erklärte Robert, indem er voraus in einen schmalen Gang rollte, "im übrigen kann die junge Dame gerne 'du' zu mir sagen. Wenn es ihr recht ist, vorausgesetzt. Ich heiße Robert."

"Das ist mir eine große Ehre. Mein Name ist Judith. Judith Eulering. Nur eines würde ich gerne wissen, Robert. Hast du auch einen Nachnamen?"

"Ja. Ich heiße Robert Robertson." Lustig klang das: der Roboter Robert Robertson.

In dem Gang war kaum etwas zu sehen. Ein bisschen Licht drang von draußen rein. Aber auch das war bald vorbei. Die Luke knallte hinter den Dreien zu. Aber einen Knall hörte man nicht. Denn wo keine Luft ist, da gibt es keine Geräusche. Auf dem Mond ist nun mal keine Luft. Aber deutlich spürten die Kinder durch die Fußsohlen, wie das Tor zurummste.

Jetzt sah Judith absolut gar nichts mehr. Dafür hörte sie über die Außenmikrofone ein leises Zischen. Das wurde immer lauter. Dann sagte Till: "So, du kannst deinen Helm abnehmen. Robert hat Luft rein gelassen." Judith fummelte eine Weile rum, bis sie den Helm in der Dunkelheit abbekam. Tills und Roberts Schritte entfernten sich. Endlich fertig mit dem Raumhelm, bereute Judith es sogleich. Mit einem Satz sprang sie hinter den Kameraden her und - "Auuu", - hatte sie sich die Birne gestoßen.

"Was hast du?" fragte Judith. "Hab' mich gestoßen. Kann nix seh'n! "

"Ach du Schreck", tröstete Till. "Das ist mir anfangs auch passiert. Gib Acht, der Gang wird hier noch niedriger. Ich kenne den Weg schon im Schlaf."

"0h, ich muss mich entschuldigen", ließ sich Robert mit seiner Lautsprecherstimme vernehmen. "Daran habe ich gar nicht gedacht. Ich selbst habe Radar eingebaut. Und mein Erdenfreund Till kennt den Weg wie im Schlaf. Das ist genauso gut wie Radar." Während er noch sprach, wurde es hell. Robert hatte eines seiner Lämpchen eingeschaltet.

Tatsächlich. Der Gang wurde enger. Und einige gemeine Vorsprünge hingen herab. Im Dunkeln hätte Judith sich garantiert noch öfter gestoßen.

Erneut standen die drei vor einer Felswand. Auf einen ferngesteuerten Befehl Roberts hin rollte die Wand mit einem tiefen Grummeln zur Seite.

Helles Licht fiel in den Gang. Judith musste die Augen zusammenkneifen. Eine riesige Höhle tat sich vor ihr auf. Sie war so hoch, dass man kaum die Decke erkennen konnte. Die Felswände hatten einen tiefblauen Farbton und sahen aus wie ein Himmel mit einigen grauen Wolken. Weit weit weg leuchtete eine riesige, runde Lampe. Die sah aus wie eine Sonne.

Und das schönste war: Nur ein paar Schritte, und Judith stand auf einer saftigen, weichen Wiese aus dichtem Gras, dicht wie ein Moosteppich. Sich achtete nicht mehr darauf, wie sich hinter ihr das Felsentor zuschob. Sie staunte über die vielen bunten Blumen. So schöne hatte sie auf der Erde niemals gesehen. Und wie das alles duftete!

Regungslos und begeistert starrte Judith in die Umgebung. Kleine Hügel, fast soweit das Auge reichte, nicht weit weg ein paar Obstbäume. Etwas weiter eine richtiger Wald. "Komm mit", unterbrach Tills Stimme Judiths verträumten Blick. "Du kannst den Raumanzug ausziehen. Die Luft hier ist besser als bei uns unten."

Judith tat wie ihr geheißen. Sie und Till verstauten die Anzüge neben dem Felsentor. Judith folgte gehorsam ihren Freunden und wusste nicht, wohin es ging. Sie kam aus dem Staunen nicht heraus. Kleine, blühende Büsche säumten den Weg. Eine schmale Holzbrücke führte über einen plätschernden Bach, der sich durch die Wiese schlängelte.

Und bald tauchte hinter einer Hecke ein schnuckeliges Holzhaus auf. In der Mitte eine Tür, links und rechts ein Fenster mit Klappläden. Und über der Tür ein weiteres Fenster. Darüber das schiefergedeckte Dach. Das stand weit über und sah unglaublich gemütlichen aus.

Robert öffnete die Tür. Sofort drängten sich ein Hund, eine Katze und ein Kaninchen aus der Tür. Die Katze fragte: "Robert, wen hast du denn da mitgebracht?" Judith stand der Mund offen. Eine sprechende Katze! Gab es auf dem Mond denn nur Wunder?

Robert erklärte der Katze das mit Tills Freundin von der Erde. Und Till erklärte Judith: "Auf dem Mond können die Tiere alle reden." Dann stellte sie Judith die Haustiere vor. Die Katze, das war Maxi, der Hund war Siggi, und Prinzesschen hieß das Kaninchen.

Nun ging es hinein in die Küche. Die Kinder setzten sich auf eine Holzeckbank. Die Tiere scharten sich darum herum. Robert tafelte auf. Erst jetzt merkte Judith, dass sie richtigen Hunger hatte. Was da alles auf dem Tisch stand: Käse, Marmelade, Wurst, Fleisch, Butter, Honig, Gebäck und frische Brötchen. Obstsaft gab's dazu, Kirsch, Apfel und Orange zum Aussuchen.

Kinder wie Tiere hauten rein was das Zeug hergab. Robert schaute vergnügt zu. Als alle fertig waren, räumte er ab. Wieso hatte er nichts gegessen? Nun, Maschinen essen nichts. Selbst wenn sie noch so menschlich sind.

Jetzt besichtigten alle das Haus. Neben der Küche ging's ins Wohnzimmer mit einem bequemen Sofa und gemütlichen Sesseln.

Vor einem großen Fenster, durch das der Garten hereinschaute, stand ein Aquarium. Darin tummelten sich zwei Wasserschildkröten. Als sie merkten, dass jemand Neues reinkam, streckten sie ihre Köpfe aus dem Wasser und erkundigten sich nach Judith. Und Siggi, der schwarze Zottelhund, erklärte alles. Er nannte Judith die Namen der beiden Wassertiere: Schildi und Kröti. Dann stellte er ihr die ganzen Fische vor, die zahlreich umher schwammen. Jeder einzelne dieser bunt schillernden Flossenträger nickte, als sein Name genannt wurde. Judith konnte sich beim besten Willen nicht die dreiunddreißig Namen merken. Aber einige recht lustige waren dabei: Wasserraser, Wellepelle, Hopsepops und Schnupsstrich.

"Hören können die Fische offenbar. Aber können sie auch sprechen?" fragte Judith. Prinzesschen legte das Ohr ans Aquarium, und Judith machte es ihm nach.

Tatsächlich. Ganz leise hörte sie an der Glaswand ein Gepisper. Zuerst konnte sie nichts verstehen. Dann hörte sie. wie Wellepelle zu Schnupsstrich hinüber flüsterte:

"Sieht sehr nett aus, Roberts neue Erdenfreundin Judith." Judith freute sich, dass sie bei den Fischen auf dem Mond gut ankam.

6 SCHILDKRÖTEN

Alle marschierten jetzt in die erste Etage. Dort war das Schlafzimmer der Tiere und Roberts eigene Ruhestelle. Ein Roboter braucht keinen Schlaf. Aber ab und zu muss er sein Elektronengehirn durchsortieren. Das nennt sich in der Computerfachsprache ‚AUSMISTEN'. Dabei wird alles überprüft, was im Gedächtnis drin ist, was auf keinen Fall irgendwann mehr gebraucht wird, das wird gelöscht. Damit das Gedächtnis nicht mit allzu viel unnützem Kram überlastet wird. Und in dieser Zeit, beim Ausmisten, kann das Elektronengehirn nicht allzu viel anderes arbeiten.

Robert hat sich seinen Haustieren angeglichen. Selber hat er sich so programmiert: Das Ausmisten geht dann vonstatten, wenn die Hausgenossen schlafen.

Roberts Schlafstätte ist Marke Eigenbau. Die sieht nicht aus wie ein Bett. Auch nicht wie eine Hängematte. Die sieht eher aus wie das Dach von einem Himmelbett. Von oben hängen nur ein paar Haken und Ösen herunter. Robert führte vor, wie er sich dort immer einhakt. Arme, Fußrollen und Kopf kommen je in eine Schlaufe. Dann stellt er sich den Hauptstrom ab und kann seelenruhig ratzen. Wenn er will, kann er sogar träumen. Dann erscheint ihm noch mal kurz das, was gerade ausgemistet wird. Er kann die Träume auch abschalten. Dann hat er absolute Ruhe.

Aber lange schlief er nicht, diesmal, der Roboter Robert Robertson, Er wollte nur zeigen, wie er das macht. Während er aus seinen Halteschlaufen herauskletterte, führten die Tiere Judith zu ihren Schlafstätten.

Das Kaninchen Prinzesschen hat eine gepolsterte Höhle, die mit Heu weich ausgefüllt ist. Wenn es will, kann es die Luke dicht machen. Dann hat es absolute Ruhe.

Die Katze Maxi hat einen Korb, der mit Schmusekissen ausgelegt ist. Wenn sie will, kann sie eine Haube herunterlassen. Da sind nur Luftlöcher drin. Dann hat Maxi ihre absolute Ruhe.

Und Siggi, der Hund, hat ein richtiges Bett mit Matratze, Kissen und Bettbezug. Da wühlt er sich so richtig ein, nachdem er sich dreimal im Kreis gedreht hat. Das ist uralte Hundetradition. Wenn er will, kann er die Bettdecke über den Kopf ziehen. Dann hat er seine absolute Ruhe.

Nach dieser Vorführung ging es die Treppe 'runter. Judith ließ es sich nicht nehmen. Sie hopste wie ein Tischtennisball von Stufe zu Stufe. Bis fast an die Decke sprang sie jedes Mal. Die geringe Schwerkraft machte ihr immer noch viel Spaß.

Maxi hatte eine Überraschung für die beiden Freunde von der Erde. Sie wollte ihnen im Wald etwas zeigen. Aber kaum waren sie im Wohnzimmer, da hörten sie Schildi und Kröti fürchterlich streiten.

Schildi beschwerte sich, dass sie so klein war, obwohl sie älter war als Kröti. Ein richtiger Wasserschildkrötenzwerg war sie. Und sie schimpfte mit Kröti, dass die sie immer rumkommandierte.

Judith hatte eine Idee. "Du kannst ja mal unsere Astronautenkost probieren. Die hat Vitamine und Aufbaustoffe. Vielleicht wächst du dann noch ein bisschen"

Schildi wollte das gerne versuchen. Sie futterte gleich ein großes Stück der Tubenkost. Und KRACKS-KRACKS-KRACKS wuchs Schildi in die Länge und in die Breite. Schon hatte sie Kröti eingeholt, und schon war sie ein Stück länger.

Jetzt fing Kröti an zu lamentieren. Das hatte sie nicht verdient, dass sie zur Kleinsten wurde. Judith und Till tuschelten miteinander. Schnell waren sie einer Meinung. Auch Kröti gaben sie etwas von der Astrokost - nicht zu viel. Und KRACKS-KRACKS-KRACKS wuchs Kröti in die Länge und in die Breite. Schon hatte sie Kröti eingeholt. Und dann wuchs sie nicht mehr weiter. Beide waren gleich groß. Und beide waren zufrieden.

Nun kam Maxis Überraschung an die Reihe. Sie führte die Kinder in den Wald hinaus. Nach einer kurzen Strecke kamen sie an eine kleine Lichtung. Maxi forderte die Beiden auf, zu suchen. "Was denn?"

"Sag' ich nicht. Sucht nur."

Judith und Till fingen an zu suchen und wussten nicht, was. Trotzdem schauten sie hinter Büsche und Bäume, hinter Steine und Moosteppiche. Fast gleichzeitig schrieen sie auf. Bunte Ostereier entdeckten sie, schön bemalt mit lustigen Zeichnungen. Sie fanden Schokohasen, Zuckereier und Marzipanhühnchen. In einem Fuchsbau stand ein Korb. Die Freunde legten ihre Sachen hinein.

"Aber heute ist doch gar nicht Ostern", bemängelte Till.

"Auf dem Mond ist das anders", erklärte Maxi. "Hier ist genau heute Ostern." Nun gut, umso besser.

Judith wollte wissen, wieso sie auch mit Geschenken bedacht war. Niemand konnte ahnen, dass sie mitkam.

"Das ist mein Geheimnis", sagte Maxi, und sonst sagte sie keinen Mucks.

Till lief ein Stück voraus. Als Judith sie eingeholt hatte, flüsterte sie ihr ins Ohr: "Maxi kann ein bisschen hellsehen, weißt du!"

Die drei kamen glücklich bis überglücklich zum Häuschen zurück. Robert mahnte, es sei Zeit zum Rückfahren, Rückfahren auf die Erde. Er geleitete die Beiden an den Ausgang aus seinem Reich, aus seiner Höhle.

Till und Judith zogen ihre Raumanzüge an. Robert öffnete ferngesteuert das Tor. Er ließ die Lampe an seinem Kopf leuchten. Judith kannte schon einige Vorsprünge. Sie merkte sie sich gut. Denn sie wollte wiederkommen. Und dann ohne Licht durch den Gang marschieren. Wie Till. Ohne sich zu stoßen.

Schnell waren sie draußen. Till klopfte Robert auf die Rüstung.

"Machs gut, alter Kumpel."

"Auf Wiedersehen, guter Freund von der Erde. Auf Wiedersehen, meine neue Freundin Judith. Ich hoffe, ich sehe die beiden jungen Erdenmenschen recht bald wieder. Mein bescheidenes Reich steht ihnen jederzeit zur Verfügung."

Robert winkte den Beiden zu und verschwand im Gang. Die Felswand rollte davor. Die Freunde spürten die Erschütterung in den Fußsohlen. Hören konnten sie nichts mehr.

7 DIEBSTAHL

Judith und Till krabbelten den Kraterrand hoch. Ganz schön anstrengend. Obwohl auf dem Mond alles sechs Mal so leicht ist wie auf der Erde. Judith war der Hinweg so kurz vorgekommen. Aber da ging's ja bergab.

Endlich waren sie am Kraterrand angekommen. Sie kletterten rüber, gingen ein Stück und dann um einen Felsen herum. Da mussten die Räder sein. Die Räder waren nicht da!

Judith riebt sich die Augen. Die Räder waren weg. Das durfe doch nicht wahr sein! Auch Till schaute ganz verdattert drein. "Haben wir sie woanders abgestellt?" Judith wusste genau, dass sie hier standen und nirgends anders. Aber etwas Besseres zu sagen fiel ihr nicht ein.

"Wir haben sie hier abgestellt", sagte Till. "Ich weiß es genau. Aber hier sind sie nicht. Das sieht man ja. Komm, lass uns suchen."

Kopflos rannten beide los, guckten hinter jeden Felsen, jeden Vorsprung und in jede Nische. Aber nichts war da, nichts, nichts, nichts. Judith war den Tränen nahe. Sie wollte auf die Erde. Bald würden ihre Eltern aufwachen und sie suchen. Aufregend war es hier oben, aber - hier war sie nicht zu Hause. Fast fing sie an zu schluchzen.

"Komm, wir gehen noch mal zurück", hörte Judith Till sagen. Da fasste sie neuen Mut. Klar, nicht gleich aufgeben.

Am Platz, wo sie die Räder abgestellt hatten, gab es seltsame Vogelspuren. Oder Hühnerspuren. So groß wie Menschenfüße. Seltsam. Ganz seltsam.

"Gibt es denn hier Hühner?" fragte Judith. "Ich weiß nichts davon. Ich, ich kenne nur Robert und seine Freunde. Aber ich weiß nicht alles vom Mond. Und jetzt habe ich eine Idee. Wir fragen Robert um Rat."

Bevor die Freunde wieder den Krater hinab stiegen, schauten sie sich die Spuren genauer an. Zwei Spurenpaare gingen weg, zu einem Berg hin. Und die Fahrradspuren verliefen genau daneben. Keine Frage mehr, die Vogelwesen hatten die Räder geklaut. Die Spuren gingen soweit das Auge sie verfolgen konnte. Ihnen nachzugehen bedeutete auf jeden Fall, zu spät zur Erde zurückzukommen.

Deshalb kletterten Judith und Till wieder in den Krater. Schon unterwegs nahmen sie per Funk Kontakt mit Robert auf und erklärten kurz, was passiert war. Komisch, dass Till das nicht auch vorhin schon getan hatte, Robert anfunkten. Stattdessen hatte er an das Felsentor geklopft. Obwohl sie so in Sorge war, fragte Judith danach.

"Das hängt damit zusammen, wie wir uns kennen gelernt haben", erläuterte Till. "Aber das werde ich dir ein andermal erzählen."

Kaum waren sie unten, ging das Felsentor auf. Robert trat heraus und sagte gleich, er würde die beiden mit seinem Mondauto nach oben bringen. Ferngesteuert öffnete er ein weiteres Felsentor, den Eingang zu seiner Felsengarage. Von außen konnte man nichts davon sehen. Gut getarnt.

Robert bat die Kinder ins Auto. Sofort brauste er los. Till berichtete von den großen, Hühner- oder Vogelspuren. Robert sagte nichts dazu. Er steuerte und dachte nach. Und schon war er auf der Wiese am kleinen Weiher gelandet.

"In genau einer Woche werde ich die Freunde von der Erde abholen", versprach der freundliche Roboter Robert Robertson. "Ich werde in dieser Zeit Erkundigungen anstellen und hoffe, der jungen Dame und dem jungen Herrn dann ihre Raketenräder zurückgeben zu können. Im Namen aller Mondwesen bitte ich meine Freunde von der Erde um Verzeihung. Mondwesen sind im Allgemeinen keine Diebe. Wer immer die waren, die die Räder gestohlen haben mag, die werden wir finden und zur Rede stellen. Das Mondgericht wird sie verurteilen und bestrafen."

"Danke, Robert", sagte Till. "Es wird schon alles gut gehen. Bis in einer Woche. Vergiss uns nicht."

"Vergessen kann ich nichts."

"Entschuldigung, das hab' ich ganz vergessen", entschuldigte sich Till.

"Alles gute und auf Wiedersehen", verabschiedete sich Judith. Sie winkten kurz. Robert winkte zurück, zündete die Raketen und -ZISCH, weg war er.

Die neuen Freunde mussten sich trennen. Ein tolles Abenteuer hatten sie miteinander erlebt. Es kam ihnen vor, als würden sie sich schon immer kennen.

Judith schlich leise, leise, leise ins Haus zurück. Es klappte gut. In ihrem Zimmer zog sie sich aus. Im Bett fielen ihr sofort die Augen zu. Sie sank in einen tiefen, tiefen Schlaf.

Wenige Minuten später wollte Mutter sie wecken und bekam sie kaum wach. So etwas hatte sie noch nie erlebt bei ihrer Tochter. Sonst sprang sie bei dem kleinsten Geräusch aus dem Bett. Richtig rütteln und schütteln musste sie ihre Kleine.

Als Judith endlich die Augen aufschlug, fragte Mutter: "Was ist denn los mit dir?"

"Ach, ich war auf dem Mo-o-o-nd", antwortete Judith gähnend.

"Das muss aber ein anstrengender Traum gewesen sein", lachte Mutter und schickte Judith ins Bad. Judith war heilfroh, dass ihr Mutter nicht glaubte. Schlimm genug, dass sie sich verplappert hatte. Wie hätte sie das alles erklären sollen?

8 NACH EINER WOCHE

Die Schule am Freitag war schon hart. Aber irgendwie ging sie doch glimpflicher vorbei als gedacht. Bei irgendwelchen Müdigkeitserscheinungen brauchte Judith nur an das Abenteuer denken. Da war sie wieder hellwach. Trotzdem war am Nachmittag nicht so sehr viel mit ihr los. Sie traf sich zwar mit Till, aber nach den ersten aufgeregten Erinnerungen gähnten sich beide gegenseitig was vor und beschlossen, es für heute gut sein zu lassen.

Der Rest der Woche verging rasant. Judith und Till gluckten jeden Tag zusammen. Zuerst beredeten sie die Ereignisse auf dem Mond. Konnten sich einfach nicht erklären, wer die Räder gemopst hatte. Bald spielten sie alles Mögliche miteinander: Pferdchen, Zirkus, Playmo und Lego. Zwischendurch schleppte Till Judith immer wieder mal in die Werkstatt seines Vaters und erklärte ihr die vielen Gerätschaften und zeigte ihr Einzelheiten an den Raketen, Raumanzügen und sonstigem Zubehör.

Und sie tollten viel, viel, viel draußen 'rum. Judith konnte fast so schnell rennen wie Till. Dafür kletterte sie aber ein bisschen besser.

"Heute Abend ist es soweit, Ju", erinnerte Till auf dem Spielplatz.

"Was denn, Tilli?" Die Beiden saßen auf einem Kletterhaus auf dem Spielplatz. Längst hieß Judith ‚Ju' und Till ‚Tilli'. Die Kurzform Tilli war zwar nicht besonders originell, aber ein Spitzname musste schon sein.

"Na, die Woche ist doch rum."

"Welche... ach ja, hätte ich nicht gedacht, dass es schon so weit ist. Aber du hast Recht. Ist ja schon wieder Donnerstag. Hoffentlich klappt alles. Gut. Ich gehe jetzt."

Judith sprang mit einem Satz vom Dach des Spielhäuschens. Dann rannte sie los. Am Rand des Spielplatzes drehte sie sich noch mal um, winkte Till zu. Und was tat der? Winkte zurück, natürlich.

Mutti fiel fast aus allen Wolken. Ihre Judith ging ?! freiwillig ?! ins Bett. Sie schien sogar sehr schnell einzuschlafen. Musste richtig müde sein. Oder war sie gar krank? Das gab es noch nie, dass das Kind alleine ins Bett ging. Mutter wollte sich überzeugen, dass es sich nicht um einen Trick handelte. Vielleicht schaute sich Judith heimlich Bücher an. Als Mutter zur Tür rein späte, lag Judith friedlich im Bett, schlief tief und fest. Ein liebes Kind. Süß, wie sie aussah, im Schlaf. Ein richtiges Engelchen.

‚Doch kein Trick', dachte Frau Eulering.

‚Gut geklappt, der Trick!' dachte Judith.

Nun dauerte es ein Weilchen. Mit gespitzten Ohren lag Judith im Bett und lauschte auf die Geräusche der Eltern. Glubschten fern. Verschwanden im Bad. Die elektrische Zahnbürste brummte ganz schön laut. Toilettenspülung. Und nochmals Toilettenspülung. Getrappel ins Schlafzimmer. Türen zu.

"Ach bin ich heut' groggy", brummelte Paps. Gähnte herzzerreißend. "Ist mir auch ganz recht", antwortete Mams. Gähnte ebenfalls. Und bald schon hörte Judith regelmäßiges Bäumesägen durch die dünnen Zimmerwände.

Sie wusste, ein Geräusch durfte sie nicht machen. Sie bewegte sich langsam wie eine Schnecke. Bettdecke zur Seite. Aufgerichtet. Bei jedem Knarren der Matratze eine Pause. Bald saß Judith, bald stand sie. Die Kleidung hatte sie in der richtigen Reihenfolge bereitgelegt: Unterbuxe und Unterhemd, Strumpfhose, Hose, Pulli. Die Schuhe nahm sie in die Hand.

Vorsichtig, ganz vorsichtig aus dem Zimmer geschlichen. Zum Glück hatte Mutti einen Spalt offen gelassen, damit das Kind frische Luft kriegt. Noch die Treppe runter. Kaum eine Stufe knarrte. Judith wusste noch fast alle Stellen vom letzten Mal und trat woanders auf.

Unten die Schuhe angezogen und die Jacke übergestreift. Vorsichtig, ganz vorsichtig die Haustür aufgeschlossen. Raus. Und wieder zugeschlossen. Den Schlüssel unter dem Stein verstecken.

Uff, das hatte geklappt. Viel besser als vor einer Woche.

Judith schaute nach oben. Der Mond war' nur halb voll. Kaum Wolken am Himmel.

Till wartete schon, als Judith bei der Wiese ankam. Robert war noch nicht da. "Ob der uns vergessen hat?"

"Ein Roboter KANN nichts vergessen", erinnerte sie Till.

Und kaum war das gesagt, da sah man hoch oben einen dünnen, dünnen Feuerstrahl. Wie eine Sternschnuppe schoss er daher, schoss genau auf die Wiese zu. Und wurde rasend schnell größer. Mit Getöse kam Robert angeschossen.

Schnell saßen die Freunde im Raumauto. Die Kinder zogen unterwegs die Raumanzüge an. Währenddessen erzählte Robert, was auf dem Mond passiert war.

9 ROBERTS ERKENNTNISSE

Fast eine Woche war es her. Nachdem Robert die Freunde zur Erde gebracht hatte, hing er sich erst einmal zum Schlafen auf. Gleich am nächsten Tag suchte er die Umgebung ab. Er verfolgte die Reifenabdrücke der Raketenräder im weichen Mondstaub. Und er sah die merkwürdigen Vogelspuren. Wirklich, am ehesten glichen sie Hühnerspuren. Aber sie waren so groß wie Menschenfüße. Wie Kinderfüße, genau genommen.

Robert folgte den Spuren. Hühner- und Räderspuren führten zusammen auf einen Berg hinauf. Und auf der andern Seite vom Berg hinab. Genau gesagt: Hier waren nur noch Reifenabdrücke, keine Fußspuren mehr. "Die sind gefahren", kombinierte Till. "So wird es sein", bestätigte Robert.

Den gegenüberliegenden Berg führten die Räderspuren wieder bergauf. Und dann waren sie verschwunden. "Die sind gestartet"", kombinierte Judith. "So wird es sein", bestätigte Robert.

"Woher aber konnten die Hühner wissen, wie man die Räder bedient?" fragte Till. Das konnte Robert nicht sagen.

Er konnte auch nicht sagen, wo die Räder waren. Er hatte gesucht, die ganze Umgebung abgesucht. Fels für Fels, Berg für Berg, Tal für Tal, Krater für Krater, Mondmeer für Mondmeer, Spalte für Spalte. Die ganze Vorderseite suchte Robert ab. Auf die Rückseite traute er sich nicht. Die ist ihm nicht geheuer. Die ist sogar gefährlich. Trotzdem wusste Robert: So eine Klauerei wäre den Rückseitlern gut zuzutrauen.

Am Mittwoch, dem letzten Tag, besprach sich Robert mit seinen Tieren. Vorher hatte er keine Zeit. Weil er ständig unterwegs war.

"Ich habe mal was von Hühnerwesen gehört", meldete sich Prinzesschen, das Mondkaninchen. "Die sollen bei den Hopserbergen wohnen."

"Komisch", sagte Robert. "Jetzt erst fällt mir auf: Ich habe die Hopserberge gar nicht gesehen. Die hätte ich doch sehen müssen. Ich habe die ganze Vorderseite abgesucht. Ist mir gar nicht aufgefallen. Aber jetzt wird mir eines klar: Die Hopserberge sind verschwunden."

Da schalteten sich die Wasserschildkröten ein. Schildi hatte die letzten Tage aus der Tiefe des Mondbodens dumpfe Schläge gehört. Wie wenn Meteoriten einschlagen. Aber diese Schläge bewegten sich von einer Stelle zur andern. Zuletzt hörten die beiden Schildkröten sie etwa zwei Kilometer südlich. "Das könnten sehr wohl die Hopserberge gewesen sein", erklärte Kröti.

"Was ist denn das mit den Hopserbergen?" wollten Judith und Till wie aus einem Munde wissen. Robert setzte mit seinem Mondauto bereits zum Landeanflug an. Er erklärte, was es damit auf sich hat.

Die Hopserberge hopsen alle paar Jahre an einen andern Ort. Nämlich dann, wenn es ihnen an einem Platz nicht mehr gefällt. Dort bleiben sie, schauen sich die Gegend an, gucken, was alles passiert. Und bleiben so lange stehen, bis sie wieder was Neues erleben wollen.

Es sind drei solche Hopserberge. Die bleiben immer zusammen. Nie springt einer alleine weg. Wenn einer schon möchte, die andern aber noch nicht, so wartet er, bis die andern auch soweit sind. Selbst wenn bereits zweie weg wollen, sie müssen warten, bis auch die Nummer drei bereit ist. Und dann wandern sie alle gemeinsam los. Sie hopsen so lange durch die Gegend, bis sie eine Stelle finden haben, die allen gut gefällt.

Und außerdem, so munkelte man auf dem Mond, sollte noch ein weiteres Geheimnis um die Hopserberge bestehen.

Till dachte eine Weile nach. Das alles war wirklich erstaunlich. "Wie unterhalten sie sich denn, diese Hopserberge. Können die denn ganz normal reden?"

"Das weiß man nicht", sagte Robert. Reden können sie nicht. Ist ja keine Luft um sie herum, könnten sich ja gar nicht hören. Wahrscheinlich geben sie sich Klopfzeichen. Wie mit einem Morse-Alphabet."

Die Schildkröten hatten Recht. Die Hopserberge waren in den letzten Tagen gewandert. Robert musste sie verpasst haben. So einfach löst sich manches Rätsel.

Bevor Robert am Donnerstag die Kinder abholte, juckte es ihm in den Fingern. Er wollte unbedingt wissen. ob die Schildkröten Recht hatten. Den kleinen Umweg zwei Kilometer südlich nahm er in Kauf. Ja. Da standen die Hopserberge. Die Zeit, nach den Rädern zu suchen, die hatte er nicht mehr. Robert machte sich auf den Weg zur Erde. Zur Wiese, wo ihn die beiden Freunde erwarteten. Schnell war er unten. Aber ein kleinwenig zu spät kam er doch. Wegen dem Umweg.

10 HOPSERBERGE

Robert drehte eine Runde um die Hopserberge. Er, Judith und Till hielten gebannt Ausschau.

"Da!" schrie Till, "Ich sehe sie!" -

"Tatsächlich, da sind sie!" bestätigte Judith. "Ich sehe keine Räder", ließ sich der Roboter vernehmen. "Nicht die Räder, die Spuren sind da unten", erklärte Judith.

Robert flog näher ran. Nicht zu übersehen. Zwischen dem zweiten und dem dritten Hopserberg erschienen die Fahrradspuren. Auf einer glatten Fläche begannen sie. Hier mussten die Hühner gelandet sein. Robert flog jetzt tief genug. Er verfolgte die Radspuren. Sie führten auf eine schmale Felsspalte zu, auf steinigen Grund. Die Spuren waren nicht weiter zu verfolgen.

"Ich würde den jungen Herrschaften vorschlagen," schnarrte Roberts Lautsprecherstimme, "doch erst mal eine kleine Stärkung zu sich zu nehmen. Dabei könnten wir das weitere Vorgehen besprechen."

Judith und Till waren begeistert. Robert drehte ab und landete kunstgerecht in seinem Heimatkrater. Wieder vergaß er, seine Lämpchen im Gang einzuschalten. Judith stieß sich nicht. Sie kannte noch alle Vorsprünge. Wo sie nicht sicher war, tastete sie sich mit den Händen vorwärts.

"Ogottogott", stöhnte Robert, als sie in seiner Höhle waren. "Habe doch ganz vergessen, meine Lämpchen anzuknipsen. Hoffe, meine Erdenfreundin Judith hat sich nicht verletzt."

"Nein", erklärte Judith stolz. "Ich kenne den Gang schon ganz gut."

In Roberts Häuschen angekommen, begrüßten die Haustierfreunde die Ankömmlinge von der Erde wie die Wilden. Siggi, der Zottelhund, wusste nicht, an wem er zuerst hochspringen sollte. Er rannte von Judith zu Till und zurück. Am liebsten hätte er an beiden gleichzeitig rumgewuselt. Maxi, die Mondkatze, sprang mit einem Satz auf Tills Schulter und fing an zu schnurren. Und Prinzesschen bat Judith: "Nimm mich doch auf deinen Arm."

Judith und Till begrüßten Schildkröten und Fische. Alle redeten aufgeregt. Die Spuren der Räder waren entdeckt. Prinzesschen freute sich, dass es recht hatte: Die Mondhühner wohnten bei den Hopserbergen. Die Schildkröten freuten sich, dass sie recht hatten: Die Hopserberge standen zwei Kilometer südlich.

Inzwischen deckte Robert den Tisch. Dann rief er alle herbei. Wieder tafelte er die leckersten Sachen auf. Judith, Till und die Tiere futterten begeistert drauf los.

"Leider führen die Spuren in eine Felsspalte des dritten Hopserberges hinein und sind auf dem festen Boden nicht zu verfolgen", erklärte Robert seinen Tieren. "Das kann eine umständliche Sucherei werden."

"Braucht es nicht", widersprach Siggi. Ich glaube, ich kann mit meiner Spürnase die Spur verfolgen. "

"Gute Idee", bestätigte Robert. "Du kommst also mit."

"Ich auch. ich auch", riefen alle Tiere durcheinander. "Das wird mir viel zu viel", wehrte Robert ab. "Wenn wir noch einen von euch brauchen, dann werden wir ihn dazu holen."

Die Tiere maulten. Aber wenn Robert ein Machtwort gesprochen hatte, dann hätte ein Erdbeben ausbrechen können. Dann war nichts zu machen.

"Wenn bloß die Raumanzüge nicht so unbequem wären", stöhnte Till.

"Da weiß ich Rat", meldete sich Maxi. "Ich kenne einen Krater, der ist voll gefüllt mit Sauerstoffstaub. Wenn man sich damit einreibt, braucht man den ganzen Tag lang nicht mehr zu atmen."

Das war DIE Idee. Nach dem Essen ging's gleich los. Robert räumte nicht lange auf. Das konnte er machen, wenn die Kinder wieder weg waren. Maxi kam mit, sie musste sogar mit. Denn niemand sonst kannte den Krater mit dem Sauerstoffstaub. Nicht einmal Robert hatte ihn in seinem erweiterten Elektronikgedächtnis gespeichert.

Judith und Till hüpften ohne Raumanzüge aus dem Mondauto direkt in den Kraterstaub hinein. Für den kurzen Sprung hielten sie die Luft an. Sie versanken bis zum Hals in dem lockeren Staub und merkten sofort: Sie brauchten nicht mehr zu atmen. Sie hielten die Luft an und bekamen keine Atemnot. Kräftig massierten sie den Staub in die Haut ein, damit er auch lange hielt. Dann füllten sie einige Tüten damit - für später.

Als sie zurückkamen, wartete Siggi schon am Höhleneingang. Maxi nahm die Sauerstofftüten mit hinein. Nur eine blieb als eiserne Reserve im Mondauto.

Siggi, der Zottelhund, stieg ein, und los ging es zu den Hopserbergen. Unterwegs rieben die Kinder auch ihn ein mit Sauerstoffstaub.

11 HÜHNERVOLK

Landung zwischen dem zweiten und dem dritten Hopserberg. Siggi fand sofort die Spur und verfolgte sie ohne mit der Wimper zu zucken. Er hatte sie sicher in der Nase.

Judith und Till fühlten sich pudelwohl ohne Raumanzüge. Sie brauchten nicht zu atmen. Der Sauerstoffstaub hatte noch eine günstige Eigenschaft: Man konnte sich, war man damit eingerieben, ganz normal unterhalten. Obwohl die Luft fehlt, auf dem Mond. Und kein Geräusch zum Ohr dringen kann. Sauerstoffstaub scheint die Luft komplett zu ersetzen. Was die Atmung betrifft und was die Geräusche betrifft. Siggi, ist klar, der war auch eingepudert. Selbst Robert hatte sich was ins Gesicht geschmiert. Er brauchte zwar nicht zu atmen. Aber er wollte sich mit seinen Freunden unterhalten.

Und dann war der Sauerstoffstaub auch noch wie ein dicker Pelz! Denn auch ohne die Raumanzüge war den Beiden kein bisschen kalt. Und auf dem Mond herrschen wirklich lausig tiefe Temperaturen.

Siggi verfolgte die Spuren in den Felsspalt hinein. Immer tiefer ging es in den dritten Hopserberg. Der Spalt wurde immer enger und schmaler. Dem Mondauto hätte nicht hindurch gepasst. Und immer dunkler wurde es. Schließlich konnte niemand mehr was sehen. Robert schaltete einige seiner Lämpchen an.

Ein Roboter funktioniert nämlich so:

Der Mund, das ist ein Lautsprecher. Als Augen hat er Videokameras, als Ohren Mikrofone. Als Beine hat er sehr gelenkige Rollen. Arme und Hände sind fast wie beim Menschen. Nur etwas praktischer sind sie noch. Und denken tut ein Roboter mit seinem Elektronengehirn. Sein Gedächtnis ist deshalb untrüglich. Vergisst er trotzdem etwas, dann liegt es an der Programmierung. Jeder Roboter hat letztlich irgendwo mehrere Lämpchen und Leuchten untergebracht. Damit er sich bei Dunkelheit zurechtfinden kann. Radar hat er auch; das reicht oft nicht aus. Aber nützlich ist es trotzdem.

Zurück in unsere Felsspalte im dritten Hopserberg! Siggi hastete vorneweg. Er brauchte kein Licht mit seiner Spürnase. Dann folgten die Kinder und zuletzt Robert, der leuchtete. Es ging um viele Ecken herum, und immer wieder verzweigte sich der Weg. Siggi fand sich zurecht. Sicher folgte er der Spur, die die andern nicht sehen konnten. Und auch nicht riechen.

Nach einer Biegung wichen die Felswände auseinander. Von oben fiel wieder Licht in den Spalt. Der wurde breiter und breiter. Vor den Vieren lag bald ein weites Tal.

Lauter Hütten und Häuser standen hier, nett anzusehen. Nicht zu groß waren sie und nicht zu klein. Aus kantigen Steinen waren die Wände, aus platten die Dächer. Hühnerleute liefen herum, viele von ihnen. Sie sahen aus wie Hühner auf der Erde, waren nur schmaler und viel größer. Höher gar als Judith und Till; fast so groß wie erwachsene Erdenmenschen waren sie.

All diese Wesen wirkten matt und traurig. Kaum interessierten sie sich für die Neuankömmlinge. Judith fragte schließlich ein Huhn in der Nähe: "Was ist denn hier los? Wieso sehen alle Hühnerleute so verzweifelt aus?"

Da seufzte das angesprochene Huhn tief und erzählte folgende ergreifende Geschichte:

Zwei Junghühner konnten ihrer Neugierde nicht widerstehen und hatten sich aus dem Staub gemacht. Sie wollten den Mond erforschen. Dabei verirrten sie sich gewaltig. Sie liefen tagelang umher. Waren schließlich vollkommen erschöpft. Kaum konnten sie sich noch bewegen.

Plötzlich entdeckten sie zwei Raketenfahrräder. In ihrer Not nahmen sie diese, ohne die Besitzer zu fragen - die waren nirgends zu sehen. Sie schafften es mit letzter Kraft, sie anzuwerfen. Mit den Rädern suchten sie den Mond ab, fanden die Hopserberge und schafften es gerade noch nach Hause. Hier brachen sie bewusstlos zusammen und sind seither nicht mehr wach geworden. Die Hühnerleute sind sehr gesunde und widerstandskräftige Tiere. Aber wenn es sie erwischt, dann ist auch die Krankheit sehr hartnäckig. Nun lagen die Junghühner seit einer Woche im Krankenhaus auf der Intensivstation.

"Das ist ja fürchterlich", sagte Till. "Da kann man den Junghühnern ja gar nicht mehr böse sein."

"Nein, das kann man nicht", bestätigte das Huhn. "Obwohl sie wegen ihrem Ausreißen Strafe verdient hätten. Sie sind gestraft genug."

"Ich meine ja nicht wegen dem Ausreißen. Ich eine wegen der Räder. Die gehören nämlich uns."

Jetzt erst merkte das Huhn, dass es mit Lebewesen sprach, die es nie zuvor gesehen hatte. Eine Gänsehaut lief seine Hühnerhaut hoch. Wenn das vielleicht sogar Rückseitler waren!

Siggi mit seinem Spürsinn merkte sofort, dass das Huhn es mit der Angst zu tun bekam. Hunde wittern nämlich die Angst. "Du brauchst dich nicht zu fürchten", beruhigte er das Geflügeltier. "Klar, wir waren erst sauer, dass die Räder unserer Freunde weg waren. Wir konnten ja nicht wissen, was passiert ist."

"Nein, wir sind nicht mehr böse." Judith war sehr betroffen. "Wenn wir nur irgendwie helfen könnten. Vielleicht bringen Sie uns mal zum Krankenhaus."

Das tat das Huhn nur zu gerne. Unterwegs stellten sich alle gegenseitig vor. Frau Weichflaum hieß die Hühnerdame.

12 INTENSIVSTATION

Vor der Intensivstation mussten sich alle umkleiden. Haube aufs Haar, blaue Plastiküberzieher über die Schuhe und einen Kittel über die Kleidung. Alles wegen der Infektionsgefahr. Lustig sahen sie aus, alle miteinander. Am komischsten war Siggi. Der Kittel war ihm viel zu groß und schleifte über den Boden. Eher wie ein wandernder Putzlappen sah er aus. Und Robert, ein Roboter in Intensiv-Schutzkleidung! Laut losprusten hätte man können. Besser als ein Clown im Zirkus! Zum Lachen allerdings war niemand aufgelegt.

Frau Weichflaum meldete die Fremdlinge bei der Stationsschwester an und erklärte kurz das mit den Rädern. Sie sagte: "Da hole ich gleich mal Professor Stolzenkamm!" Das war der Chefarzt. Er ließ es sich nicht nehmen und führte unsere vier Freunde selbst zu den Patienten. Verzweifelt erklärte er: "Ich sehe keine Rettung mehr. Wir haben alles versucht. Nur ein Wunder kann noch helfen."

Wie sahen die Junghühner traurig aus. Eingefallen waren ihre Wangen. abgezehrt der ganze Körper. Voller Geräte stand das Krankenzimmer - Monitore zeichneten die Herzschläge auf. Infusionen liefen. Die Hühner mussten künstlich ernährt und künstlich beatmet werden. Selbst dazu hatten sie nicht mehr ausreichend Kraft. Die Beatmungsgeräte zischten und brodelten. Dauernd piepte eine Maschine und gab Alarm. Immer wieder mussten die Assistenzärzte Medikamente in die Blutadern spritzen.

Judith hatte eine Idee. "Vielleicht sollten wir denen unsere Astronautenkost geben." Sie kramte ihre fast leere Tube aus der Tasche hervor. "Die hat doch bei den Wasserschildkröten so gut gewirkt."

Der Chefarzt ließ sich die Tube reichen und schnupperte daran. Er meinte, das könne man auf jeden Fall versuchen. Schlimmer konnte es sowieso nicht mehr werden mit den Junghühnern.

Die Paste war reichlich dick. Der Doktor drückte sie in ein Glas und goss steriles Wasser hinzu. Dann zog er die Lösung in eine Spritze auf und spritzte sie in die Infusionsflasche.

Langsam rannt die bräunliche Flüssigkeit durch den Schlauch. Kaum war sie im Blut der Hühnerpatienten angelangt, da gabt es einen Ruck. Die Hühner zuckten zusammen, öffneten beide die Augen und fragten: "Wo bin ich?" Zu - die Augen fielen wieder. Die Junghühner wirkten etwas gekräftigt. Aber gesund waren sie noch lange nicht. Die Astronautenkost war alle. Es war zu wenig.

"Schade, schade", sagte der Chefarzt. "Wenn wir bloß mehr davon hätten!"

"Auf der Erde hab' ich mehr", schrie Till aufgeregt. "Los, Robert, komm. Lass uns runterdüsen. Ich hole sie. Vielleicht halten die Junghühner so lange durch. Jetzt, wo sie gestärkt sind."

Viel zu überlegen gab es da nicht. Die Vier rannten los. "HALT!" rief der Chefarzt hinterher. "Sie müssen sich doch umziehen." Hastig wurstelten sie sich aus der Intensivbekleidung heraus. Siggi hatte sich zu allem Überfluss mit dem Schwanz in einem Ärmel verfangen.

"Nehmt Pferdchen", riet Frau Weichflaum. Sie hatte vor der Tür gewartet. Rein wollte sie nicht. Sie konnte den Anblick der todkranken Kinder nicht ertragen.

"Pferdchen?" wollte Judith wissen. "Ja. Mondpferdchen. Damit seid ihr viel schneller bei eurer Mondautorakete." Frau Weichflaum rannte los und gackerte aufgeregt in die Gegend. Die Mithühner waren begeistert, als sie hörten, dass Rettung in Aussicht stand. Schnell holten sie vier Mondpferdchen herbei.

Judith wusste gar nicht, wie ihr geschah, war sie doch eine reine Pferdenärrin. Mondpferde, das sind kleine, blaue Pferde. Sie sind unglaublich flink und ausgesprochen hilfsbereit, sind gute Freunde des Hühnervolks. Nichts taten die vier Pferde lieber, als die Fremden bei ihrer Rettungsaktion zu unterstützen.

Judith schwang sich auf ihr Pferdchen. Sie konnte ganz gut reiten. Wie schön diese Mondpferde aussahen. Was für ein glattes Fell! Und was für eine weiche Mähne! Groß wie ein Pony waren sie, hatten aber eine Form wie ausgewachsene Hannoveraner.

"Wohin soll' s denn gehen?" fragte eines der Mondpferde. "Siggi soll vorreiten. Der kennt den Weg am besten. Er hat uns hergeführt." Das sagte Robert. Aber so leicht wie er das sagte, kam er nicht auf sein Pferd rauf. Man kann ja schlecht auf einen Pferderücken rollen.

Judith und Till stiegen nochmals ab und hievten ihn hoch. Einige der umherstehenden Mondhühner halfen eifrig mit. Robert legte sich flach und hielt sich kräftig in der Mähne fest.

Siggi auf seinem Pferd raste nun vorneweg, die andern stürmten hinterdrein. Die Felsen sausten nur so an ihnen vorbei. Mondpferde können in der Dunkelheit sehen wie Katzen. Sie stießen sich nicht an den Felswänden. Das wäre ein Unglück geworden bei dieser Geschwindigkeit. Wie der Wind flitzten sie dahin und waren im Nu beim Raketenauto.

13 ASTRONAUTENKOST

Robert raste los, gab Vollgas. Die Triebwerke heulten auf. In Rekordzeit war er auf der Erde. Er schaltete die Raketen ab und ließ sich mit dem letzten Schwung genau vor Tills Haus gleiten. Späte Spaziergänger waren um diese Zeit, mitten in der Nacht, wohl nicht mehr unterwegs. Selbst wenn - sollten sie denken, was sie wollten. Sollten sie ruhig von UFOs erzählen. Glauben würde ihnen doch niemand.

Till sprang heraus, rannte so schnell er konnte. Vorsichtig und leise musste er trotzdem sein. Es gäbe eine Katastrophe, wenn ausgerechnet heute seine Eltern wach würden.

Alles ging gut. Mit vier Tuben Astrokost kehrte Till glücklich zurück. Robert sah nicht zufrieden aus. Nervös trommelte er mit den Fingern aufs Armaturenbrett. "Ging das denn wirklich nicht schneller?"

Zum ersten Mal war Robert richtig gereizt. "Meinst du, du hättest das schneller geschafft mit deinen scheppernden Blechgelenken?"

Till ließ sich so schnell von niemandem ausmeckern. "Und außerdem - hätte ich vielleicht Sturm klingeln sollen? Meine Mutter fragen: ‚Mammi, gib' doch schnell mal was Astronautenkost raus. Wir müssen damit zwei Junghühner auf dem Mond retten!' Was meinst du, hätte die da wohl gesagt? ‚Au fein, da komm ich mit!' vielleicht?"

"Entschuldige vielmals, lieber Freund Till. Ich war zu ungeduldig. Habe leider die verschiedenen Umstände nicht mit berücksichtigt. Sollte den Gefühlsanteil in meinem Programm besser herausnehmen."

"Ist ja schon gut", lenkte Till ein. "Behalte bloß deine Gefühle. Das macht dich als Roboter so sympathisch."

Während des Streitgesprächs war Robert bereits gestartet. Mitten im Wohngebiet zündete er die Raketen. Es gab einen Höllenlärm. Viele Leute schreckten im Schlaf hoch. Einige rannten ans Fenster. um zu sehen. was los war. Robert war mit seinem Mondauto längst weg. Nichts sahen die Leute. Rochen nur dicke Qualmluft. Hurtig schlossen sie die Fenster und fluchten über die Motorradfahrer, diese Rowdies.

Schnell waren unsere Vier wieder auf dem Mond. Die Pferdchen warteten treu und galoppierten ins Hühnerdorf. Vor dem Krankenhaus sprang Till ab und rannte auf die Intensivstation. Die andern hinterher. Ein Glück. Die Junghühner lebten noch.

Die Ärzte mischten reichlich Kraftkost in die Infusionen. Vorsichtig ließen sie die Flüssigkeit einlaufen.

KRACKS-KRACKS-KRACKS ging es im einen Bett. Und KRACKS-KRACKS-KRACKS im andern Bett. Die Junghühner waren schlagartig gesund. Doch nicht nur das. Wie die Schildkröten fingen sie an zu wachsen. Bis sie einen klaren Gedanken fassen konnten. waren sie groß wie ausgewachsene Mondhühner. "Wo sind wir denn hier eigentlich? Das riecht ja nach Krankenhaus! Und was sollen die ganzen Schnüre? Und die vielen Geräte? Und die vielen Leute? Was ist denn bloß passiert?" Verwundert stellte ein Huhn diese Fragen und blickte sich um.

"Ja, du bist im Krankenhaus. Waldemar", erklärte Professor Stolzenkamm. "Und dass du noch lebst, das hast du diesen beiden Erdenkindern zu verdanken. Denn ihnen gehören die Raketenräder, mit denen ihr hierher gekommen seid. Und dann haben sie eine Wunderpaste, die euch das Leben gerettet hat. Der Roboter Robert und der Hund Siggi haben geholfen, die Paste von der Erde zu holen."

"Von der Erde? Das ist ja fantastisch. Ich wollte schon immer mal rauf auf die Erde. Es gibt also tatsächlich Lebewesen da oben. Danke euch, ihr Erdenkinder, danke euch von ganzem Herzen. Und danke euch auch, Robert und Siggi." Das zweite Huhn fiel Judith um den Hals, drückte und herzte dann ringsum alle nacheinander. Zuletzt die Krankenschwestern und Ärzte.

"Und euch danke ich auch allen", sagte es. "Ohne die Behandlung hier wären wir nicht mehr am Leben. Wir waren schon fast tot, als wir vor dem Krankenhaus zusammengebrochen sind. Nein, nein, nein. So was tun wir bestimmt nie wieder. Das wird uns eine Lehre sein!"

"Wir freuen uns alle mit euch, Waldemar und Edeltraut. Wir dachten schon, ihr wärt verloren. Ich finde, eure Rettung ist Grund genug, ein Fest zu feiern." Nicht schlecht, dieser Vorschlag der Oberschwester.

"Klar wird gefeiert!" rief Edeltraut begeistert. "Ihr macht doch mit?" fragte sie die vier Freunde.

Nichts taten sie lieber als das. Till wollte vorher wissen, wie die Hühnerwesen es geschafft hatten. die Räder richtig zu bedienen. Einer der Ärzte erklärte: "Mondhühner haben einen enorm entwickelten technischen Verstand. Wal-demar und Edeltraut brauchten sich die Raketenanlage an den Rädern nur kurz anzugucken und wussten gleich, wie sie funktioniert."

"Und wie habt ihr die Schlösser aufbekommen?" fragte Judith. So was ist für Hühnerwesen ja nun gar kein Problem, erfuhr sie. Sie brauchen mit ihren Schnäbeln nur dreimal an die richtige Stelle zu pochen. dann springt jedes Schloss auf. Jetzt aber genug geredet und gefragt. Jetzt wird gefeiert!

"Aber doch nicht gleich", wandte Till ein. "Die Nacht ist ja fast rum, und wir haben heute noch Schule. Ich weiß sowieso nicht, wie ich die durchhalten soll."

"Tatsächlich", stimmte Judith ihm zu. "Das hätte ich ja glatt vergessen. Wir müssen dringend zurück. Leider müsst ihr ohne uns feiern."

"Das kommt ja nun aber gar nicht in Frage", schaltete sich plötzlich der Bürgermeister-Hahn ein. "Dann wird das Fest eben verschoben, bis ihr wieder hier seid. Dann können wir auch noch ein wenig besser vorbereiten."

"Diese Idee ist vortrefflich", stimmte auch Robert zu.

"Wie wär's denn gleich mit morgen. Wenn ich recht informiert bin, ist auf der Erde samstags keine Schule. Dann könnten die junge Dame und der junge Herr doch auch viel besser ausschlafen."

"Tolle Idee", stimmten die Kinder zu. "Dann wollen wir uns mal auf die Räder werfen", sagte Till, "die sind ja jetzt wieder da."

"Wenn ich noch einen Vorschlag unterbreiten dürfte", unterbreitete Robert seinen Vorschlag, "dann würde ich meine erdenen Freunde mit meinen Mondauto zurückbringen. Das geht noch schneller, und ihr könnt euch unterwegs schon ausruhen."

Dagegen hatten die beiden nun wirklich nichts einzuwenden. Nach kurzem und herzlichem Abschied von den Umstehenden ritten sie mit den Mondpferden zu Roberts Auto, und der brauste hoch - oder runter - zur Erde.

Gottogott, hatten die Kinder mit der Müdigkeit zu kämpfen. Aber sie hatten ja schon eine gewisse Übung. Die Schule ging irgendwie herum. Der Nachmittag auch. Judith und Till hingen mehr herum, als dass sie viel unternahmen. Und je näher der Abend kam, desto kribbeliger wurden sie, und konnten kaum erwarten, dass Robert sie abholte.

Diesmal kam er pünktlicher als pünktlich. Die Reise war schon Routine. Am Landeplatz auf dem Mond standen die Pferdchen bereit und brachten die Freunde zu dem Hühnervolk in den Hopserbergen.

14 MONDFEIER

In der Zwischenzeit hatte sich in Windeseile die Kunde von der Rettung der Hühnerwesen auf der ganzen Mondvorderseite verbreitet. Und in Windeseile verbreitete sich auch die Kunde von dem Freudenfest. Alle Vorderseitler waren eingeladen. Aus allen Richtungen eilten sie in Scharen herbei.

Die meisten sahen die Mondhühner zum ersten Mal in ihrem Leben. Selbst Robert wusste noch vor kurzem nicht, dass es solche Mondbewohner gab. Er nahm Kontakt auf mit dem Bürgermeister und fragte ihn aus. Der Bürgermeister, Herr Fersensporn, ein stolzer Hahn, erklärte: "Unsere Vorfahren haben sich seit Hunderten von Jahren zurückgezogen. Nach einem fürchterlichen Oberfall der Rückseitler fassten sie diesen Plan. Sie versteckten sich so gut in diesem Felsental, dass die Rückseitler sie nicht fanden. Und die Vorderseitler vergaßen sie auch. Die neuen Generationen wussten gar nichts von unserer Existenz. Aber jetzt wissen sie es. Wir wollen uns nicht länger verstecken. Wir wollen alle zusammen feiern."

Und es wurde gefeiert! Die technisch hochbegabten Hühner bauten hurtig einen Rummelplatz auf. Einen Kirmes, wie ihn Judith und Till noch nie gesehen hatten. Es gab Karussells mit kleinen Karussells darauf. Die kleinen drehten sich auf den großen. Es gab Autoskooter, die über Berge und durch Täler fuhren. Es gab Achterbahnen mit acht Loopings und acht Spiralen.

Dazu gehörten Buden mit Süßigkeiten, Erfrischungsgetränken, Imbissbuden, Spielzeugwagen. Und Losbuden, Schießstände und was weiß ich nicht alles.

Auf dem Weg zum Rummel schaute Judith nach oben. Dort war die Erde zusehen, blau und weiß, ein wenig braun und gelb auch. Blau sind die Meere, weiß die vielen Wolken. Braun sind die Berge, und gelb sind die Wüsten. Am Himmel stand die Erde und sah aus wie von dort der Mond - nur größer und bunter.

Judith und Till, Robert und Siggi waren Ehrengäste. Für sie war alles frei, alles, alles. Sie durften fahren, womit sie wollten, durften Lose ziehen, so viele sie wollten, durften schießen sooft sie wollten, und sie durften kaufen, ohne zu bezahlen. Kein Wunder, dass sie bald bepackt waren, bis sie nicht mehr schleppen konnten. Aber Robert, hilfsbereit wie er war, nahm den Beiden alles ab. So hatten sie die Hände frei für neue Jahrmarktabenteuer.

"Was machen wir denn mit all dem Kram?" fragte Till plötzlich. "Wir können das doch nicht mit auf die Erde nehmen. Was sollen wir bloß unsern Eltern sagen, wo wir das alles her haben?"

"Ich hätte da einen Vorschlag zu machen", meldete sich Robert. "Meine beiden Freunde von der Erde können die Sachen bei mir aufheben. Immer wenn sie mich besuchen, können sie damit spielen. "

"Au fein", stimmte Judith zu. "Nur mein neues Armband, das möchte ich gerne mitnehmen. Das merken meine Eltern gar nicht."

15 ZIRKUS

Inzwischen standen die Freunde vor einem Zirkuszelt. Ein bisschen schäbig sah es aus. Hineinzugehen schien sich nicht zu lohnen. Als sie schon kehrt machen wollten, verriet ein älteres Mondhuhn, das sei der beste Zirkus, den es je gesehen habe.

Also gingen Robert, Till, Judith, Siggi, Edeltraut und Waldemar hinein. Als Ehrengäste bekamen sie Sitze ganz vorne an der Manege. Kaum hatten sie ihren Podex auf die gepolsterten Bänke niedergelassen, da ging es mit einem Tusch der Kapelle los. Sie schienen nur auf die Erdenbesucher gewartet zu haben.

Der Zirkusdirektor war ein Krokodil, das sehr gut auf seinen zwei Beinen gehen konnte. Seine Worte klangen aus dem langen Maul wie aus einer Trompete herausgequetscht.

"Mein hochverrehrrtes Publikum", trötete der Direktor, "meine Damen und Herrren, Genosssinnen und Genosssen, liebe Jungen und Kinderr, ich, derr Dirrektorr des grroßen Mondzirkus', begrrüße Sie alle aufs herrzlichste. Besonderrs begrrüße ich die Ehrrengäste unterr uns, denen wirr die Rrettung derr Junghühnerr und dieses Fest zu verrdanken haben. Ich begrrüße Judith und Till, die tapferren Errdenkinder. Und ich begrrüße Rroberrt und Siggi, ihrre Frreunde unserres heimischen Mondes. Und ich begrrüße Edeltrraut und Waldemarr, die gerretteten Junghühnerr."

Mit einem langen Stock zeigte der Direktor auf die Ehrentribüne hin. Beifall erscholl von allen Rängen, Den Kinder war das sichtlich peinlich. Zuviel Ruhm und Ehre! Aber was sollten sie machen? Sie standen auf und verbeugten sich.

Nachdem der Applaus geringer wurde, setzte das Krokodil erneut an. "Bevorr wirr uns derr errsten Nummerr zuwenden, will ich mich vorrstellen. Mein Name ist Dirrektorr Grrüngrraps" Direktor Grüngraps verbeugte sich so tief, dass seine Schnauze den Boden berührte. Wieder klatschten die Zuschauer.

"Und nun, mein hochverrehrrtes Publikum, prräsentiere ich Ihnen, in seinerr Glanznummerr, den zauberrhaftesten Zauberrerr allerr Zauberrerr, Meisterr ZAARRUBAARRU!"

Zwei Helfer brachten eine Bohnenstange und stellten sie mitten in die Manege. Seltsamerweise kippte sie nicht um. Plötzlich wuchs ein Kopf daraus hervor. Dann erschienen seitlich Arme und unten Beine. Die Stange wurde dicker und dicker, und im Handumdrehen hatte sie sich in den Zauberer Zarubaru verwandelt.

"Guten Tag", begrüßte er die Zuschauer, lachte in die Runde und sackte in sich zusammen. Eine Holzkiste stand jetzt auf dem Boden. Und aus der wuchsen Arme. Beine und ein Kopf. Wieder stand der Zauberer vor den Zuschauern. Stürmischer Beifall erscholl. Meister Zarubaru verbeugte sich, klappte dabei zusammen und war plötzlich ein riesiges Taschenmesser. Daraus schnickten mehrere Klingen heraus, die wurden zu Armen. Beinen. Kopf.

Wieder Beifall. Und schon verwandelte sich Meister Zarubaru in ein Fass.

Dann in einen Kontrabass und in einen Apfelbaum. Der war erst kahl wie im Winter. Dann bekam er Blüten und Blätter wie im Frühling, dann Äpfel wie im Sommer.

Die Blätter wurden rot wie im Herbst, die Früchte fielen herunter, die Blätter schließlich auch. Der Baum stand wieder kahl und leer da wie im Winter.

Schnell wurden die Äste zu Armen, die Wurzeln zu Beinen, und im Nu stand Meister Zarubaru wieder in der Manege. Er hob die heruntergefallenen Äpfel auf und warf sie den Zuschauern zu. Judith und Till brachte er höchstpersönlich eine rot glänzende Frucht. "Ein bescheidenes Geschenk meinerseits für den tapferen Einsatz der Erdenkinder." Dankend nahmen sie an und bissen sofort in das Obst. Unvergleichlich gut schmeckten diese Zauberäpfel.

Nun schritt Meister Zarubaru in die Mitte der Manege, sprang in die Höhe, verwandelte sich dabei in einen riesigen Luftballon. Mit einem großen Knall zerplatzte er.

Der Zauberer war verschwunden. Direktor Grüngraps trat in den Zirkus.

Jetzt kündigte das Krokodil die umgekehrte Artistengruppe an. Riesengroße Frösche hopsten in die Manege. Sie sprangen aber nicht mit den Beinen, sondern mit den Armen. Sie liefen umgekehrt, nur auf den Händen. Sie machten Saltos und Flickflacks und drehten Spiralen und landeten immer wieder auf den Händen. Zum Schluss schienen sie ein wenig müde. Helfer brachten mehrere Stühle. Die Froschartisten setzten sich darauf. Aber nicht mit dem Po, sondern mit den Köpfen. Die Arme ließen sie herunterbaumeln.

Nach dem lang anhaltenden Beifall verbeugten sich die Frösche. Standen auf den Händen und beugten die Beine herunter. Dann liefen sie auf Händen aus der Arena - zu allem Überfluss rückwärts.

Es folgten Mondelefanten. Die waren leicht, leicht wie Luftballons. Der Tierbändiger hielt sie alle an langen Seilen fest. Sie schwebten über der Arena. Der Dompteur band sie unten fest und kletterte an einem Seil hinauf. Der Elefant hob ihn mit seinem Rüssel hoch und setzte ihn auf seinen Kopf. Nun rannte der Dompteur auf dem Elefant entlang und sprang, hoch über den Zuschauern, von einem Rücken auf den andern.

Dann ließ er sich wieder herunter und band die Elefanten los. Dabei verhedderte er sich. ein Seil entglitt ihm. Der Elefant schwebte laut trompetend auf die Kuppe des Zirkuszeltes zu. Der Dompteur versuchte noch, das Seil zu erhaschen. Aber er konnte nicht hoch genug springen. Stattdessen ließ er die andern Seile los, und die ganze Elefantenherde schwebte auf die Decke zu. Dort oben angekommen drehten sich die riesigen Tiere herum und standen nun kopfunter auf der Zeltplane. Es sah komisch aus - als wären sie oben angeklebt.

Der Anführer setzte sich langsam in Bewegung. Dompteur und Zirkusdirektor unterhielten sich aufgeregt mit einigen Clowns. Die herbeigeeilt waren. Wie sollten sie die Schwebeelefanten herunterbekommen? Die Riesentiere halfen sich selbst. Sie marschierten ganz einfach bergauf. Das heißt. für sie war es bergauf. Für die Zuschauer kamen sie herab. Sie bewegten sich auf den Rand des Zirkuszeltes zu. Da das Dach sacht herabführte, kamen die Tiere immer tiefer. Und schließlich baumelten ihre Leinen kurz über dem Boden. Die Zirkushelfer sprangen hinzu und zogen die dicken Elefanten aus der Manege.

Der Dompteur verabschiedete sich unter tosendem Applaus. Die Clowns blieben in der Zirkusmitte. Der Krokodildirektor stellte sie kurz vor. Mustafa war ein Affe in zu weiten Hosen, Benedikt ein Braunbär mit Füßen, die so lang waren wie er selbst. Tschiplottsch hieß ein Seehund in elegantem, längsgestreiftem Anzug in rot und weiß.

Die Drei purzelten durcheinander. Benedikt, der Bär stolperte ständig über seine eigenen Füße. Mustafa, der Affe und Tschiplottsch, der Seehund, fielen auch über die riesigen Bärentatzen. Alle stolperten gegenseitig übereinander. Ein riesiges, buntes Knäuel nur war zu sehen. Arme, Beine und Köpfe zappelten heraus. Dabei quiekte, grunzte und brummte es. Die Kapelle spielte muntere Musik dazu.

Hatte sich der Affe Mustafa von den andern getrennt, wollte er sich wegschleichen. Er sah sich heimlich um und verfehlte die Richtung. Bald plumpste er rückwärts über Benedikts Füße. Tschi PAGE 66plottsch ging es nicht anders. Es war, als wären sie mit Gummibändern aneinander gebunden. Als wollten sie von Benedikt loskommen, knallten jedoch immer wieder mit ihm zusammen.

Die Zuschauer tobten und grölten vor Lachen. Das Clownsknäuel rollte von einer Ecke in die andere, manchmal sogar ins Publikum hinein. Wer nicht aufpasste, geriet in das Gewusel hinein. Einige Zuschauer wurden gar mit in die Manege gerissen. Das gab ein Gejohle und Geschrei.

Zum Schluss rollte der bunte Clownshaufen aus dem Ausgang der Manege. Draußen hörte man sie noch eine Weile rumquieken, brummen und schnattern.

Und leider, viel zu schnell war die Vorstellung vorüber. Die drei Clowns kamen als erste wieder herein, jetzt ordentlich im Gänsemarsch. Dann folgte der Dompteur mit seinen Elefanten. Die schwebten nicht mehr, sondern gingen ganz normal auf allen Vieren. Nun sprangen die Froschartisten herein, diesmal auf den Beinen. Was die für Riesensätze machen konnten!

Der letzte Frosch stupste einen kleinen Luftballon vor sich her. Aus dem wuchsen plötzlich Arme und Beine heraus und blitzschnell, wer stand da in der Zirkusmitte? Richtig, Meister Zarubaru war es.

Das Direktorenkrokodil, Herr Grüngraps, nahm seinen bunten Zylinderhut ab, verbeugte sich tief, ganz tief, bedankte sich beim Publikum fürs 'zahlrreiche Errscheinen' und wünschte einen schönen Abend.

16 MÜCKEN

Draußen qualmte den Kinder der Kopf. Ganz aufgekratzt waren sie. Und noch gab es viel mehr zu sehen - die verschiedenen Mondbewohner nämlich. Nicht nur die, die Judith und Till schon kannten: Roboter, Mondkatzen, -hunde, -kaninchen, -schildkröten, das Hühnervolk und Mondpferde. Viel mehr Tiere waren da. Tiere, die die Beiden nicht mal im Zoo gesehen hatten.

Zum Schluss rückte ein Schwarm Stechmücken an. Judith stöhnte: "Na die hätten ja doch wenigstens zu hause bleiben können."

"Ich möchte mal wissen, was es da zu meckern gibt!" schimpfte eine hohe Piepsestimme. Judith hatte vergessen, dass alle Mondlebewesen sprechen können. Die Stechmücke hatte sie haargenau verstanden.

"Jedes Kind auf dem Mond weiß doch", ging die Schimpferei weiter, dass wir die freundlichen Stechmücken sind. Nie und nimmer tun wir irgendjemandem etwas. Kein Grund, uns auszumeckern, nur weil wir wie Stechmücken aussehen. Dazu können wir ja schließlich nichts. Und außerdem: Wir sind stolz auf unser Aussehen. Denn wenn man uns genau betrachtet, dann sieht man, wie schön wir sind."

Judith entschuldigte sich artig und erklärte, sie sei neu auf dem Mond und habe das nicht gewusst. Zum Glück war die Mücke nicht nachtragend. Als sie erfuhr, dass Judith von der Erde kam, wusste sie sofort: Das ist eine von den Helden, von denen alle sprachen. Sie gratulierte ihr und piepste: "Übrigens, ich heiße Schwirrtza und bin Unterhäuptling." Und schon war sie weggeschwirrt, dem Mückenschwarm hinterher, der vorgeschwärmt war.

Ruckzuck kam der ganze Schwarm zurückgeschwirrt. Schwirrtza hatte berichtet, dass sie mit den berühmten Erdenkindern gesprochen hatte. Alle wollten sie sehen und drehten eine Ehrenrunde um die Freunde. Einige setzten sich auf Hände und Gesicht. Kitzelte wie bei Marienkäfern. Ganz angenehm, wenn man wusste: Die stechen nicht.

"Schön", sagte Judith zu Till, "dass es hier freundliche Stechmücken gibt und nicht solche Quälgeister wie da oben." Sie zeigte auf die Erde. "Vielleicht sollte ich besser sagen: ‚Wie da unten'", lachte sie.

17 RUNTER

"Mensch Meier", tönte Till, "wie spät ist es eigentlich. Wir müssen ja auch schließlich mal runter." Keiner der beiden hatte eine Uhr. Und Robert war im Moment nicht zu sehen; der hätte sicher die Zeit gewusst.

Ein Mondkamel hörte die Frage. Es trabte heran und fragte mit tiefer Brummstimme: "Soll ich euch sagen, wie spät es ist?"

"Klar, wär' unheimlich nett."

Das Kamel kratzte mit seinen Hufen am einen Bein herum und brachte unter seinem Fell eine Uhr zum Vorschein. "Es ist genau 217 Horas, 83 Munts und 19 Sekus."

"Aha", sagte Till, "das ist wohl Mondzeit. Und wie viel ist das, bitte schön, in Erdenzeit. Und zwar Erdenzeit in Deutschland?"

"Ja, das weiß ich auch nicht. Ich weiß nicht, wie man das umrechnet. Das wird hier zu selten gefragt."

"Sicher kann es Robert", meinte Judith. Aber Robert, wo steckte der? Judith und Till fingen an zu suchen. Und das Kamel, freundlich, wie es war, half mit. Wie hieß es, das Kamel? Entschuldigung, natürlich hatte es einen Namen. Aber ich habe ihn vergessen.

Hinter dem Karussell guckten die Sechs, die beiden Kinder, Siggi, die Junghühner und das Kamel. Hinter dem Autoskooter suchten sie. Um das Festzelt gingen sie herum, und hinein schauten sie. Nirgends ein Robert zu sehen.

"Vielleicht müssen wir ihn rufen", schlug Abraham vor. Wer ist denn Abraham, jetzt schon wieder? Abraham? Na, das war doch das Kamel. Ist mir wieder eingefallen, mir Kamel.

"Robert - Robert - Robert!" riefen alle vier. Und Abrahams Stimme war die lauteste. Bald riefen immer mehr Leute mit. Das Geschrei wurde so laut, dass es einfach nicht zu überhören war.

Und plötzlich trat Robert hinter einer Felsspalte hervor. "Was hast du denn da gemacht?" fragte Till neugierig. "Ja, mein Freund, ich war - hähäm - wie sagt man - war pinkeln."

"Pinkeln?" Till lachte. "Ein Roboter, muss der denn pinkeln?"

"Na ja, eigentlich pinkeln ist das nicht. Aber ein wenig Altöl ablassen, das muss ich von Zeit zu Zeit."

"Robert, mein Roboterfreund, der nette Abraham hat uns die Uhrzeit gesagt. In Mondenzeit. Kannst du sie umrechnen in Erdenzeit?"

Klar konnte Robert das. Es machte kurz KLICK, ein Lämpchen flackerte, und Robert schnarrte: "5 nach 6, mitteleuropäische Zeit."

"Dann müssen wir ganz schnell runter. Meine Eltern stehen um viertel vor sieben auf", sagte Till. Judiths Eltern auch um den Dreh. Schnell verabschiedeten sich die Kinder von Abraham und den Junghühnern. "Gute Reise", brummten sie, "schade, dass ihr schon weg müsst!"

"Wir kommen bestimmt wieder", trösteten Judith und Till wie aus einem Munde.

Schnell standen die Pferdchen bereit. Judith und Till halfen Robert und Siggi hinauf, kletterten selbst in den Sattel, und in hurtigem Galopp ging es zum Krankenhaus. Dort standen die Raketenräder. Unterwegs bat Judiths Mondpferd, es wolle unbedingt mit zur Erde kommen.

"Das geht heute nicht. Ein andermal. Wir müssen uns so schon ganz toll beeilen. Und auf den Rädern können wir dich sowieso nicht mitnehmen."

"Bittebittebittebitte", bettelte das Pferdchen." Das war schon immer mein größter Wunsch." Judith konnte nicht verstehen, was auf der langweiligen Erde so toll sein sollte. Aber wenn man noch nie da war, dann mochte es spannend sein.

Robert schlug vor, die Kinder runter zu bringen und Kornblume, das Mondpferd, mitzunehmen. Am Abend wollte er alle drei wieder abholen. Sie könnten ihre Raketenräder nun ja auch noch einen weiteren Tag auf dem Mond lassen. Judith fand die Idee ganz toll, denn sie war, ihr wisst es, eine kleine Pferdenärrin. Auch Till war nach kurzer Überlegung einverstanden. Nun machten sie kehrt und ritten zum Raketenauto.

Robert holte die verlorene Zeit spielend wieder raus. Denn es ging ab, im Sturzflug zur Erde!

18 ZU SPÄT ZU HAUSE

Nach der Landung sprang Kornblume neugierig zum Teich hinunter. Es wunderte sich: ‚Das ist ja ein riesengroßer Spiegel. Komisch, wozu brauchen wohl die Erdbewohner solche Spiegel?' Es ging immer näher ran, hielt den Kopf übers Wasser und sah sein Gesicht. Noch ein paar Schritte machte Kornblume und - PLUMPS - lag sie im Teiche. Erschrocken und verdattert sprang sie zurück.

Judith und Till lachten sich kaputt, so drollig sah das aus. Besonders Kornblumes dummes Gesicht.

Auf dem Mond gibt es seit langer Zeit kein fließendes Wasser. Außer in Roberts Höhle. Und das hatte Kornblume noch nicht gesehen. Klar, dass sie ganz schön erschrak, als sie nass wurde. Aber sie beruhigte sich schnell, als Till ihr alles erklärte. Kornblume musste erst lernen, dass Wasser vollkommen harmlos ist.

Judith schickte Kornblume in einen Busch und befahl ihr, dort so lange zu warten, bis sie sie abholte. Bevor sie ging, musste Kornblume hoch und heilig versprechen, sich nicht zu bewegen, wenn Leute vorbeikommen sollten. Sie musste so tun, als sei sie ein Spielzeugpferd. Sie durfte sich nur rühren, wenn Judith oder Till es ihr ausdrücklich sagten.

Jetzt rannte Judith los. Robert war längst abgedüst. Judith hatte nicht mehr viel Zeit.

Verdammt! Die Eltern sind schon auf! Judith überlegt, wie sie ins Haus schleichen kann. Aber Mutter entdeckt sie draußen. Grad so, als hätte sie schon Ausschau nach ihr gehalten.

"Judith, wo kommst du denn her?" ruft Mutter. "Ich halte schon die ganze Zeit Ausschau nach dir. Fast hätte ich die Polizei gerufen!" Das klingt recht, recht vorwurfsvoll.

Doch Judith ist helle. Sofort hat sie eine Ausrede parat. "Weißt du, in der Nacht, da habe ich einen Riesenkrach gehört. Da bin ich aufgewacht. Es hat grad so geklungen, als würde eine Mondrakete starten. Ich war so aufgeregt. Da bin ich runter gegangen und hab' nachgesehen."

"Ach Kind. Du mit deiner Phantasie. Mondrakete! Ich hab' die auch gehört. Das war' n doch nur' n paar ungezogene Motorrad-Rowdies."

"Das konnt' ich ja nicht wissen. Was sind denn Rowdies?"

"Na Kerle, die auf nix Rücksicht nehmen. Aber wieso bist du denn nicht gleich wieder rein gekommen? "

"Wollt' ich ja. Aber die Tür war zugefallen. Und ich hatte keinen Schlüssel mit. Und dann wollte ich euch nicht raus klingeln. Und dann bin ich um den Teich umgelaufen, weil mir's so kalt war. Obwohl ich extra meine Jacke angezogen habe."

"Armes Kind. Na, frühstücke erst mal und wärm' dich auf." Das ließ Judith sich nicht zweimal sagen und rannte an den Frühstückstisch. Aber als sie vor dem Marmeladenbrot saß, merkte sie, dass sie kein bisschen Hunger hatte. Der Bauch war voll von Popkorn, Waffeln, Mohrenköpfen, Granatäpfeln, Bratwurst, Pommes und Ketchup.

"Was ist, Kind, hast du dir den Magen verdorben?" fragte die Mutter besorgt. ‚Mein Gott', dachte Judith, ‚sie darf keinen Verdacht schöpfen.' "Ich esse schon", sagte sie. "Ich bin nur ein bisschen müde." Dann fing sie an reinzuhauen, als hätte sie drei Tage lang nichts mehr gegessen. Sie platzte gleich - so fühlte sie sich. Und das alles bloß, weil Mutter nichts merken sollte.

Dann schnell auf die Toilette zum Waschen. In einem unbeobachteten Moment den Haustürschlüssel an den Haken gehängt. So - das wäre auch erledigt. Noch mal Glück gehabt. Alles war gut gegangen.

Gleich nach der Toilette wollte Judith zu Kornblume rennen. "Willst du dich nicht erst mal was hinlegen", schlug Mutter vor. "Kann nicht. Tilli hat was ganz Tolles!"

Und SCHWUPP war sie aus dem Haus.

‚Dieses Kind!' dachte Mutter, und sah ihr hinterher.

19 KORNBLUME AUF DER ERDE

Judith rannte geradewegs zu Kornblume. Aber - Schreck lass nach - da stand ein ganzer Kindergarten um das Pferdchen herum. Das lag gemütlich unter seinem Busch. Die Kinder zerrten es hervor. Kornblume rührte sich nicht. Die Kinder schrieen aufgeregt durcheinander. "Das lebt, das lebt!" behauptete eines.

"Quatsch, blaue Pferde gibt es nicht."

"Aber es ist so weich und warm."

"Das kommt nur durch das Fell. Und diese Haare sind niemals echt. Und außerdem ist es ganz steif."

Bevor die Kinder ihre Entdeckung genauer untersuchten, rannte Judith hin. "Das ist mein Pferd!" rief sie. Die Kinder drehten sich nach ihr um. "Lebt das?" fragte das eine Kind und seine Augen leuchteten. "Nein, aber es ist ferngesteuert. Und es hört nur auf meine Stimme."

"Steh auf. Kornblume!" befahl Judith in ganz besonders strengem und deutlichem Ton. Das Mondpferd stand mit ruckenden Bewegungen auf. Wie ein ferngesteuertes Roboterpferd. Judith sprang auf und rief "Galopp, Kornblume, Galopp!"

Wie ein Blitz schoss Kornblume mit Judith davon - und jetzt sah das Pferd sehr lebendig aus. Die Kinder schrieen hinterher: "Komm zurück! Komm noch mal her! Wir wollen auch mal reiten." Aber Judith verschwand um den nächsten Häuserblock. Enttäuscht trotteten die Kinder mit ihrer Erzieherin weiter.

Ich weiß nicht, wie viele Kinder sich von ihren Eltern an diesem Abend zum nächsten Geburtstag so ein wahnsinnig tolles, blaues, ferngesteuertes Pferd wünschten. Ein Pferd, auf dem man reiten konnte, das wie lebendig durch die Gegend sprang.

Till kam zu Judith runter. Die Kinder zeigten Kornblume den Spielplatz, den Park, ihren Geheimgang, Wiesen, Tümpel und eine Pferdekoppel. Kornblume staunte, wie groß die Erdenpferde waren. Sie rief sie herbei, einige kamen neugierig an. Kornblume begrüßte sie freudig und wunderte sich. Sie wunderte sich darüber, dass diese großen Erdenpferde nicht sprechen wollten. Dass sie nicht sprechen konnten, das konnte sie kaum glauben.

Da die Erdentiere nur ab und zu wieherten, sonst aber stumm blieben, verlor Kornblume das Interesse an ihnen. Stattdessen entdeckte sie in der Ferne einige Autos. Diese wollte das Pferdchen unbedingt aus der Nähe sehen. Wie aber das bewerkstelligen, ohne aufzufallen?

Till holte ein Brett mit Rollen dran. Das hatten ihre Eltern beim letzten Umzug benutzt, um die Möbel durch die Wohnung zu schieben. Auf dieses Brett stellte sich Kornblume und bewegte sich nicht mehr. Judith holte ein langes grünes Seil. Damit zogen die Beiden Rollbrett und Mondpferd durch die Straßen. Jeder dachte, das sei ein großes, sehr schönes Spielzeug. Und genau das sollte er auch denken.

Nicht schlecht staunte Kornblume über die vielen Autos, die vielen Häuser und die vielen Menschen. Sie ließ sich nichts anmerken. Nur wenn sie völlig unbeobachtet war, sagte sie Judith und Till, wie unglaublich aufregend sie das alles fand.

Gerade wollten die drei wieder zu ihrer Wiese zockeln, da kamen zwei Jungs angerannt. "Lass uns mal reiten", riefen sie. Es waren Kinder aus dem Kindergarten, die das blaue Pferd am Morgen entdeckt hatte.

"Geht nicht", sagte Judith. "Die Batterien sind alle. Das bewegt sich keinen Schritt mehr. Siehst ja, wir müssen es ziehen."

Die Jungs fanden das schade. Judith ließ sie aber aufsitzen. Zum Trost wurden sie ein Stück gezogen.

Es war noch nicht einmal Zeit zum Abendessen, da wurden die Freunde schrecklich müde. Sie konnten sich kaum auf den Beinen halten. Sie mussten sich ausruhen, denn Robert wollte sie ja in der Nacht wieder abholen.

Damit Kornblume nicht nochmals von Kindern oder Spaziergängern entdeckt werden konnte. nahm Judith sie mit nach Hause. Sie musste weiter Spielzeugpferd spielten. Den Eltern erzählte sie, das sei von Till geliehen. Und die armen Eltern glaubten das, weil sie keine Ahnung von Pferden hatten. Und von Mondtieren sowieso nicht.

Gleich nach dem Abendbrot legte Judith sich ins Bett. Frau Eulering kam aus dem Staunen nicht heraus. Nach genau drei Sekunden war ihre immer muntere Tochter eingeschlafen und ratzte wie ein Murmeltier.

20 RÄDER SCHON WIEDER VERSCHWUNDEN

Judith wurde erst wach, als eine weiche Pferdenase sie vorsichtig an die Wange stupste. Es war stockdunkel. Die Eltern schliefen längst. ‚Mein Gott, Kornblume', dachte Judith. Sie umarmte das liebe Tier - griff aber ins Leere. Judith hatte das geträumt. Sie reckte sich und streckte sich. Dabei kam sie langsam zu sich. Wusste erst nicht, was los war. Aber klar doch. Sie musste wieder hoch zu ihrem Mond.

Vorsichtig, leise, leise, aus dem Bett. Schlafanzug aus, hinein in die Unterhose - Strumpfhose - T-Shirt - Hose - Pullover. Schuhe in die Hand. Und leise, leise, die Treppe hinunter.

Tür auf, raus und abgeschlossen. Das ging wie geschmiert. Unten wieherte ihr Kornblume leise entgegen. Judith schwang sich auf ihren Rücken. Sie galoppierte durch die dunklen Straßen und leeren Wege zu Roberts Landestelle. Der stand schon da und wartete.

Judith entschuldigte sich, dass sie verschlafen hatte. "Kein Wunder", sagte Robert, "ihr habt ja viel zu wenig Schlaf abgekriegt, die letzte Nacht. Und der Mensch braucht Schlaf. Kinder noch mehr als Erwachsene."

"Toll, was du alles weißt", staunte Judith. "Aber wieso fahren wir denn nicht los?" fragte sie beim Einsteigen.

"Leider geht es meinem Freund Till wohl nicht viel anders als meiner Freundin Judith. Sicher hat auch er verschlafen. Wenn nicht außergewöhnliche Dinge passiert wären, dann würde ich vorschlagen, meine beiden Erdenfreunde sollten sich erst mal richtig erholen. Aber so..."

"Was ist passiert? Geht es den Junghühnern wieder schlecht? Brauchen sie neue Astronautenkost?"

"Nein, bloß das nicht schon wieder. Die strotzen vor Gesundheit. Und sind groß geworden, fast wie Riesen."

"Was ist es dann?" wollte Judith wissen. "Vielleicht sollten wir warten bis Den...",

"Ach", stöhnte Judith ungeduldig. "Immer diese Warterei. Aber meinetwegen. Hoffentlich kommt er bald. Und wenn er nicht wach wird? Ohne Kornblume hätte ich wahrscheinlich auch durchgeschlafen. Sie hat mich nämlich ganz freundlich wach gestupst. Jedenfalls hat sie dafür gesorgt, dass ich davon träumte."

"Das Beste wird sein, ihr nehmt demnächst jeder ein Mondpferdchen mit", schlug Robert vor. "Dann kann dieses auch meinem Freund Till einen Aufwach-Traum schicken."

"Keine schlechte Idee!" fand Judith. "Aber was machen wir jetzt?"

"Wir können erst mal 'ne Viertelstunde warten", schlug Kornblume vor.

"Gut", meinte Judith, "Aber dann erzähl' doch schon mal, Robert.

"Aber der Roboterfreund Robert Robertson hatte eine andere Idee. Er schickte Judith telefonieren. Sie sollte aber ihre Stimme verstellen. Ein Telefonhäuschen stand nicht weit weg.

Till lag in seinem Bett und hörte das Telefon läuten, hörte es eigentlich nur halb. Wahrscheinlich wäre er sofort wieder eingenickt, wenn nicht ihr Vater furchtbar laut geflucht hätte: "Diese verdammte Göre. Schon zum dritten mal hat sie sich verwählt. Jedes Mal springe ich aus dem Bett. Was lässt die auch so ewig lange klingeln. Soll's doch bleiben lassen, wenn sie nicht telefonieren kann. Und außerdem - eine Frechheit, wie lange manche Eltern ihre Kinder auflassen."

Plötzlich war Till hellwach. Mann-o-mann. Er hatte ja total verschlafen. Der Vater, das merkte er, verfiel sofort wieder in Tiefschlaf. ‚Todmüde bin ich. Ich fahre heute mal nicht mit zum Mond', dachte Till. ‚Ob wir die Räder nun heute holen oder morgen, das ist doch egal.'

Er zog die Decke über den Kopf und machte die Augen zu. ‚Vielleicht warten die aber auf mich. Vielleicht war es sogar Judith, die grad' angerufen hat - um mich zu wecken.' ‚Verdammte Göre', hatte Vater gebrummelt. Das wäre Judith zuzutrauen, dass sie sich so etwas ausdenkt, um ihn wach zu kriegen.

Bei diesen Gedanken rappelte sich Till hoch. Er zog sich an und schlich sich raus. Alles leise und vorsichtig, natürlich.

Und so war es: Judith hatte ihren Freund wach geklingelt. Schnell startete Robert und begann zu berichten.

"Die Räder, meine lieben Freunde, ich wage fast nicht, es zuzugeben, sind schon wieder verschwunden."

"Das ist doch nichts Aufregendes", meinte Till. "Da werden die nächsten neugierigen Junghühner mit unterwegs sein."

"Die sind es diesmal nicht. Die Mondhühner sind furchtbar aufgeregt. weil sie wissen, dass der Verdacht zuerst auf sie fallen wird. Sie haben deshalb schon alles abgesucht. Alle andern Mondwesen, die mit auf dem Fest waren, haben mitgeholfen. Schritt für Schritt haben sie gesucht auf der Vorderseite. Es gibt nur einen Schluss: Die Räder sind nicht auf der Vorderseite."

"Dann eben auf der Rückseite", tönte Judith. "Das ist die einzig logische Schlussfolgerung", bestätigte Robert.

"Dann müssen wir eben die Rückseite auch noch absuchen. Aber gibt es denn da Lebewesen?" fragte Till. "Bisher wusste ich das gar nicht. "

"Gibt es auch nicht", druckste Robert herum. "Jedenfalls nicht so richtig. Keine Lebewesen, so wie wir sie verstehen. "

"Was denn für welche? Ich versteh' einfach nicht, was du meinst." Till war leicht ungeduldig.

"Das ist auch nicht so leicht zu verstehen", erklärte

Robert. "Normalerweise sprechen wir nicht darüber. Wir denken lieber gar nicht daran. Deshalb bin ich nicht geübt, darüber zu reden. Da hinten, auf der Rückseite, da wohnen die Rückseitler. Das sind - na ja - rechte Bösewichter sind das. Die tun nur Böses, nur Übeles. Und die haben die Räder, das ist sicher. Typisch für diese Kreaturen. Sie klauen einfach alles, was sie interessiert. Wenn sie sie nur nicht für etwas ganz, ganz Schlimmes benutzen werden!"

Judith und Till fragten Robert Löcher in den Bauch. Alles wollten sie wissen über die Rückseitler. Robert berichtete von den hässlichen Monstern, die dort wohnten. Immer wieder versuchten sie, die Vorderseitler zu ärgern, zu schikanieren und gar zu unterwerfen. Manch böse Streitereien hat es gegeben, viele Kämpfe. Die Vorderseitler schafften es bisher immer, sich zu wehren. Zwar sind sie eher friedfertig und keine Kampfgeister. Aber es blieb ihnen nichts anderes übrig, wollten sie sich nicht beherrschen lassen von den Rückseitlern.

Mit vereinten Kräften konnten sie die Rückseitenwesen immer wieder zurückdrängen. Vor etlichen Jahren hatten sie den Monstern einen solchen Denkzettel verpasst, dass eine ganze Weile Ruhe war. Die Vorderseitler mieden die Rückseitler wie die Pest.

"Und jetzt geht das schon wieder los!" stöhnte Robert.

Tja, was tun? Judith grübelte eine Weile nach. "Vielleicht sollten wir erst mal Kundschafter rüberschicken", meinte sie. "Gute Idee", strahlte Robert, "die Frage ist nur: WEN?"

"Vielleicht - vielleicht die freundlichen Stechmücken. Die fallen am wenigsten auf", schlug Till vor.

Nach der Landung war große Lagebesprechung bei den Hühnermenschen. Die waren froh, dass die Erdenkinder nicht sauer über die verschwundenen Räder waren. Die Stechmücken als Spione, diesen Vorschlag fanden alle gut. Aber niemand wusste, wo die Steckmücken wohnten. Sie hausten in irgendwelchen engen Felsspalten. Aber wo, dieses Geheimnis hüteten sie wie ihre Facettenaugen.

Da meldete sich Kornblume zu Wort. "Ich hatte einmal ein Erlebnis bei den Hopserbergen."

"Ach die wohnen auch in den Hopserbergen, wie die Mondhühner", jubelte Till. "In welchem der drei Berge wohnen sie denn?"

"Nein, das ist es nicht", entgegnete Kornblume. "Ich wollte ja nur von dem Erlebnis berichten. Wo die Mücken wohnen, das weiß ich auch nicht. Aber die Hopserberge könnten es wissen."

Und Kornblume erzählte ihre Geschichte von den Hopserbergen.

21 GEHEIMNIS DER HOPSERBERGE

"Es ist schon eine Zeit lang her", berichtete Kornblume. "Ich stand alleine in der Nähe der Hopserberge und spielte mit Mondsteinen 'rum. Plötzlich hörte ich eine tiefe, langsame Stimme: ‚Guten Tag, mein liebes Pferdchen, wie heißt du denn?' Ich sah mich überrascht um, konnte aber niemanden sehen. ‚Wer ist denn da?' fragte ich deshalb. ‚Na ich', war die Antwort. Ich entdeckte immer noch niemanden. ‚Wo bist du? Und wer bist du? Ich kenne auch deine Stimme nicht', sagte ich. ‚Vielleicht ein Geist', dachte ich. Mir lief ein Schauer über den Rücken. ‚Das gibt es doch nicht, dass man mich übersieht', klang die dumpfe Stimme. ‚Du stehst doch direkt vor mir.'

Ich sah immer noch niemanden. Nur den Hopserberg. Die Stimme kam aus halber Höhe von ihm herunter. Da war eine Höhle. Die sah ein wenig aus wie ein Mund.

Jetzt sah ich es genau. Die Höhle, der Mund, bewegte sich langsam. Der Hopserberg sprach. Das ist das große Geheimnis der Hopserberge, von dem man immer schon munkelte. Auch sie hatten einen Vorrat an Sauerstoffstaub.

Der Berg erzählte, er langweile sich furchtbar. Er wollte längst hier weg, die andern gingen nicht mit. Deshalb wollte er sich gerne mit jemandem unterhalten, damit die Zeit schneller verging. Normalerweise reden die Berge nicht, wenn Fremde in der Nähe sind. Dann gäbe es einen riesigen Volksauflauf, und so etwas vertragen die Hopserberge nicht. Aber Hopserberg Nummer EINS sagte, ich war ihm gleich sympathisch. Er glaubte mit seiner guten Mondwesenkenntnis, dass ich sein Geheimnis nicht preisgeben würde, wenn er mich darum bäte. Das versprach ich natürlich. Dafür versprach der Hopserberg, dass er mir irgendwann einmal einen Gefallen tun würde. Die Hopserberge kennen sich auf der Vorderseite des Mondes unheimlich gut aus, weil sie seit Jahrtausenden alles genau beobachten. Sogar die Rückseite kennen sie ein bisschen. Aber wirklich nur ein bisschen, denn die Monster sind auch ihnen zu wild. Das mögen sie nicht."

Kornblume hatte nun folgende Idee. Es wollte den ersten Hopserberg nach dem Aufenthalt der freundlichen Stechmücken befragen. Jetzt erst merkte das Mondpferd, dass es in der Aufregung das Geheimnis preisgegeben hatte. Deshalb verlangte es von allen andern, sie dürften das nicht weitersagen und nicht die Hopserberge ansprechen. Sonst sei die Freundschaft mit den Bergen aus, und sie würden nichts verraten. Alle versprachen, das zu tun.

Judith tröstete Kornblume damit, dass es das Geheimnis für einen guten Zweck gelüftet hatte.

Auf ging es also zum ersten Hopserberg. Kornblume galoppierte alleine hin, damit nichts auffiel. Sie schilderte dem Berg den ganzen Vorfall, und Hopserberg Nummer eins sagte: "Gerne will ich dir sagen, wo die Stechmücken wohnen. Ich habe dir ja versprochen, dir einmal einen Gefallen zu tun. Aber sag mal, hast du denn dein Versprechen auch gehalten?"

Kornblume log drauf los: "Ja, das habe ich." Was sollte sie auch sonst sagen? Aber sie wurde dabei etwas rot HINTER den Ohren.

Der Berg fragte nochmals: "Und du hast wirklich niemandem erzählt, dass wir Hopserberge sprechen können?" Kornblume log nochmals, und die GANZEN Ohren wurden rot, als sie ja sagte.

Und nochmals hakte der Hopserberg nach: "Kann es nicht vielleicht doch sein, dass du ein klitzekleinesbisschen geplaudert hast?" Wieder log Kornblume - aber ihr GANZER KOPF lief knallrot an. Sie wusste genau, der Berg merkte, dass sie schummelte.

"Na ja", druckste das Mondpferd herum. "Du musst wissen, wir wussten nicht, was wir tun sollten. Und da schlug ich vor, dich zu fragen. Da MUSSTE ich ja zugeben, dass ich schon mit dir gesprochen habe. Aber glaube mir, keiner von meinen Freunden wird irgend jemandem etwas weitersagen."

"So schlimm ist das ja nicht", lachte der Hopserberg. "Wenn deine Freunde wirklich so nett sein wollen und es für sich behalten, dann will ich nicht so sein. In der Aufregung kann so etwas schon mal passieren. Aber du hättest doch nicht lügen müssen. Vor allem hat Judith recht: es dient einem guten Zweck. Du siehst, ich weiß sowieso alles. Mein Bruder, der dritte Hopserberg hat riesige Lauscher. Er hat alles mitbekommen, was bei den Hühnerleuten besprochen wurde. Das hat er dem zweiten Hopserberg zugeflüstert. Und dieser hat es mir weitergegeben."

Nun fragte Kornblume nochmals, wo die freundlichen Stechmücken auf der Vorderseite wohnen. "Die leben nicht AUF der Vorderseite."

"Mein Gott", erschrak Kornblume", gehören die etwa zu den Hinterseitenwesen?"

"Nie und nimmer", wehrte der Hopserberg ab. Richtig erschrocken klang er bei der Vorstellung.

"Wenn sie nicht auf er Vorderseite und nicht auf der Hinterseite wohnen, dann können sie ja gar nicht auf dem Mond leben", schrie Kornblume aufgeregt.

"AUF dem Mond wohnen sie auch nicht", bestätigte der Berg. "IN dem Mond wohnen sie."

Dann beschrieb der Hopserberg ganz genau die Lage des Unterschlupfs. Man musste unheimlich genau aufpassen, weil er schwer zu finden war. Die Öffnung war gut versteckt und noch kleiner als ein Nasenloch. Von da aus ging es tief, tief, tief in den Mond hinein.

Gut. Nun wusste Kornblume Bescheid. Der Hopserberg fragte: "Wer soll denn eigentlich mit den Steckmücken reden?"

Das wusste das Mondpferdchen nicht, meinte aber, irgendeiner von den Freunden. Vielleicht die Erdenkinder selbst. Weil es ihre Räder waren, um die es ging.

"Und wie wollen sie in den Bau hineinkommen?"

Tja, darüber hatte sich Kornblume keine Gedanken gemacht.

Der Berg gab ihr einen Tipp. Es gibt auf dem Mond einen Zauberfleck. Dort legt man sich auf den Sand, dreht sich dreimal nach rechts und ruft: "Ich will so klein werden wie eine Katze. Im Nu ist man genau so groß wie eine Katze. Man kann sich auch so klein wie eine Stechmücke zaubern. Groß wird man wieder, indem man sagt: "Ich will normal groß sein." Dabei dreht man sich dreimal zurück.

Mit diesen vielen Neuigkeiten kehrte Kornblume zu seinen Freunden zurück. Sie strahlte vor Glück.

22 VERKLEINERT

Erst mal herrschte eine Weile Schweigen. Das waren wahrhaft brauchbare Informationen, die Kornblume von den Hopserbergen erhalten hatte. Jetzt galt es, sie klug zu nutzen.

"Also, die werten Herrschaften", meldete sich Robert zu Wort, "ich habe eben in mich hineingehört und meine Strategieprogramme befragt. Wir müssen gewissenhaft und logisch vorgehen.

* ERSTENS müssen wir diejenigen auswählen, die Kontakt zu den Stechmücken aufnehmen.
* ZWEITENS müssen sich diejenigen klein zaubern.
* DRITTENS müssen wir den Unterschlupf der Steckmücken finden.
* VIERTENS müssen die Botschafter hingehen und
* FÜNFTENS müssen diese Botschafter die freundlichen Steckmücken von unserem Plan überzeugen.

Alles Weitere bleibt vorerst ungewiss. Wir müssen herausfinden, wo die Räder sind. Dann müssen wir in Erfahrung bringen, ob die Rückseitenmonster irgendeinen Geheimplan haben. Falls ‚ja' müssen wir wissen, welchen Geheimplan sie haben. Erst dann wird es uns möglich sein, zu planen, wie wir die Räder zurück erobern und wie wir gegebenenfalls die Pläne der Rückseitler durchkreuzen."

Das war eine lange Rede. Aber sie hatte Hand und Fuß. Zuerst also waren die Gesandten zu wählen.

"Ich (ich) möchte (möchte) zu (zu) den (den) freundlichen (freundlichen) Steckmücken (Steckmücken)!"

Das waren zwei Kinderstimmen, die fast gleichzeitig dasselbe sagten. Ihr ratet sicher, wer es war? Judith und Till, natürlich.

Es gab kein langes Gerede. Alle waren dafür, dass die Erdenkinder gingen. Hatte vielleicht der eine oder andere Mondbewohner ein wenig Angst, sich so klitzeklein wie eine Stechmücke zu zaubern?

Kaum war der Entschluss gefasst, da rannten die Kinder mit Robert in seine Rakete. Kornblume wollte unbedingt mit. Sehr anhänglich war sie, und Judith war es nur zu recht.

Nicht lange musste Robert suchen. Die Beschreibung des Hopserberges stimmte haargenau. Robert landete mit einem großen Schwung in dem Krater, dass der Mondstaub nur so aufwirbelte. Eingerieben mit Sauerstoffsand hatten sich die Freunde schon längst. So konnten sie sofort ohne Raumanzug aussteigen.

"Jetzt müsst ihr euch hinlegen", wiederholte Kornblume die Anweisungen des ersten Hopserberges. Sie war mit aus der Rakete gesprungen." Und nun dreht euch nach links. Dreimal." Und zwei Kinder begannen, sich auf dem Boden nach links zu drehen." Und nun sprecht: Ich will so klein sein wie eine Steckmücke."

"Ich will so klein sein wie eine Steckmücke", wiederholten die Kinder.

Und kaum hatten sie die dritte Runde beendet, da waren sie so groß wie ein Elefant oder noch größer. Verdutzt sahen Till und Judith sich um. Ihr Kopf ragte über den Krater hinaus, und an ihrem Bauch rappelte sich Kornblume gerade wieder auf. Als die Kinder beinahe explodierten, so groß wie sie mit einem Schlag wurden, war sie entsetzt zurückgesprungen und war dabei in den Sand gefallen.

Irgendetwas war hier schief gegangen! "Oh, verflixt", sagte Kornblume, "ich glaube, ihr hättet euch anders rum drehen müssen. Da habe ich wohl was verwechselt!"

"Na, dann machen wir's eben noch mal", schlug Till vor.

Diesmal passten sie nicht mehr beide zusammen in den Krater, und Till ließ Judith als Kavalier den Vortritt. Sie drehte sich dreimal nach rechts und sprach: "Ich will so klein sein wie eine Steckmücke."

Und kaum hatten sie die dritte Runde beendet, da war sie diesmal weg. Kornblume glotzte ungläubig auf den Fleck, aber ihre Freundin Judith war weg. Keine Spur mehr. Fast keine Spur mehr. Mit ihren guten Ohren vernahm Kornblume ein Stimmchen. Ganz leise klang es. Das Pferd merkte, es klang so, wie wenn jemand aus voller Kraft brüllt. Nur von weit, weit weg.

Winzig klein, im Schatten eines Mondsteinkrümels stand die klein gewordene Judith und winkte und schrie aus Leibeskräften.

Noch kleiner war sie als eine Steckmücke. Sie war so groß wie eine halbe Steckmücken. Wie ein Stechmückenkind. Aus Erdenkindern werden Steckmückenkinder.

Ganz vorsichtig ging Kornblume hin, streckte ihren Huf lang aus und ließ Judith hinaufklettern. Der Huf, der sonst so glatt schien hatte jetzt eine Reihe Vorsprünge, an denen sich die Winzlings-Judith prima festhalten konnte.

Nun wiederholte Till die ganze Prozedur. Und bald war auch er nicht mehr zu sehen. Hatte ebenfalls Stechmückenkind-Größe. Und von Judith sah er keine Spur.

Aber Kornblume hatte ihn bereits entdeckt, hielt behutsam ihren Huf hin, und auch Till kletterte hinauf. Dann brachte er sie beide vorsichtig ins Mondauto.

"Hat ja geklappt", rief Robert zufrieden, "wenn auch mit Hindernissen." Ihm hätte so ein Lapsus mit Verwechseln der Umdrehungsrichtung nicht passieren können.

Aber er hatte die Kinder nicht aus den Augen verloren. Er stellte die Linsen seiner Augen auf VERGRÖßERN ein, dann konnte er die kleinen Wesen genau sehen. Hätte Kornblume sie nicht entdeckt, er hätte sie auf jeden Fall gefunden.

"Ein bisschen Angst habe ich ja doch gekriegt", sagte Till. "Ich auch", gab Judith zu.

Für die Kinder war es nämlich genau umgekehrt. Kaum hatten sie die dritte Runde beendet, da änderte sich plötzlich alles. Sie dachten im ersten Moment, sie wären ganz woanders. Die Landschaft war völlig verändert. Beim ersten Versuch war plötzlich alles winzig um sie herum gewesen.

Beim zweiten Mal lagen sie auf groben, faustdicken Steinen. Überall ragten große Felsblocks in die Luft. Vorher war der Boden einigermaßen glatt und sandig. Roberts Auto und Kornblume waren nicht mehr zu sehen. Erst als sie sich genau umsahen, wussten sie, was los war. Sie selbst waren so winzig geworden, dass ihnen die Sandkörner groß vorkamen wie kartoffeldicke Steine. Kleine Steinchen erschienen ihnen wie große Felsen. Und Kornblume entdeckten sie, als sie zum Himmel hoch schauten. Riesengroß wie ein Berg stand sie über ihnen - und sah sie nicht! Zumindest Judith kam das so vor. Vielleicht konnte es so kleine Wesen gar nicht sehen. Deshalb hatte sie so geschrieen und gewunken. Endlich hatte Kornblume begriffen und sie aufgehoben mit ihrer Hufe auf. Das gleiche wiederholte sich bei Till.

Der Weg zum Mondraketenauto wäre viel zu lang gewesen. Das stand nämlich weit, weit weg. Am Horizont. Kornblume machte nur drei Schritte und war dort. Die winzigen Kinder mit ihren winzigen Beinchen hätten sicherlich drei Tage wandern müssen. Sie waren zwar klein wie Stechmücken, aber fliegen konnten sie deshalb noch lange nicht.

Teil ZWEI aus Roberts Planung war also erledigt. Die Botschafter waren klein gezaubert. Nun galt es, den Unterschlupf der freundlichen Stechmücken zu finden. Kornblume erinnerte sich genau, wie der Hopserberg ihr den Weg beschrieben hatte. Diesmal passte sie aber genau auf, dass sie sich nicht wieder vertat.

Dieses winzige Schlupfloch von der Rakete aus zu entdecken, das war nicht leicht. Robert musste seine Augen auf allergrößte Vergrößerung stellen. Und dazu musste er noch sein Infrarotsichtgerät mitbenutzen. Mit Infrarotsichtgeräten lassen sich Dinge erkennen, die man mit bloßem Auge nicht sieht. Sogar im Dunkeln kann Robert damit sehen, nicht nur mit seinem Radar. Radar wäre für diesen Zweck zu ungenau gewesen.

Und endlich, endlich hatte er das Loch gefunden. Wenn du mal versuchst, auf einer Wiese mit hohem Gras ein bestimmtes Regenwurmloch zu finden, dann weißt du ungefähr, was Robert für eine Sucherei zu erledigen hatte.

Es ist nicht sicher, ob er es ohne Infrarotsichtgerät überhaupt hätte schaffen können. Hiermit konnte er nämlich auch Wärmeunterschiede sehen. Und die Steckmücken als Lebewesen, die produzierten Wärme. Ein Teil davon drang aus aus ihrem Schlupfloch heraus und erwärmte den Rand. Und das blieb Robert nicht verborgen.

Robert hielt sein Raketenauto an, und Kornblume bracht die stechmückenkindergroßen Beiden zu dem Eingang. Sie konnte ihn fast nicht erkennen. Ein Ritz nur in einem Stein. Solche Sprünge gibt es in Mondfelsen zu Abermillionen. Kein denkendes Wesen käme auf die Idee, das könnte der Eingang sein für die Stadt eines ganzen Volkes.

Judith und Till sahen den Eingang dafür umso genauer. Für sie war es kein Ritz, sondern ein Höhleneingang, da hätte eine Kuh durch gepasst. Natürlich nur, wenn sie verkleinert worden wäre.

Ein Stück mussten die Freunde laufen, dann standen sie vor dem Eingang. Niemand war zu sehen. Was sollte sie drinnen erwarten - dort im Stockdunkeln?

23 IN DER HÖHLE DER MÜCKEN

Der Eingang gähnte den Kindern wie ein tiefschwarzer Schlund entgegen. Judith sah Till kurz an, dann rief sie: "Hallo! Ist dort wer?" Keine Antwort. "Hallo! Ist dort wer?" kam das Echo leise zurück.

Eine leichte Gänsehaut wollte den Freunden den Rücken hochsteigen. Sie fassten sich bei den Händen und tasten sich mutig in die Höhle vor. Nach ein paar Schritten blieben sie stehen. Sie mussten sich an die Dunkelheit gewöhnen.

Aber plötzlich wurden sie von Stangen zusammengepresst. Scheinbar hunderte von Holzstangen drückten sie fest zusammen und hoben sie hoch. Erschrocken schrieen die Kinder auf. Sie wurden hochgerissen, jeder für sich. In sausender Geschwindigkeit ging es dann wieder in die Tiefe. Zu sehen war nichts, gar nichts. Die Kinder steckten in den Stangen wie in einem Holzhaufen. Sie hatten das Gefühl, sie fielen in einen tiefen Brunnen. Aber seltsam, die Aufregung legte sich. Die Freunde fühlten sich seltsam geborgen in dem Gestänge. Ein gemütliches Schwirren hören sie über sich. Sie wussten nicht genau wieso, aber irgendwie klang es nicht bedrohlich.

Der Flug ging weiter, hin und her, auf und ab. Aus der Tiefe kam schließlich Licht, die Kinder rasten darauf zu. Jetzt konnten sie erkennen, was das für Holzstangen waren. Eine Wächtermücke hatte ihre vielen Beine um sie geschlungen und flog mit ihnen in die Tiefe.

"Schon wieder Eindringlinge", meldete der Wächter einem Unterhäuptling.

"Nanu, was ist denn mit euch geschehen?" Schwirrtza erkannte sie sofort, die heldenhaften Erdenkinder. Die, die die beiden Junghühner vor dem sicheren Tod gerettet hatten. Nur waren sie winzig klein geworden. Das waren leider nicht die ersten Großwesen, die Schwirrtza an diesem Tag verkleinert begegnet waren.

Judith, das muss man sagen, war erst gar nicht wohl zumute, als sie sich einer Stechmücke gegenüber sah. die fast doppelt so groß war wie sie selber. Der Kopf sah aus wie ein Ritterpferd in Eisenrüstung. Die Augen groß wie Küchensiebe, der Stachel wie ein Presslufthammer und das Maul wie eine Backofenklappe mit Haifischzähnen drin. Aber froh war sie doch, dass sie gleich an Schwirrtza geraten waren. Es war nicht sicher, dass es glücklich ausgegangen wäre, hätten sie anderen Stechmücken erklären müssen, wieso sie sie in ihrem Schlupfloch aufstöberten? Vielleicht hätten sie einen gar nicht zu Wort kommen lassen.

Mögen sie auch freundlich sein, die Mücken - Eindringlinge werden immer abgefangen. Der Häuptling oder einer seiner Unterhäuptlinge verurteilt sie in einem Sofortgerichtsverfahren. Unter einem Jahr Gefängnis kommt niemand dabei weg. Heute war allerdings etwas Unvorhergesehenes passiert.

Judith und Till erklärten ihr Problem von hinten bis vorne. Schwirrtza war sofort bereit, zu helfen. Aber so einfach ging das nicht.

"Ich habe eine Überraschung für euch", erklärte sie. "Eure Räder sind hier."

Die Freunde sahen sich erstaunt an. Was hatte das zu bedeuten?

"Aber wir haben sie nicht genommen. Wir haben ganz unangenehmen Besuch bekommen."

Schwirrtza führte die Kinder durch einige Zimmer und Gänge. Plötzlich standen die drei auf einer Veranda in einem großen Saal.

"Das ist unser Versammlungsraum", erklärte Schwirrtza.

Judith und Till sahen sich um. Der Saal war voll gepfropft mit Menschen. Nein, Stechmücken natürlich. Keiner redete. Die Stimmung schien gedrückt. Das Rednerpult war leer. Nur hie und da unterhielten sich einige Mücken leise. Es sah so aus, als müssten sie eine schwere Entscheidung überdenken.

Da deutete Till auf eine Sitzreihe hinter dem Rednerpult. Judith sah zwei hässliche Monster. Sie waren über und über bedeckt mit Hornplatten, hatten Pickel und Stacheln. Der Sabber lief aus einem breiten Froschmaul auf die fetten Bäuche. Aber das störte sie nicht. Und wie sie stanken!

Obwohl die Kinder fast auf der andern Seite des Saales standen, drang der ranzig-eklige Geruch bis in ihre Nasen. Die Monster schienen sich wohl zu fühlen. Sie hingen in ihren Sitzen und rührten sich kaum, die Schweinsäuglein tief im Kopf. Fast glaubte man, sie dösten vor sich hin. Judith und Till konnten sich keinen Reim auf das machen, was hier geschah.

Schwirrtza zupfte Till am Ärmel und winkte die Kinder wieder zurück. Im Unterhäuptlingsbüro erklärte sie, was passiert war. Die Monster hatten den Mückenwesen vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit gegeben. Dann mussten sie entscheiden, ob sie die Forderungen der Monster erfüllen wollten oder nicht. Drei Stunden davon waren schon herum.

"Was sind das für Forderungen?" wollte Till wissen.

"Die Monster fordern von uns, wir sollen die Mondhühner so stechen, dass sie bewusstlos werden. Dann wollen die Monster die Herrschaft über das Hühnervolk übernehmen. Genau genommen will das der Monsterkönig. Er ist wahnsinnig machthungrig. "

"Und was ist, wenn ihr das nicht tut?" fragte Judith.

"Dann werden wir aus unserer Heimat vertrieben. Und ohne Heimat können wir nicht leben. Nur hier finden wir Ruhe und Sicherheit. Nur hier können wir uns richtig erholen. Dürfen wir nicht hierher zurück, dann müssen wir alle elendig zugrunde gehen."

"Aber wie wollen die Monster euch denn vertreiben?" wollte Till wissen.

"Nun, die haben unsere Höhle angebohrt. Quer durch den ganzen Mond hindurch. Da liegt schon eine Leitung, die führt genau von Schlafraum der Monstersoldaten in unsere Höhle. Und wenn wir nicht spuren, dann ziehen alle Soldaten ihre dreckigen Socken aus. Die kommen in eine große Tonne. Da wird dann Luft durchgeblasen. Und diese Luft mitsamt dem Gestank der schmutzigen Socken, diese Luft kommt in unsere Höhle. Könnt ihr euch vorstellen, dass eine freundliche Stechmücke das langer als drei Minuten aushalten kann?"

"Übel, übel", gab Judith zu. "Aber sag mal, Schwirrtza, ich denke ihr seid freundlich. Ich denke, ihr könnt gar nicht stechen."

"Können tun wir's schon", widersprach Schwirrtza. Aber tuen tun wir's nicht. Das ist nämlich unter unserer Würde."

Till wollte wissen, was die Monster den Mücken versprochen hatten, wenn sie tatsächlich die Befehle ausführten.

"Na, dann pusten sie eben ihren Sockengestank nicht in unsere Heimathöhle. Ob sie das Versprechen aber halten, wer weiß das schon? Außerdem, sagen sie, machen sie uns zu ihren Verbündeten. Aber wir müssen tun, was sie sagen. So sind wir in Wirklichkeit keine Verbündeten, sondern ihre Sklaven. Und zuletzt glaube ich nicht, dass die Monster nur das Hühnervolk unterwerfen wollen. Der Monsterkönig, machtbesessen wie er ist, wird ein Vorderseitenvolk nach dem andern unterwerfen. Er will über den ganzen Mond herrschen. Und wenn er mit unserer Hilfe alle unterworfen hat, dann wird er uns mit seinem Sockengestank vertreiben und kümmerlich verenden lassen. So ist er, dieser fiese Popanz. So und nicht anders.

Deshalb ist meine Meinung: Wir dürfen auf keinen Fall nachgeben, selbst wenn wir jetzt gleich verscheucht werden. Dann haben wir aber immer noch Zeit, die andern zu warnen. Sterben werden wir so oder so. Wir dürfen aber nicht zu Verrätern der ganzen Vorderseite werden."

Judith und Till klatschten Beifall. Das war eine eindrucksvolle Rede. So musste man handeln. So und nicht anders. Gab es da viel zu überlegen? Noch war nicht alles verloren. "Die schlafen ja schon halb", bemerkte Till. "Man müsste sie ganz einschläfern. Aber wie, aber wie? Woher kriegen wir ein Schlafmittel?"

"Das wüsst' ich schon", sagte Schwirrtza. "Wir haben eine Kräutermücke. Die hat bestimmt ein Schlafmittel. Ich habe sie auf der Versammlung nicht gesehen. Sie muss in ihrer Hütte sein. Wir gehen hin und fragen sie um Rat."

24 DIE KRÄUTERFRAU

Die Kräuterfrau war eine uralte und weise Stechmücke. Sie hatte von dem Tumult wegen der Rückseitenmonster gehört. Aufregen tat sie das nicht die Spur. Wie viele Angriffe dieser grauenvollen Wesen hatte sie schon überstanden! Auch jetzt schien Rettung möglich; der Plan der kleinen Erdenkinder gefiel der alten Mückendame.

In eine Nebenkammer führte sie die Kinder und Schwirrtza. Da waren Regale aufgestellt, eines hinter dem andern. Auf den Brettern standen unzählige Gläser, fein säuberlich eines neben dem anderen.

"In jedem Glas ist ein Kraut oder eine bestimmte Sorte Mondstaub. Es gibt nicht viele Krankheiten, gegen die ich nichts habe. Schlafmittel - davon könnt ihr ein Duzend verschiedene aussuchen."

Die Kräutermücke zeigte auf eine Reihe Gläser mit beschrifteten Schildchen.

"Die einen Mittel wirken lang. sind aber ziemlich schwach. Hier habe ich ein Kräuterpulver, damit schläft der dickste Mond-Stier ein. Aber es wirkt nur eine halbe Stunde", erklärte die alte Stechmücke.

"Ich glaube, das nehmen wir", rief Till. "Ja", bestätigte Judith, "wir müssen die Monster in dieser halben Stunde kampfunfähig machen."

"Schlafend können wir sie dann in unser Gefängnis werfen", schlug, Schwirrtza vor.

"Ich denke, ihr habt euch weise entschieden", lobte die uralte Kräuterfrau. "Aber wisst ihr denn schon, wie ihr die Monster überwältigen wollt?

Unsere drei sahen sich ratlos an. "Das macht am besten eine Stechmücke", riet die Kräuterfrau. Das Schlafmittel muss nämlich ganz genau gezielt eingestochen werden. Genau in einen Spalt zwischen zwei Hornplatten."

Mit diesem Rat zogen die Kampfgefährten los. Schwirrtza hatte ihren Stachel voll gesogen mit dem Schlafpulver. Es kitzelte in ihrem Rüssel. Anfangs musste sie sich sehr beherrschen, dass sie nicht los nieste. Nach einer Weile gewöhnte sie sich daran."

In der Versammlungshalle herrschte dicker Tumult. Die Stechmücken fuchteln mit ihren vielen Armen. Beinen und Flügeln in der Luft herum. Stimmengewirr, ab und zu ein lauter Schrei. Die Mücken reden kreuz und quer aufeinander ein. Viele wollen sich den Monstern nicht ergeben. Aber einige waren dabei, die hielten das für das beste. Wenn sie nachgaben, hatten sie eine Überlebenschance. Leisteten sie Widerstand, waren sie sofort verloren.

Die Monster schauten vergnügt in die Runde. Es gefiel ihnen, dass die freundlichen Stechmücken sich stritten. Sie hatten gut lachen. Denn sie hatten die Macht. Wenigstens im Moment. Der Tumult tat ihren bösen Monsterseelen gut.

25 GEFANGEN

Es herrscht jetzt ein ziemlicher Trubel im Saal. Darin bemerken die abscheulichen Pickelklopse nicht, dass eine Stechmücke neu von draußen hereinkommt. Sie ahnen nichts davon, dass diese Mücke um sie herumschleicht. Sie spüren nicht, wie genau diese Mücke ihren Rücken beobachtet, wie sie die Spalten zwischen den Hornplatten mustert.

Schwirrtza konzentriert sich. Rennt drei Schritte vor, immer die Spalte im Auge. ZACK - jagt sie ihren Stachel hinein. Und PSS drückt sie die Hälfte des Schlafpulvers unter die Haut. ZACK - das andere Monster ebenfalls gepiekt. Und PSS den Rest hineingespritzt.

Schwirrtza zieht den Stachel heraus. Das erste Monster ist schon eingeschlafen. Das zweite will sich umdrehen. Gerade hat es den Kopf gewendet, da fallen ihm die Augen zu. Es sinkt in sich zusammen und fängt lauthals an zu schnarchen.

"Schlimmer als mein Vater", sagte Judith und schob sich mit Till nach vorne. Während die beiden Schwirrtza um den Hals fielen, begriff das Mückenvolk, was geschehen war. Die meisten freuten sich, dass die Eindringlinge überwältigt waren. Aber andere schüttelten bedenklich den Kopf. Jetzt hatten sie die Monster erst recht zu ihren Feinden gemacht.

"Liebe Freunde", erklärte Schwirrtza, "das Schlafmittel wirkt nur eine halbe Stunde lang. In dieser Zeit müssen wir die Monster unschädlich machen. Ich denke, wir sollten sie in unser Gefängnis werfen."

Die meisten Mücken stimmten zu. Aber einige sagten, man sollte sie in Ruhe lassen und sich den Plänen fügen. Sonst würde das ganze Mückenvolk schwer bestraft.

"Wir werden doch so oder so bestraft", erklärte Schwirrtza. "Es glaubt doch wohl keiner im Ernst, dass die Monster uns in Frieden lassen. Sie sagen, sie machen uns zu Verbündeten. Aber dafür sollen wir unsere Freunde von der Vorderseite verraten. Verbündete sind wir nicht, ihre Sklaven sind wir! Und dann glaubt doch keiner im Ernst. dass die Monster ihre Versprechen halten werden. Erst werden sie das Hühnervolk unterwerfen. Dann werden sie alle andern Vorderseitenvölker unterwerfen. Denn der Monsterkönig ist machtgierig. Unsere Hilfe will er. Und wir sollen tatsächlich Verräter werden? Selbst wenn wir diese Gemeinheit begehen, wer glaubt denn, die Monster lassen uns in Ruhe? Haben sie erst mal die Herrschaft über den ganzen Mond erreicht, dann werden sie uns doch auch wegpusten. Der Monsterkönig wäre doch bescheuert. wenn er seine Macht mit uns teilen würde."

Großer Beifall hallte durch den Saal. Jetzt war die letzte Stechmücke davon überzeugt. dass man sich auf keinen Fall den Monstern ergeben durfte.

Gemeinsam packten sie an und schleppten die schlafenden Pickelungeheuer ins Gefängnis. Die Monster hatten sich klein gezaubert, damit sie zu den Stechmücken vordringen konnten. Trotzdem mussten sich die Mücken gewaltig anstrengen. Diese Fleischklötze waren immer noch viel schwerer als die zarten Insekten. Und die schläfrigen Körper ließen sich nicht gut halten.

Mit vereinter Anstrengung schafften es die Mücken. Judith und Till konnten nicht viel helfen. Denn die Steckmücken flogen mit ihren Gefangenen zu einem alten Brunnen. Der hatte kein Wasser mehr und diente als Gefängnis. Vom Grund dieses Brunnens konnten die Monster kaum entkommen. Zur Sicherheit stellten die Mücken Wachen auf.

Inzwischen erläuterten Judith und Till ihren Plan. Einige Mücken sollten heimlich auf die Mondrückseite fliegen und alles ausspionieren. Die Kinder mussten leider zur Erde zurück. Sie wollten am Abend wiederkommen und hofften, dass die Spione dann einiges herausgefunden hätten. Solange konnte man nichts tun. Aber dann würde man sich einen guten Plan ausdenken!

"Eines wüsste ich doch zu gerne", fragte Till. "Keiner wusste bisher, wo ihr überhaupt wohnt. Nur die Hopserberge wussten das. Wie konnten denn die Monster euch überhaupt finden?"

"Dumm sind sie ja nicht, diese Monster. Das muss man ihnen lassen" erklärte Schwirrtza. Die Monster hatten sich selbst mitsamt den Rädern zuerst noch viel kleiner verkleinert, als es selbst die Steckmücken waren. Klein wie ein Staubkorn. So winzig flogen sie einfach einer Mücke hinterher. Diese konnte sie nicht bemerken. Als sie nun wussten, wo das Mückenvolk lebte, drehten sie sich wieder größer und

Drangen in die Höhle ein und versuchten, die Stechmücken zu erpressen.

Jetzt drängte die Zeit. Das Mückenvolk war einverstanden mit dem Plan. Schwirrtza suchte einige Freunde aus. Das war der Spionagetrupp. Inzwischen holten Judith und Till ihre Räder. Endlich hatten sie sie wieder. Liebevoll strich Till über die Lenkstange. Alles in Ordnung, keinen Schaden hatten sie genommen. Eins musste man den Monstern lassen: Mit den Rädern konnten sie offenbar umgehen.

Judith und Till holten Schwung und rasten los. Schwirrtza und ein paar andere Mücken begleiteten sie. Die Scheinwerfer erleuchteten den Gang ausreichend. Ohne oben oder unten anzustoßen brausten die Kinder durch den engen Schacht hinaus.

Landung auf Roberts Mondauto. Der arme Kerl und Kornblume waren schon ganz aufgeregt, weil ihre Freunde so lange wegblieben. Während die Kinder ihr Abenteuer erzählten, startete Robert zu dem Verkleinerungssand.

Rausgesprungen aus dem Auto, rein in den Sand, dreimal nach links gewälzt. Die letzte Drehung - und KRACKS - sind sie wieder normal groß.

"Ich bin so groß wie immer!" ruft Judith begeistert. Nun, Till ist das nicht. Er ist jetzt einen halben Kopf größer als vorher. Schnell nochmals hingelegt. Er hat sich ein bisschen zu weit gedreht. Also wälzt er sich ein wenig nach rechts und murmelt ihren Spruch. Wäre nicht schlecht gewesen, so schnell zu wachsen. Aber ihren Eltern wäre das unheimlich vorgekommen. Zum Arzt wären sie mit ihr gerannt. Nein - dann doch lieber langsam weiter wachsen.

Und nun mussten noch die Räder vergrößert werden. Die Kinder drehten sie dreimal im Sand nach links und sagen "Die Räder sind so groß wie vorher."

Nicht leicht, so kleine Räder richtig zu drehen. Die hätten zu einer Modelleisenbahn gepasst. Aber es klappte. Nach der letzten Umdrehung hielten die Freunde ihre Raketenräder in normaler Größe in den Händen.

Judith und Till ließen es sich nicht nehmen, mit den Rädern zu fahren. Aber Kornblume wollte unbedingt mit. Sie musste unbedingt mit. Wie hätte Judith ihrer Mutter erklären sollen, wo ihr geliehenes Spielzeugpferd abgeblieben ist?

So fuhr Robert mit Kornblume zur Erde, die Kinder flogen nebenher. Unterwegs winkten sich die vier immer wieder zu. Sie waren guter Dinge. Er würde schon gut gehen, der Kampf gegen den Monsterkönig.

26 DEN KÖNIG ÜBERLISTET

In der Zwischenzeit waren die Vorderseitler nicht faul. Kaum war Robert zurückgekehrt, beriet er sich mit seinen Gefolgstieren. Er berichtete von der ganzen vertrackten Situation und machte ihnen klar, dass es jetzt eine Hauptgefahr gab.

"Der Monsterkönig wird auf jeden Fall misstrauisch, wenn seine Soldaten nach Ablauf der Frist nicht wieder zurückkehren."

Maxi meldete sich. Es ist ja gar nicht leicht, hell zu sehen. Meist kommt mir das, was ich hellsehen soll, einfach so daher. Ich habe plötzlich ein Bild im Kopf. Dann weiß ich ganz genau: so und so wird das dann und dann sein."

Als Beispiel erinnerte sie an eine Begebenheit vor ein paar Jahren. Alle kannten diese Geschichte, hatten sie ja schließlich selbst miterlebt.

Robert war wieder einmal draußen unterwegs. Wollte die letzten Zipfel erforschen, die er auf dem Mond noch nicht kannte. Es war am Rand des Krisenmeeres. Die Wissenschaftler nennen es ‚Mare crisium'. Da sah er einen Felsblock, der ihn sehr interessierte. Hatte eine merkwürdige Form. Rund, beinahe eher wie eine liegende 8. So sah die aus: ?. Nur drei mal so hoch wie Robert selbst. Er war fasziniert. Das musste er sich aus der Nähe ansehen. Rollte darauf zu. Und merkte plötzlich, dass er von selbst rollte. Brauchte gar nichts mehr machen, keine Kraft aufbringen.

Immer schneller rollte er auf die ? zu. Das war ihm jetzt gar nicht mehr geheuer. Wollte umkehren. Aber das ging nicht - nicht einmal bremsen konnte er. Rutschte einfach durch den Sand an den ?-erblock heran und klebte schließlich daran fest. Konnte sich aus eigener Kraft nicht mehr befreien.

Da erst begriff er, dass dieser Block ein extrem starker Magnet war. Der zog ihn einfach an, war er je doch zu einem großen Teil aus Eisen. Was sollte er jetzt machen? Robert strengte seine Strategie-Programme an, aber sie lieferten diesmal so schnell keinen vernünftigen Plan. Da er eh nichts machen konnte, schaltete er erst einmal um auf Schlaf. So konnte er wenigstens Energie sparen.

Robert wurde plötzlich von vielen Stimmen wach. Seine ganzen Tiere standen um ihn herum. Packten ihn an Armen und Beinen und schubsten an seinem Rücken. Und siehe da, vereint konnten sie ihn losreißen von dem Magneten. Denn sie selber waren ja nicht aus Eisen.

Und wieso waren die Tiere plötzlich da? Nun, das war eben das Ereignis, bei dem Maxis hellseherischen Fähigkeiten zum Einsatz kamen. Robert war weg, schon etwas ungewöhnlich lange. Da tauchte plötzlich ein Bild wie ein Traum vor Maxi auf. Sie sah, wie Robert an der ? klebte. Und sie wusste auch, wo das war. Und sie hatte das ganz sichere Gefühl, dass das alles so stimmte, dass das eben kein Traum war.

Maxi erzählte das den anderen Tieren. Sie strahlte dabei eine solche Sicherheit aus, dass bei niemandem ein Zweifel entstand. Also brachen sie gemeinsam auf, fanden Robert und befreiten ihn. Mokierten sich später darüber, dass er an dem Block hing und ein gemütliches Nickerchen machte.

An dieses Ereignis erinnerte Maxi die anderen. Sie erklärte dazu, dass ihre hellseherischen Bilder meist einfach so alleine kommen. Nun hatte sie sich aber angestrengt und versucht, etwas herauszufinden, was der Monsterkönig gerade vorhatte. Und tatsächlich, es hatte geklappt.

Sie konnte sehen, dass der König zwei weitere Soldaten losschickte. Die sollten die anderen beiden unterstützen.

Tja, das wusste man nun. Aber was draus machen, mit dieser Information? Grübel, grübel, Strategie-Programm …

"Ich hab's", meldete sich auf einmal Kröti. Alle drehten sich zu ihr herum. Und Kröti erläuterte ihre Idee. Und die war gar nicht schlecht.

27 MITTAGSSCHLAF

Diesmal gab es keine Schwierigkeiten auf der Erde. Rechtzeitig schlich Judith sich ins Haus. Die Eltern schliefen tief wie ein Ozeangraben und bekamen nichts mit. Schnell zog Judith sich aus und verkroch sich in die Federn. Gerade wollte sie friedlich einnicken, da hörte sie den Wecker im Schlafzimmer klingeln. Irgendein Gebrumme kam von dort drüben her.

Vater rappelte sich hoch. Heute war er dran mit Frühstück machen. Judith wusste, ein bisschen Zeit bleibt ihr noch.

Sie döst vor sich hin. Denkt an die ganzen Aufregungen auf dem Mond. Kann jetzt nicht mehr einschlafen. Der Vater kommt die Treppe hoch. Hastig springt Judith aus dem Bett, wurstelt die Decke zusammen und versteckt sich hinter der Tür. Behutsam kommt Papps rein, flüstert zärtlich:

"Sternchen, Zeit zum Aufstehen."

Nichts rührt sich unter der Decke. Papps rüttelt vorsichtig - rüttelt ein bisschen fester - spürt nichts - drückt noch ein bisschen fester. Wo ist denn sein Sternchen?

Das Sternchen lugt hinter der Tür hervor und kann sich kaum noch halten. Als Vater die Decke wegreißt, prustet sie los, rennt zu ihm und springt ihm an den Hals.

"Kleiner Schelm", grinste Vati und drückte Judith an sich. "So putzmunter bist du schon, dass du deinen armen alten Vater erschrecken kannst! "

"So kann man's auch nennen", antwortete sie, und Vati konnte nicht wissen, was sie meinte. Er durfte nicht einmal ahnen, dass seine Judith in Wirklichkeit todmüde war.

Nach dem Frühstück traf sich Judith gleich mit ihrem Freund Till.

Kornblume hatte sich wieder vorbildlich benommen und Spielzeugpferd gespielt. Sie war froh, mit den Kinder auf der Wiese zu sein.

Judith und Till beratschlagten, was zu tun war. Was konnten sie gegen die hässlichen Monster und ihren grauenvollen König unternehmen? Wie abscheulich musste der erst aussehen, wenn bereits die normalen Monster grässliche Schreckgestalten waren.

Judith und Till überlegten - schwiegen - grübelten nach -sprachen darüber. Sprachen erst viel und dachten nur kurz nach. Die Gedankenpausen wurden länger und länger. So recht wollte ihnen nichts mehr einfallen. Die Arme wurden schwerer, immer schwerer. Die Beine ebenso. Der ganze Körper war schließlich schwer wie Blei. Und am allerschwersten wurden die Augenlider. Die wurden so schwer, so schwer.

Ohne dass die Kinder es merkten, schoben sie sich still und heimlich zu. Und öffneten sich eine ganze Weile nicht mehr. Die Kinder schliefen tief und fest und sanft und selig. Ich weiß nicht mehr, was sie träumten. Die Sonne streichelte sie gnädig. Die armen, geplagten Freunde sammelten neue Kräfte.

Kornblume derweil war überglücklich. Sie sprang und tobte auf der Wiese umher. Sie trank von dem köstlichen Erdenwasser aus dem Teich. Sie fraß von dem saftigen Erdengras. Und sie lenkte die Spaziergänger ab, die zufällig zu sehr in die Nähe der Kinder kamen. Wer weiß. Vielleicht wäre es noch jemandem eingefallen, die Polizei zu holen, wenn er da zwei Kinder allein im Gras schlummern sah.

Judiths und Tills Mutter machten sich keine Sorgen wegen ihrer Tochter und ihrem Sohn. Jede der beiden dachte, ihr Kind sei bei der andern Mutter. Praktisch, nicht?

Mit ihrem letzten Strahl kitzelte die Sonne Judith und Till in die Nasen. Beide blinzelten, schauten sich um und mussten lachen. Die Sonne ging schon unter. Wie lange hatten sie geschlafen! Und wie gut hatten sie geschlafen! Sie reckten sich und streckten sich und gingen wunderbar ausgeruht nach hause.

Kornblume musste sich wieder im Gebüsch verstecken. Judith sagte ihren Eltern, sie habe das tolle Spielzeugpferd zurückgegeben.

Beide Kinder gingen heute Abend freiwillig ins Bett. Ein seltenes Ereignis für die Eltern. Sie freuten sich, dass niemand quengelte, freuten sich, dass sie nicht dauernd mahnen mussten.

Der Mond ging auf. Die Eltern gingen zu Bett. Die Kinder spitzten die Ohren. Sie hörten inzwischen ganz genau, wann es soweit war.

Geübt kletterten sie aus den Betten. Schlafanzug aus, Kleidung an. Das flutschte wie geölt. Runter schleichen. Tür auf. Raus. Tür zu. Geschafft. Einmal tief durchgeatmet und nichts wie hin, zur Wiese am Teich. Kornblume sprang Judith entgegen. Till kam von der andern Seite angerannt. Und Robert schwirrte von oben herab.

28 PLAN UND GEGENPLAN

Gar nicht angenehm, was Robert den Kinder erzählte. Die Stechmücken hatten gute Arbeit geleistet. Sie fanden unter Einsatz ihres Lebens alles heraus, was der Monsterkönig vorhatte. Und das war nicht wenig.

Tatsächlich wollte er, wie Schwirrtza vermutete, die gesamte Vorderseite des Mondes unterwerfen. Dazu war ein Großangriff geplant. Und der sollte in fünf Stunden stattfinden. Der König hatte 5000 Raketenräder bauen lassen. Genau nach dem Vorbild der gestohlenen Kinderräder. Sie waren so gut wie fertig. Mit diesen 5000 Rädern sollen 5000 Monstersoldaten zuerst das Hühnervolk überfallen. Egal ob mit oder ohne Hilfe der Stechmücken. Und dann käme der Rest der Vorderseite dran. Der König der Monster hatte sich bei diesem Gedanken genüsslich die Hände gerieben.

Die Freunde überlegten eine Weile und rubbelten sich währenddessen Sauerstoffstaub in die Haut. Robert hatte reichlich davon mitgebracht.

Till dämmerte der erste Schimmer, was zu tun sei. Die Raketenräder mussten umgebaut werden. Er kannte einen Trick. Wenn die Räder nur ein wenig verändert wurden, konnte niemand mehr damit lenken. Und noch ein bisschen mehr umgebaut, dann fuhren die Räder zu jedem Ort, den Till vorher festlegte.

"Aber Tilli, wer soll in kurzer Zeit 5000 Räder umbauen", fragte sich Judith. "Und dazu noch völlig unbemerkt."

"Das könnten die Mondameisen machen", schlug Robert Robertson, der Roboter, vor. "Diese Wesen sind sehr gelehrig. Sie sind flink, und sie sind klein. Niemand wird sie bemerken, wenn sie vorsichtig sind."

"Gut, aber wie kommen die Mondameisen so schnell auf die Rückseite des Mondes zu den Fabriken?" wollte Till wissen.

Dazu fiel niemandem etwas ein. Das würde besonders schwierig, weil die Fabrik immer in einer dicken Abgaswolke lag. Auf dem Mond gibt es zwar so gut wie keine Luft und auch kein Gas. Aber die Fabrik schleuderte soviel Rauch und Qualm in die Umgebung, dass darüber eine dichte Dunstglocke hing.

"Halten die Ameisen so was überhaupt aus", fragte Judith besorgt. "0 ja", antwortete Robert. "Dagegen sind diese kleinen Wesen unempfindlich."

Mittlerweile landete Robert beim Verkleinerungsfeld.

"Was sollen wir denn hier?" staunte Till. "Irgendjemand muss die Ameisen doch bitten. Und ich dachte..."

Robert brauchte nicht weiter sprechen. Die Kinder hopsten vom Trittbrett und wirbelten auf dem Boden herum - bis sie weg waren. Weg waren sie nicht, nur klein wie Mondameisenkinder, das wissen wir ja schon.

Robert stellte seine Optik auf stärkste Vergrößerung. Als er die Winzlinge sah, zeigt er sie Kornblume. Und Kornblume trug sie wieder auf einem Huf ins Raketenauto. Und schon ging's ab, mit Karacho zum Ameisenbau.

Judith und Till standen vor diesem Bauwerk und staunten nicht schlecht. Es war größer als der höchste Wolkenkratzer, den sie je auf der Erde gesehen hatte. Denn sie waren ja so klein wie Ameisen. Und diese wimmelten aufgeregt um sie herum. Sie hatten von dem bevorstehenden Großangriff der Rückseitenmonster gehört und bauten eifrig ihre Verteidigungsanlagen aus.

Judith und Till suchten den Eingang zu diesem Prachtbau. Sie schauten sich um, woher die vielen Ameisen kamen und wohin sie gingen. Noch bevor sie wussten, wo der Eingang war, kam ein Ameisenwächter auf sie zu.

Obwohl die Kinder schon Übung mit den riesengroßen Mücken hatten, bekamen sie im ersten Moment wieder einen gehörigen Schrecken. Eine Gänsehaut lief ihnen über den Rücken. Mannshoch stand das Mondinsekt vor ihnen. Wie schwarzes Eisen glänzte der Panzer. Die Kieferzangen sahen nicht gerade aus, als wollten sie küssen.

Um so erstaunter waren Judith und Till.

"Ich begrüße die beiden berühmten Erdenkinder. Ihre Tapferkeit ist uns wohl bekannt. Das Volk der Mondameisen wird es als eine Ehre ansehen, die Erdenkinder als Gäste zu empfangen. Mein Name ist Graxur. Ich bin Wächter. Womit kann ich meinen Freunden dienen?"

Uff, die Freunde waren erleichtert, dass die Mondameisen sie als Freunde empfingen. Schnell erzählten sie Graxur ihren Plan, der Wächter brachte sie zur Königin.

Sie marschierten durch Gänge und Höhlen, nahmen viele Abzweigungen und verloren schnell die Orientierung. Aber Graxur kannte den Weg wie seine Westentasche. Nicht einmal musste er überlegen, welchen Weg er einschlagen musste.

Dann kam eine riesige, verzierte Tür. Davor standen auf jeder Seite drei Wachen. Als sie Graxur erkannten, salutierten sie und fragten nach seinem Begehr und seiner Begleitung. Er erklärte das kurz, dann öffneten zwei der Wachen je einen Türflügel.

Es öffnete sich eine große, sehr geräumige Kammer. Sie war bestückt mit edlem Mobiliar, schönen Tischen, Stühlen und Schränken. Mehrere Türen führten zu Seitengemächern. Eines davon musste das Schlafzimmer sein, dachte Judith bei sich. Das hätte sie auch gerne einmal gesehen. Vielleicht konnte sie später einmal danach fragen. Jetzt gab es Wichtigeres zu erledigen.

Die Königin saß auf einem prächtigen Thron. Ailisa wurde sie genannt. Umgeben war sie von einer großen Schar von Hebammen. Denn wenn sie nicht gerade regierte, dann gebar sie Ameisen. Die kamen als kleine Eier zur Welt, die die Hebammen ihrer Herrin sofort abnahmen und in die Brutkammern brachte. Unentwegt legte die Königin ihre Eier. Wenn es die Regierungsgeschäfte jedoch erforderten, dann konnte sie einfach eine Pause damit machen.

Königin Ailisa hatte schon vernommen, was Grausames passiert war. Ihren Kundschaftern entging fast nichts, was auf dem Mond vor sich ging. Auch von dem außermondischen Besuch von Erdenkindern hatte sie gehört. Sehr wunderte sie sich nicht darüber, dass diese nun vor ihr standen. Denn schließlich war sie ja die Königin. Und früher oder später kam sie mit jeder wichtigen Person in Kontakt.

Lange mussten Judith und Till nicht versuchen, Königin Ailisa zu überzeugen. Schnell verstand die den Plan und kommandierte sofort eine Million Arbeiterinnen ab, die die Aktion durchführen sollten. So kamen 200 Ameisen auf ein Raketenfahrrad.

Till erklärte in einem riesengroßen Saal den Arbeiterinnen, was sie an den Rädern umbauen mussten. Die Ameisen lernten das alles blitzschnell auswendig. Das konnten sie gut, sie waren sehr gelehrig. Inzwischen beriet Judith mit der dicken Königin, wie die Ameisen in die Fabrik kommen sollten. Hatte Robert nicht etwas von Rauchwolken gesagt?

"Verträgt Euer Volk eigentlich Smog, Hoheit?" fragte sie die Königin und achtete auf eine vornehme Ausdrucksweise.

"Selbstverständlich. Wir Ameisen können Luft auf Vorrat tanken. Das reicht für einen Tag. Einen Mondtag lang, wohlgemerkt. Das ist soviel wie 28 Erdentage, wenn ich richtig informiert bin. "

"Großartig", stellte Judith fest. "So lange darf das alles gar nicht dauern. Sonst sind wir längst von den Monstern unterworfen."

Hatte sie doch tatsachlich ‚wir' gesagt! Sie zählte sich mit zu den Vorderseitlern. Jetzt wusste sie, was zu tun sei. Die Qualmwolke war ihr recht. Aber noch war nicht klar, wohin die Raketenräder mit den entführten Monstern fliegen sollten.

Die Königin schlug den Capellakrater vor Das ist zwar einer von den kleineren Mondkratern. Aber der ist allemal groß genug für das Monster-Heer und hat steile Wände. Judith holte Till. Auf den Mondkarten sahen sie sich an, wo der Capellakrater lag. Dann ging Till wieder in den Saal und gab seine letzten Anweisungen. Die Ameisenarbeiterinnen lernten auswendig, wie sie die Zielvorrichtung genau einstellen mussten.

Wenn alles klappte, dann würden die Monster losfliegen. Aber dann funktionierte die Lenkung nicht mehr. Alle 5000 Monstersoldaten würden im Capella-Krater landen. Und dort würden die Vorderseitler sie in Empfang nehmen. Das würde eine ganz besonders freundliche Begrüßung werden.

29 ÜBERLISTETE SOLDATEN

Nun fragt Ihr euch inzwischen, wie die Vorderseitler es geschafft hatten, dass der Monsterkönig nicht misstrauisch wurde.

Kröti hatte vorgeschlagen, man sollte die Stechmücken um Hilfe bitten. Denn schließlich steckten die ja bereits jetzt schon in der Bredouille und würden bestimmt mitmachen.

So war es auch. Da Kröti die Idee hatte, sollte sie sich eigentlich selbst verkleinern und den Mücken den Vorschlag machen. Aber als Schildkröte war sie doch recht langsam und bat die schnelle Mondkatze Maxi, das zu übernehmen. Sie war sofort einverstanden, ließ sich von Robert zum Verkleinerungsfeld bringen, machte sich klein und ließ sich dann zum Schlupfloch der Ameisen bringen. Diese gingen sofort darauf ein, und dann spielte sich folgendes ab.

Ein Trupp von zwanzig, dreißig Stechmücken machte sich auf den Weg in die Richtung, aus der die Rückseiten-Soldaten kommen sollten. Schon bald erkannten sie sie in der Ferne und flogen so schnell wie möglich auf sie zu.

"Helft uns, helft uns!" riefen sie den Monstern zu. Diese verstanden erst nicht. Als sie aber begriffen, dass die Steckmücken Hilfe wollten, Hilfe gerade von ihnen, da lachten sie los und bekamen fast Bauchschmerzen vor Lachen. Nachdem sie sich einigermaßen gefasst hatten, prustete der eine los:

"Ihr habt sie ja nicht alle. Wieso sollen wir denn gerade euch helfen. Ihr helft gefälligst uns, oder wir schlagen euch sowieso alle tot."

"Das tut ihr doch schon!"

"Wer?"

"Na ihr Rückseitler. Eure Kumpels dreschen doch schon unsre Leute tot. Mit jedem Prankenhieb hauen sie zehn von uns platt."

"Das sollen sie doch erst machen, wenn ihr uns nicht helfen wollt."

"Wir wollen euch ja helfen. Aber die meisten aus unserem Volk wollen das nicht. Sie haben abgestimmt und gegen euch gestimmt. Auf uns hat keiner Rücksicht genommen. Und als unser Häuptling euren großartigen Abordnung das Ergebnis mitteilte, begannen sie sofort, alle tot zu dreschen. Die Hälfte ist schon tot, und die schlagen munter weiter. Wir konnten gerade mit Müh und Not entkommen. Deshalb müsst ihr uns helfen. Bringt uns zu euerm König. Wir halten ja zu euch."

"Zu König Grummel sollen wir euch bringen? Tze tze tze. Ihr habt sie ja wohl nicht alle. Was sollen wir denn mit so ein paar Krüppelwesen?" fragte der eine Soldat. "Mit so paar Mückelchen können wir doch garnix anfangen."

"Stimmt", bestätigte der andere. Also verzieht euch, sonst machen wir mit euch genau das gleiche, was den andern gerade widerfährt." Sie fuchtelten in der Luft herum, um den kleinen Schwarm zu vertreiben.

Die fragten jammernd: "Wo sollen wir denn nun hin, wir haben ja niemand mehr?"

"Ist uns doch egal, geschieht euch nur recht, wenn ihr so trottelige Verwandte habt".

Nun drehten die Mücken jammernd ab. Aber kaum waren sie außer Hörweite, da prusteten sie los. Das hatte ja gut geklappt. Diesen einfältigen Monstern konnte man doch alles auf die Nase binden, was man wollte. Man musste nur geschickt genug dazu sein. Und das waren unsere Mondmücken.

Derweil marschierten die Monstersoldaten zurück. Sie sprachen bei Grummel vor und erklärten ihm, das Mückenvolk würde gerade vernichtet. Weil es abtrünnig sei. Gemeinsam lachten sie über die Mücken, und der König wusste nun, dass die beiden Soldaten erst mal noch eine Weile weg bleiben würden.

30 PUSTEBLUMEN

Während Till den fleißigen Mondameisen-Arbeiterinnen erklärte, wie die Raketenräder umzubauen waren, ging Judith zu Robert. Sie holte seinen Rat ein. Sie sah eine Möglichkeit. die Ameisen zu den Fabriken der Rückseitenmonster zu befördern.

Diese Fabriken waren in einer dicken Smogwolke eingehüllt. Da konnten die Ameisen doch mit kleinen Fallschirmen landen. Robert musste sie mit seinem Raketenauto dorthin fliegen. Dann sollten die Ameisen abspringen. Aber woher eine Million Fallschirmchen nehmen?

Wuchs da nicht Löwenzahn auf der Wiese in Roberts Höhle? Judith fragte ihn danach.

"Klar", sagte Robert. "Die ganze Wiese steht voller Löwenzahn. Der ist zu einem Teil schon verblüht. Die Blüten sind zu Pusteblumen geworden. Das müsste für die Ameisen eine ausreichende Menge Fallschirme ergeben. "

Kaum hatte Robert zu Ende gesprochen, da erschien Till am Schlupfloch des Ameisenbaus. Er rannte auf Roberts Raketenauto zu. Eine Million Mondameisen rannten hinterher. Kornblume stellte sich vor die Eingangstür und half dem winzig kleinen Till ins Fahrzeug hinein. Dann spreizte sie ihre Beine und lehnte sich an den Türrahmen. So bildete sie eine Brücke, über die all die vielen Ameisen in das Auto rennen konnten.

Als alle drin waren, hopste Kornblume hinterher. Robert brauste los zu seiner Wiese. Ferngesteuert öffnete er das große Felsentor. Die Ameisen rannten hinein. Es war so wie Robert gesagt hatte. Fast die Hälfte des Löwenzahns war verblüht. Pusteblumen gab es reichlich.

Jede Ameise schnappte sich ein Schirmchen, dann rannte sie schnurstracks wieder zur Mondrakete zurück. Sicherheitshalber zählten die Ameisen noch mal durch. "999.996 - 999.997- 999.998- 999.999." Wo war die millionste Ameise? Verzählt hatten sich die Ameisen nicht, so etwas gibt es nicht bei ihnen.

Also alle noch mal ausgestiegen, alle noch mal auf die Wiese und nachgesehen, wen sie da verloren hatten. Schon von weitem hörten die Ameisen mit ihrem feinen Gehör ein klägliches Stimmchen. Die millionste Ameise klemmte unter einem Grashalm und kam nicht mehr raus. Aber für 999.999 Ameisen war das kein Problem. Gemeinsam hätten sie einen Baum ausreißen können. Na ja, einen ganzen Baum vielleicht doch nicht. Aber einen Strauch schon.

Hoch mit dem Halm, die Verunglückte rausgezogen. Sie schnappte sich ihr verloren gegangenes Schirmchen und rannte mit den andern zu Roberts Auto. Ein wenig hinkte die Unglücksameise. Sie hat einen blauen Fleck am Oberschenkel des zweiten rechten Hinterbeines.

Roboter Robert Robertson wusste genau, wohin er fliegen musste, obwohl er nicht oft auf der Mondrückseite war. Aber die Lage der Monsterfabrik war haargenau und unvergesslich in seinem Computergedächtnis abgespeichert.

Robert flog von weit oben im Sturzflug auf die Fabrik zu. Die Fabrik war kaum zu sehen unter dem Dunst. Eine Wolke aus Dreck und Staub hüllte sie ein. Kaum die Umrisse waren zu erkennen.

Die Ameisen waren an der Tür versammelt. Till öffnete sie. Die Tierchen stellten sich mitsamt ihren Pusteblumenschirmchen auf die Türschwelle.

Robert schrie: "JETZT!" Und mit einem Satz sprang die ganze Million aus dem Mondauto. Robert musste sein Raketenauto schnell nach vorne ziehen. Damit er sich nicht im Sturzflug mit der Spitze in den Mondboden bohrte. Dann wäre das Mondauto verloren, mitsamt seinen Insassen. Denn so schnell könnte niemand abspringen. Und dann wären die ganzen Vorderseitler verloren.

Aber es klappte gut. Robert ist ein sicherer Pilot.

Ein Glück - die Monster hatten nichts bemerkt. Haben sie nichts bemerkt?

So sicher ist das nicht. Das eine oder andere Monster mag die weiße Wolke aus Pusteblumen gesehen haben, die da herniederschwebte. Aber deutlich sehen konnte sie niemand. Denn den Himmel sah man von der Fabrik aus nicht - wegen der Dreck- und Staubwolke. Grau in Grau war alles eingetrübt. Und wenn nun dazwischen irgendeine weiße Wolke auftauchte, was mochten die Monster wohl denken? Staub von einem Meteoriten-Einschlag? Oder ein Schornstein, der etwas mehr weißen Dampf ausspuckt als sonst?

Wahrscheinlich dachten die Monster gar nichts. Sind eher denkfaule Gesellen. Und außerdem hatten sie andere Sorgen. Sie mussten vor ihrem König antanzen. Der wollte ihnen die letzten Befehle geben vor der Schlacht. Und wenn man sich dabei nicht ordentlich benahm, dann konnte man schrecklichen Ärger kriegen.

31 UMBAU DER RÄDER

Die Ameisen fanden schnell einen kleinen Ritz, durch den sie in die Fabrik schlüpfen konnten. Alle Monster hatten sich bei ihrem König eingefunden. Sie fühlten sich unglaublich sicher. Nicht eine einzige Wache hatten sie zurückgelassen.

Die Ameisen teilten sich auf, wie sie es festgelegt hatten. Jeweils 200 rannten zu einem der Raketenräder. Dort begannen sie sofort mit der Arbeit. Nicht leicht für die kleinen Ameisen, die vielen Schrauben loszukriegen. Aber diese Tiere sind unglaublich stark. Sie brauchten nicht einmal Schraubenschlüssel dazu. 20 bis 30 Ameisen packten ringsum die Schraube und HAURUCK HAURUCK ruckelten sie die Schraube los.

Jeder Handgriff saß, als hätten die Mondameisen ihn bereits tausendmal geübt. Aber trotzdem, viel Zeit hatten sie nicht. Denn kaum steckten sie die letzten Leitungen um und drehten die letzte Mutter fest, da hörten sie die Monstersoldaten kommen.

Schnell unter den Sattel. Dazu reichte die Zeit gerade noch. Die Ameisen versteckten sich. Bevor das erste Monster die Halle betrat, war keine eine Mondameise mehr zu sehen. Alles schien genau wie zuvor. Und doch waren die Raketenräder nicht mehr die gleichen.

Die Monster wussten ebenfalls genau, was sie zu tun hatten. Jeder der Soldaten schnappte sich sein Raketenrad. In einer langen Reihe schoben die dicken, abscheulichen Viecher ihre Fahrzeuge auf einen Berg und sammelten sich dort. Sie bildeten einen richtigen Monsterklumpen.

Der letzte war soeben oben, da schwangen sich die fetten Kerle auf ihre Räder. Mit Gebrüll ging es den Hang hinunter. Auf der andern Seite rasten sie hoch. Den Startknopf gedrückt. Mit ohrenbetäubendem Lärm sprangen all die 10.000 Raketen an. Denn jedes Rad hatte ja zwei davon.

Und das ist auch das letzte, was die Monster mit ihren Raketenrädern machen konnten. In der Luft, genauer im Vakuum, gehorchten sie nicht mehr den Befehlen der Monster.

Ein Soldat konnte nach rechts lenken - das Rad flog geradeaus weiter.

Ein Soldat konnte nach links lenken - das Rad flog geradeaus weiter.

Ein Soldat konnte bremsen - das Rad flog stur weiter.

Ein Soldat konnte schneller treten - das Rad blieb bei der gleichen Geschwindigkeit.

Ist es da ein Wunder, dass es die Monster mit der Angst zu tun bekamen?

32 IM CAPELLAKRATER

Einige der Soldaten bekamen es sogar gehörig mit der Angst zu tun. In ihrer Panik sprangen sie ab vom Fahrrad. Sie plumpsten auf den Mond und taten sich ganz schön weh. Der Mond hat nicht so eine starke Anziehungskraft wie die Erde. Auf der Erde hätten sie sich glatt das Genick gebrochen. So schlimm war es nicht. Die abgestürzten Monster überlebten alle. Kampfunfähig waren sie aber, einige sogar bewusstlos.

Alle anderen, das waren die meisten, so an die 4953, alle diese landeten im Capellakrater. So wie die Ameisen die Raketenräder nach Tills Anweisung umgebaut hatten.

Noch ehe sie recht begriffen, was los war, krochen die Ameisen unter den Satteln hervor und zwängten sich zwischen den Spalten der Hornplatten hindurch. Bis sie an die weiche Haut der dicken Viecher gelangten.

Jedes Monster schrie auf vor Schmerz und vor Schreck. Denn 200 Ameisen bissen es kräftig in den Po. So etwas hatten die Unholde noch nie erlebt. In den Po hatte sie noch niemand gekniffen.

Aber es kam noch schlimmer. Ringsum auf dem Kraterrand erschienen die Wesen von der Vorderseite. Ein metallglitzerndes Ungeheuer kletterte geruhsam auf einen Felsen. Von dieser Erhöhung herab begann es mit gewaltiger Stimme zu sprechen.

Das, was die Monster für ein Ungeheuer von der Vorderseite hielten, das war niemand anderes als unser Roboter Robert Robertson. Er stellte die Lautsprecher auf volle Lautstärke. Seine Stimme toste gewaltig. Und das war es, was er den Monstern mitteilte:

"So, ihr feigen Gesellen von der Rückseite! Damit habt ihr wohl nicht gerechnet. Ihr kommt aus diesem Krater nicht mehr heraus, wenn wir das nicht wollen. Das seht ihr hoffentlich ein. Eure Raketenräder braucht ihr gar nicht nochmals auszuprobieren. Die gehorchen euch so wenig wie vorher. Die gehorchen nur dem tapferen Erdenkind Till, dem klugen Konstrukteur. Ihr seid ringsum von den Freunden der Vorderseite umstellt!"

Das hätte Robert nicht zu sagen brauchen. Das sahen die Monster selbst. Die Monstersoldaten bekamen keine Zeit zum Nachdenken gelassen. Roberts gewaltige Stimme dröhnte weiter:

"Wenn einer von euch nur eine falsche Bewegung macht, dann wird er mit einem Steinhagel bombardiert. Hört mir gut zu und tut nur das, was ich euch sage. Erst einmal soll euer Anführer vortreten."

Die Monster zitterten vor Angst. Sie waren fix und fertig. Erstens hatten die Raketenräder gleich nach dem Start nicht mehr funktioniert. Zweitens hatte sie etwas fürchterlich in den Hintern gekniffen. Obwohl alles mit Hornplatten geschützt ist. So was war eigentlich unmöglich. Drittens waren sie umzingelt und konnten bestimmt nicht ausbrechen. Und viertens hatte der Glitzerkönig von der Vorderseite eine so gewaltige Stimme, gewaltiger noch als ihr eigener König. Deshalb musste er viel mächtiger sein. Und dem waren sie wehrlos ausgeliefert.

"Wo bleibt denn euer Anführer?" donnerte Robert. "Der hat wohl vor Angst in die Hose gemacht. Nur Mut. Hoffentlich wird's bald. Sonst macht ihr mit unseren Steinen Bekanntschaft!"

Die Monster hatten keinen Anführer. Nur der König war ihr Anführer. Erduldete keinen anderen Anführer neben sich, nicht einmal einen Unterführer. Aber jetzt musste schnell ein Anführer her. Sonst ging es allen schlecht.

Alle hatten Angst. Deshalb schubsten sie den Kleinsten und Schwächsten vor. Der konnte sich nicht dagegen wehren.

Alle Vorderseiten-Bewohner fingen an zu lachen, als dieses winzige Monsterchen zum Vorschein kam. Robert fragte: "Bist du der Anführer der Rückseitenmonster? "

"Nein", antwortete das. Hinter ihm zischte und brummte es übelwollend aus vielen Monsterkehlen. Das Monsterchen bekam einen Knuff in die Seite.

"Ach so, ja - doch, ja - ich glaube, ich bin der Anführer", stotterte es. Wieder lachten die Vorderseitler schallend.

Robert bekam fast Mitleid mit dem Monsterchen. Er rief hinunter in den Krater:

"So, dann komm mal rauf, du Anführerchen. Aber alleine, wenn ich bitten darf." Angstschlotternd setzte sich das kleine Wesen in Bewegung. Mühsam krabbelte es den steilen Kraterrand hinauf. Es hatte es weiß Gott nicht eilig.

Das letzte Stück war nicht zu schaffen. Robert streckte hilfreich seine Hand aus. Kreidebleich und zitternd streckte der kleine Soldat seine Tatze vor. Robert ergriff sie und zog das Monsterchen zu sich über den Kraterrand.

"Na, wie heißt du denn?" wollte Robert wissen. Er hatte seine Lautsprecher leise gestellt. Jetzt hörte er sich nicht mehr so fürchterlich an.

33 DIKTATOR DER RÜCKSEITE

Wie das Monster hieß? "Eckbert ", antwortete es auf Roberts Frage.

"Wieso haben sich die Rückseitler denn einen so kleinen Anführer ausgesucht", wollte Robert weiter wissen. "Du musst ja geheimnisvolle Qualitäten haben, die man dir bei deiner Kleinheit nicht ansieht. "

"Ich bin gar nicht der Anführer", gab das Minimonster wahrheitsgemäß zu.

"Es gibt auf der Mondrückseite keinen einzigen Anführer. Es gibt nur unseren König. Und der erlaubt nicht, dass es einen Anführer gibt. Er erlaubt nicht, dass noch jemand außer ihm selbst MACHT hat."

"Aber warum sagst du denn, du wärst der Anführer? "

"Musste ich doch. Die andern haben mich vor geschubst, weil ich der Kleinste bin. Ich konnte mich nicht dagegen wehren. "

Und wieder lachten alle Vorderseitler laut auf. Das Monsterchen aber lief im Gesicht rot an. Das sah man selbst durch die dicken grauen Hornplatten hindurch.

Und Robert befahl den andern, ruhig zu sein. Dann fragte er Eckbert, wieso sie alle die Vorderseite überfallen wollten. Da erzählte Eckbert, der König zwinge sie dazu.

"Wir sind eigentlich gar nicht so böse. Nur der König ist grausam und machthungrig. Ständig verprügelt er uns mit seinen Riesenpranken. Er ist leider der Allerstärkste von uns."

Eckbert berichtet weiter, was für ein grausamer Diktator ihr König ist. Er befiehlt den einen Monstern, die andern zu verprügeln. Tun sie das nicht, dann verkloppt er sie solange. bis sie die andern verprügeln.

Hauen sie nicht feste genug, dann schlägt er sie auch. Prügelt die einen so lange, bis sie die andern ganz feste vermöbeln. Ständig gibt es Prügel.

"Und wenn man ständig Prügel bekommt" erklärt Eckbert weiter, "dann reicht es einem irgendwann. Wenn sich dann eine Gelegenheit ergibt, dann lässt man seinen aufgestauten Zorn schon mal raus. Den kriegen dann oft die Falschen ab."

Niemand wagt sich, irgendetwas nicht zu tun, was der König befiehlt. Die Monster leben ständig in Angst und Schrecken. Und das will der König. Damit keiner wagt zu widersprechen. Von der ständigen Prügel bekommen sie Wunden, Schorf. Risse in die Haut. Und Pickel, Dornen, Warzen, Narben. Und Hornhaut. immer mehr Hornhaut. Die dicke Hornhaut wird zu riesigen Hornplatten. Deshalb sehen die Monster so grässlich und Furcht erregend aus.

"Und warum kommt euer König nicht selbst mit, wenn er uns überfallen will?" stellte Robert seine letzte Frage.

"Der ist viel zu faul und zu fett", sagte Eckbert. "Der lässt sich den ganzen Tag nur bedienen. Frisst und frisst. Wird fetter und fetter. Kann sich selbst kaum noch bewegen.

Nur die Tatzen heben zum Schläge austeilen, das kann er noch. Ach, wenn wir doch diesen üblen Kerl irgendwann LOSWERDEN könnten!" schloss Eckbert seinen Bericht.

"Gut. Wir müssen uns jetzt beraten", sprach Robert zu ihm." Geh wieder runter zu deinen Leuten. Und sag' ihnen, sie sollen sich nicht von der Stelle bewegen."

Als Eckbert außer Hörweite war, sprudelte Till sofort los. Er wusste, was getan werden musste. Vielleicht steckte auch ein kleiner General in ihm. Robert und die andern hörten aufmerksam zu. Sie redeten eine Weile miteinander. Die eine oder andere Idee kam hinzu. Schnell entstand ein Plan, der sich gewaschen hatte. Wenn das nicht gut ging, dann, dann konnte nichts gut gehen.

34 KAMPF DEM KÖNIG

Nachdem alles besprochen war, rief Robert nach Eckbert. Das Monsterchen kletterte mühsam den Kraterrand hoch.

"Frage deine Mitmonster von der Rückseite, ob sie bereit sind, mit uns gemeinsam gegen euern König zu kämpfen", trug Robert Eckbert auf. "Wenn alle damit einverstanden sind, dann sollt ihr euere Freiheit wieder haben. Eure Freiheit wird größer sein als je zuvor. Denn ihr werdet euern Tyrannenkönig los sein. Zum ersten Mal in euerm Leben werdet ihr wirklich frei sein. Sind deine Mitmonster aber nicht bereit, mit uns gegen euer abscheuliches Oberhaupt zu kämpfen, dann bleibt ihr eben unsere Gefangenen. Dann müssen wir uns überlegen, was wir mit euch machen. Am besten werden wir euch zu euerm König zurückjagen. Das dürfte Strafe für euch genug sein. Toben wird er, dass ihr seinen Auftrag nicht erfüllt habt.

Und nun geh hin und frage deine Kameraden. Alle, die mit uns kämpfen wollen, sollen an den südlichen Kraterrand gehen, wo gerade die Erde hin scheint. Alle, die nicht mitkämpfen wollen, die sollen an den anderen Kraterrand gehen nach Norden."

Eckbert zog los. Judith, Till, der Roboter Robert Robertson, Siggi, Prinzesschen, Maxi und all die vielen andern Vorderseitler beobachteten gespannt, was im Capellakrater vor sich ging. Sie sahen. wie Eckbert zu den Monstern sprach. Sie bildeten einen großen Kreis um ihn herum. Sie tuschelten, gestikulierten. Die ersten Monster lösten sich von dem Haufen. Sie gingen zum Kraterrand. Und zwar zu dem nach Norden. Sie wollten also nicht mitmachen. Und immer mehr machten sich auf den Weg nach Norden.

Enttäuscht sah Judith ihre Freundin an. Sie konnte das nicht verstehen. Selbst Robert schaute sich ratlos um. Eckbert rannte hinter der Gruppe Monster her, die nach Norden marschierten. Gestikulierte wild und redete auf sie ein. Deutete ein paarmal nach Süden und zeigte zum Himmel, wo über dem südlichen Horizont die Erde blau, weiß, gelb und braun leuchtete.

Es war so, als begriffen die Monster jetzt endlich. Sie kehrten langsam um und setzten sich gemächlich in Bewegung - zum Südrand hin.

Jetzt begriffen auch die Vorderseitler: Die Monster hatten sich vertan. Sie hatten Eckbert wohl so verstanden, dass die Mitkämpfer nach NORDEN gehen sollten. Oder kannten einfach die vier Himmelsrichtungen nicht. Eckbert musste hinterher rennen und den Irrtum richtig stellen.

Immer mehr der Rückseitensoldaten machten sich auf dem Weg nach Süden. Immer kleiner wurde der Haufen in der Mitte. Eckbert redete mit den letzten, die sich noch nicht entschieden hatten. Dann fassten auch die sich ein Herz und zogen mit Eckbert zusammen los nach Süden.

In der Mitte stand nun kein einziges Monster mehr, der ganze Nordrand blieb leer. Alle Monster versammelten sich am südlichen Kraterrand. Alle Monster waren bereit, gegen Diktator Grummel zu kämpfen.

Die Vorderseitler sahen sich glücklich an. Till umarmte seine Freundin Judith.

"Nun, ihr Wesen von der Rückseite, hört mir zu!" Robert hatte seine Lautsprecher auf größte Stärke gestellt.

"Ich freue mich, dass ihr bereit seid, mit uns zu kämpfen. Kommt jetzt zu uns hierher, damit wir unsern Plan mit euch besprechen können. Es ist ein guter Plan. Wenn es klappt, dann seid ihr euern Unterdrücker für immer los. Und wir brauchen nicht mehr die Furcht vor euern Übergriffen auf die Mondvorderseite zu haben. Wenn wir gemeinsam vorgehen, werden wir es schaffen. Aber wir müssen uns unbedingt auf euch verlassen können. Deshalb frage ich euch noch einmal: Seid ihr bereit?"

Die Monster waren inzwischen in Roberts Richtung gezogen. Im Chor riefen sie mit ihren tiefen Brummel-Stimmen: "Wir sind bereit!" Und man hörte aus dem Klang der Worte, wie entschlossen sie waren und wie energisch sie sich wünschten, ihren verhassten König zum Teufel zu jagen.

Robert teilte nun den Monstern den Plan der Vorderseitler mit.

* Als ERSTES mussten die Ameisen die Räder wieder umbauen, so dass sie richtig funktionierten.
* ZWEITENS würden sich die Vorderseitler Scheinfesseln umlegen.
* DRITTENS sollten die Monster die Vorderseitler als
Scheingefangene mitnehmen.
* VIERTENS sollten die Monster ihrem König einen Scheinsieg vorgaukeln. Und
* FÜNFTENS würden dann die Monster zusammen mit den entfesselten Vorderseitlern den König überfallen und vertreiben.

Die Rückseitenwesen waren begeistert. Sie brummelten beifällig. Sie erkannten, dass das klappen musste. Aber konnten sich die Vorderseitler wirklich auf die Monster verlassen?

Was tun, wenn die die Scheinfesseln doch festzogen? Dann wären das nämlich echte Fesseln. Oder wenn sie Grummel alles verrieten und die Vorderseitler in den Kerker warfen?

"Die Ameisen werden, wenn sie die Raketenräder umgebaut haben, in eure Panzerritzen kriechen", erklärte Robert den Soldaten. Und zwar bevor wir uns die Scheinfesseln anlegen. Keine Angst, sie werden nicht stechen. Sie werden nur dann stechen, wenn ihr euer Versprechen nicht haltet und irgendetwas unternehmt, was wir nicht besprochen haben."

Eckbert und die andern Monster waren enttäuscht, dass die Vorderseitler ihnen nicht ganz trauten. Aber dann sahen sie ein, dass sie ein ziemlich großes Risiko eingingen. Und schließlich waren sie es ja selber, die noch vor einer Stunde die gesamte Vorderseite unterwerfen wollten. Deshalb erklärten sie sich mit dieser Vorsichtsmaßnahme einverstanden. Sie würden ihre neuen Mitkämpfer nicht enttäuschen. Denn nichts wünschten sie sich sehnlicher als ihren furchtbaren König abzusetzen.

35 GRUMMEL FREUT SICH

Die Ameisen bauten die Räder wieder so um. dass sie funktionierten. Dann kletterten sie den Monstern zwischen die Hornplatten. Die Vorderseitler legten sich locker die scheinbaren Fesseln um und stiegen mit den Monstern auf die Fahrzeuge. Die Rückseitler holten Schwung vom Kraterrand und brausten mit ihren Gefangenen zum Schloss ihres Königs. Sie landeten auf einem großen Platz.

Gleich kamen haufenweise weitere Untergebene des Königs angelaufen. Sie halfen den Kriegern beim Absteigen und umringten die Angekommenen mitsamt ihren Gefangenen. Andere Rückseitler rannten zu König Grummel und meldeten ihm, dass die Kämpfer siegreich zurückgekommen waren und jede Menge Gefangene mitgebracht hätten. König Grummel ließ sie sofort zu sich bringen. Mitsamt seinen Gefangen. Denn das waren natürlich SEINE Gefangenen. Obwohl er keinen Handschlag gerührt hatte.

Die Vorderseitler wurden in eine riesige Halle geleitet. Sie taten so als wehrten sie sich dagegen. Die zurückgekehrten Soldaten zerrten und schubsten sie. So konnte König Grummel nicht daran zweifeln, dass die Vorderseitler wirklich echte Gefangene waren.

Die Halle, wie gesagt, war riesengroß. All die Soldaten passten bequem hinein mitsamt ihren Gefangenen. Und jede Menge weiterer Rückseitenwesen. Schön war die Halle nicht. Kahle Wände, keine Bilder, keine Blumen. Keine Verzierungen, keine Farbe. Darauf schien der König keinen Wert zu legen.

Dieser König. Dick und fett thronte er auf seinem Thron. Judith und Till staunten nicht schlecht. So einen fetten Burschen hatten sie noch nie gesehen. Größer war er als ein Elefant, größer als ein Walfisch. Hundert mal größer war er als die andern Monster. Mit jeder Pranke konnte er gut fünf Untergebene auf einmal tot hauen. Kein Wunder, dass sie so eine Riesenangst vor ihm hatten.

König Grummel hing in einem Sessel, der etwas von einer halben Badewanne hatte. Mehr wie eine riesige, dicke Blutwurst schwamm er in diesem Sessel wie in einer Schüssel. Die Beine ragten fett und breit daraus hervor und sahen aus wie kleinere Würste. Die Arme lagen schlapp auf den Lehnen. Auch die waren wurstartig. Ein dicker Kopf guckte aus dem Fetthaufen heraus. Und quer über den ganzen Kopf, oberhalb mindestens dreier Doppelkinne grinste ein breiter Mund. Breit und hässlich wie bei einem Breitmaulfrosch. Von Ohr zu Ohr grinsten die dickwulstigen Lippen.

Die Monsterwurst war zufrieden. Sehr zufrieden. Je mehr Gefangene hereingeschleppt wurden, desto fröhlicher wurde der König. Überglücklich hielt er eine Ansprache:

"Herzallerliebste Soldaten! Das habt ihr echt gut gemacht. Ihr kriegt auch eine Belohnung. Sonst verprügele ich euch immer. Oder ich lasse euch gegenseitig verkloppen. Damit ihr keine ungesunden Flausen in den Kopf kriegt. Heute werdet ihr zur Belohnung einmal nicht verwamst."

In der Halle entstand ein erleichtertes Gebrummel. Erst zaghaft, dann immer mehr, setzte Beifall ein. Einige Monster schrien: "Hoch lebe König Grummel!" Die Soldaten stimmten mit ein, damit nichts auffiel.

Grummel war sichtlich geschmeichelt. Er erhob eine Pranke und gebot Ruhe.

"Aber damit nicht genug", tönte seine raue Stimme. "Weil ihr so gut gekämpft habt, dürft ihr heute mal selber prügeln. Verkloppt also nach Herzenslust meine lausigen Gefangenen von der Vorderseite."

Einige der Monster wollten auf die Vorderseitler zu rennen und mit dem Verprügeln beginnen. Doch die Soldaten raunten ihnen unmissverständlich zu, sie sollen das lassen. Nichts rührte sich deshalb im Saal.

"Naa, versteht ihr nicht? Das ist doch die Chance eures Lebens", grummelte Grummel. "Ihr sollt die Gefangenen verkloppen. Wollt ihr nicht?"

Immer noch rührte sich nichts.

Gereizt setzte das Blutwurstmonster hinzu: "Das ist ein Befehl, sage ich!"

36 JETZT GIBT'S HAUE

Aus der Menge trat Monsterchen Eckbert hervor und stellte sich mitten vor König Grummels Gesicht.

"Du bist doch der größte Dachdepp, der hier auf dem Mond rumläuft. So einen Riesenhirni hat die Welt noch nicht gesehen. Kotzen kann man, wenn man dich nur ansieht!"

Das waren die Worte des mutigen Monsters Eckbert. König Grummel war geplättet und sprachlos. So eine Unverschämtheit. Der musste lebensmüde sein, der so etwas zu sagen wagte. Oder hatte er nicht richtig gehört?

Mit seinen Pranken kratzte er sich die Ohren aus. Gelbes, stinkendes Schmalz spritzte in die Gegend. Die Leibwachen duckten sich, um nichts abzukriegen. Flatschen wie Kuhfladen groß klatschten an die Wand.

Die Monster, die nicht wussten, was los war, hielten vor Schreck den Atem an.

"Liebes, kleines Monsterchen", fragte Grummel zuckersüß, "ich hoffe, ich habe mich gerade verhört. Kannst du dein Sprüchlein nochmals wiederholen?"

Und dann brüllte er laut, dass die Wände wackelten: "UND ÜBERLEG' DIR GUT, WAS DU SAGST!"

"Das größte Rindvieh, der größte Tollpatsch, der allerdümmste Hampelmann, das ist es, was du bist!"

Jetzt will sich die Leibwache auf Eckbert stürzen. Der König schreit: "Halt, das erledige ich selber!"

Er holt mit seiner Riesenpranke aus und lässt sie auf Eckbert klatschen. Die Hand tut ihm weh, so fest hat er zugeschlagen. Zufrieden grunzt Grummel. Er hat Eckbert erledigt.

Aber denkste. Eckbert ist behände zur Seite gesprungen. Rauf auf die Hand. Rennt den Arm hoch. Noch eh' Grummel sich von dem Schmerz in seiner Pranke erholt, tanzt Eckbert ihm auf dem Kopf herum. Noch eh' er begreift, dass er Eckbert gar nicht getroffen hat, beißt der ihm kräftig in die Nase.

Grummel patscht nach Eckbert. Wieder springt der weg, und der Monsterkönig haut sich selbst auf die Nase. Vor Schmerz und Wut schreit er: "Soldaten, ergreift ihn!"

Sofort rennen die Soldaten los. Sie klettern auf ihren König und zwanzig, dreißig trampeln auf ihm 'rum. Sie tun so, als wollten sie Eckbert fangen. Und Eckbert tut so, als ließe er sich nicht fangen.

Das ging noch eine Weile so weiter. Hin und her rannten Eckbert und die Soldaten. Sie stapften kräftig auf, traten dem König in den Bauch und zwischen die Rippen. Jedes Mal, wenn Eckbert an Grummels Nase vorbeikam, biss er nochmals kräftig hinein. Grün und blau war sie schon. Eine Blutspur rann herab.

Auch die Leibwächter wollten Eckbert fangen. Sie wussten ja noch nicht, dass sich die Soldaten mit den Vorderseitlern verbündet hatten. Aber die Soldaten passten auf, dass Eckbert nichts geschah. Sie ließen die Leibwächter einfach nicht an Eckbert heran.

Judith und Till standen unten in vorderster Reihe, zusammen mit dem Roboter Robert Robertson. Sie sahen sich das Gewoge auf dem Monsterberg begeistert an. Die Soldaten und Eckbert hüpften auf seinem dicken Schwabbelbauch herum wie auf einem riesigen Luftballon. Am liebsten wären sie mit gehüpft. Aber ihre Zeit war noch nicht gekommen.

Grummel hatte endlich genug. Wütend schrie er:

"Genug jetzt, alle runter von mir! Mit dem Saukerl werde ich auch alleine fertig. Jetzt fangt endlich an und verkloppt eure Gefangenen. Bevor ich mir's anders überlege."

Alle blieben stehen, aber keiner ging runter von Grummel. Totenstille herrschte im Saal. Da ertönte Eckberts Stimme. Er hatte sich mitten auf Grummels Stirn aufgerichtet.

"Das könnte dir so passen, dass wir unsere Freunde von der Vorderseite verprügeln! Der einzige, der heute verprügelt wird, das bist du, Grummel. Und König, das bist du mal gewesen. Ab heute haben wir keinen König mehr. Du hast uns nichts mehr zu befehlen."

Die Vorderseitler schüttelten ihre Fesseln ab und streckten die Arme in die Luft. Die Leibwächter und all die andern Rückseitler begriffen: Die Soldaten hatten sich mit den Vorderseitlern verbündet. Sie würden ihren verhassten Herrscher los.

Alle zusammen gingen jetzt auf Grummel zu. Setzten sich auf Arme und Beine, auf Bauch, Brust und Kopf und Hals. Grummel konnte sich nicht mehr rühren. Er verstand die Welt nicht mehr. Es dauerte eine ganze Weile, bis in seinem fetten Hirn wieder Ordnung herrschte. Endlich sah er ein: Er war verloren. Keine Wut, kein Zorn mehr. Grummel hatte nur noch Angst. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er Angst. Starr vor Angst blieb er liegen. Konnte sich nicht rühren, weil er voll besetzt war. Und konnte sich nicht rühren, weil er vor Angst nicht traute, sich zu rühren.

Wenn das nur schnell vorbei war!

Aber so schnell war das nicht vorbei. All die Hintermondmonster gaben ihm das zurück, was sie jahrelang von ihm einstecken mussten. Jeder haute Grummel so oft, wie er selbst geschlagen worden ist. Vielleicht waren es beim einen oder anderen auch ein paar Hiebe mehr. So kleinlich war hier niemand.

Grummel war schließlich grün und blau geschlagen. Rote Striemen bedeckten seinen riesigen Körper über und über. Endlich sah er genau so aus, wie er seine Untertanen bisher zugerichtet hatte.

Die aufgebrachte Masse wurde ruhiger. Alle hatten ihre Wut ausgelassen. Keuchend lag Grummel in seinem Thron. Er stöhnte und wimmerte. Windelweich war er vermöbelt worden. Heulte er nicht ein bisschen?

Was sollte jetzt mit diesem Fettkoloss geschehen? Die vereinigten Völker von der Vorder- und Rückseite des Mondes berieten miteinander. Schnell waren sie sich einig.

Fesseln legten die Soldaten Grummel an. Lange Seile knoteten sie an die Fesseln und verbanden sie mit den Raketenrädern. Die schoben sie auf Grummels Bauch, rasten von ihm herunter und warfen die Raketen an. Die Seile strafften sich, und Grummel wurde aus dem Herrschersaal gezerrt, in die Höhe gerissen und in den Capellakrater geschleppt. Von dort war keine Flucht möglich.

An Flucht dachte Grummel nicht. Er war froh, dass die fürchterliche Prügel aufgehört hatte.

37 RÜCKKEHR

Im alten Thronsaal fand eine Besprechung statt. Zum ersten Mal konnte hier jeder reden. Zum ersten Mal war es nicht nur einer, der schrie und prügelte.

Die Rückseitler beschlossen, ein riesengroßes Freudenfest zu feiern. Ein Fest wie es der Mond noch nicht erlebt hatte. Für die meisten von ihnen würde es das erste Fest in ihrem Leben werden. Ein Leben, das nicht anders war als trist und traurig. Eine Woche lang wollte man das Fest vorbereiten. Und mindestens eine Woche lang sollte das Fest dauern.

Einige der Rückseitler wollten den Roboter Robert Robinson zu ihrem neuen König machen. Sie waren es halt so gewohnt. Dachten, ein König, der muss sein. Robert lehnte höflich ab. Er sagte:

"Es lässt sich ganz gut ohne König leben. Wir auf der Vorderseite kommen seit Jahrhunderten ohne Herrscher aus. Wichtig ist nur, dass einer dem andern hilft."

Leider war für die Kinder die Zeit um. Judith und Till mussten schleunigst zurück zur Erde, in ihre Heimat, in ihr Haus, in ihre Betten.

Robert wollte die Freunde in seinem Raketenauto zurück bringen zur Erde. Die beiden wollten jedoch lieber mit ihren Rädern zurückfliegen. Die hatten sie so lange schon nicht mehr benutzen können.

Das sah Robert ein. Aber er fragte: "Darf ich denn meine Erdenfreunde morgen wieder abholen", fragte er höflich, "oder kommt ihr alleine herunter?"

"Nein, weder noch", antwortete Till. "Ich glaube, wir müssen erst mal tüchtig ausschlafen. Wir kommen in genau einer Woche wieder zu dir. Wenn das Fest beginnt. Wir haben ja unsere Räder wieder."

Damit war Robert einverstanden. Ihr wisst ja, er weiß, wie wichtig der Schlaf für Erdenkinder ist.

Und Till hatte noch eine Idee. "Nächste Woche haben wir ja auch Ferien. Wir müssen unsere Eltern dazu bringen, dass sie uns eine Woche verreisen lassen. Sollen denken, wir wären irgendwo. Stattdessen kommen wir aber zum Mond und machen die große Feier mit."

Das fand unser Roboter Robert Robertson auch besser, als wenn die Freunde jede einzelne Nacht herunterkamen zum Mond und am Morgen wieder abfliegen mussten. So konnten sie endlich einmal eine ganze Woche am Stück bei ihm sein. Abgesehen von dem Fest: es gab noch so vieles zu sehen und zu erleben auf dem Mond.

Judith und Till schwangen sich auf ihre Räder, rasten den Hang hinunter, auf der Gegenseite wieder hoch. Sie zündeten die Raketen, drehten noch eine Runde über Robert und seinem Mondauto. Robert winkte ihnen zu. Dann gab es einen Feuerschweif, und sie verschwanden außer Sichtweite.

Einige Tage später, noch vor dem großen Mondfest, hielt Judith es nicht mehr aus. Sie musste irgendjemandem all die Erlebnisse erzählen. Das tat sie an einem Abend nach dem Essen. Die Eltern hörten erstaunt zu. Mutter schüttelte immer wieder den Kopf. Vati glaubte seiner Tochter nicht ein Wort. Aber er freute sich, weil sein Kind so eine blühende Phantasie hatte.

Und nicht nur, weil sie so viel Phantasie hatte, nicht nur, weil sie in der Schule recht ordentlich mitkam, einfach weil sie sein liebes Mädchen war, stimmte er ihrem Reiseplan zu. Wollte mit Till zu seinem Onkel, der gar nicht weit weg wohnte. Mit den Rädern wollten sie hin fahren. Sollten sie ruhig machen.

Sicher hätte er sich sehr gewundert, hätte er gewusst, dass die beiden zu seinem Bruder fahren wollten. Zumindest hatte das Till seinen Eltern erzählt. Und auch denen war das recht. Das Kind hätte schöne Ferien, und sich brauchten sich nicht zu kümmern und zu sorgen.

Die Ferien hatten gerade erst begonnen. Das Mondfest würde nicht die ganze Zeit dauern.

"Wir haben noch viel Zeit übrig", rief Judith Till zu, als sie auf dem Weg zu ihren alten und den neuen Freunden auf dem Erdtrabanten waren. "Was hältst du denn vom Mars?"

Eingereicht am
05. August 2007

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